Neu in unserer Bibliothek

Neuanschaffungen 2018

Elena Favilli und Francesca Cavallo
Good Night Stories for Rebel Girls.
100 außergewöhnliche Frauen.2018 Good Night Rebellinnen

Es waren einmal zwei junge Frauen, die ein ganz besonderes Buch mit Gutenachtgeschichten schreiben wollten. Aber ach, ihnen fehlte das Geld dazu!
Doch im Nu spendeten viele Menschen für ihr Buchprojekt, und schon bald sammelten die beiden den höchsten Unterstützungsbetrag in der Geschichte des Crowdfunding!

Und tatsächlich: Mit „Good Night Stories for Rebel Girls“ haben die Autorinnen uns ein ganz wunderbares Kinderbuch geschenkt. Statt allseits bekannten Märchen von Prinzessinnen, die gerettet werden müssen, erzählen sie Geschichten von mutigen Mädchen und Frauen, die Gefahren trotzten und für die Verwirklichung ihrer Träume kämpften. Manche von ihnen waren bereit, große Opfer zu bringen, wie ihre Freiheit oder ihr Leben aufzugeben, um für die Rechte aller Menschen dieser Welt einzustehen.
Andere Frauen überwanden Vorurteile und wurden anerkannte Sportlerinnen, einflussreiche Politikerinnen, bahnbrechende Erfinderinnen, eigenwillige Künstlerinnen, neugierige Weltentdeckerinnen und alles, was sie nur sein wollten.

Jede Lebensgeschichten wird ergänzt durch ein prägnantes Zitat der jeweiligen Frau. Das philippinische Mädchen Ann Makosinski erfand eine Taschenlampe, die allein durch Körperwärme betrieben wird, und gewann dafür den ersten Preis auf der Google Science Fair. Ensprechend lautet ihr Credo: „Solange du lebst, produzierst du Licht.“
Die chinesische Astronomin Wang Zhenyi hinterfragte schon im 18. Jahrhundert tradierte Geschlechterrollen: „Auch Töchter können heldenhaft sein.“

Den Kurzbiographien wird auf der gegenüberliegenden Buchseite jeweils ein stilistisch individuell gestaltetes Portrait beigefügt. Die Taubblinde Schriftstellerin Helen Keller hält ein Buch in Braille in der Hand. Die irländische Piratin Grace O’Malley blickt entschlossen dem nächsten Abenteuer entgegen. Umgeben von weißen Rosen vertieft sich die Widerstandskämpferin Sophie Scholl in ein Buch.

Sechzig Künstlerinnen aus aller Welt haben diesen beeindruckenden Frauen und Mädchen phantasievolle und detailverliebte Bildnisse quasi auf den Leib geschneidert.

Und so Elena und Francesca wollen, hecken sie vielleicht schon das nächste Buch für Kinder und Jugendliche aus, das so bunt wie unsere Erde ist und unseren Gedanken neue Horizonte eröffnet.
Wie die Malerin Frida Kahlo schon sagte: „Wozu brauche ich Füsse, wenn ich doch Flügel habe?“

Besprechung: Delia Wartmann

Carl Hanser Verlag, München 2017, 224 Seiten, 24,00 €

 

Sorority (Hrsg.)
No More Bullshit
Das Handbuch gegen sexistische Stammtischweisheiten2018 NoMoreBullshit

„Frauen wollen ja gar nicht in Führungspositionen!“
„Qualität statt Quote!“
„Verstehst du keinen Spaß?“

Die VerfasserInnen des vorliegenden Ratgebers verstehen tatsächlich sehr viel Spaß. Und genau deswegen ist die Lektüre darüber, wie man sexistischen Halbwahrheiten mit knallharten Fakten begegnen kann, so unterhaltsam.

Im Zuge der Veranstaltungsreihe „No More Bullshit!“ hat das österreichische branchenübergreifende Frauennetzwerk Sorority, AutorInnen aus Wissenschaft, Wirtschaft und Kunst eingeladen, hartnäckige Vorurteile rund um Feminismus und Geschlechterrollen aufzudecken und mit weitverbreiteten Vorurteilen und Irrglauben aufzuräumen.
Ergänzt wird die Theorie durch praxisnahe Ratschläge, wie man Sexismus im Alltag Kontra geben kann. Und der Humor kommt dabei nicht zu kurz.

„Bullshit“ nennen die AutorInnen sexistische Parolen, die sich hartnäckig am Stammtisch, in Online-Foren, beim Familienfest oder am Arbeitsplatz halten. Das ist nicht besonders objektiv oder wissenschaftlich formuliert, das wissen sie selbst, aber „Bullshit“ bringt es so passend auf den Punkt.

Sexistische, rassistische oder klassifizierende Aussagen machen sprachlos, machen wütend. Und auch wenn sie meistens völlig haltlos sind, reicht es nicht, seinen Gegenüber mit einem einfachen „Blödsinn“ in die Schranken weisen zu wollen. Die Beiträge zeigen wie man sexistische Floskeln wirksam entlarvt und entschärft.
Dazu schlagen sie verschiedene Strategien vor, wie und wann man überholten Stammtischparolen entgegentreten und Sprücheklopfern den Wind aus den Segeln nehmen kann.

Begleitet werden diese psychologischen Kniffe von witzigen Zeichnungen und Grafiken, die wiederum voller kleiner „Bullshit“-Haufen sind, aber vielleicht gerade dadurch den Spagat zwischen Humor und anschaulicher Aufklärung schaffen.

Konkrete Beispiele liefern die HerausgeberInnen im zweiten Teil ihres Handbuches. Darunter Klassiker, die wir wohl schon alle mal gehört haben: „Der Pay Gap ist ein Mythos“ oder „Mittlerweile werden Männer diskriminiert.“
Falsch, sagen die AutorInnen und geben Auskunft über die Entstehung solcher verallgemeinernden Aussagen und stellen diese richtig.

Da kann man es kaum erwarten, das Gelesene in der Praxis anzuwenden und die nächste sexistische Äußerung bei der kommenden Weihnachtsfeier als „Bullshit“ zu enttarnen und souverän zu wiederlegen.

Besprechung: Delia Wartmann

Verlag Kremayr& Scheriau GmbH & Co. KG, Wien 2018, 176 S., 19,90 €.

 

Unda Hörner
1919 – Das Jahr der Frauen2018 Hoerner 1919

„Köchinnen, Krankenschwestern, alte Damen, Familien mit Vater, Mutter und Dienstmädchen, selbst mit kleinen Kindern kommen gezogen und stellen sich an.“ So beschreibt Harry Graf Kessler in seinem Tagebuch die erste Reichstagswahl am 19. Januar 1919, an der zum ersten Mal Frauen das passive und aktive Wahlrecht wahrnehmen durften. Über 80 Prozent der wahlberechtigten Frauen nahmen damals ihr neu erlangtes Recht in Anspruch. Von den damals gewählten Abgeordneten waren 37 von 423 weiblich.

Die Künstlerin Käthe Kollwitz notiert in ihrem Tagebuch: „Zum ersten Mal gewählt. Hatte mich so sehr gefreut auf diesen Tag und nun er dran ist, von neuem Unentschlossenheit und halbes Gefühl.“ 1919 sollte für Kollwitz – und ihre weiblichen Kolleginnen - einen Meilenstein bereithalten: Am 24. Januar wird sie als erste Frau in die Preußische Akademie der Künste berufen, im September wird ihr offiziell der Titel der Professorin verliehen.

Der frühe Tod ihres Sohnes, der 1914 im Krieg fiel, sollte noch fünf Jahre später ihre Gedanken überschatten. Mit ihrer Kunst, in der sie die sinnlosen Grauen des Krieges und das Elend der Armen wiederholt thematisiert, scheint sie auch ihren eigenen Schmerz verarbeitet zu haben. Trotz positiver Kritiken hadert sie mit ihrer Arbeit. Nur ihr Ehemann vermag ihr in dieser schweren Zeit Halt zu geben.

Kollwitz ist nur eine der Frauen, die die Autorin Monat für Monat durch das Jahr 1919 begleitet und uns so Einblicke in deren Lebensgeschichte gewährt: z.B. Marie Juchacz, die erste Frau, die eine Rede im deutschen Reichstag hielt, die Frauenrechtlerin und Pazifistin Anita Augspurg, die  vergebens vor Adolf Hitler warnte oder die Marxistin Rosa Luxemburg, die ihren politischen Einsatz mit dem Leben bezahlen sollte; aber auch Künstlerinnen, wie die eigensinnige Hannah Höch oder die Expressionistin Else Lasker-Schüler sind darunter. Mit Frauen, wie der Nobelpreisträgerin Marie Curie, der Modemacherin Coco Chanel oder Sylvia Beach, der Gründerin der Buchhandlung Shakespeare and Company weitet Hörner den Blick über die deutschen Grenzen hinaus.

Dank der Briefe und Tagebucheinträge, auf die sie zurückgreift, zeichnet sie sehr persönliche und lebendige Bilder dieser so unterschiedlichen Frauen; nimmt sie uns mit auf eine Zeitreise in das erste Friedensjahr nach dem Weltkrieg, auf dessen politisches, kulturelles, wissenschaftliches und gesellschaftliches Leben die Frauen – erstmals – sichtbar Einfluss nehmen konnten.

Die Lücken, die das Sachbuch lässt, machen Appetit auf weitere Frauenbiografien.

ebersbach & simon, Berlin 2018, 249 S., 22,00 €

 

Meg Wolitzer
Das weibliche Prinzip
2018_M_Wolitzer

H&M verkauft T-Shirts mit feministischen Sprüchen für 14,99 €, Lena Meyer-Landrut erklärt per L’Oréal-Werbevideo, wie man mit ein bisschen grünem Lidschatten den perfekten „Statement Look FEMINIST“ zaubert und von Benedict Cumberbatch bis zu Ivanka Trump kämpft jede/r Celebrity um die Zuschreibung FeministIn. Lassen Beyoncé-Sakralisierung und Vulva-Wand-Dekor genug Raum für Inhalte? Gibt es den „richtigen“ Feminismus? Inmitten des Strudels der verschiedenen Feminismen veröffentlicht Meg Wolitzer ihren Roman.

Die Protagonistin des Romans, Greer Kadetsky, feiert auf ihrer allerersten College-Party. Im Verlauf des Abends fasst ein Kommilitone unter ihr Shirt und greift ihr hart an die Brüste. Dieser Akt sexualisierter Gewalt wird für die junge Studentin zum Erweckungserlebnis. Charakterisiert sie sich vor dem Übergriff noch als schüchtern, leise und unpolitisch, verwandelt sie sich nach dem Übergriff zu einer entschiedenen Kämpferin für Frauenrechte. Unterstützt wird sie dabei von der charismatischen Altfeministin Faith Frank, eine Schlüsselfigur des Second-Wave Feminismus, deren Meinungen von der neuen Generation der QueerfeministInnen inzwischen aber als überholt betrachtet werden. Kadetsky  fühlt sich allerdings von ihr verstanden und beginnt nach dem abgeschlossenen Studium mit großem Erfolg und voller Idealismus in Franks Stiftung zu arbeiten.

Ihre dortige Arbeit birgt Stoff für eine weitere Konfliktlinie des Romans. Es wird deutlich, dass die Frauen nicht vor dem vermeintlich männlichen überzogenen Ehrgeiz und der Lust an der Macht gefeit sind. So verrät Kadetsky die Solidarität unter Frauen, als sie die Karriere ihrer besten Freundin Zee in Franks Stiftung verhindert. Auch das Image der Feminismus-Ikone selbst bröckelt. Die Stiftung wurde ihr von einem stein

reichen, ehemaligen Liebhaber mit zweifelhaftem Ruf geschenkt. Das ursprüngliche Anliegen Frauen in Not zu helfen verkommt zur Farce – Kongresse werden abgehalten, bei denen sich wohlhabende Frauen von feministischen Wahrsagerinnen die Zukunft weissagen lassen, während sie sich an Schnittchen gütlich tun.  

Nach diesem kurzen Umriss des Inhalts könnte man meinen, Wolitzers Roman lese sich wie eine Provokation. Dem ist allerdings nicht so. Sehr ruhig und empathisch erzählt die Autorin die Geschichte um Greer Kadetsky und wirft dabei trotzdem wesentliche Fragen auf:

Wie kann man sich als Frau beruflich selbstverwirklichen, ohne dabei seine eigenen Ideale zu verraten? Gibt es einen falschen Feminismus?

Besprechung: Donata Kleindienst

DuMont Verlag, Köln 2018, 544 S. 24,90 €

 

Rebecca Sampson
Apples for Sale
Text-und Bildband
(Deutsch/Englisch)Apples for Sale Cover

„Apples for Sale“ beleuchtet durch die Kombination von Fotografie und Text das Leben indonesischer Hausmädchen, die in Hongkong als Migrantinnen zweiter Klasse unter prekären Umständen systematisch ausgebeutet werden. Eingepfercht in einen zermürbenden Alltag arbeiten sie für 525 € im Monat im Durchschnitt zwölf Stunden pro Tag, sechs Tage die Woche. Diskriminierung, Geringschätzung und Schutzlosigkeit sind für sie an der Tagesordnung. Die unwürdige Lage der jungen Frauen, die häufig auf schmalen Matratzen neben der Waschmaschine schlafen müssen und sich in ihrer spärlichen Freizeit in ein Parallelleben auf Facebook flüchten, werden von Sampson aus verschiedenen Perspektiven in ihrem Buch untersucht.

Der Fokus der Auseinandersetzung liegt auf dem Gegensatz zwischen dem uniformen Alltagskorsett, in das die Arbeitsmigrantinnen im Haushalt ihrer ArbeitgeberInnen gezwängt werden und dem Wunsch der jungen Frauen nach Sinn, Bestätigung und der Möglichkeit einer gelebten Individualität. In einem ausschließlich weiblichen sozialen Umfeld beginnen sie eine Art Rollenspiel. Die männlichen Rollen werden von Tomboys übernommen – Frauen, die sich maskulin kleiden und geben. Liebevoll zurechtgemachte Puppen ersetzen die fehlenden Kinder. Da die Hausangestellten sich nur an einem Tag in der Woche frei bewegen können, verschiebt sich ihr sozialer und kultureller Raum immer mehr in die virtuelle Welt von Facebook. Dort sind dem individuellen Ausleben ihrer Persönlichkeit keine Grenzen gesetzt.

Ein Video des Buchs kann hier angesehen werden, der fotografische Teil der Arbeit unter diesem Link. Bis zum 21. Mai 2018 ist „Apples for Sale“ in den Deichtorhallen/Haus für Photographie Hamburg in einer Gruppenausstelung zu sehen.

„Apples for Sale“ kann bis Mai 2018 für 30,00 Euro vorbestellt werden. Die Lieferung erfolgt voraussichtlich im Juni 2018. Eine ausreichende Zahl an Vorbestellungen der Publikation „Apples for Sale“ von Rebecca Sampson ermöglicht die Veröffentlichung des Buches in einem Verlag. Zur Veröffentlichung fehlen noch 80 Vorbestellungen, bestellt werden kann per E-Mail an mail@rebeccasampson.com oder online.

Zusätzlich fördert das Goethe-Institut Hongkong die von Rebecca Sampson geplante Publikation mit einem Publikationskostenzuschuss.

Berlin 2018. 144 Seiten. 30,00 €

 

Jerneja Jezernik (Hrsg.)

