Achtung: Kachelmann schlägt um sich!

Pünktlich zur Frankfurter Buchmesse geht der Hype um den ehemaligen Wettermoderator Kachelmann wieder von vorne los. Landauf, landab erscheinen dieser Tage wieder zahlreiche Interviews und Artikel rund um das Buch, geschrieben von ihm und seiner Ehefrau. Jörg und Miriam Kachelmann holen zum Rundumschlag gegen die sogenannte "Opferindustrie" aus, denen laut ihnen in verschwörerischer Art und Weise nicht nur zahlreiche Medien zugehörig sind, sondern auch Richter, Staatsanwälte und Polizei.

Eigentlich sollte man den Aussagen des Ehepaares nur noch mit Ignoranz begegnen, so absurd und verdreht sind sie bei nüchterner Betrachtung. Doch zu abstrus sind die Vorwürfe, die nicht nur gegenüber einigen Medien und Opferverbänden erhoben werden, sondern vor allem gegenüber Frauen, die eine Vergewaltigung erleben mussten. Die Unschuldsvermutung, die ihm letztes Jahr den Freispruch bescherte, münzt er um in eine Schuldvermutung gegenüber allen Opfern: sie lügen.

Im letzten Jahr nach der Urteilverkündigung im Kachelmann-Prozess hat TERRE DES FEMMES mit einer Pressemitteilung und einer Stellungnahme der Befürchtung Ausdruck gegeben, dass sich in Zukunft noch weniger Frauen trauen, eine Vergewaltigung anzuzeigen. Durch die öffentlichkeitswirksamen Prozesse um Kachelmann und Strauss-Kahn und der damit einhergehenden Diffamierung der Frauen als Lügnerinnen manifestiert sich in der Gesellschaft ein Bild von rachsüchtigen Frauen, deren Hobby es ist, erfundene Vergewaltigungen anzuzeigen. Dieses Bild, das auch im Spiegel-Interview vom Kachelmann-Ehepaar gezeichnet wird, entspricht jedoch nicht den Tatsachen und somit der traurigen Realität in Deutschland. Deswegen hier ein kurzer Faktencheck:

Jörg Kachelmann: "Aber im Bereich Missbrauch und Vergewaltigung sind Falschbeschuldigungen ein Massenphänomen geworden."

Die Anzahl von Falschbeschuldigungen ist in Deutschland gering. " Entgegen der weit verbreiteten Stereotype, wonach die Quote der Falschanschuldigungen bei Vergewaltigung beträchtlich ist, liegt der Anteil bei nur 3%. Auch in anderen Ländern ist das Problem der Falschanschuldigung marginal und rangiert zwischen 1% und 9%." 1

Nicht die Falschbeschuldigungen sind in Deutschland das Problem, sondern die Höhe der Vergewaltigungsfälle, die nicht angezeigt werden. Laut Dunkelfeldforschung werden nur 5% der Fälle zur Anzeige (etwa 8.000 jährlich) gebracht.2  Wenn die Zahl stimmt, würden in Deutschland jährlich 160.000 Vergewaltigungen passieren!

J.K.: Richter verurteilen lieber mal einen Unschuldigen, als sich sagen zu lassen, dass einem vermeintlichen Opfer keine Gerechtigkeit widerfuhr.

Von jährlich etwa 8.000 Anzeigen wegen Vergewaltigung werden lediglich ca. 1.000 Personen verurteilt. Damit wird nur jeder achte Angeklagte verurteilt. Diese Verurteilungsquote ist im europäischen Ländervergleich unterdurchschnittlich. Wenn man von 160.000 Vergewaltigungen pro Jahr ausginge, läge die Verurteilungsquote unter einem Prozent.

Miriam Kachelmann: "Es gibt eine Opferindustrie, die in dieser kranken Form endlich wegmuss.

Durch die Unterfinanzierung von Frauenberatungsstellen können Beraterinnen Opfer von Gewalttaten i.d.R. nicht bei Prozessen begleiten und unterstützen. Zudem gibt es in Deutschland keine psychosoziale Prozessbegleitung, wie es z.B. in Österreich der Fall ist. Die sogenannte "Opferindustrie" muss nicht weg, sondern in Deutschland überhaupt erst institutionalisiert und finanziert werden, damit Frauen, die vergewaltigt wurden, angemessen geholfen werden kann.

J.K.: Frau Schwarzer und ihre Vasallinnen stehen meiner Ansicht nach schon lange nicht mehr auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Einfach weil sie nicht mehr für die - notwendige - Gleichstellung der Geschlechter kämpfen, sondern für die Privilegierung eines Geschlechts und die Kriminalisierung des anderen.

Zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung in Deutschland gehört auch die freie Meinungsäußerung. Diese Meinung kann tatsächlich abweichen von der Meinung von Herrn Kachelmann. Sie zu äußern ist in diesem Land - glücklicherweise - nicht verboten. Im Gegenteil - auf unterschiedlichen Meinungen, Ansichten und Sichtweisen beruht die Basis eines demokratischen Staates.
Aber: Durch diese Meinungsfreiheit kommt es leider immer wieder vor, dass Menschen in den Medien allein aufgrund ihrer Popularität mit unhaltbaren Thesen und abstrusen Ansichten Gehör finden. In den wenigsten Fällen sind dies die Ansichten und Meinungen von FeministInnen.

Spiegel: Um keine Angriffsfläche mehr zu bieten, wollten Sie seit Ihrem Freispruch nie mehr alleine mit einer Frau in einem Raum sein. Haben Sie's geschafft?

J.K.: Es geht nicht um Angriffsflächen, es ist eine Vorsichtmaßnahme, die ich jedem Mann nur raten kann.

Auch wenn wir uns nicht vorstellen können, dass Herr Kachelmann nie wieder mit einer Frau alleine in einem Raum sein wird, können wir - analog zu diesem Denken - zum Abschluss allen Frauen nur die Empfehlung geben, sich ähnlich zu verhalten. Schließlich ist die Begegnung beider Geschlechter für Frauen viel gefährlicher als für Männer. So stellte schon der Weltbevölkerungsbericht 2000 fest:

"Weltweit ist mindestens jede dritte Frau schon einmal geschlagen, zum Sex gezwungen
oder auf andere Weise missbraucht worden -
in den meisten Fällen von jemandem, den sie kannte."

 

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1  Aus:Unterschiedliche Systeme, ähnliche Resultate? Strafverfolgung von Vergewaltigung in elf europäischen Ländern. Länderbericht, vgl. Deutschland. Corinna Seith, Joanna Lovett & Liz Kelly (2009): Different systems, similar outcomes? Tracking attrition in reported rape cases across Europe. S. 9.

2  Vgl. Grieger et al.: Streitsache Sexualdelikte - Thematische Einführung, in: Streitsache Sexualdelikte. Frauen in der Gerechtigkeitslücke. Tagungsdokumentation, hrsg. v. Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (2010), S. 10.