Wenn die Geburt einer Tochter ein Unglück ist

 

Cover Hvistendahl2007 machte eine 29-Jährige Chinesin international Schlagzeilen: Ihr sollten 26 Nadeln aus dem Körper entfernt werden. Die Nadeln wurden ihr, so vermutet die Patientin, von ihren Großeltern gleich nach ihrer Geburt eingeführt, um sie zu töten, da sich die Eltern einen Jungen gewünscht hatten.

„Mit einem Sohn hast du einen Nachkommen, mit zehn Mädchen hast du nichts“, heißt es einem chinesischen Sprichwort. Das von konfuzianistischen Werten geprägte Land ist streng patrilineal: Es ist der Sohn, der das Erbe und den Namen der Familie weitertragen wird, nur er wird die Bestattungsrituale vornehmen dürfen.

Während rund um den Globus in vielen Regionen die Geburt eines Sohnes mit Freude begrüßt wird, wird die Geburt einer Tochter oft kaum als Anlass zum Feiern empfunden. Meistens sind es patriarchal geprägte Gesellschaften, die in der Tochter eine Bürde sehen. Sie wird nach der Heirat der Familie ihres Mannes dienen, während ein Stammhalter ein höheres Ansehen für die Familie bedeutet und die Eltern bis zum Tod finanziell absichern wird.

Pränataldiagnostik und die Folgen

Seit den 1980er Jahren bieten neue Technologien die Möglichkeit der Pränatal-Diagnostik. So kann per Ultraschall das Geschlecht des Fötus festgestellt werden. Schon vor der Geburt können Mädchen abgetrieben werden und müssen nicht nach der Entbindung als „nutzloses Ding“ unter dem Druck der Gesellschaft getötet oder vernachlässigt werden.

Der UN-Weltbevölkerungsfond (UNFPA) schätzt, dass aufgrund der Sohnpräferenz und der gezielten Abtreibung weiblicher Föten in Asien und Osteuropa heute 117 Millionen Frauen fehlen.

Das normale Geschlechterverhältnis wird mit 102 bis 106 beziffert. Das bedeutet, dass auf hundert weibliche Geburten zwischen 102 und 106 männliche kommen. Weltweit werden also geringfügig mehr Jungen als Mädchen geboren. Laut UNFPA gibt es aber seit den 1990ern in manchen Gegenden einen Männerüberschuss von 25 %.

Die Einführung der Ein-Kind-Politik 1979 in China hat das Ungleichgewicht der Geschlechter verstärkt. 2013 zählte das Chinesische Nationale Statistikbüro 33,8 Millionen mehr Männer als Frauen. China hat die Ein-Kind-Politik inzwischen gelockert. Aber die Erfahrung zeigt, dass damit der Geschlechtsselektion nicht unbedingt entgegen gewirkt wird. Auf dem Land, wo bereits früher ein zweites Kind erlaubt war, wenn das erste ein Mädchen war, stieg der Druck mit dem zweiten Kind, endlich den ersehnten Stammhalter zu bekommen.

Ein anderes Land, das für die Bevorzugung seiner Söhne traurige Berühmtheit erlangt hat, ist Indien. Hier ist die Sohn-Präferenz in der Hindu-Kultur begründet. Eine 2006 in The Lancet veröffentlichte Studie, wies nach, dass vor allem in gebildeteren Familien Mädchen abgetrieben wurden, besonders, wenn das erstgeborene Kind ein Mädchen war. Die Mitgift, von der Familie der Braut zu zahlen, bringt dieser einen großen materiellen Verlust, der Familie des Sohnes aber einen beträchtlichen Gewinn. Für Rita Banerji, Fotografin und Gründerin der Kampagne „50 Million Missing in India“ wird die Frau durch das Mitgift zur „Pfandsache – man kann sie kaufen, verkaufen, umbringen, sie behalten.“ Die Wahrscheinlichkeit, dass ein indisches Mädchen im Alter von einem bis fünf Jahren stirbt, ist um 75% höher als bei indischen Jungen, da weibliche Säuglinge nach der Geburt oft – tödlich - vernachlässigt werden.

Es könnten noch andere asiatische Länder angeführt werden mit ähnlichen Traditionen und entsprechenden gefährlichen Folgen für Mädchen, aber die geschlechterselektive Abtreibung ist auch in Europa eingekehrt. In Albanien kommen bei der Geburt auf 100 Mädchen 110 Jungen. Die in patriarchalen Wertevorstellungen begründete Sohnpräferenz, eine sinkende Geburtenrate und schließlich die Einführung der vorgeburtlichen Diagnostik 1995, haben zunehmend zu geschlechterselektiven Abtreibungen geführt. Mit 126 männlichen zu 100 weiblichen Geburten führt Liechtenstein das „Ranking“ weltweit an. In Liechtenstein ist Abtreibung verboten.

Die Folgen

Was passiert, wenn das ausgewogene Zahlenverhältnis zwischen den Geschlechtern aus der Balance gerät?

Der Status der Frauen würde sich aufgrund ihres „Knappheitswertes“ verbessern, hatten einige Ökonomen vermutet. Aber, so die Autorin Mara Hvistendahl, das Gegenteil ist der Fall: Frauen werden immer mehr als Ware gehandelt. Denn das Ungleichgewicht der Geschlechter zeitigt überall dort weitere Probleme, wo der Männerüberschuss über Generationen hinweg drastisch zugenommen hat. So gibt es in manchen chinesischen Provinzen regelrechte Junggesellendörfer. Männer, die keine Bräute mehr finden, Frauenhandel und Prostitution, die Verbreitung von HIV/AIDS gehören zu den Folgen. Das Geschäft mit nach China importierten Frauen floriert.

Gleichstellung als Lösung

Südkorea ist es gelungen, das Geschlechterungleichgewicht zu korrigieren. 1985 betrug das Geschlechterverhältnis 109, im Jahr 1994 kletterte es auf 115. 2013 konnte es auf 105,3 ausbalanciert werden. Das Land erfuhr zwei Jahrzehnte des ökonomischen Wachstums und der Urbanisierung mit einer sich stark wandelnden Gesellschaft. Für Frauen wurden bessere Arbeitsbedingungen geschaffen, ein Rentensystem eingeführt, das die Familien von der Abhängigkeit von männlichen Nachkommen befreite.

Um einen Weg aus verkrusteten Traditionen mit diskriminierenden Geschlechterrollen zu finden, fordert die UNFPA Geschlechtergerechtigkeit und die Ermächtigung der Frauen. Die Politik müsse in die Pflicht genommen werden und Überzeugungsarbeit innerhalb der Communities geleistet werden. Frauen und Mädchen müssen Zugang zu Bildung und zum Gesundheitswesen gesichert werden.

Und selbstverständlich soll Frauen überall auf der Welt das Recht zustehen, beispielsweise auch erben zu können.

 

Quellen und weiterführende Literatur

Gender-biased sex selection (März 2017)

Female Infanticide Worldweide: The case for action by the UN Human Rigths Council (Juni 2016) (PDF-Datei)

Mädchen unerwünscht. SüdwindmagazinMädchen unerwünscht. Südwindmagazin (12/2013)

Mara Hvistendahl (2013): Das Verschwinden der Frauen. Selektive Geburtenkontrolle und die Folgen.
Deutscher Taschenbuchverlag, München

Republik der Männer. Zunehmendes Ungleichgewicht der Geschlechter in China
Beitrag von Ruch Kirchner im Deutschlandradio (24.06.2013)

29-Jährige lebte mit Dutzenden Nadeln im Körper
Spiegel online vom 07.09.2007

 

Stand: 05/2017