Alma M. Karlin
Ein Mensch wird.
Auf dem Weg zur Weltreisenden2018 Karlin ein mensch wird cover

„Mehr nach Seele als nach Leib“ aussehend, wird Alma Maximiliana Karlin am 12. Oktober 1889 im damaligen Österreich-Ungarn geboren. Voller Witz und Ironie beschreibt sie scharfsichtig ihre Kindheit in der deutsch-slowenischen Kleinstadt Celje/Cilli. Sie kommt linksseitig gelähmt und mit „Wasserkopf“ zur Welt, was ihre eitle Mutter zu stetigen körperlichen und seelischen Quälereien und Optimierungsversuchen im Namen der Schönheit veranlasst. Zum deutlich älteren Vater hat Alma ein gutes Verhältnis, als dieser stirbt, ist das Mädchen jedoch gerade einmal acht Jahre alt – und fortan ohne Vertrauten. Ihr Eigenwille und ihre Empfindsamkeit lassen sie in der damaligen Gesellschaft anecken. Sie verweigert sich dem obersten Grundsatz ihrer Umgebung („Das schickt sich nicht!“) und entwickelt eine eigene, zeituntypische Vorstellung eines erfüllten Lebens.

Anstatt sich dem traditionellen Frauenbild zu fügen, konzentriert sie sich auf den Ausbau ihrer intellektuellen Fähigkeiten und ihrer Sprachbegabung. Dem unbändigen Drang folgend der Enge ihrer Heimat (und dem nationalen Konflikt zwischen Deutschen und Slowenen) zu entfliehen, reist die 18-jährige Alma schließlich nach London. Dort legt sie nach längerer Tätigkeit als Übersetzerin Examina in acht verschiedenen Sprachen ab, verfügt zudem noch über Kenntnisse in drei weiteren Fremdsprachen. Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs muss sie England verlassen und reist weiter nach Norwegen und Schweden. Doch auch hier verweilt sie nicht lange: Am 24. September 1919 bricht Alma Karlin zu ihrer großen Weltreise auf. Acht Jahre lang wird diese dauern. Sie reist stets allein und mit wenig finanziellen Mitteln. Im Laufe ihrer Erkundungen ist sie vielen Unwägbarkeiten ausgesetzt - von Hunger, Krankheiten, Mord- und Vergewaltigungsversuchen gezeichnet, kehrt sie schließlich physisch und psychisch stark mitgenommen in ihre Heimat zurück. Dennoch tief erfüllt von ihren Erfahrungen und Erlebnissen beginnt sie sogleich mit deren Niederschrift.

Alma Karlin erlangte durch ihre Werke „Einsame Weltreise“ und „Im Banne der Südsee“ große Berühmtheit als Reiseschriftstellerin. Die politischen Gegebenheiten ersticken ihren Erfolg jedoch im Keime. Der ideologiefreien Erziehung ihres Vaters Rechnung tragend wird Karlin zu einer entschiedenen Gegnerin des Nationalsozialismus, sie bietet jüdischen Flüchtlingen Unterschlupf und unterstützt sie mit eigenen finanziellen Mitteln. Später schließt sie sich dem slowenischen Widerstand an. Ihre Bücher werden daraufhin unter dem Nationalsozialismus verboten, hunderte ihrer Geschichten und Gedichte bleiben unveröffentlicht. Im Jahr 1950 stirbt Alma Karlin - verarmt, krank und weitestgehend vergessen. Seit dem Erscheinen einer Monographie über ihr Leben im Jahre 2009 ist sie wieder ins Augenmerk der Literaturwelt gerückt und so erfahren ihre Werke glücklicherweise zunehmend die Aufmerksamkeit, die sie verdienen.

Besprechung: Donata Kleindienst

AvivA Verlag, Berlin 2018. 320 Seiten. 20,00 €

 

 Mira Siegel, Manuela Schon, Arian Panther, Caroline Werner, Huschke Mau (Hrsg.)
Störenfriedas. Feminismus radikal gedacht.2018 Storenfriedas

Bisher sind die „Störenfriedas“ dem Patriarchat mit ihren Beiträgen im gemeinsamen „radikal-feministischen“ Blog in die Quere gekommen. Mit ihm wollen sie „stören, aufrütteln und manches Mal auch verstören und vielleicht mit jedem Mal die Welt ein kleines bisschen besser machen“. Mit ihrem neuen, analogen Medium, dem vorliegenden Buch, dürften sie Ähnliches erreichen.

Sie bescheinigen der Gesellschaft eine fest verankerte sexistische Grundhaltung. Diese manifestiert sich – oft kaum als solche wahrgenommen - in ungleichen Redeanteilen von Frauen und Männern in Fernsehsendungen; zeigt die Frau offen als Sexualobjekt auf Werbeplakaten, nimmt von ihr Besitz in der Prostitution.

Schon die ersten Kapitel des Buches demaskieren das Patriarchat, werfen einen Blick auf die Anfänge der Frauenbewegung während der Französischen Revolution, führen durch die unterschiedlichen Strömungen des Feminismus, wie etwa dem „Postfeminismus“ oder „sex-positiven Feminismus“.

Wie haben sich die Frauenrechte im Laufe der Geschichte gewandelt? Wie hat sich die Situation der Frauen verändert? Auch dazu liefern die Autorinnen klärende Beiträge. So werden etwa die gesellschaftlichen Bedingungen für die Frauen während des Ersten und Zweiten Weltkrieges thematisiert. Welche Rolle spielten die Frauen für den Wiederaufbau nach Kriegsende?

Ein Hauptaugenmerk liegt vor allem auf den unterschiedlichen Aspekten von sexualisierter und kommerzialisierter Gewalt in der Sexindustrie. Dabei werden Zusammenhänge von patriarchaler Gewalt und Kapitalismus aufgedeckt, aber auch wie Rassismus und Sexismus fester Bestandteil dieses Systems sind.

Radikalfeministisch wird auch über den Frauenkörper, über Mutterschaft reflektiert.

„Wie könnte eine Gesellschaft jenseits von geschlechtlicher Unterdrückung aussehen?“ Diese visionäre Frage schwebte den Verfasserinnen wohl als Leitmotiv vor; immer wieder schimmert sie in aufgezeigten Lösungsansätzen und Alternativen in den Beiträgen durch.

Manche Texte beruhen auf persönlichen Erfahrungen, was die „Störenfriedas“ zu einem sehr persönlichen Buch macht.

Books on Demand, 2018. 556 Seiten. 24,90 €

 

Maria Braig
Das heimliche Mädchen und der Dancing BoyDancing Boy Cover

Nachdem ihr Vater beim Minensuchen in Afghanistan tödlich verunglückt ist, muss sich die 13-jährige Shirin alleine um ihre Geschwister und die Mutter kümmern. Denn für Frauen ist im ländlichen Afghanistan meistens der Haushalt vorbehalten und ohne männliche Begleitung können sie sich kaum in der Öffentlichkeit bewegen. Die Mutter sieht deshalb nur eine einzige Möglichkeit, um die Existenz der Familie zu sichern - Shirin muss sich als Junge verkleiden, um einer Arbeit nachgehen zu können und sich so auch vor sexuellen Übergriffen zu schützen.

Die Rolle des Jungen muss sie sich aber erst aneignen. So muss Shirin zum Beispiel erst lernen, laut zu sprechen und selbstbewusst zu laufen, was bei Mädchen unerwünscht ist. Mit ihren Cousins und ihrem Onkel spielt sie dafür verschiedene Situationen im Alltag durch, in denen sie sich als Junge anders verhalten muss.

Für Shirin beginnt damit eine schwere Zeit. Das junge Mädchen übernimmt die gesamte Verantwortung für die Familie, aufgrund ihrer Arbeit kann sie nicht mehr in die Schule gehen. Dank ihrer Willensstärke und ihres Mutes schafft sie es dennoch, sich in ihr neues Leben einzufinden.
Die Autorin nutzt den „Geschlechtertausch“, um über die männlichen und weiblichen Rollenbilder im patriarchalen Afghanistan nachzudenken.

Als Shirin schließlich einen Job als Teejunge auf einem Basar beginnt, lernt sie Faruk kennen. Mit ihm freundet sie sich an und erfährt von seiner Geschichte, die von Gewalt und sexuellem Missbrauch geprägt ist - denn er ist ein sogenannter Dancing Boy: einer der Jungen, die in der Kinderprostitution gefangen sind und meistens einem bestimmten Mann vollständig „gehören“.

Im Laufe der Zeit spitzt sich die Situation von Shirin und Faruk soweit zu, dass sie eine Entscheidung treffen müssen, die viel Mut abverlangt.

Maria Braig hat vor allem einen Roman über Emanzipation und Freundschaft geschrieben und spiegelt dabei immer auch die aktuellen Entwicklungen in Afghanistan wieder. Mit Shirin und Faruk erleben wir den Alltag in einer Gesellschaft, in der Familien auf den Schutz eines männlichen Oberhauptes angewiesen und Frauen kaum in der Lage sind, für den Unterhalt ihrer Familien zu sorgen. Sie zeichnet das Bild einer Gemeinschaft, in der eine Selbstverwirklichung von Frauen nicht vorgesehen ist. Die beiden Protagonisten bleiben trotz allem optimistisch, hoffnungsvoll und lebendig und stellen sich den Aufgaben. Dieser Roman sei jedem Jugendlichen ans Herz gelegt!

Selbstverlag, Osnabrück 2017. 300 Seiten. 13 €

 

Koschka Linkerhand (Hrsg.)
Feministisch streiten
Texte zu Vernunft und Leidenschaft unter Frauen2018 feministisch Streiten Cover       

Beim heute „hegemonial“ wirkenden Queer-Feminismus habe man es „mit einem Feminismus zu tun, dem das politische Subjekt Frau abhandengekommen ist“, hält Koschka Linkerhand, Herausgeberin des Bandes „Feministisch streiten“, treffend fest. Dies belegen die Herausgeberin und ihre 19 MitautorInnen – darunter ein Autorinnenkollektiv und ein profeministischer Autor – durch mutige, kluge und engagierte Texte, die gerade  auch die für Frauenrechte Aktive motivieren könnten, sich zur eigenen Inspiration der feministischen Theoriebildung neu zuzuwenden.

Umgekehrt sind einige Beiträge im Band gerade aus der feministischen und frauenrechtlichen Praxis heraus nachvollziehbar, spiegeln diese doch die Leerstellen wieder, die manch queer-/feministische Mode der vergangenen zwei Jahrzehnte hinterlassen hat. Der analytischen Kritik unterzogen werden der Verrat am Universalismus von Emanzipation und Frauenrechten, wie er sich etwa in der queer-feministischen Relativierung patriarchaler Zumutungen im Islam artikuliert oder auch in der heute gängigen Verklärung von Prostitution zu selbstbestimmter, ja „Empowerment“ versprechender Sexarbeit wiederspiegelt. Als relevantes Problem und eine Art roten Faden zur Erklärung dieser Phänomene beleuchtet der Band dazu den verkürzten, einseitigen Rückzug auf Identitätspolitik, die zwar mannigfaltige (marginalisierte) geschlechtliche und sexuelle Identitäten, aber keine Frauen mehr kenne – allenfalls in der obligatorischen Gender*-Sternchen-Variante, welche die Zwänge der realexistierenden patriarchalen Zwei-Geschlechter-Verhältnisse mehr verschleiern denn aufklären helfe. Dazu widmet sich die Kritik in einem eigenen Themenabschnitt dem v. a. in der Praxis nicht eingelösten, überhöhten (Selbst-)Anspruch der „Intersektionalität“, angeblich alle Kategorien der Hierarchisierung, Benachteiligung und Diskriminierung mitzudenken – was verlässlich immer dann zuungunsten weiblicher Emanzipation scheitere, wenn es um Patriarchat, Traditionen oder Sexismus geht und der Verweis auf kulturelle respektive religiöse Identitäten besondere „Sensibilität“ einfordere.

Die Beiträge verweisen allesamt auf Perspektiven, progressive Gesellschaftskritik und identitätspolitische Leidenschaft im Feminismus wieder zusammenzudenken, - um von und für Frauen(rechte) und die weibliche Emanzipation von patriarchalen Zumutungen und Gewalt zu streiten. Dafür müssten in der feministischen Politik wie Praxis zwar einerseits Differenzen unter Frauen anerkannt, ausgehalten und integriert, vor allem aber das programmatische Ideal der Gleichheit – politisch, ökonomisch und sozial – weiter gedacht und verfolgt werden. Hervorzuheben ist der allen Beiträgen eigene, selbstkritische Zugang, der mit jahrelangen Missständen innerhalb des Feminismus schonungslos abrechnet, ohne seinerseits bloß in eine generalisierte Abrechnung zu verfallen. Die Kritiken fallen allesamt theoretisch versiert, nah am jeweiligen Sujet der Kritik, ausführlich belegt und gegenstandsbezogen aus, und bleiben auch im Tenor vom Verständnis für die Widersprüche von Frauenpolitik und feministischen Interventionen getragen – ohne deshalb auf eine klare Analyse und, wo nötig, deutliche Kritik zu verzichten.

Besprechung: Melanie Götz

Querverlag, Berlin 2018. 328 Seiten. 16,90 €  

Neuanschaffungen 2019

Julia Wöllenstein
Von Kartoffeln und Kanaken.
Warum Integration im Klassenzimmer scheitert.
Eine Lehrerin berichtet.2019 Wöllenstein

„Kartoffeln“ und „Kanaken“ sollen sich die Fußballer der Nationalmannschaft mit und ohne Migrationshintergrund während der WM in Russland gegenseitig aus „Spaß“ gerufen haben. Doch solche Zuschreibungen haftet immer auch einen Beigeschmack an. Sie sind auch „Ausdruck von Schubladendenken und ziehen imaginäre Grenzen“.

Wie kommt es zu solchen Grenzen? Wie äußern sich ihre Folgen im Schulalltag? Wie können die Grenzen überwunden werden? – diesen Fragen geht die Kasseler Gesamtschullehrerin Julia Wöllenstein in ihrem Buch nach und kann dabei aus eigenen Erfahrungen schöpfen.

„Wenn ich etwas falsch mache, müssen Sie mich schlagen,“ fordert sie ein Schüler auf.
Eine Schülerin verweigert ab der neunten Klasse ihre Mitarbeit, sie „brauche keinen Schulabschluss“, da sie „nächstes Jahr den Cousin heirate.“
Ein anderes Mädchen, deren Familie ihr den Schwimmunterricht verweigerte, schrieb der gesamten Klasse über WhatsApp, dass der Schwimmunterricht am nächsten Tag ausfalle, um nicht aus der Klassengemeinschaft ausgeschlossen zu werden. Das sind nur wenige der berührenden, oft verstörenden, ja erschreckenden Fallbeispiele, die die Autorin anführt.

80 Prozent ihrer SchülerInnen haben Migrationshintergrund. Viele sind MuslimInnen.
Aber Wöllenstein geht es nicht darum, den Islam zu kritisieren, ihr geht es um patriarchale Strukturen, denen die Gesellschaft nicht mit falscher Toleranz begegnen dürfe. Strukturen, die „nicht in ein demokratisches System passen,“ müsse die Politik entgegentreten.

Die Politik müsse handeln, um die SchülerInnen und das Lehrpersonal zu unterstützen. Eine gesetzliche Regelung des Kinderkopftuchs und die Einführung eines verpflichtenden Ethikunterrichtes statt eines konfessionell gebundenen Religionsunterrichts, wären ein erster notwendiger Schritt.

