Petition "Genitalverstümmelung in Indonesien – Schutz statt Verharmlosung"

Foto: © Distinctive ImagesPro Jahr werden bis zu 2 Mio Indonesierinnen genitalverstümmelt (FGM)

Bei der weiblichen Genitalverstümmelung (FGM[1]) wird Mädchen oft ohne Betäubung ein Teil ihrer Genitalien entfernt. Neben dem physischen Schmerz und den teils lebenslangen gesundheitlichen Folgen belastet viele Betroffene vor allem der Vertrauensbruch, da meist die Mutter selbst ihre Tochter diesem Eingriff aussetzt.

Laut MUI[2] gehört der Typ 1[3] zu den islamischen Pflichten. 18% der Krankenhäuser[4] bieten FGM an. In zwei Drittel der Fälle sind es Hebammen, die den Mädchen (zu 91% Säuglinge) ihre Genitalien symbolisch beschneiden, einritzen oder verstümmeln (44%). Obwohl viele AktivistInnen, islamische Gruppen und Nichtregierungsorganisationen sich für ein Ende der weiblichen Genitalverstümmelung einsetzen und dies sowohl mit den Menschenrechten und gesundheitlichen Aspekten als auch mit dem Koran begründen, wird dieser Brauch von der Bevölkerung beibehalten: 92%[5] der IndonesierInnen planen, auch die eigenen Töchter und Enkelinnen „beschneiden“ zu lassen. Derzeit leben fast 33.000.000 Mädchen unter 15 Jahren[6] in Indonesien. So werden auch künftig pro Jahr weitere zwei Millionen[7] Mädchen in Indonesien dieser Menschenrechtsverletzung ausgesetzt sein, wenn die Regierung sie nicht schützt.

Der Hauptgrund für die Verbreitung von FGM in Indonesien ist, dass das Gesundheitsministerium im Jahr 2006 zwar die Abschaffung dieses Brauchs forderte und eigene Aktivitäten ankündigte aber nur vier Jahre später eine Anleitung zur „richtigen“ Durchführung des Eingriffs veröffentlichte. Fortan wurde rhetorisch zwischen „Mädchenbeschneidung“ und dem der Erfahrung der Mädchen und dem Sachverhalt entsprechenden Wort „Genitalverstümmelung“ unterschieden. Damit öffnete das Gesundheitsministerium auch einen neuen Markt für ÄrztInnen, die nun garantiert straffrei diese Menschenrechtsverletzung in ihr Angebot aufnehmen konnten.

Dieser Slalomkurs des Gesundheitsministeriums und das Schweigen der Regierung lässt die Bevölkerung (vor allem in den ländlichen Gebieten, wo FGM vermehrtpraktiziert wird) in dem Glauben, das Richtige zu tun, wenn sie ihre Töchter verstümmeln.

Indonesien hat die Antifolterkonvention (1998), die Konvention zur Beseitigung jeder Diskriminierung der Frau (1980), die Kinderrechtskonvention (1990) und die UN Resolution zur Abschaffung von FGM (2012) unterzeichnet und ratifiziert. Auch die eigene Gesetzgebung zu häuslicher Gewalt, Gesundheit, Kinderschutz und Menschenrechten könnten auf die weibliche Genitalverstümmelung angewendet werden.

Trotzdem finden u.a. weiterhin ungestört Massenverstümmelungen in Schulen statt bei denen Presseberichten zufolge die Eltern ein Essenspaket und 6 € für jedes „gelieferte“ Mädchen erhalten[8]. Und dennoch führen ÄrztInnen im Rahmen von „Geburtspaketen“ (Gesundheitscheck, Ohrenpiercen, Impfungen und FGM) bei Neugeborenen diese Menschenrechtsverletzung durch. Entgegen der Empfehlung des Gesundheitsministeriums und des MUI, „nur“ einen Schnitt in die Klitoris zu machen, wird gerade in den Krankenhäusern meist Gewebe entfernt und oft die Klitoris verletzt.[9]

Die hohe Toleranz gegenüber FGM und der Versuch, durch hygienische Eingriffe die Nebenwirkungen zu mindern, haben vergessen lassen, dass auch die beabsichtigte Wirkung von FGM eine Menschenrechtsverletzung darstellt. Die Regierung Indonesiens schützt derzeit die Mädchen nicht, sondern opfert sie der frauenfeindlichen, reaktionären und selbstgerechten Politik einer (zum Teil religiös-fundamentalistischen) Minderheit und den selbst geschürten Irrtümern und Mythen rund um „Vorteile“ und „Nutzen“ weiblicher Genitalverstümmelung.

