Hatun Sürücü ist kein Einzelfall bei sogenannten Ehrenmorden – Bericht der Gedenkveranstaltungen am 6. und 7. Februar 2015

Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler bei der Kranzniederlegung. Foto: ©TERRE DES FEMMES Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler bei der Kranzniederlegung.
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Angelika Schöttler, Bezirksbürgermeisterin in Tempelhof-Schöneberg, eröffnete die Veranstaltung am Freitag den 6. Februar und wies auf die besondere Bedeutung des Ortes hin, denn hier im Rathaus Schöneberg hatte Hatun Sürücü einst ihre Einbürgerungsurkunde entgegen genommen. Auch wenn der sogenannte Ehrenmord an Hatun Sürücü ein Jahrzehnt zurückliegt, so bleibt das, was ihr widerfahren ist, ein „hochaktuelles Thema“, denn „Hatun Sürücü ist kein Einzelfall“, verdeutlicht auch die Senatorin für Arbeit, Frauen und Integration des Landes Berlin, Dilek Kolat. Hatun sei ein „Vorbild“ gewesen, deren Mut und Willenskraft, sich aus der Zwangsehe zu befreien und ihr Leben selbst in Hand zu nehmen, gerade für alleinerziehende Frauen von Bedeutung sei. Kolat fordert die Gesellschaft auf, vorhandene konservative Wertvorstellungen in Bezug auf Ehre zu überdenken. Mit Beginn dieses Jahres hat die Senatorin außerdem stellvertretend für das Land Berlin den Vorsitz der Konferenz der Gleichstellungs- und Frauenministerinnen und –minister, -senatorinnen und-senatoren, kurz GFMK, übernommen. Diese Aufgabe möchte sie nutzen, um offensiv auf einen bestehenden Änderungsbedarf der Gesetzeslage hinzuweisen. Zwar ist Zwangsheirat seit 2011 ein eigener Straftatbestand in Deutschland, doch gilt dies ausschließlich für standesamtliche Eheschließungen, religiöse und soziale fallen nicht darunter. Hier bestehe eindeutig Handlungsbedarf, so Kolat. TERRE DES FEMMES setzt sich schon seit längerem für eine solche Änderung ein und begrüßt Kolats Versprechen, sich dafür einzusetzen.

Ayhan Sürücü, der jüngere Bruder und Mörder Hatun Sürücüs, wurde im Sommer 2014 nach der Verbüßung seiner Haftstrafe in die Türkei abgeschoben. Mit dem Täter zusammen, sei scheinbar auch das Problem aus Deutschland „abgeschoben“ worden, so referierte ARD-Korrespondent Matthias Deiß, der sich seit mehreren Jahren mit dem Fall beschäftigt. Eine tatsächliche Auseinandersetzung mit der Thematik gebe es hierzulande noch immer nicht, es existieren in Deutschland weiterhin diese konservierten Ehrvorstellungen.

Vorstellung der aktuellen Studie zu Zwangsheirat in Berlin

Petra Koch-Knöbel bei der Vorstellung der Zahlen. Foto:  © TERRE DES FEMMES Petra Koch-Knöbel bei der Vorstellung der Zahlen.
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Die Sprecherin des „Arbeitskreises gegen Zwangsverheiratung“ Petra Koch Knöbel präsentierte die Ergebnisse einer aktuellen Studie des Arbeitskreises zum Ausmaß von Zwangsverheiratungen in Berlin 2013. Hierfür wurden 705 Institutionen, wie Behörden, Schulen, Beratungsstellen oder Frauenhäuser befragt. Im Laufe des Befragungszeitraumes sind allein innerhalb Berlins insgesamt 460 Fälle von Zwangsverheiratung bekannt geworden. Im Vergleich zur letzten Erhebung im Jahr 2007 ist das ein Anstieg um 18%, wobei angemerkt werden muss, dass auch die Zahl der befragten Einrichtungen von 2007 bis 2013 um 25% zunahm. Mit 94% ist ein Großteil der von Zwangsheirat betroffenen weiblich. Wirft man einen Blick auf die Altersgruppen der Betroffenen, sind die Ergebnisse der Studie besonders erschreckend. Mit 34% am stärksten betroffen sind die 18- bis 21-Jährigen, es folgen die 16- und 17-Jährigen mit 20% und die Gruppe der 22- bis 25-Jährigen mit 16%. Es wurden auch innerhalb der Gruppe der 10- bis 12- Jährigen Fälle von drohender und vollzogener Zwangsverheiratung bekannt.