Die engagierte Lehrerin steht immer auf der Seite ihrer SchülerInnen.
Sie fordert ein reformiertes Schulsystem, das allen „die größtmögliche Freiheit und Chancen gewährleistet und gleichzeitig die Grenzen aller respektiert.“

Ein Buch, das nicht nur mit drastischen Beispielen aus den Klassenzimmern von „Brennpunktschulen“ aufwartet, sondern Lösungsmöglichkeiten aufzeigt und uns alle aus der Komfortzone scheucht.

mvg Verlag, München 2019, 190 Seiten, 14,99 €
Buch im TDF-Shop kaufen

 

Kristina Hänel
Das Politische ist persönlich
Tagebuch einer „Abtreibungsärztin“2019 Cover Hanel

Abtreibungsärztin“ – so wird Kristina Hänel oft von AbtreibungsgegnerInnen genannt, aber auch die Medien scheuen den Begriff nicht. Die Gießenerin fühlt sich durch das Wort „reduziert“ – so erklärt sie sich in ihrem Buch. Sie ist eine Ärztin, die unter anderem auch Abtreibungen durchführt. Seit 1988 arbeitet sie als Allgemeinärztin, auch als Notärztin im Rettungsdienst und als Reittherapeutin für Kinder mit und ohne Behinderung. In ihrer Freizeit spielt sie Klezmer, läuft Marathon und startet bei der Triathlon-Europameisterschaft für die deutsche Altersklassen-Nationalmannschaft. Es ist aber ihr Kampf gegen das Werbeverbot für Schwangerschaftsabbruch, der sie bundesweit bekannt gemacht hat. In ihrem Buch schildert siel, wie ihr Leben seit der Anklage wegen Verstoßes gegen den Paragraphen 219a Strafgesetzbuch verlaufen ist.

Mit einem Brief vom Amtsgericht am 3. August 2017 hat alles angefangen. Die Ärztin wurde wegen einer herunterladbaren PDF-Datei zum Schwangerschaftsabbruch auf der Webseite ihrer Praxis von einem Abtreibungsgegner, der in den Medien nicht namentlich genannt werden wollte, angezeigt. Laut §219a Strafgesetzbuch gilt solch eine Sachinformation als „Werbung für einen Schwangerschaftsabbruch“ und ist verboten. Die Anklage löste Fassungslosigkeit bei ihr aus: „Wie kann die denn? Und was bedeutet das jetzt? Urteil? Approbation weg? Gefängnis?“. In ihrem Buch schildert Hänel, wie sich ihre Gefühle und Gedanken seit der Anzeige veränderten und sie sich entschieden hatte, gegen den Paragrafen zu „kämpfen“. Für sie geht es nicht um sie allein, sondern um alle ÄrztInnen, die Abtreibungen in Deutschland vornehmen, aber auch die um diejenigen, die für die Webseiten der betroffenen Kliniken zuständig sind. Es geht ihr um Informationsfreiheit und vor allem um die Selbstbestimmung von Frauen - und nicht um Schwangerschaftsabbruch. Dabei setzt sie auf die Macht der Kommunikation: „Eine Kampagne, ein Feldzug, ein Kampf, das ist nicht meine Art. Das Einzige, was ich tue, ist sprechen. Ich breche das Schweigen. Ich breche das Tabu.“

Sie reicht eine Petition an den Deutschen Bundestag ein, führt zahlreiche Interviews mit MedienvertreterInnen, versucht Kontakt mit politischen Parteien zu knüpfen, wendet sich mit einem Brief sogar an Angela Merkel.

Hänel gewährt in diesem Tagebuch zuweilen auch Einblicke in private Momente, vor allem mit ihrer Familie und ihren Freunden, die ihr Kraft geben, durchzuhalten, sich politisch weiter zu engagieren.

„Oma, was ist für dich das Schönste auf der Welt?“
„Das Schönste auf der Welt ist, dass man Kinder kriegen kann.“

Besprechung: Ngoc-Mai Trinh

Argument Verlag, Hamburg 2019, 240 Seiten, 15,00 €

 

Rukiye Cankiran
Das geraubte Glück
Zwangsheiraten in unserer Gesellschaft2019 Cover Cankiran

Spätestens seit dem „Ehren“-Mord an Hatun Sürücü, 2005 in Berlin wird das Thema „Zwangsheirat“ im deutschen gesellschaftlichen Diskurs immer wieder verhandelt. Mit den Geflüchteten, die seit 2015 nach Deutschland kommen, hat es neue, erhöhte Aufmerksamkeit erhalten. Dabei konzentriere sich die Öffentlichkeit – so Cankiran – meistens auf drastische Fälle, vornehmlich werde ein pauschalisierender und herablassender Tenor angeschlagen. Rukiye Cankiran, Kulturwissenschaftlerin und Journalistin anatolischer Herkunft möchte mit ihrem Buch dazu beitragen, mit dem schwierigen und vielschichtigen Thema sensibler umzugehen.

Um Phänomene wie Zwangsverheiratungen zu verstehen und wirksam bekämpfen zu können, müssen sie sachlich analysiert werden.

Das gilt auch für die Perspektive der Eltern. Eltern, die ihren Töchtern eine Heirat aufnötigen, tun dies aus unterschiedlichen Gründen, oft in der festen Überzeugung im Sinne der Verheirateten gehandelt zu haben. In vielen Gesellschaften ist es die schiere Armut, die die Eltern zu diesem Schritt veranlasst. Aber meistens zwingt die Übermacht der Familientradition die Tochter oder den Sohn in die unerwünschte Ehe. Allzu oft wird aus Angst vor dem Verlust der Familienehre, sogar der Tod des eigenen Kindes gebilligt, um diese wiederherzustellen.

Die Autorin ist mit den Facetten des Themas vertraut: Als Projektmitarbeiterin, -koordinatorin und Vertrauensdolmetscherin hat sie viele junge Frauen beraten und deren Geschichten kennengelernt.
Cankiran stuft die Zwangsheirat als eine Form von Gewalt gegen Frauen ein, als eine grobe Menschenrechtsverletzung, die auf patriarchalen Machtstrukturen gründet.

Sie beklagt aber die einseitige Berichterstattung in den Medien, die „gewöhnlichen“ Beziehungstaten, die täglich überall begangen würden, vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit widmeten.

Nichtdestotrotz sei es die Aufgabe der heutigen Integrationspolitik sich mit dem gesellschaftlichen Problem „Zwangsheirat“ auseinanderzusetzen.

Letztendlich geht es für Cankiran um die Frage: „Wie wollen wir als Gesellschaft in Deutschland zusammenleben?“. Deswegen ist es heute wichtiger denn je, Plattformen für Aufklärung, für interkulturellen Austausch und gegenseitiges Verständnis zu schaffen. Dafür gibt es bereits erfolgreiche Initiativen. Eine davon ist das Berliner HEROES-Projekt. Durch wichtige Dialoge zur Gleichberechtigung und Selbstbestimmung können traditionelle Geschlechterrollen und patriarchale Machtstrukturen aufgedeckt und abgebaut werden.

Herder Verlag, Freiburg im Breisgau 2019, 192 Seiten, 20,00 €

 

Anna Dahlqvist
It’s Only Blood
Shattering the Taboo of Menstruation
Alice E. Olsson (englische Übersetzung aus dem Schwedischen)2018 Cover Only Blood

800,000,000 Menschen menstruieren in diesem Augenblick. Man könnte meinen, dass eine natürliche Körperfunktion, die das Leben so vieler Menschen prägt, die zudem wesentliche Voraussetzung der menschlichen Fortpflanzung ist, heutzutage kein heikles Thema mehr ist. Dass dem so nicht ist, stellt Anna Dahlqist in ihrem kritischen und feinfühlig geschriebenen Buch klar.
Mit dem monatlichen Zyklus werden häufig gesellschaftlich tabuisierte Werte in Verbindung gebracht: Sexualität, Selbstbestimmung oder reproduktive Rechte.

Die Autorin weist nach, wie dieses schambehaftete Phänomen – vor allem in Ländern des globalen Südens – zu Menschenrechtsverletzungen an Frauen und Transpersonen führt. Armut, Frühehen, Teenagerschwangerschaften und Müttersterblichkeit zählen dazu.

Die Organisation der Monatshygiene (z.B. das regelmäßige Wechseln oder Waschen der Binde) ist für Menschen, die keinen Zugang zu Toiletten, sauberem Wasser und Abfallentsorgung haben, in der Regel unrealistisch. Oft bleiben gesundheitliche Folgen nicht aus. Zudem sind Menstruationsprodukte für viele unerschwingliche Luxusartikel.

Wie kann diesen Umständen begegnet werden? Die Autorin hat hierzu menstruierende Jugendliche und AktivistInnen, sowie HygienemitarbeiterInnen und engagierte PädagogInnen befragt. So erfahren wir, wie bei Irise International in Uganda wiederverwendbare Binden hergestellt werden oder wie in Indien die Organisation Change mit der Textilbranche zusammenarbeitet, um die Gesundheitsbedingungen der ArbeiterInnen zu verbessern.

Diese Bemühungen können aber nur ein Anfang sein. Es gilt, gesellschaftlichen Assoziationen, die die Menstruation als unrein einstufen, entgegenzuarbeiten. Viele Menstruierende dürfen etwa Gotteshäuser nicht betreten oder müssen zuhause bleiben. Viele dieser Einschränkungen entstammen der patriarchalen Angst vor einer subversiven Macht der Frau, die durch gesellschaftliche Isolation und unter dem Etikett der Scham klein gehalten werden soll. Dahlqvist spricht von „der großen Stille“, wenn über die Periode in verschleiernden Begriffen und Bildern gesprochen wird, - wie der sogenannten „Ketchupwoche“ in Frankreich; oder wenn sich die Unterhaltung über die Periode auf sehr private, intime Situationen beschränken muss. Dieses Schweigen wird vielerorts durch einen Mangel an umfassender Aufklärung verstärkt. Viele junge Mädchen bleiben ahnungslos und sich selbst überlassen in ihrer ersten Konfrontation mit der eigenen Sexualität. Ihre nicht ausgesprochenen Fragen bleiben unbeantwortet. Damit beginnt ein Teufelskreis, den die Forscherin Chris Bobel treffend in Worte fasst: „Ignoranz erzeugt Scham und Scham erzeugt Ignoranz“.

Bildung und Aufklärung ist, auch für die im Buch interviewten AktivistenInnen, der ultimative Schlüssel, um diese „Menstruationsignoranz“ zu durchbrechen.
FeministInnen in Indien benutzen inzwischen das Hashtag #HappyToBleed, um auf Menstruationsprobleme in ihrem Land online aufmerksam zu machen, die NGO WASH United hat den 28. Mai zum Tag der Menstruationshygiene erklärt.

Neue Austauschmöglichkeiten über Menstruation keimen auf. Jeder und jede sollte sich an ihnen beteiligen, so Dahlqvist.

Besprechung: Lili Steffen

Zed Books Ltd, London 2018, 202 Seiten, 7,96 €

 

Sabine Maier
Das Buch der Tage
Ein Tagebuch für Frauen

2018 Cover DasBuchderTage

Jeden Monat das Gleiche: es fließt Blut. Die Hälfte der Weltbevölkerung blutet und dennoch ist die Menstruation noch immer ein riesengroßes Tabu. Die natürlichste Sache der Welt soll bitte möglichst unsichtbar geschehen, „unsere Tage“ sollen sein wie alle Tage. Tja, sind sie aber nicht. Interessanterweise kommt derzeit Bewegung in die öffentliche Wahrnehmung der Monatsblutung: Zyklus Apps, eigene Twitter- Accounts zum Thema und die globale Debatte um die „Tampon Steuer“ verändern den Umgang mit der Menstruation. Was in Amerika unter dem Stichwort „Period Positivity“ derzeit voll im Trend ist, wird in deutschen Medien von Spiegel bis Zeit bereits „Menstruationsrevolution“ genannt. Passend zu diesem roten Umschwung legt die Journalistin und Leiterin von Frauenseminaren Sabine Maier nun ein witziges und kluges Buch vor. Kernstück des optisch besonders ansprechend gestalteten „Buch der Tage“ sind angeleitete, monatliche Tagebuchblätter sowie Fragebögen und Listen zum Selbstausfüllen. So können mit Hilfe des „Guided Journals“ Regelmäßigkeiten bei der Regel, Muster in der weiblichen Familiengeschichte und sogar magische Aspekte des „Mondbluts“ entdeckt werden. Spielerisch und unverkrampft (PMS, nein danke) plädiert die Autorin für einen neuen Blick auf ein tabuisiertes Thema, das ganz essentiell mit dem Frausein verbunden ist.

Ergänzend dazu versammelt das „Buch der Tage“ Interviews, spannende Fakten aus aller Welt und Darstellungen neuer Trends wie Free Bleeding, Thinx und #menstruationmatters.

Das Buch richtet sich an Frauen jeden Alters, egal durch welche Hormonkurve sie gerade brausen. Ganz nach dem Motto: Es wird Zeit, die Menstruation (wieder) zu dem zu machen, was sie ist – der rote Faden in unserem Leben.

Wundergarten Verlag, Wien 2018, 159 Seiten, 18,50 €

 

Jana Kießer
das bleibt unter unsJana Kiesser

Der Titel findet sich als schlichte Buchstabenzeile auf dem Rücken des Fotobandes. Das Cover weist uns ganz ohne Text den Weg zur Deutung dessen, worüber Stillschweigen gewahrt werden soll: Wir können es im Gesichtsausdruck der Abgebildeten erahnen.

Die Serie das bleibt unter uns ist eine Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs in der Familie der jungen Fotografin.

Seite um Seite, Bild um Bild scheinen die Innenansichten einer Versehrten aufzublitzen.
Was ist hinter dem mondbeleuchteten Fenster hinter den Kiefern passiert?
Ein Arm schwebt halb im dunklen Wasser. Sucht er Kühlung – oder ist es Todessehnsucht?
Der Flügel eines Vogels auf rauhem Kiesboden ...
Zwischen den reifen, gelbe Früchte tragenden Mirabellenbäumen zwei Männerbeine, die sich entfernen.
Werden die Luft-Wurzeln dieses Baumes Geborgenheit bieten? Oder führen sie in ein Labyrinth?

Fast versteckt finden sich im Vorder- und Rückumschlag sehr persönliche Zeugnisse in der Gestalt von Miniatur-Alben: Kindheitsfotos in dem Einen; in dem Anderen handschriftliche Tagebuchauszüge, denen maschinengeschriebene Mitteilungen des (inhaftierten) Täters gegenübergestellt werden.

Jana Kießer nimmt uns mit in die Abgründe der verletzten Seele - dunkel, fragend, unkenntlich - Einblicke ins Ungewisse, mysteriöse Orte, Zerbrochenheit, Bedrohung, Entwendung der Unbekümmertheit, Unschuld und Weiblichkeit, Schockstarre, Entwurzelung, Ohnmacht, Regungslosigkeit, Gewalt und die ständige Angst, dem Täter wieder zu begegnen.

Gewidmet hat die Fotografin ihr Buch allen Betroffenen von sexuellem Missbrauch.

self published, Berlin 2018, Edition von 50 Exemplaren; 55 €
18,5 x 27,3 cm; handgebunden, 44 Seiten; enthält 2 Einlegehefte 20 & 24 Seiten, 10 x 14 cm
Ansicht und Bestellung unter: www.janakiesser.de

 

Matthias Veit
Ein Mann steht seine Frau!
Papa macht Teilzeit, Mama Karriere und das Kind, was es will.2019 Veit MannstehtseineFrau

„Muss man eigentlich immer das Optimum erreichen und seine Umgebung maximal beeindrucken – nur weil man ein Mann ist?“ Mit dieser Frage stellt der Schriftsteller, Pressesprecher und Vater, Matthias Veit, die Redewendung „seinen Mann stehen“ in seinem Buch auf den Kopf und fordert eine Gesellschaft, in der auch Frauen die Freiheit haben, über Elternzeit und Beruf zu entscheiden, ohne dabei als egoistisch abgeurteilt zu werden.

