Katharina M.: Schneewittchen und der böse König

Wie mein Reitlehrer mich manipulierte und zur Prostitution zwang und wie ich mich daraus befreite
Aufgezeichnet von Barbara Schmid2020 KatharinaM Schneewittchen kl

Mvg Verlag München, 2020. 272 Seiten.

„Etwa jedes sechste Opfer von Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung (72 Opfer, 16,7%) wurde durch die sog. Loverboy-Methode zur Prostitutionsausübung gebracht.“ Diese Statistik ist dem Bundeslagebild Menschenhandel und Ausbeutung des Bundeskriminalamtes von 2018 entnommen. Hier wird auch die „sogenannte Loverboy-Methode“ nüchtern erklärt: „Weibliche Minderjährige und junge Frauen werden unter Vorspiegelung einer Liebesbeziehung in ein emotionales Abhängigkeitsverhältnis gebracht, um sie in der Folge an die Prostitution heranzuführen und auszubeuten.“

Dass und wie diese „Methode“ funktioniert, hat Katharina M. selbst erlebt. Gemeinsam mit der SPIEGEL-Journalistin Barbara Schmid hat sie ihre Erfahrungen mit der tückischen Kunst der Manipulation zu Papier gebracht.

 

Katharina M. wächst in gutbürgerlichen Verhältnissen auf, in einer augenscheinlich „perfekten Familie“. Doch dieser „Perfektionsanspruch“ macht ihr bereits in jungen Jahren zu schaffen. Schon früh kämpft sie mit Essstörungen, schon früh ist ihr selbstverletzendes Verhalten nicht fremd. Von ihren Eltern fühlt sie sich nicht verstanden, nicht richtig wahrgenommen, ungeliebt.

Nur auf dem Reiterhof, auf dem sie und ihre kleine Schwester jede Minute ihrer Freizeit verbringen, fühlt sie sich wohl. Ihr Reitlehrer Heinz gibt ihr das Gefühl, sie sei etwas Besonderes, er schenkt ihr die Aufmerksamkeit und Anerkennung, die sie sich immer gewünscht hat. Sie verliebt sich in ihn und gemeinsam schmieden sie Zukunftspläne. Für die 14-jährige ist es Liebe; für den über 50-jährigen Mann reines Kalkül. Schnell gelingt es ihm, sie auf von ihrem Umfeld zu isolieren, sie abzuschotten und sie ihrer eigenen Familie gegenüber misstrauisch zu stimmen. Immer mehr ist sie auf ihn angewiesen, bis sie glaubt, sich ohne ihn nicht mehr in der Welt zurechtfinden zu können.

Schließlich bringt er die noch Minderjährige dazu, sich gegen ihren Willen zu prostituieren – angeblich um ihren Traum von einem eigenen Reiterhof zu erfüllen: „Nur ein Jahr, dann sind wir frei.“

Für die junge Frau beginnen damit elf lange Jahre in einer von Gewalt geprägten Abhängigkeitsspirale, in denen sie schamlos sexuell ausgebeutet wird. Für Heinz geht die Rechnung auf: Ihre Zwangsprostitution finanziert ihm ein Leben im Luxus.

Mit der Hilfe einer früheren Lehrerin und immensen Anstrengungen ihrer Familie gelingt ihr der Ausstieg aus der Prostitution, die Trennung von Heinz und nach einem langwierigen Gerichtsprozess endlich ein Leben in Freiheit.

Mit ihrer Geschichte können wir den Sog der ausgeklügelten Mechanismen der Loverboy-Masche auf die Betroffenen ganz unmittelbar nachvollziehen.

Ein Interview am Ende des Buches erweitert diese subjektive Sicht um die Perspektive einer Expertin: Barbara Schmid befragt die Psychiaterin und Gerichtsgutachterin Dr. Nahlah Saimeh über die Vorgehensweisen der Loverboys und warum sich die Frauen nur schwer aus ihren Netzen befreien können.

Mit ihrer Geschichte möchte Katharina M. vor den Machenschaften dieser gewieften Mädchen- und Frauenhändlern warnen. Das ist ihr gelungen.

Besprechung: Kaya Regnery

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