TERRE DES FEMMES, Watch Indonesia!, die indonesische Frauenrechtsorganisation Kalyanamitra und alle UnterzeichnerInnen fordern die Regierung Indonesiens auf, folgende Maßnahmen umzusetzen, zu denen das Land aufgrund internationaler Abkommen, eigener Gesetze und der Pläne des Gesundheitsministeriums von 2006 bereits verpflichtet ist:

1. Einführung und Umsetzung eines Gesetzes gegen weibliche Genitalverstümmelung das auch für „milde“ Formen ein angemessenes Strafmaß vorsieht.
2. Grundsätzliches Verbot aller Angebote von Genitalverstümmelung z.B. durch Privatpersonen, MedizinerInnen und (religiöse) Institutionen.
3. Sensibilisierung und Aufklärung von einflussreichen Personen und Gruppen sowie eine landesweite Kampagne zur Information der Bevölkerung über die Folgen und die (inter)nationale Ablehnung dieser Praxis.

Kurz gesagt: Wir fordern die Bewertung von weiblicher Genitalverstümmelung als Menschenrechtsverletzung gemäß der bereits von Indonesien unterzeichneten internationalen Konventionen und entsprechendes Handeln!

 

 


1.) FGM = Female Genital Mutilation = weibliche Genitalverstümmelung

2.) Der „Rat Indonesischer Ulemas“ (MUI; „Ulema“ bedeutet Wissender, Islamgelehrter) wurde 1975 gegründet um der pluralistisch muslimischen Bevölkerung zu aktuellen Themen Empfehlungen zu geben. Der Rat und hat keine gesetzgebende Funktion und seine Veröffentlichungen sind ausdrücklich nur für die IndonesierInnen gedacht, die ihn als Autorität anerkennen wollen.

3.) Die WHO hat FGM in vier Formen klassifiziert. Typ 1 bezeichnet die partielle oder vollständige Entfernung der Klitoris und/oder der Klitorisvorhaut

4.) Uddin et al., 2010 „Female Circumcision a social, cultural, health and religious perspectives“

5.) USAID, 2003: “Female Circumcision in Indonesia: Extent, Implications and Possible Interventions to Uphold Women’s Health Rights.”

6.) https://www.cia.gov/library/publications/the-world-factbook/geos/id.html

7.) Zur Verbreitung von weiblicher Genitalverstümmelung in Indonesien liegen drei Studien vor: 1998 kam das University of Indonesia's Women's Research Graduate Program anhand von 100 städtischen und 100 auf dem Land lebenden Informantinnen zu dem Schluss, dass 100% der Frauen in West Java eine Form der Genitalverstümmelung erlebt haben; 2003 haben USAID und der Population Council Jakatar 1694 Mütter von minderjährigen Töchtern aus acht verschiedenen Ethnien in West Sumatra, Banten, Ost Java, Ost Kalimantan, Gorontalo und Süd Sulawesi befragt und festgestellt, das 92,4% insgesamt (und zwischen 70 und 99% in den einzelnen Distrikten) die Fortsetzung von FGM befürworten. Laut dieser Studie werden 96% der Mädchen vor ihrem 15. Lebensjahr genitalverstümmelt. Und 2010 wurde bei der Befragung von 160 Krankenhäusern festgestellt, dass 34% FGM anbieten und 56% davon dies auch ohne Einwilligung der Eltern durchführen. Über die Patientinnenzahl dieser Krankenhäuser gibt es keine Angaben.
Diese Studien müssen nicht repräsentativ für ganz Indonesien sein und die Daten sind nicht mehr aktuell. Da es keine umfassenderen und/oder aktuelleren Forschungen gibt, gehen wir bei der Berechnung der mutmaßlich pro Jahr verstümmelten Mädchen nur von den 88% aus, für die FGM derzeit zu den religiösen Pflichten gehört: 33.000.000*0,88/14=2074286 Mädchen pro Jahr.

8.) Siehe u.a. hier: http://www.theguardian.com/society/2012/nov/18/female-genital-mutilation-circumcision-indonesia

9.) http://sisyphe.org/imprimer.php3?id_article=4449 

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