Die Zahl der Väter, die die Elternzeit nutzen, ist in den letzten Jahren zwar gestiegen, aber dank wiederaufkeimender konservativer Wertvorstellungen, setzt sich viel zu oft das alte „Einverdiener-Modell“ durch. Mancher Vater sieht sein väterliches Engagement bereits mit seinem Krankenhausbesuch zur Geburt erfüllt; gelegentlich holt er auch das Kind aus dem Kindergarten ab. Derweil bleibt die tatsächliche Kindererziehungsarbeit den Müttern überlassen. Diese ungleiche Aufgabenaufteilung ist für alle Beteiligten unfair: Väter stehen unter beruflichem Leistungsdruck und finden kaum Zeit für die Familie, werden aber mit Beförderungen und Gehaltserhöhungen belohnt. Mütter hingegen werden aus der Karriere gedrängt und sind daher finanziell von ihren Partnern abhängig.

In einem Stellenangebot als Pressesprecher mit flexibler Teilzeit erkannte Veit die große Chance, überkommene Rollenvorstellungen zu überwinden. Seine Frau würde jetzt ihre Karriere verfolgen können, ihm bliebe die aufreibende Schichtarbeit als freier TV-Reporter erspart, dafür mehr Zeit, die er seiner Tochter widmen könnte. Eine Win-Win-Situation. Ein Privileg, für viele Familien ein unerreichbarer Traum. Deshalb brauche Deutschland eine durch Staat und Gesellschaft ermöglichte „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ und mehr Familienautonomie. Dazu gehörten flexible Arbeitsmodelle (z.B. Gleitzeit), genügend Kinderbetreuungsplätze, besserer Lohn für ErzieherInnen, und einen Paradigmenwechsel in der Einstellung zu Müttern am Arbeitsplatz.

Veit träumt von einem „Papa 4.0“ – einem, der selbstverständlich elterliche Aufgaben teilt, nicht, um Lob einzuheimsen, sondern weil sich diese Vorstellung als gesellschaftliche Norm etabliert hat.

Seine Begeisterung für eine engagierte Vaterschaft scheint vielerorts im Buch durch: So zeichnet er unermüdlich Einhorn-Entwürfe für eine Kunstausstellung in Emmas Schlafzimmer oder begeistert sich daran, sie mit seinem Alter Ego, dem „lustigen Hasen Wackelzahn“, immer wieder in gute Laune zu versetzen.

Einige Tipps für Eltern hat er auch bereit: Elternschaft ist Teamarbeit. Elternschaft macht nicht immer Spaß und das muss einfach akzeptiert werden. Ein gelungenes Familienleben setzt Kompromisse voraus. Dazu gehört aber natürlich auch eine gewisse Menge von „radikale Albernheit“.

Besprechung: Lili Steffen

Matthias Veit/neobooks, Düsseldorf 2018, 178 Seiten, 8,99 €

 

Chimamanda Ngozi Adichie
Liebe Ijeawele...
Wie unsere Töchter selbstbestimmte Frauen werden2018 Adichie

15 Vorschläge für eine feministische Erziehung hat die Autorin in diesem schmalen Band zusammengetragen. Wobei Erziehung vielleicht gar nicht das richtige Wort ist. Denn der aus Nigeria stammenden Schriftstellerin geht es weniger darum, dass Kinder in eine bestimmte Richtung gedrängt werden. Vielmehr richtet sie sich an die Erwachsenen, die sie in ihrem Leben geleiten.

Denn in diesem feministischen Manifest geht es nicht darum, möglichst aggressiv für Gleichberechtigung zu kämpfen, sondern Grundgedanken von Gleichberechtigung der Geschlechter in den Alltag einzubeziehen. Die Autorin ruft dazu auf, Töchtern starke Vorbilder zu sein.

„Sei eine vollständige Person“, beginnt sie ihren Leitfaden. „Mutterschaft ist ein großartiges Geschenk, aber definiere dich nicht nur über die Mutterrolle. Sei eine vollständige Person. Dein Kind wird davon profitieren.“ Man müsse seinen Töchtern, Enkeltöchtern und Nichten zeigen, dass Frauen keine Grenzen aufgrund ihres Geschlechts gesetzt sind, und „dass 'Geschlechterrollen' absoluter Blödsinn sind.“ Frauen können eine erfolgreiche Karriere verfolgen, wie Männer sich ihrer Vaterrolle annehmen können. Es bedarf sowohl weiblicher als auch männlicher Vorbilder, die das Leben von Kindern prägen und Stereotypen zerschlagen.

Adichie schrieb diesen Leitfaden als Brief an ihre gute Freundin, die sie um ihre feministische Meinung bat, um ihre neu geborene Tochter zu einer starken Frau heranwachsen lassen zu können. Umso ansprechender und lebendiger liest sich ihr Ratgeber, der perfekt ist für alle werdenden Eltern und alle, die Nachwuchs im Familien- und Bekanntenkreis erwarten oder gerade begrüßen durften. Das Buch passt in jede Tasche und ist schnell gelesen, wird aber nicht so schnell wieder vergessen.

Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2017, 80 Seiten, 8,00 €.

Neuanschaffungen 2012

Hayriye Yerlikaya
Zwangsehen
Eine kriminologisch-strafrechtliche UntersuchungYerlikaya: Zwangsehen

Mit ihrer Dissertation geht die Autorin dem Phänomen „Zwangsheirat“ aus der Sicht der betroffenen Frauen nach, eine bisher kaum untersuchte Perspektive. Anhand von 15 Fallstudien wird herausgearbeitet, wie junge Frauen – in Deutschland oder in der Türkei mit späterem Nachzug nach Deutschland – in eine Zwangsehe gedrängt werden können und welchen Einflussfaktoren und Druckmitteln sie ausgesetzt sind. Wie haben sie diese Ehen erlebt? Welche Bedeutung nehmen sie im Lebenslauf der Frauen ein? Welche Gegenwehr konnten sie leisten? Welche Ursachen und Faktoren waren für ihre Zwangsheirat bestimmend? Wie hätten sie möglicherweise verhindert werden können?

Die Autorin nutzt die hieraus gewonnenen Erkenntnisse, einen Präventions- und Opferschutzmaßnahmekatalog zu entwickeln, der den Bedürfnissen der betroffenen Frauen angepasst ist.

Die Rechtswissenschaftlerin setzt sich schließlich mit dem 2011 in Kraft getretenen „Zwangsverheiratungsbekämpfungsgesetz“ auseinander, um ihm und dem § 237 StGB, mit dem „Zwangsheirat“ zum Straftatbestand wurde, Defizite zu attestieren. Eine sinnvolle Alternative sieht Yerlikaya in der Aufklärung der sozial schwachen und ungebildeten Initiatoren und der Stärkung der möglichen Opfer von Zwangsverheiratungen.

Hayrye Yerlikayas Arbeit wurde mit dem Dissertationspreis der Juristischen Gesellschaft Ostwestfalen-Lippe

Nomos Universitätsschriften, Recht Band 777, Baden-Baden 2012, 258 Seiten, 68,00 €



Heinrich-Böll-Stiftung und Ute Scheub
Gute Nachrichten!
Wie Frauen und Männer weltweit Kriege beenden und die Umwelt retten.Cover Gute Nachrichten

Bei dem Buch „Gute Nachrichten! Wie Frauen und Männer weltweit Kriege beenden und die Umwelt retten“ geht es den Herausgeberinnen, der Heinrich-Böll-Stiftung und der Autorin Ute Scheub, weder um das Schönreden noch um das Wegschauen oder gar um das Verweigern internationaler Verantwortung. Mit 33 Reportagen aus der ganzen Welt wollen sie sich der Logik der „bad news“ widersetzen und exemplarisch zeigen, dass Veränderungen auch zum Positiven möglich sind. 
So portraitiert das Buch Akteurinnen und Akteure, die fest entschlossen sind, Missstände wie Gewalt, Missachtung von Menschenrechten, Ungleichheit von Frauen und Männern, Mangel an Demokratie, Armut oder Umweltzerstörung zu beenden. Es sind Menschen, die den Mut aufbringen, für ihre Visionen zu kämpfen und Veränderungen anzustoßen. Es ist kein Zufall, dass die meisten Geschichten von Frauen handeln. Ähnlich wie „bad news“ dominieren die Gesichter von Männern unsere Nachrichten. Das Engagement von Frauen bleibt im Verborgenen und damit auch ihr enormes friedenspolitisches Potenzial. Auch bekommen wir wenig von jenen Männern mit, denen weder an der Aufrechterhaltung ihrer Machtposition noch an der verbissenen Verteidigung traditioneller Rollenbilder liegt.

Das Buch "Gute Nachrichten!" bietet viele Beispiele dafür, wie eine Veränderung von Geschlechter- und Machtverhältnissen positive Auswirkungen hat und Frieden dauerhaft sichern kann.

Heinrich-Böll-Stiftung Berlin, 2012, 176 Seiten, kostenlos bei der Heinrich-Böll-Stiftung bestellbar


Leymah R. Gbowee
unter Mitarbeit von Carol Mithers
Wir sind die MachtGwobee: Wir sind die Macht

Die Friedensnobelspreisträgerin beschränkt sich in ihrer Autobiographie – das lässt uns schon der Titel ahnen – nicht auf ihre eigene Lebensgeschichte. Gbowee erzählt die Geschichte einer Frauenbewegung, die einem im Bürgerkrieg erstarrten Land zur entscheidenden Wende hin zum Frieden verhilft.

2003 –  Liberia wurde bereits 14 Jahre von der Willkür und dem Schrecken des Bürgerkrieges zwischen Diktator James Taylor und rivalisierenden Warlords zerrieben. In diesem Jahr rief das „Women in Peacebuilding Network“ (WIPNET), dem Gbowee vorstand, Frauen auf, sich für ein Ende des Krieges einzusetzen: In weißen T-Shirts versammelten sich muslimische und christliche Frauen, um für den Frieden zu beten, mit Sitzstreiks zu demonstrieren. Um ihre Forderungen zu unterstreichen, gewährten die Frauen ihren Männern keinen Sex. Tausende von Frauen schlossen sich ihnen an. Auch die Bevölkerung begegnete ihren Aktionen mit Zustimmung und Achtung.

Das beharrliche und unerschrockene Auftreten der Frauen bewegte Taylor schließlich zu einer Audienz, bei der er zusicherte, die  Friedensverhandlungen aufzunehmen. Um sich über den Fortschritt der Verhandlungen zu versichern, begleitet eine Frauendelegation die in Accra statt findenden Tagungen. Diese zogen sich über Monate hinweg. Der Friedenswille der Parteien verlor an Glaubwürdigkeit. Und wieder waren es die Frauen, die Männer mit ihren ganz eigenen Mitteln zwangen, den Bürgerkrieg endlich zu beenden.

Gbowees couragiertem und mitreißendem Einsatz in der Friedensarbeit gehen aber Jahre leidvoller Erfahrungen voraus. 1989, sechs Monate nach ihrem Highschoolabschluss, bricht der Bürgerkrieg los und macht ihre Zukunftspläne zunichte: „Wir waren jetzt in einer anderen Welt, wir hatten eine Grenze überschritten.“

Der Krieg, das Leben auf der Flucht, eine Beziehung mit einem gewalttätigen Mann, mit dem sie vier Kinder hat, die Verachtung ihrer Familie, bei der sie nach der Flucht unterschlüpfen konnte, zerren am Selbstbewusstsein der jungen Frau.
Ein Praktikum im Bereich Traumaheilung und Traumaversöhnung markiert 1998 schließlich den Beginn ihrer Arbeit als Friedensstifterin und eine Wende in ihrem Leben. In der Folgezeit kümmert sie sich um behinderte Kindersoldaten, ehemalige „Taylor Boys“, denen der Krieg scheinbar jegliche menschliche Wärme ausgetrieben hat. Sie hält Workshops mit vergewaltigten und traumatisierten Frauen und erfährt, wie wichtig es für diese ist, ihre Geschichten mit anderen Betroffenen zu teilen und so ein Last ab zu werfen.

In ihrem Buch werden wir ZeugInnen, welche blindwütige Zerstörungskraft menschliches Handeln im Krieg freisetzen kann. Vor allem aber lernen wir, Frauen, dass wir fähig sein können, dieser Kraft die Stirn zu bieten und dass wir ihr unseren Friedenswillen entgegen setzen können. Wenn wir uns einig sind.

2006 gründete Gbowee das „Women in Peace and Security Network Africa“. 2011 erhielt sie gemeinsam mit Ellen Johnson Sirleaf, der ersten Präsidentin Liberias und der Jemenitin Tawakkul Karman, den Friedensnobelpreis.

Klett-Cotta, Stuttgart 2012, 319 Seiten, 21,95 € / 1,- € pro Buch geht an „Women in Peace and Security Network Africa“

Die Arbeit von Leymah R. Gbowee und der ihrer Mitsteiterin wurde 2006 auch in einem Film dokumentiert:
„Pray the Devil Back to Hell“



Ruth Hallo
Die TrostfrauenCover Die Trostfrauen

China, 1938: Meian lebt mit ihrer Familie in einem kleinem Dorf im Süden des Landes. Als sie in diesem Jahr auf Wunsch ihrer Eltern ein vermeintlich herkömmliches Stellenangebot in Shanghai annimmt, hört ihre Kindheit schlagartig auf. Wie sehr sie betrogen wurde, erkennt sie erst, als es schon zu spät ist. Meian wird Gefangene einer „Trostfrauenstation“, einem Bordell für japanische Soldaten. Sie ist 13, als sie erfahren muss, dass es für menschliche Grausamkeiten keine Grenzen gibt.

Die Geschichte Meians bleibt nicht die einzige, welche die LeserInnen in diesem Buch kennen lernen. Die Autorin verknüpft anschaulich die Biographien verschiedener weiblicher Hauptfiguren, die mit dem Thema “Trostfrauen“ in unterschiedlicher Weise in Berührung gekommen sind. In einem japanischen Gericht treffen sie zusammen, um für die Anerkennung der gegen sie und alle anderen betroffenen Frauen verübten Verbrechen und das damit verbundene Recht auf Entschädigung zu kämpfen. Anhand der Schilderung ihrer Leiden wird in dem Buch auf das Schicksal hunderttausender Frauen aufmerksam gemacht, welche dem unmenschlichen System der so genannten Trostfrauenstationen zwischen1937-1945 zum Opfer fielen. Nicht nur die Zeit während ihrer Gefangenschaft, sondern auch die gravierenden physischen und psychischen Folgen der Tag täglichen Gewalt und Vergewaltigungen, die Jahrzehnte lang anhaltenden Demütigungen, Beschimpfungen, den Ausschluss aus der Familie und Gesellschaft sowie den Umgang der chinesischen und japanischen Regierungen mit dieser Thematik verdeutlicht die Autorin mit klaren, schonungslosen Worten.

Das Buch schildert, den Kampf der Frauen, einen sooft verleugneten Teil der japanischen und chinesischen Geschichte ans Licht zu bringen und ein Stück weit Gerechtigkeit und die gesellschaftliche Rehabilitation der Frauen zu erlangen.

Ein bedeutender Roman zur geschichtlichen Aufarbeitung, der das Schicksal der „Trostfrauen“ nicht in Vergessenheit geraten lassen will!

LangenMüller, München 2012, 279 Seiten, 19,99 €


Sayime Erben
Gewalt und Ehre
Ehrbezogene Gewalt aus TäterperspektiveCover

Erben möchte mit ihrer Studie konservative Vorstellungen türkischer Männer über das Verhältnis der Geschlechter, über die Rollenteilung zwischen Mann und Frau, über innerfamiliäre Gewalt und über Geschlechterehre rekonstruieren. Für ihre Untersuchung hat sie fünf Täter aus bildungsfernen Familien, die aus dem ländlich geprägten Teil der Türkei stammen, befragt. Der Ehrbegriff, so ein Kernergebnis ihrer Interviews, hat Auswirkungen auf unterschiedliche Lebensbereiche und muss umgekehrt stets in deren Kontext gesetzt werden.