„Mit Hatun Sürücü liegt ein Teil von uns begraben“

Den Fallzahlen von Betroffenen von einer Zwangsehe ein Gesicht gaben die Geschichten von drei verschiedenen Personen. Das Publikum erfuhr von dem Schicksal eines Mädchens, das mitten in Deutschland zwangsverheiratet werden sollte. Anschaulich beschreibt sie ihre täglichen Ängste vor ihrer Familie. Eine Flucht erschien ihr unmöglich, viel zu stark war die Kontrolle und Überwachung seitens des Familienclans. Zu Wort kommt außerdem eine junge Frau, deren Blog über ihre eigenen Erfahrungen zwischen palästinensischer Heimat der Eltern und der eigenen in Berlin bald online geht. „Mit Hatun Sürücü liegt ein großer Teil von uns begraben“ erinnert sie. Was bleibt, ist das Gedenken an Hatun und die Mahnung ähnliche Schicksale künftig zu verhindern. So fordert die junge Bloggerin: „Wir Frauen sollten mehr von uns erzählen“. Auch der 18-jährige Nasser lässt die Zuhörer an seinen Erfahrungen teilhaben. Seine Geschichte beschreibt er als „voller Hass, Zorn, Gewalt und gar Folterung“. Im Alter von 17 Jahren soll er gegen seinen Willen verheiratet werden. Ob seine Familie zu diesem Zeitpunkt bereits von seiner homosexuellen Orientierung ahnt, weiß Nasser nicht. Er ist fortan Opfer massiver physischer und psychischer Gewalt. Lebensbedrohlich wird seine Situation, als die Familie von seiner Homosexualität erfährt. Nassers Vater droht ihn umzubringen. Da bleibt Nasser nur die Flucht. Doch trotz einer erwirkten Auslandssperre gelingt es der Familie den Jungen ins Ausland zu entführen, wo, so ist Nasser überzeugt, er im Libanon getötet werden sollte. Erst an der bulgarischen Grenze gelingt die Rettung des Verschleppten. Der Vater wird festgenommen und Nasser kommt in die Obhut des Jugendamtes. Nassers Geschichte verdeutlicht die internationale Bedeutung der Thematiken Zwangsheirat und Ehrverbrechen, die nicht außen vor gelassen werden darf. Ein erster Erfolg in diesem Bereich ist der im November 2014 gefällte Beschluss des Bundestages, Zwangsheirat in den Katalog der Auslandstaten aufzunehmen. Denn nur so kann sogenannte Heiratsverschleppungen ins Ausland auch in Deutschland geahndet werden. TERRE DES FEMMES hatte intensiv für diese verabschiedete Änderung gekämpft.

Mitglieder des Projekts Heroes, das Präventionsarbeit gegen Unterdrückung im Namen der Ehre leistet, rundeten die Veranstaltung im Rathaus Schöneberg ab. Sie präsentierten Rollenspiele, die es unter anderem ermöglichen den Blick auf die Rolle der Männer bei Zwangsheiraten zu erweitern.

„Es hat sich nichts geändert“ - Gedenkveranstaltung am Todestag von Hatun Sürücü

Dilek Kolat, Senatorin für Arbeit, Frauen und Integration des Landes Berlin. Foto: © TERRE DES FEMMES Dilek Kolat, Senatorin für Arbeit, Frauen und Integration des Landes Berlin.
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Wie bereits in den zehn Jahren zuvor gedachten TERRE DES FEMMES und weitere Organisationen am eigentlichen Todestags Hatun Sürücüs, dem 7. Februar, mit einer Kundgebung in der Nähe des Tatortes in Berlin Tempelhof an die Ermordung der jungen Frau und legten Blumen am Gedenkstein nieder. Es kamen mehr als 100 Menschen. Neben der Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler und der Senatorin für Arbeit, Integration und Frauen Dilek Kolat, sprach auch TERRE DES FEMMES-Referentin Monika Michell für den Berliner Arbeitskreis gegen Zwangsverheiratung.

460 – Das ist die Zahl der in Berlin von Zwangsheirat Betroffenen, und das allein im Jahr 2013. Auch zehn Jahre nach dem Mord an Hatun Sürücü gibt es immer wieder Lebensläufe mit erschreckenden Parallelen zu dem von Hatun Sürücü. So zieht Monika Michell von TERRE DES FEMMES ein ernüchterndes Fazit: „Es hat sich auch zehn Jahre nach ihrem Tod nichts geändert. Wertvorstellungen zählen oftmals mehr als das Leben einer Frau!".

TERRE DES FEMMES-Referentin Monika Michell. Foto: © TERRE DES FEMMES TERRE DES FEMMES-Referentin Monika Michell.
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