Für die Befragten war die “Ehre” stets mit der weiblichen Sexualität verbunden, die, vor allem von männlichen Familienmitgliedern, geschützt werden muss. Eine Frau, die von patriarchalischen Normen abweicht, macht sich eines Verbrechens schuldig. In der Folge wird aber eine “Beschmutzung der Ehre” dem Mann zur Last gelegt. Eine wichtige Rolle spielen zudem die traditionellen Rollenvorstellungen von Frauen und Männern sowie überholte religiöse Bräuche.

Centaurus, Reihe Sozialwissenschaften, Band 26, Freiburg 2012, 103 Seiten., 18,80 €


Martina Hahn/ Frank Herrmann
Fair einkaufen – aber wie?
Der Ratgeber für Fairen Handel, für Mode, Geld, Reisen und GenussCover Faire einkaufen

Die freie Marktwirtschaft erscheint uns heute häufig mehr als undurchsichtig, unkalkulierbar und rücksichtslos. Nicht nur, dass die Auswirkungen von politisch-wirtschaftlichen Entscheidungen und Vorgehensweisen (internationaler) Unternehmen nicht mehr ohne weiteres nachvollzogen werden können, selbst unser eigener, eigentlich überschaubarer Konsum verunsichert uns heute zunehmend. Mit unserer Kaufkraft bewirken wir Vorgänge, die wir nicht beabsichtigen, von denen wir manchmal nicht mal etwas wissen. Vorgänge, die sich aber dennoch gravierend auf die Lebenssituation anderer auswirken. Und selbst dann, wenn die Auseinandersetzung mit den negativen Auswirkungen der wirtschaftlichen Vernetzung der Welt und unserer daraus folgenden Verantwortung für unseren Konsum erfolgt ist, scheitern wir doch häufig daran, unsere Erkenntnisse in konkretes Handeln umzusetzen .

Dies mag wohl verschiedene Gründe haben. Einem dieser möglichen Gründe haben sich die AutorInnen dieses Buches angenommen: Unsicherheit. Denn sowohl in den Regalen von großen Discountern als auch von Einzelhandelsläden wirkt das Fairtrade-Sortiment mittlerweile wie ein riesiges Wirrwarr aus Fairtrade-Siegeln und Gütezeichen, welche ihre inhaltlichen und qualitativen Unterschiede nicht offensichtlich zu erkennen geben. Auch die Einhaltung und Glaubwürdigkeit von Unternehmenskodizes ist für die KonsumentInnen häufig schwer zu überprüfen. Wie können wir also sicher gehen, dass unsere Vorstellung beim Kauf eines Produktes über dessen Herstellung wirklich der Realität entspricht? Wie können wir in diesem, durchaus auch gewollten Durcheinander zwischen ernstzunehmenden Produkten und  deren Trittbrettfahrern unterscheiden? Was müssen wir wissen, wenn wir das nächste Mal in ein Supermarktregal greifen?

Mit vielen Tipps und zahlreichen Hintergrundinformationen trägt dieser herausragende Ratgeber dazu bei, dass fairness-bewusste, ökosozial orientierte VerbraucherInnen beim nächsten Einkauf, den Wagen mit Herz, Verstand und gutem Gewissen füllen zu können. Die AutorInnen beschränken sich in ihrer Publikation aber nicht auf den normalen Wocheneinkauf, auch ein interessanter Überblick über weitere Themen, beispielsweise faire Kleidung, Reisen oder Geldanlagen, wird gegeben.

Es ist ein aufschlussreiches, gut verständliches und anschauliches Buch, welches eine realistische Möglichkeit von Konsumalternativen darlegt; welches nicht suggeriert, der Faire Handel wäre die Lösung all unserer globalen Probleme, die aus der freien Weltwirtschaft resultieren. Die VerbraucherInnen werden die lang bestehenden, politisch gewollten und ungerechten Handelsstrukturen nicht von heute auf morgen durch den Kauf eines Fairtrade-Kaffees beseitigen könnten. Aber es wird anschaulich, was wir dazu beitragen können, dass diese Bewegung, die den Produzierenden einen gewissen Schutz im System des freien Welthandels bietet, sich weiter ausbreiten und etablieren kann.

Ungemein lesenswert, weil wir nicht darauf warten können, dass die Politik ihre Pflichten erfüllt.

Brandes & Apsel, Frankfurt am Main, 4. erweiterte und aktualisierte Auflage 2012. 340 Seiren, 24,90 €



Sibylle Hamann
Saubere Dienste
Ein ReportCover Saubere Dienste

Die Geburt eines Kindes. Krankheiten. Das Alter. Eine damit verbundene Pflegebedürftigkeit. Die Diskrepanzen zwischen Schulzeiten des Kindes und den elterlichen Arbeitszeiten. Die heutzutage geforderte Flexibilität von Arbeitsort und -zeitraum. Kürzungen in kommunalen Einrichtungen und in den Sozialleistungen. Jeder kennt die Herausforderungen, welche sich aus den diametralen Dynamiken der heutigen Arbeitswelt und der Versorgung bedürftiger Familienmitglieder ergeben. Daneben bleiben die fortwährenden Anforderungen des Haushalts. Die meisten Menschen kennen den Moment, an dem die verschiedenen alltäglichen Aufgaben nicht mehr alleine getragen werden können. Doch wer fängt in diesen Momenten den Stress auf? Wer ist da, wenn zwei Lebensbereiche unvereinbar auseinander klaffen?

Häufig sind es Frauen. Oftmals Migrantinnen aus den unterschiedlichsten Ländern. Ihre Motive, ihre Heimat zu verlassen, sind genauso unterschiedlich, wie ihre persönlichen Hintergründe, ihre Lebensgeschichten, die mit dem Fortgang verbundenen Verluste, die zu bewältigenden Herausforderungen und Komplikationen. Gemeinsam sind ihnen zugesprochene Stereotypen und die Vorurteile, die mit diesen einhergehen. Gemeinsam ist ihnen der Zugang in eine tabuisierte Privatsphäre und eine oftmals verschwiegene Existenz, um die Idealbilder der perfekten Familie und Karriere, des funktionierenden Sozial- und  Wohlfahrtsstaates sowie der tadellosen Gesellschaft aufrechtzuerhalten. Die fehlende Anerkennung, bzw. auch die Verleugnung des Werts ihrer Arbeit, eine häufig unübersichtliche rechtliche Lage und fehlende Arbeitsstandards schaffen die Basis für eine menschenunwürdige Ausbeutung ihrer Arbeitskraft, die in nicht wenigen Fällen im Menschenhandel und der Sklaverei endet.

Sibylle Hamann schildert beeindruckend die Lebenswelt vieler Frauen, die mitten unter uns leben und dennoch häufig nicht wahrgenommen werden. In klaren Worten beschreibt sie nicht nur die vorhandenen Missstände, sondern kommt auch zu einer sinnvollen Einschätzung dessen, was getan werden muss. Ihr Buch ist ein Plädoyer, die Arbeit dieser Frauen auf der gesellschaftlichen, politischen und rechtlichen Ebene zu würdigen und ihnen den längst verdienten Platz in unserer Mitte einzuräumen.

Residenz Verlag, Sankt Pölten – Salzburg – Wien, 2012, 206 Seiten, 21,90 €


Claudia Haarmann
Mütter sind auch Menschen

Was Töchter und Mütter voneinander wissen solltenCover:

Jede Mutter-Tochter-Beziehung ist eine besondere. So war es auch nicht verwunderlich, dass das bevorstehende Buchprojekt über Mütter und Töchter unweigerlich die unterschiedlichsten Reaktionen von Freundinnen und Bekannten entlockte. Eines aber ist – so die Hauptthese der Verfasserin - all diesen Beziehungen gemeinsam: Jede Mutter will ihrem Kind nur das Beste geben, aber das Leben funkt stets dazwischen. Die Psychotherapeutin Claudia Haarmann rollt in ihrem Buch die Dynamiken auf, die zwischen Müttern und Töchtern in verschiedensten Lebenssituationen entstehen.

„Liebe“, „Bindung“, „Schuld“ und „Verantwortung“ sind die immer wiederkehrenden Schlagworte.

Neueste Erkenntnisse aus Hirnforschung und Traumatherapie heranziehend, erklärt die Autorin, wie die erlebten Traumata früherer Generationen – Kriege, Gewalterfahrungen, Verluste, Schweigen – in das Verhältnis zwischen Mütter und Töchtern eingreifen können.

Haarmann konsultiert Trauma- oder Psychotherapeutinnen und lässt Mütter und Töchter zu Wort kommen. Durch die immer wieder zitierten Berichte der befragten Frauen wirkt das Buch sehr warm, herzlich und offen. Schnell finden wir eine Passage, in der wir uns wieder erkennen. So liest sich „Mütter sind auch Menschen“ nicht wie ein Lehrbuch für Beziehungstherapie. Nach der Lektüre meinen wir eher, uns den Rat einer erfahrenen Freundin geholt zu haben.

Diese Neuauflage enthält zusätzlich ein Kapitel, das den Hintergründen der Konflikte bei Kontaktabbruch zwischen Mutter und Tochter nachgeht. Ein weiteres Kapitel beleuchtet frühkindliche Bindungserfahrungen und deren Auswirkungen auf das Sexualleben Erwachsener.

Orlanda Verlag, Berlin, überarbeitete Neuauflage 2012,19,50 €


Ursula Krebs
Sophies Brautpreis
Eine afrikanische Frau erzähltCover: Krebs Sophies Brautpreis

Nach ihren Romanen „Mireille Makampé – Der Wille meines Vaters geschehe.“ und „ Rosalinde Massado: Komm, zünde meine Lampe an.“ lässt Ursula Krebs erneut eine Frau aus Kamerun ihre Lebens- und Leidens- und – schließlich - Erfolgsgeschichte erzählen.

Sophie darf als eines der ersten Mädchen ihres Dorfes zur Schule gehen. Nach der Grundschule wird das lernbegierige Kind erkennen, dass sie als Mädchen weniger Chancen auf Bildung als die Jungen hat: Die weiterführende Schule in ihrer Nähe ist nur Jungen vorbehalten.

Als gläubige Christin möchte sie keine polygame Beziehung, wie dies in Kamerun oft noch üblich ist, eingehen. Doch die Familie besteht auf einer Heirat, gesteht Sophie aber zu, ihren Ehemann selbst zu wählen. Sie geht eine Ehe mit dem mittellosen Matthias ein. Da er den Brautpreis nicht aufbringen kann, arbeitet auch Sophie dafür, das von ihrer Familie verlangte Geld aufzubringen.
Der Nachwuchs bleibt aus. Die traditionellen Heiler verordnen innere und äußere Reinigungen, Opfergaben an die Verstorbenen, während die „Medizin der Weißen“ durch Operationen und Medikamente das Problem zu beheben versucht. Beide Methoden bleiben ohne Erfolg. Matthias holt sich eine „gebärfähige“ Zweitfrau ins Haus, um seine Männlichkeit nach außen hin „beweisen“ zu können. Sophie kann ihre neue Situation nur unter großen emotionalen Gewissensbissen ertragen. Als die Zweitfrau sich aber von jeder Hausarbeit fernhält, mit der Ausrede, als gebärfähige Frau mehr „wert“ zu sein als Sophie, scheitert die Ehe und Sophie zieht aus. Um wirkliche Freiheit, Würde und Selbstachtung zu erlangen, will sie ihrem Mann den Brautpreis zurückzahlen, eine bis dahin einmalige Unternehmung in der Tradition des Dorfes. Sophie muss Klugheit beweisen und viel Arbeit und Angst auf sich nehmen, um das Geld zu erwirtschaften.

Sophie erzählt stellvertretend für viele afrikanische Frauen authentisch und berührend von Polygamie, Chancenungleichheit und der Abhängigkeit vom Mann. Aber ihre Geschichte lehrt uns, dass individueller Mut starre Traditionen aufzubrechen vermag und so dazu beitragen kann, die Gesellschaft (nicht nur für Frauen) lebenswerter zu machen.

Ursula Krebs, geb. 1941, lebte als Sozialarbeiterin selbst fast 20 Jahre lang in Kamerun. Ihre Erfahrungen machten Sophies Bericht authentisch und glaubhaft.

Lamuv Verlag, Göttingen 2008, 250 Seiten, 12,- €


Jürgen Wacker
Isaaks Schwesternisaaks_schwestern

Die auf wahren Begebenheiten basierende Erzählung des Gynäkologen Jürgen Wacker begleitet die Familie der jungen Fatimata (Fanta) in Burkina Faso, um dann über ein deutsches Paar den Bogen nach Deutschland zu schlagen.

Im Alter von sechs Jahren wird Fanta von ihrer Großmutter einer Genitalverstümmelung unterzogen.
Fantas Mutter, eine angehende Hebamme, selber beschnitten, konnte ihre älteste Tochter nicht vor dem Eingriff schützten. In ihrer Abwesenheit handelte Fantas Großmutter entgegen ihrem ausdrücklichen Wunsch, um das im Namen der Tradition Notwendige zu unternehmen.

Fantas Wunde entzündet sich, sie wird ins Krankenhaus von Dori eingewiesen. Hier wird sie von Jo Lingen, einem deutschen Arzt behandelt. Die Konfrontation mit traditionsbedingten Krankheiten, bietet Anlass für Gespräche, zuweilen heftigen Diskussionen, in denen die Hintergründe der über Generationen gepflegten Praktiken erörtert werden. Lebhaft werden auch die unterschiedlichen Einstellungen zu Schwangerschaft, Entbindung und Kindern in afrikanischen Ländern und in Europa besprochen.

Als Jo Lingens Lebensgefährtin Eva Dammert, eine Fehlgeburt erleidet und sich nur schwer von ihr erholen kann, beschließt das Paar nach Heidelberg zurück zu kehren. Um Djamila, Fantas verwaiste Cousine, vor Genitalverstümmelung zu bewahren, nehmen sie diese mit und adoptieren sie. In Deutschland macht die aufgeschlossene und eifrige Schülerin ganz andere Erfahrungen: Sie wird mit rassistischen Sprüchen belästigt und keine/r ihrer MitschülerInnen steht ihr bei. In ihrer neuen Schule nutzt der Lehrer seine Stellung aus, um SchülerInnen sexuell zu missbrauchen. Djamila flüchtet mit ihrer Freundin.

Ein Buch, das von den Erfahrungen ihres engagierten Verfassers profitiert.

Der Gynäkologe Jürgen Wacker war von 1986 – 1988 für den DED in Burkina Faso tätig, und leitet seit 1988 regelmäßig Workshops gegen Genitalverstümmelungen in Burkina Faso. 2008 gründete Jürgen Wacker den Verein „Menschen für Frauen e.V./ Deutsch-Afrikanische Freundschaftsgesellschaft in der Gynäkologie“.

Westkreuz Verlag, Berlin 2011, 214 Seiten, 19,90€

 

Ali Schirasi
Die Wüste glimmtCover

In seinem neuen Roman zeichnet Ali Schirasi ein Bild des Iran auf seinem Weg in die Revolution, die zum Sturz des Schah und zum Aufstieg der Mullahs führen sollte. In den Mittelpunkt stellt er die Geschichte der „verrückten“ Pari und des Sonderlings Gondik; zwei Menschen, die von ihrer Außenwelt als „minderbemittelt“ wahrgenommen werden.

Die beiden Hauptfiguren ziehen zunächst, einander noch nicht kennend, von einem Dorf zum nächsten, bis sich ihre Lebenswege schließlich kreuzen und sie diese fortan gemeinsam durchlaufen. Die Dorfgemeinde, geprägt durch Gemeinschaft, Tradition und tiefem Glauben nimmt sich bald ihrer an und führt sie durchs Leben; organisiert gar ihre Hochzeit, - einschließlich der Brautwerbung.

Gebannt vom Leben des Paares und der DorfbewohnerInnen gelangt man nahezu beiläufig und unbemerkt in die Wirren der iranischen Revolution, die das Leben der Dorfgesellschaft durcheinander wirbeln und die gesellschaftliche Ordnung des Iran vollständig und nachhaltig umkrempeln sollte.

Dank Schirasi können wir die Konsequenzen dieser einschneidenden Umwälzungen aus der Sicht der Menschen einer Dorfgesellschaft miterleben. „Die Wüste glimmt“ ist ein Roman, den Authentizität, Anschaulichkeit und Lebendigkeit auszeichnen.

Agenda Verlag, Münster 2011, 378 Seiten, 19,80€



Schlangenbrut.
Zeitschrift für feministisch und religiös interessierte Frauen
Schwerpunkt: Neue Medien

Schlangenbrut 116 Sie brachten uns Schnelligkeit, die allgegenwärtige Verfügbarkeit und die globale Auffindbarkeit von allem und jedem. Die neuen Medien haben unseren Alltag verändert. Nicht nur zum Guten. Aber ohne Internet wäre es aufgrund eines unbedachten Satzes, der einem Polizeibeamten entglitten war, wohl kaum so schnell zu einer internationalen Protestbewegung gekommen, wie mit den Slutwalks geschehen. Fotografien zum „Schlampenmarsch“ bebildern denn auch erfrischend die März-Ausgabe der Schlangenbrut.

Welche Bedeutung hat das Mitmach-Netz für die Geschlechterfreiheit? – dieser Frage geht Caroline Roth-Ebner in ihrem Artikel nach.
„Sind Computerkurse speziell für Frauen überhaupt noch notwendig?“ erörtert Vanessa Görtz im Gespräch mit Ines Holthaus, der Mitbegründerin des Vereins „Frauen und neue Medien“.

Aber die Beiträge zum Schwerpunkthema kreisen nicht nur um das Internet. Maren Haartje z.B. würdigt die oft übersehene Friedensabeit von Frauen. Sie zeigt, wie diese als couragierte Vermitt-lerinnen, als Medium tätig sind.
Einen Blick von außen auf die Schlangenbrut werfen die beiden Doktorandinnen Anna-Lin Karl und Edina Kiss.
Eine Bibliografie von Vanessa Görtz gibt weiterführende Lese- und Surftipps zu Internet & Co.

Schlangenbrut e.V.: Schlangebrut, 30. Jahrgang, März 2012, Ausgabe 116, 51 Seiten, 4,80 €



Marianne Neuwöhner
„Die Frau ist frei geboren und bleibt dem Manne gleich an Rechten“
Frauenrechte und der Auftrag für die Soziale Arbeit Marianne Neuwöhner: Die Frau ist frei geboren

1791 formulierte Olympe de Gouges ihre legendäre „Erklärung der Rechte der Frau und der Bürgerin“. Welchen Prozess haben die Frauenrechte seither durchlaufen? Wie sieht die aktuelle Situation der Frauen in Deutschland aus? Marianne Neuwöhner geht in ihrer fachkundigen Diplomarbeit diesen Fragen nach und deckt Handlungsbedarf auf. Ein besonderes Augenmerk widmet sie der Sozialen Arbeit als Menschenrechtsprofession und entwickelt Ansätze für die sozialarbeiterische Praxis im Bereich der Frauenrechte.

Vor de Gouges berücksichtigten Menschenrechtserklärungen nur die Rechte des Mannes. Konsequenter Weise beginnt die Autorin ihren Rückblick auf die Geschichte der Frauenrechte mit der französischen Revolutionärin, fährt mit Mary Wollstonechrafts Verteidigung der Frauenrechte von 1792 fort und beschließt mit den Suffragetten in England, um sich dann den wichtigsten Meilensteinen der deutschen Frauenbewegung und ihrer Errungenschaften hin zu wenden.

In der deutschen Gegenwart angekommen klopft sie Bereiche wie Bildung, Beruf, Ehe und Scheidung ab, analysiert die Formen von Gewalt, denen Frauen auch heute noch ausgesetzt sind. Gleichberechtigung sieht sie lediglich für den Bereich der Bildung realisiert. Die Benachteiligungen, die Frauen in Deutschland erfahren, gelten ganz besonders für Migrantinnen, die oft zusätzlich - bedingt z.B. durch die patriarchalen Strukturen ihrer Herkunftsländer - weitere Hürden nehmen müssen.

Unter Bezug auf das von der UNO herausgegebene Manual „Menschenrechte und Soziale Arbeit“ fordert die Autorin nicht nur Angehörige der Sozialen Berufe zum Handel auf. Marianne Neuwöhner möchte mit ihrem Buch „Menschen einen Impuls geben, sich mit den Rechten von Frauen zu beschäftigen und dafür einzusetzen.“ Sie wird das nicht nur bei Lehrenden, Lernenden und Praktizierenden der Sozialen Arbeit erreichen.

Tectum Verlag, Marburg 2010, 200 Seiten, 24,90 €


Iana Matei
Zu verkaufen: Mariana, 15 Jahre alt.
Mein Kampf gegen den MädchenhandelIana Matei: Zu verkaufen: Mariana, 15 Jahre

Iana Matei wurde 1996 von den ChefredakteurInnen der europäischen Ausgaben von Reader’s Digest zur Europäerin des Jahres gewählt. Elf Jahre davor hatte sie die erste Zufluchtstätte für Frauen in Rumänien eingerichtet, die von international operierenden Schlepperbanden ausgebeutet wurden. So zeichnet sie mit ihrer Autobiographie auch gleichzeitig ihr Engagement für zwangsprostituierte Mädchen nach und liefert Einblicke in eine im Verborgenen operierenden Sexmafia.

Bereits im ersten Kapitel lässt sie uns an der wagemutigen Befreiungsaktion der 15-jährigen Ionela aus der Gewalt ihrer Zuhälter teilhaben. Die Geschichte dieses Mädchens, das durch halb Europa gezerrt wurde, um Männern dienstbar zu sein, deckt die Mechanismen des Menschenhandels auf und führt die Ausweglosigkeit ihrer Opfer vor Augen. Ionela ist eines der zahlreichen Mädchen, denen Matei in ihrem Frauenhaus einen Unterschlupf und die Möglichkeit eines neuen Lebensbeginns bietet.

Ein Kapitel widmet die Autorin dem „Lagebild Menschenhandel“ in Europa. Sie führt vor, wie sich die Gesetzgebung der einzelnen Länder auf das Rotlichtmilieu niederschlägt.

1989 floh Matei vor der Polizei nach Jugoslawien und emigrierte danach nach Australien, wo sie ein Psychologiestudium abschloss und sich um obdachlose Menschen kümmerte. Zurück in Rumänien gründete sie ein Projekt für Straßenkinder. Als ihr von der Polizei drei minderjährige Zwangsprostituierte anvertraut wurden, suchte sie nach einer geeigneten Unterkunft und mietete eine Wohnung, in die sie mit den Mädchen einzog. Damit war der Keim für „Reaching out“, ihr Frauenhausprojekt für „zerbrochene Puppen“ gesetzt.

Das Buch ist ein Augenöffner: Es enthüllt den Menschenhandel als moderne Sklaverei, es enthüllt die Leiden der Betroffenen, die selbst nach einer „Befreiung“ lange mit Krankheiten und Traumata leben müssen. Manche überleben nicht.

Bastei Lübbe TB, Köln 2011, 286 Seiten, 8,99

Ulrike Karner
RegenbogenlichtUlrike Karner: Regenbogenlicht

Nach ihrem Debutroman Allah und der Regenbogen führt die Psychologin Ulrike Karner in ihrem zweiten Roman die Geschichte über das Leben der jungen Türkin Ebru weiter, die nach ihrem Outing als Lesbe ihr selbstbestimmtes Leben in Wien genießt.

Vor dem Hintergrund von Konflikten, die die türkische Migrantin in Bezug auf religiöse Traditionen ihrer Familie erlebt, entspinnen sich die Erzählungen über ihre Suche nach der großen Liebe, die Entdeckung ihrer Sexualität und ihre Freundschaft zu Lena, die in Ebrus Bruder Tarik verliebt ist. Dieser soll jedoch mit einer Cousine aus der Türkei verheiratet werden, um die von seiner Schwester beschmutzte Familienehre wieder herzustellen.

Der Autorin gelingt es, Themen wie Migration und Integration in Österreich, Zwangsheiraten und Homosexualität miteinander zu verbinden und den LeserInnen durch die Erlebnisse der jugendlichen Charaktere feinfühlig und authentisch näher zu bringen.

Wie bereits in Allah und der Regenbogen ist die romanhafte Erzählweise durchbrochen von Kurztexten in Form von E-Mails, Chats oder SMS, was eine Unmittelbarkeit der Ereignisse suggeriert, sodass man während des Lesens das Gefühl hat, die Wirren des Gefühlslebens von Ebru, Lena & Co direkt nachzuvollziehen.

Auch spricht die Autorin auf diese Weise gezielt Jugendliche an, die auf der Suche nach sich selbst, nach Werten, Freundschaft und Solidarität sind. (Besprechung: Sarah Breitenbach)

Ulrike Helmer Verlag, Sulzbach 2011, 290 Seiten, 19,95 €

Barbara Naziri
Grüner Himmel über schwarzen Tulpen
Ein west-östlicher Blick hinter den Schleier des IransCover Naziri: Grüner Himmel

In ihrem Roman erzählt die Autorin in poetischer Sprache von ihren west-östlichen Einsichten in die Welt zweier unterschiedlicher Kulturkreise und ergänzt durch ihre eigenen Erfahrungen das von den Medien einseitig geprägte Bild des Irans. Die Autobiographie stellt so zu einer Mischung aus Reisebericht, Geschichtsbuch und gesellschaftlichem Protestzeugnis dar, in der die politischen Verwerfungen der jüngeren iranischen Geschichte durch die Empathie der Autorin für das Land ihrer Vorfahren auf gefühlvolle Weise an den Leser herangeführt werden.

Barbara Naziri, deren Mutter deutsch-dänische und deren Vater iranische Wurzeln hat, ist durch ihr Umfeld früh für die Bereicherungen aber auch das Konfliktpotential interkultureller Begegnungen sensibilisiert worden. Aufgewachsen in Hamburg bereist sie nach der Geburt ihrer Kinder über zwanzig Jahre lang den Iran mit dem Ziel, ihr Leben einmal dort zu verbringen: Ein Traum, der sich angesichts systematischer Menschenrechtsverletzungen und politischer Repressalien, fundamentalistischer Mullahs und dem herrschenden Gesetz der Scharia, das vor allem die Freiheitsrechte der Frauen betrifft, schwierig zu gestalten scheint.

Naziri nimmt den Leser einerseits mit in die abwechslungsreiche Natur und Landschaft des Iran, deren Beschreibungen eine stark bildhafte Sprache anhaftet. Andererseits berichtet sie von den alten persischen Kulturstätten wie den Feuertempeln Zarathustras oder den großartigen Moscheen und Grabstätten berühmter Dichter. Auch die Anfänge und Auswirkungen der Islamischen Revolution auf die Zivilbevölkerung, die in der Mehrheit nach Frieden, Reformen und politischer Partizipation strebt, stehen im Zentrum der Handlung und formen durch ihre Eindrücklichkeit aber auch durch den humorvollen Erzählton ein neues Bild der sozialen und gesellschaftlichen Lebensumstände moderner Iranerinnen und Iraner. Dies konkretisiert sich zum Beispiel in den anschaulichen Beschreibungen der Grünen Demokratiebewegung und den Demonstrationen von 2009, in deren Verlauf vor allem die Stärke der Frauen sichtbar wird.

Barbara Naziri ist in ihrem autobiographischen Roman eine persönliche Auseinandersetzung mit den Stärken und Schwächen, den Hoffnungen und Frustrationen gelungen, mit denen die Einwohner aber auch die Exilanten dieses Vielvölkerstaates zu kämpfen haben. Über die individuelle Ebene hinaus spricht sie relevante zeitgenössische Umwälzungen in sozialen und politischen Bereichen an, die die Kultur des Iran formen und zeichnet so ein differenziertes Bild der iranischen Gesellschaft.

In dieser Hinsicht leistet die Autorin einen Beitrag zur interkulturellen Verständigung zwischen dem Westen und dem Osten, zwischen Deutschland und dem Iran. (Besprechung: Sarah Breitenbach)

Christel Göttert Verlag, 2011, 422 Seiten, 19,80 €

Sengül Obinger
Löwinnenherz

Wie ich mir meine Freiheit erkämpfte und dabei fast das Leben verlorCover Obinger: Löwinnenherz

Sengül Obinger musste afgrund eines schweren Nierenleidens ihre ersten fünf Lebensjahre fast ausschließlich im Krankenhaus verbringen. Fünf schmerzhafte Jahre, die dennoch einen Vorteil hatten: Von einer Krankenschwester, die sich hingebungsvoll um sie kümmerte, lernte sie deutsch. So war sie später in der Lage, für ihre aus der Türkei stammenden Eltern zu dolmetschen. Ihren zu Gewalt neigenden Vater, vertrat sie sogar vor Gericht. Während einer Gerichtsverhandlung wird sie vom Anblick einer souverän auftretenden Anwältin in Bann gezogen. Diese Frau wird für die junge Sengül zum Vorbild. Ihr Bild wird ihr helfen, in scheinbar ausweglosen Situationen, den Mut und den Willen aufzubringen für ihre selbst gesteckten Ziele zu kämpfen.

Sengül ist ein bildungshungriges Kind. Aber ihre Familie macht ihr in aller Deutlichkeit klar, dass Schulausbildung für Mädchen „für die Katz“ ist. Sie werden ohnehin heiraten und dann ihre Aufgaben im Haushalt erfüllen. Ihr Alltag ist von Kontrolle und Sanktionen geprägt. Im Pubertätsalter erlebt sie ihre Mutter gar als „Terrorbeauftragte zur Überwachung“ des Hymens.

Mit 18 wird sie schließlich in der Türkei gegen ihren Willen mit einem Cousin verheiratet. Jetzt ist sie und bald auch ihre Tochter, die kurz nach der Heirat zur Welt kommt, der Willkür und Brutalität ihres Ehemannes ausgeliefert. Nach fünf Jahren reicht sie schließlich die Scheidung ein. Die Schüsse, die er auf sie abfeuert, verfehlen sie wie durch ein Wunder. Ihr Mann richtet sich selbst.
Nach der langen Leidenszeit hat die junge Frau jetzt nicht nur die Rache der Familie ihres Mannes zu fürchten, sie muss auch mit der Ächtung ihrer eigenen Familie leben, die ihr die Schuld für die missratene Ehe zuweist.

14 Jahre nach der Tat schreibt Sengül Obinger ihre Autobiografie. Sie hat eine Ausbildung zur Personalfachfrau absolviert und strebt ein Jurastudium an. Sie ist glücklich verheiratet und hat eine zweite Tochter.

Sengül Obingers Biografie ist das Zeugnis einer Frau, die sich nicht brechen ließ und alles dran setzte ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Ihr Buch wird vielen Frauen in ähnlichen Situationen Mut machen.
Für uns alle ist es ein wertvoller und herausragender Beitrag im vielstimmig – und zuweilen eintönig - klingenden Chor zum Thema Integration.

Herder Verlag, Freiburg im Breisgau 2011, 220 Seiten, 17,95 €


Jutta Hartmann / ado e.V. (Hrsg.)
Perspektiven professioneller Opferhilfe
Theorie und Praxis eines interdisziplinären HandlungsfeldesCover Opferhilfe

Die Folgen von Straf- und insbesondere von Gewalttaten sind für die betroffen Menschen oft sehr gravierend und beeinflussen ihr Leben nachhaltig.

Es bedarf professioneller Hilfe um die verletzenden Erfahrungen zu überwinden und Folgeschäden vorzubeugen. Kompetente Opferhilfe ist also zwangsläufig ein vielschichtiges und interdisziplinäres Handlungsfeld.
Der Band, entstanden anlässlich 20-jährigen Bestehens des „Arbeitskreises der Opferhilfe in Deutschland“ (ado), vereint Beiträge von AutorInnen die aus Wissenschaft und Praxis kommen. So entstand ein Buch, das einen systematischen Zugang zum Praxisfeld der Opferhilfe aus wissenschaftlicher, rechtlicher, psycho-sozialer, praxisreflektierender sowie qualifizierender Perspektive bietet.

Wichtige Entwicklungen und Erkenntnisse sowie Verfahren und Herausforderungen der Opferhilfe werden dargelegt und Einblicke in die Opferhilfe als ein professionalisiertes Handlungsfeld Sozialer Arbeit vermittelt.

Der Band wendet sich an Lehrende und Studierende der Sozialwissenschaften sowie an SozialarbeiterInnen, PsychologInnen, JuristInnen und Akteure verwandter Disziplinen in der Praxis der Opferhilfe.

VS Verlag der Wissenschaften/Springer Fachmedien Wiesbaden. 2010, 329 Seiten, 34,95


Hedwig Kolonko
Zwei Gesichter des Isan
Das Leben in einer thailändischen GroßfamilieKolonko: Zwei Gesichter des Isan

Jake und Tine, zwei Deutsche in Thailand sind die Hauptfiguren in Kolonkos Roman. Im Norden Thailands (Isan) versuchen sie gemeinsam mit ihren thailändischen LebensgefährtInnen und deren Familien ein Leben aufzubauen. Selbst schlechte Erfahrungen können ihre Liebe zu Land und Leuten nicht schmälern. Diese Verbundenheit spürt man in den intensiven Beschreibungen der Autorin. Einer Dokumentation gleich illustriert sie mit lebhaften und farbenfrohen Bildern den Alltag der thailändischen Bevölkerung. Die LeserIn erfährt beispielsweise vom engen Familienzusammenhalt, den Ess- und Kochgewohnheiten oder der Schulbildung.

Kolonko gewährt auch kritische Blicke hinter die zweifellos wunderbare touristische Fassade: Sie beschreibt die Not der Landbevölkerung, die durch Auslandsarbeit zerrissenen Familien, die Trostlosigkeit der vielen Kinder, die nach dem Tsunami 2004 elternlos zurückgeblieben sind. Sie gibt den mittellosen „Thaimädchen",  die versuchen, sich durch eine Ehe mit einem Farrang, einem Weißen, den Lebensunterhalt und den ihrer Familien zu sichern, ein Gesicht. Mit ihrem kritischen Blick auf das Elend dieser Frauen und Mädchen relativiert sie die von Klischees verbrähmten Wahrnehmungen vieler deutscher Sex- und Heiratstouristen.

Der Roman, dem farbige Fotos beigegeben sind, will den Blick für eine arme Region schärfen, in der sich Kolonko für die Waisenkinder einsetzt. Das Buch möchte zur Finanzierung eines Kinderdorfes beitragen und Sponsoren über das Projekt informieren.

Die in Deutschland geborene Autorin lebt selbst mit ihrem Sohn seit 2001 im Nordosten Thailands. Aus dieser Erfahrung heraus ergibt sich eine authentische und lebhafte Schilderung.

Araki Verlag Leipzig, 2010, 165 Seiten, 12,50 €


Sabatina James
Nur die Wahrheit macht uns frei

Mein Leben zwischen Islam und ChristentumCover: James

Sabatina James, 1982 in Pakistan geboren, emigrierte mit ihrer Familie im Alter von zehn Jahren nach Österreich. Mit 17 entkam sie einer Zwangsverheiratung und flüchtete nach Deutschland., wo sie zum Christentum konvertierte. Seither muss sie mit den Morddrohungen ihrer Eltern leben.

Sabatina James gab nicht klein bei, sondern gründete den Verein Sabatina e.V., um anderen Mädchen und Frauen beizustehen, die sich in ähnlichen Situationen befinden.

Durch ihren Verein lernte sie viele Frauen aus ihrer Heimat Pakistan, aber auch aus Österreich und Deutschland kennen, die sich wegen erlittener physischer, psychischer und sexueller Gewalt an sie wandten. Frauenschicksale, die sich für sie in der Rechtsordnung der Scharia begründen.

Die Autorin positioniert sich klar gegen die Unterdrückung von Frauen sowohl im privaten als auch im öffentlichen Raum. Es ist ihr besonderes Anliegen, die Öffentlichkeit für die Themen Zwangsverheiratung sowie häusliche Gewalt in muslimischen Familien zu sensibilisieren und die Politik und Gesellschaft in diesem Bereich zum Positiven zu verändern.

Sabatina James’ Autobiographie ist die Geschichte einer Rebellin, die nicht aufgibt und doch ehrlich ihre Verzweiflung angesichts der Hoffnungslosigkeit einzelner Frauenschicksale zum Ausdruck bringt. Durch diese Authentizität fesselt sie die LeserInnen und vermittelt ihnen Einsichten in religiöse Welten, die nicht unbedingt nur im fernen Pakistan, sondern mitten in Deutschland existieren.

Pattloch Verlag, München, 2011, 283 Seiten, 16,99 €


Babette Cole
Prinzessin PfiffigundeCover Pfiffigunde

Alle Welt erwartet, dass eine Märchenprinzessin den Märchenprinzen heiratet. Doch Prinzessin Pfiffigunde hat übrehaupt keine Lust zum Heiraten. Um sich der Bewerber um ihre Hand zu erwehren, greift sie zu einem bewährten Mittel: Sie stellt knifflige Aufgaben.
Doch die allerkniffligste Aufgabe muss sie schließlich selbst lösen ...

Carlsen Verlag Hamburg, 2005, 14,90 €


Neuanschaffungen 2011

Gunter Geiger (Hrsg.)
Die Hälfte der Gerechtigkeit?
Das Ringen um universelle Anerkennung von Menschenrechten für FrauenCover

Die internationalen Frauenkonferenzen der UNO seit den 1970er Jahren und die verabschiedeten frauenrechtlichen Dokumente sind Meilensteine der internationalen Entwicklungs-zusammenarbeit. Aber auch 30 Jahre nach Einführung von CEDAW sind Frauen weltweit immer noch von der universellen Anerkennung der Menschenrechte ausgeschlossen. Die Diskriminierung von Frauen und die mangelnde Gleichstellung spielt weltweit immer noch eine große Rolle, auch wenn die Arten und Formen der Diskriminierung nicht überall gleich aussehen.
Fehlendes Bewusstsein, fehlender politischer Wille aber auch das Festhalten an geschlechtsspezifischen Rollenverteilungen und Widerstände aus vermeintlich religiösen oder kulturellen Ansichten werden als Gründe aufgeführt.

Geiger lässt in seinem Werk verschiedene Expertinnen zu Wort kommen, die den Stand der Frauenrechte in asiatischen Ländern diskutieren. Anhand der Themenkomplexe menschenwürdiges Wohnen in den Metropolen Asiens oder den Rechten von Frauen im Kontext von Kirche und Gesellschaft in Asien generell aber auch länderspezifische Einblicke wie zu den Arbeits- und Frauenrechten von Wanderarbeiterinnen oder der konfuzianischen Moralerziehung in China sowie der Menschenrechtslage in Afghanistan, Irak, Indonesien und Indien wird verdeutlicht, wie und warum Frauen und Kinder vor dem Hintergrund der Missachtung ihrer Rechte besonders von Armut und Ungleichheit betroffen sind.

Das Werk, das aus einer Vortragsreihe zum Thema Menschenrechte heraus entstanden ist, stellt Frauenrechte in den Mittelpunkt. Deutlich wird, wie wichtig eine intensive Menschenrechtsbildung für den Abbau sozialer Ungleichheiten weltweit weiterhin ist.

Verlag Barbara Budrich, Opladen & Farmington Hills, MI 2011, 258.Seiten, 28 €

Hirschfeld- Eddy-Stiftung
Yogykarta PlusYogyakarta-Cover
Menschenrechte für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender und Intersexuelle in der internationalen Praxis

Was tun gegen Menschenrechtsverletzungen gegenüber Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transgendern und Intersexuellen (LSBTI)?

Schutz und Gewährleistung der Menschenrechte sollten das Fundament eines jeden demokratischen Staates sein, doch haben in zu vielen Ländern LSBTI unter starken Menschenrechtsverletzungen zu leiden.

Das Handbuch der Hirschfeld-Eddy-Stiftung sensibilisiert für dieses Thema und informiert umfassend über die Yogykarta-Prinzipien. Diese leiten sich aus bestehenden Menschenrechtsverträgen ab und sind zum globalen Standard für die Verwirklichung der Menschenrechte von LSBTI geworden. Das Handbuch erklärt ausführlich, was die Yogykarta- Prinzipien sind, warum es sie gibt und wie sie angewandt werden.
Die Autoren gehen im Detail darauf ein, im welchen rechtlichen Kontext die Yogykarta- Prinzipien zu sehen sind und an wen sie sich richten. 16 Fallstudien verdeutlichen die Anwendungsmöglichkeiten der Yogykarta-Prinzipien und zeigen ihren Erfolg auf der ganzen Welt.

Schriftenreihe der Hirschfeld- Eddy- Stiftung – Band 2 , 2011, 161 Seiten, kostenlos


Matthias Deiß / Jo Goll Ehrenmord
Ein deutsches SchicksalCover Ehrenmord

Hatun Sürücü wurde am 7. Februar 2005 von ihrem Bruder erschossen auf offener Straße erschossen.
Matthias Deiß und Jo Goll sind den Hintergründen ihrer Ermordung nachgegangen und haben das Ergebnis ihrer Recherche in einem Buch und in einem vom WDR gesendeten Film festgehalten.

Die beiden Journalisten haben den Mörder, den jüngsten von drei Brüdern, in den vergangenen zwei Jahren in der Charlottenburger Justizvollzugsanstalt in Berlin besucht.
Es ist ihnen sogar gelungen, den Aufenthalt der anderen beiden Brüder ausfindig zu machen. Mit einer Flucht in die Türkei konnten diese sich einer weiteren Verfolgung durch die deutsche Justiz entziehen. Deiß und Goll haben mit ihnen in Ostanatolien und Istanbul Gespräche geführt. Auch sechs Jahre nach dem Tod ihrer Schwester zeigt keiner der Brüder Reue.
Umso bewegender die Begegnung mit Hatuns Freundin Melek. Vor Gericht trat sie als Kronzeugin auf und muss seither im Schutz einer neuen Identität leben.

Hoffmann und Campe, Hamburg 2011, 255 Seiten. 18,99 €

Die ARD-Dokumentation „Verlorene Ehre - Der Irrweg der Familie Sürücü“ wurde am 27. Juli 2011 gesendet und kann auf You Tube angeschaut werden. Redaktion: Gabriele Conrad (RBB), Mathias Werth (WDR)

Marijke Looman
Am Rande der Macht
Frauen in Deutschland in Politik und Wirtschaft

In ihrer Dissertation entwirft Cover Am Rande der MachtMarijke Looman eine genderkritische Bestandsaufnahme zum Frauenanteil in Politik und Wirtschaft. Auch wenn es bereits einige Spitzenpositionen für Frauen in Wissenschaft, in Politik, im Rechtssystem und in der Kirche gibt, haben Frauen bisher „nicht den Marsch durch die von Männern dominierten Institutionen angetreten.“

Zu Beginn stellt die Autorin anhand der Überlegungen bedeutender SoziologInnen die Entstehung der Geschlechterkonstruktion und eine Analyse des Prozesses, in dem diese sich fortpflanzt, dar. Geschlechtszugehörigkeit wird als Ergebnis einer sozialen Praxis verstanden, die die Darstellung und Zuschreibung von Geschlecht umfasst. Ein Blick in die politische Philosophie verdeutlicht, wie es gelingen konnte, Frauen über lange Zeit hinweg vom Gleichheitspostulat der Aufklärung auszuschließen.
Das Kapitel schließt mit einem historischen Abriss zur Entwicklung der rechtlichen und materiellen Gleichstellung von Frauen in Deutschland.

Im zweiten Kapitel folgt ihre empirische Untersuchung zur Partizipation von Frauen in Deutschland im Bereich der Wirtschaft und der Politik. Dafür wertet sie Daten der Forschungseinrichtung IAB der Bundesagentur aus und betrachtet den Frauenanteil in den Parteipositionen auf Länder- und Bundesebene sowie an legislativen und exekutiven Ämtern und Mandaten auf Bundes- und Länderebene. Die Frage, inwieweit Frauen im gleichen Maß wie Männer Zugang zum Erwerbsarbeitsmarkt und zu Führungspositionen der Wirtschaft erlangen oder daran behindert werden, leitet sie dabei.
Im Ergebnis hält sie fest, dass trotz steigender Frauenanteile Männer- und Frauenberufe generell weiterhin existierten. So gibt es in der Politik auch überwiegend männliche und weibliche Ressorts.

Im abschließenden Kapitel werden Konzepte zur Stärkung geschlechtergerechter Partizipation wie Gendermainstreaming oder Quotierungsregelungen vorgestellt und bewertet. Loomans Meinung nach stellten diese bisher eher Mittel symbolischer Macht dar und seien Teil einer im Sinne von Gleichstellung politisch korrekten PR-Arbeit, aber (noch) keine operativen Instrumente und Strategien zur Herstellung tatsächlicher Geschlechtergerechtigkeit.

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Autorin in ihrer Studie solide recherchierte Daten, Fakten und empirisch belegte Argumente um Ideologie und Realität der Geschlechtergerechtigkeit zur Diskussion stellt und mit teils hoffnungsfrohen, teils aber auch ernüchternden Zahlen den Standort der deutschen Gegenwartsgesellschaft auf dem Weg zur Geschlechterdemokratie aufzeigt.

Budrich UniPress Ltd. Opladen & Farmington Hills, MI 2011, 219 Seiten, 24,90 €

Melanie Feuerbach
Alternative Übergangsrituale
Untersuchung zu Praktiken der weiblichen Genitalverstümmelung im subsaharischen Afrika und deren Transformationen im Entwicklungsprozess.

feuerbachJährlich werden bis zu drei Millionen Mädchen an ihren Genitalien verstümmelt. Als Begründung dient meistens der Hinweis auf fest verankerte Traditionen und Rituale. Doch Kulturen und ihre Rituale sind keine monolithischen Gebilde und dementsprechend veränderbar. Das zeigt die Entwicklungspolitologin Feuerbach in ihrer Dissertation. Die Autorin ist mit der Thematik sehr vertraut. Ihre Informationen für ihre Untersuchung basieren vor allem auf teilnehmenden Beobachtungen. Zudem führte sie zahlreiche Interviews mit Akteur_innen und Adressat_innen der Übergangsrituale sowie mit Mitarbeiter_innen von internationalen Organisationen.

Den Rahmen ihrer Untersuchung steckt sie einleitend anhand der theoretischen Konzepte und Ansätze vor allem aus den Sozialwissenschaften, der Ethnologie und Entwicklungspolitologie zu den Annahmen von Kultur, Ritual und Entwicklung ab. Vor diesem Hintergrund untersucht sie Alternativen zu den herkömmlichen Ritualen anhand dreier Projekte gegen weibliche Genitalverstümmelung in Kenya. Mit der Entwicklung von alternativen Übergangsritualen wird das Ziel verfolgt, die Praktik der weiblichen Genitalverstümmelung zu überwinden, ohne den kulturellen Kontext der Initiation aufzuheben. Dementsprechend markiert das neue Ritual den Übergang junger Mädchen in eine andere Lebensphase.

Kenya als Beispiel ihrer Untersuchungen bietet sich deshalb an, da das landesweite Netzwerk für lokale Frauengruppen Maendeleo ya Wanawake Organization hier 1996 ein Alternativritual initiierte, das als vorbildlich für weitere Projekte in anderen Ländern des Kontinents gilt. Die beiden Projekte der Mbuyuni Women Group sowie der internationalen Organisation World Vision folgten in den Jahren 2002 und 2003. In ihrer Gegenüberstellung der drei Projekte fragt die Autorin insbesondere nach finanziellen und institutionellen Voraussetzungen sowie der Berücksichtigung von komplexen Auswirkungen der Armut (z.B. im Gesundheits- oder Bildungsbereich) für eine erfolgreiche und nachhaltige Projektarbeit, mit der die Praktik der genitalen Verstümmelung für Mädchen überwunden werden kann. Feuerbachs Werk ist die erste wissenschaftliche Studie zur Entwicklung von alternativen Ritualen auf dem afrikanischen Kontinent. Sie bietet einen wichtigen Orientierungsrahmen für alle, die daran interessiert sind, die gewalttätige Praxis der Genitalverstümmelung mittels kultursensibler Entwicklungsarbeit zu überwinden.

VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden, 2011, 305 Seiten, 34.95 €


Jessica Valenti
The Purity Myth
How America’s Obsession with Virginity Is Hurting Young WomenCover Purity Myths

Das Buch der feministischen Bloggerin widmet sich der „Enthaltsamkeits-Bewegung“ in den USA. Ein um sich greifendes Phänomen, das von den Medien propagiert, in den Social Networks debattiert wird; die Jungfräulichkeit ist der Trend in der Pop-Kultur schlechthin. Schulen verbreiten die Lehre von der Enthaltsamkeit, gefördert vom Staat, der hohe Geldsummen beisteuert.
Valenti entlarvt diese Bewegung als eine, die Frauen die körperliche Selbstbestimmung abspricht, ihren Wert an ihr sexuelles Verhalten koppelt.
Sie nimmt sich der Fragen von Enthaltsamkeit bis hin zur Pornografie an und führt vor, wie Frauen, die es wagen, ein eigenständiges Sexualleben zu führen, mit rechtlichen und sozialen Sanktionen rechnen müssen. Valentis Buch fordert aber auch auf, das Bild von der männlichen Sexualität zu überdenken und umzuformulieren. Die in der US-Gesellschaft oftmals kultivierten Geschlechterstereotypen - der Mann als Sklave seiner Genitalien, die Frau als gefühliges Schmusewesen, der Sex nichts zu bedeuten hat – förderten eine sexistische Haltung und führten im späteren Leben zu einer Vielzahl von Problemen.

Ein gut recherchiertes und lebendig geschriebenes Buch, das jeder (jungen) Frau – und (jungem) Mann empfohlen sei.

Seal Press, Kalifornien 2009, 263 S., $ 24,95


Sibel Türker
JungfernhautCover

In ihrem Debütroman Jungfernhaut beschreibt die türkische Autorin Sibel Türker das Leben verschiedener Frauen in der heutigen Türkei zwischen herkömmlichen Konventionen und Emanzipation.
Ersin trägt einen Männernamen, sie ist unangepasst, studiert Jura, liebt Musik, Zigaretten und Poesie. Ihre ältere Schwester Yeşim hat sich dagegen dem Heiraten verschrieben und muss sich regelmäßig Operationen zur Wiederherstellung ihrer Jungfräulichkeit unterziehen. An der Universität begegnet Ersin ihrer Mitstudentin Elif, die ihr Haar unter einer Perücke verbirgt, da es verboten ist, die Hochschule mit Kopftuch zu betreten. Die beiden jungen Frauen freunden sich an und Ersin wird mit ihren eigenen Vorurteilen konfrontiert – Elif ist ihr nämlich viel ähnlicher als sie zunächst wahrhaben will.
Als Ersin sich dann auch noch in den gläubigen Jurastudenten Samim verliebt, wundert sich ihr Freundeskreis über ihren Umgang mit »den Islamisten«.
In der Zwischenzeit läuft die Eheanbahnung von ihrer Mutter und Schwester auf Hochtouren und Ersins schlimmste Befürchtungen bestätigen sich.

Vor diesem Hintergrund entwirft Sibel Türker in ihrem Roman »Jungfernhaut« Charaktere, die höchst unterschiedlich mit gesellschaftlichen Normen und den vorhandenen Möglichkeiten umgehen, sich von diesen zu lösen.

Die Autorin Sibel Türker wurde 1968 in Ankara geboren und studierte an der dortigen Universität Jura. 2005 erhielt sie den Yunus-Nadi-Preis, den ältesten noch vergebenen Literaturpreis in der Türkei, für ihre literarischen Leistungen.

Orlanda Frauenverlag, Berlin, 2009, 220 Seiten. 14,90 €


Ayfer Yazgan
Morde ohne Ehre
Der Ehrenmord in der Türkei. Erklärungsansätze und Gegenstrategien

yazganMit dem Konzept der „Ehre“ in der türkischen Kultur wurde die in der Türkei geborene und auch heute noch der dortigen Gesellschaft verbundene Autorin häufig konfrontiert. So entstand das Interesse am Thema und führte sie zu der zentralen Fragestellung ihrer Dissertation: „Wie sind die Ehrenmorde nach dem heutigen Forschungsstand und vor allem am Fallbeispiel des Untersuchungslandes Türkei zu charakterisieren?“

Während ihrer Beschäftigung mit der westlichen Literatur zu „Ehrenmorden“ fand die Wissenschaftlerin – wohl auch bedingt durch mangelnde Sprachkenntnisse - türkische Studien in den westlichen Forschungen und Theorien kaum berücksichtigt. Folgerichtig hat Yazgan für ihre Arbeit neben internationalen Studien auch türkische Fachliteratur miteinbezogen. Zudem führte sie Interviews mit zahlreichen türkischen Wissenschaftler_innen, mit beruflich mit dem Thema Beschäftigen und befragte Mitarbeiter_innen von Frauenorganisationen.
Als Teil ihrer Untersuchung hatte die Autorin auch die Auswertung von Unterlagen der türkischen Polizei geplant. Da ihr jedoch eine Akteneinsicht verweigert wurde, beschloss sie, auf Zeitungsberichte auszuweichen. Ein Glücksfall: Die Artikel erwiesen sich als „soziologischer Bodensatz“ und wertvolle Datenquelle.

Yazgans materialreiche Analyse bietet somit eine interdisziplinäre Sichtweise zur vielschichtigen Charakterisierung von „Ehrenmorden“ mit dem Fokus auf die Türkei.

Ihr Augenmerk gilt auch der Stellung der Frau in der Türkei oder einer möglichen Legitimierung von Ehrenmorden durch den Islam.

Bestärkt durch in der Türkei durchgeführte Studien, die mit Expert_innen geführten Interviews und durch ihre Betrachtungen von Einzelfällen, kommt die Autorin zu dem Fazit, dass „neben psychologischen Faktoren, insbesondere den schlechten sozioökonomischen Rahmenbedingungen, unter denen die meisten Täter aufgewachsen sind und leben“ eine wichtige Rolle“ zukommt. Die Tolerierung von „Ehrenmorden“ und die patriarchalischen Strukturen, die die Unterdrückung der Frauen in sich bergen, werden unter anderem als weitere Ursachen genannt.
Präventions- und Lösungsmaßnahmen bieten Perspektiven in die Zukunft.

Transcript Verlag, Bielefeld, 2010, 348 Seiten, 29,80 €

Schlangenbrut e.V.
Schlangenbrut
Zeitschrift für feministische und religiös interessierte FrauenSchlangebrut 112

 Die März-Ausgabe der Schlangebrut widmete sich dem Thema „Frauen & Fußball“.

„Immer auch eine Spur religiöse Sehnsucht“ entdecken die Macherinnen der Zeitschrift in den gemeinschaftsstiftenden Zeremonien und Ritualen der Fußballfans. Spuren, erahnbar auch in den Texten der Schlangenbrut-Autorinnen.
Welchen Platz und welche Rolle kommt weiblichen Fans im Männerfußball zu? Diesen Fragen geht Nicole Selmer nach. Sie sieht in der Auseinandersetzung mit den Vorurteilen und den Ausgrenzungen sogar gute Chancen für Frauen, sich in der Männerdomäne nach und nach Freiräume zu schaffen und „im besten Fall sogar subversiv für allmähliche Veränderung zu sorgen.“
Sophia Gerschel, Mitarbeiterin im Fanprojekt Karlsruher SC hat beobachtet, wie Frauen in den Fankurven aufgenommen werden, welche Kleider- und Benimmkodices sie einhalten müssen, um von den männlichen Fans akzeptiert oder sogar in ihren Kreisen aufgenommen zu werden.
Claudia Kugelmann und Marianne Meier untersuchen in ihrem Artikel Geschlechternormen, die im Fußball und anderen Sportarten geschaffen werden.
Eine tragende Rolle übernehmen Frauen auch in der Fußballartikelproduktion. Ihre schlechten Arbeitsbedingen werden von der "Kampagne für Saubere Kleidung" schon seit Jahren angeprangert. Kirsten Clodius schildert uns die Situation der Näherinnen.
Schließlich rücken die Autorinnen im Jahr der Frauen-WM in Deutschland auch den Frauenfußball in den Blick: So wird Nationalspielerin Annike Krahn interviewt oder anhand des Werdeganges von Lira Bajramaj die Möglichkeiten für Spielerinnen mit Migrationshintergrund im deutschen Fußball ausgelotet.

Das Thema der  Ausgabe 113/114 heißt "Schweigen".

Schlangebrut März 2011, Ausgabe 112, Heft 4,80 €


Urmila Chaudhary
Sklavenkind
Verkauft, verschleppt, vergessen – Mein Kampf für Nepals Töchtersklavenkind

Kamalari bedeutet „hart arbeitende Frau“. Aber damit sind nicht Frauen, sondern Mädchen in Nepal gemeint, die zwischen sechs und achtzehn Jahren alt sind und als billige Haushaltssklavinnen verkauft werden. Urmila Chaudhary war selbst eine Kamalari und erzählt in dem Buch ihre Geschichte.
Als Sechsjährige verkaufte sie ihr Bruder aus der Not heraus für umgerechnet 40 € an eine reiche Familie in Kathmandu. Elf Jahre lang schuftete sie weit weg von ihrer Familie und ihrem Heimatdorf von früh morgens bis spät abends, wusch Wäsche und spülte Geschirr in eiskaltem Wasser und kümmerte sich um die Kinder ihrer Herrin. Sie brachte sie zur Schule und musste vor der Tür warten, durfte aber selbst nicht hinein. Zu essen bekam sie nur die Reste, sie schlief auf dem Boden und wenn sie etwas nicht zur Zufriedenheit ihrer Herrin machte, wurde sie beschimpft und geschlagen.

Obwohl Sklaverei und das Kamalari-System heutzutage in Nepal verboten sind, gibt es noch tausende Mädchen, die ihrer Kindheit beraubt werden und unter schlimmen Umständen arbeiten müssen. Für diese Mädchen setzt sich Chaudhary nun ein. Mit mehreren hundert Kamalari organisierte sie einen Protestmarsch zu dem Regierungssitz, wo sie Lohn für die jahrelange Ausbeutung forderte. Urmila will ihren Kampf fortsetzen, bis jede Kamalari befreit ist.
Das Vorwort zu dem Buch schrieb Senat Berger, die auch Schirmfrau der Plan-Kampagne „Because I am a Girl“ ist.
Interview mit Urmila Chaudhary

Knaur Verlag, München, 2011, 319 Seiten, € 16,99


Esma Çakir-Ceylan
Gewalt im Namen der Ehre
Eine Untersuchung über Gewalttaten in Deutschland und in der Türkei
Unter besonderer Betrachtung der Rechtsentwicklung in der TürkeiGewalt im Namen der Ehre

„Das Wissen um kulturelle Normen und Werte ist unumgänglich, um Gewalt im Namen der Ehre während der Ermittlungstätigkeiten aus der richtigen Perspektive zu sehen, in der Rechtsprechung dogmatisch richtig vorzugehen und schließlich kriminalprävalente Maßnahmen zu ergreifen“. Die Erforschung und Vermittlung dieses Wissens hat sich Esma Çakir-Ceylan in ihrer strafrechtwissenschaftlichen Dissertation vorgenommen. Das Wissen um die Hintergründe des Phänomes „Gewalt im Namen der Ehre“ soll helfen, potentielle Täter oder Opfer als solche zu erkennen, soll helfen die Ermittlungen voranzutreiben und zur richtigen Einordnung von „Ehrenmorden“ beitragen.

Çakir-Ceylan eröffnet ihre Studie mit der Begriffsklärung des Wortes „Ehre“, der für den Tatbestand von “Gewalt im Namen der Ehre“ entscheidend ist. Die türkische Sprache kennt je nach Lebenssituationen unterschiedliche Bezeichnungen. Von größter Bedeutung ist der Begriff „Namus“: Er wird als Geschlechtsehre verstanden, die zwar von der Frau durch sexuelle Zurückhaltung bewahrt wird, aber sich nicht nur auf sie, sondern auch auf ihren Ehemann und ihre Familie bezieht. „Namus“ kann nicht gezielt erworben werden, wohl aber durch falsches Handeln verloren werden. Die Konsequenzen reichen von schlechtem Ruf, können aber im Extremfall zu Suizid oder Mord führen.

Soziologische, sozialwissenschaftliche, historische, geographische und theologische Hintergründe von „Ehrenmorden“ stehen im Vordergrund des zweiten Kapitels. Vor der Strafrechtsreform der Türkei 2005 war Ehre ein geläufiger Ausdruck im Strafgesetzbuch, obwohl es keine Definition für juristische Fälle gab. Die gesellschaftlichen Normen, die im Gesetzbuch vorkamen, ließen den Körper der Frau zum “Symbol der Ehre” werden und konnte als Strafmilderungsgrund herangezogen werden.

Der dritte Teil der Arbeit wendet sich wieder Deutschland zu. Der Begriff der Ehre in Deutschland wird erörtert, indem Çakir-Ceylan Bundesgerichtshof Urteile analysiert, um zu verstehen, wie Wertvorstellungen fremder Kulturen rechtlich eingeordnet wurden. In ihrer Abhandlung des islamischen Rechts bezieht sie auch den Umgang mit “Ehrenmorden” in Ländern wie Jordanien, Iran, Ägypten oder Pakistan mit ein und ermöglicht so eine erweiterte Einordnung des Phänomens.

Das Ergebnis ist ein detailreiches und sorgsam recherchiertes Buch, das uns mit wichtigen Informationen versorgt, aber auch unseren Blick für Zusammenhänge schärft. Nicht nur für Jurist_innen lesenswert.

Peter Lang Internationaler Verlag der Wissenschaften, Frankfurt am Main, 2010, 279 Seiten, € 54,80


Lydia Cacho
Sklaverei

Im Inneren des Milliardengeschäfts Menschenhandelcachok

Die mexikanische Journalistin Lydia Cacho legt in ihrem neuen Buch die Mechanismen frei, die Kinder und Frauen auf der ganzen Welt in die Sklaverei der Sexindustrie führen. Das Buch beruht auf ihrer jahrelangen Recherchearbeit, bei der sie sich selbst in Gefahr begab, um direkt mit Menschenhändler_innen, Polizist_innen und Prostituierten zu sprechen und so an Informationen aus erster Hand zu gelangen.

Der Menschenhandel mit ca. 1,4 Millionen Kindern und Frauen jährlich ist ein Milliardengeschäft, in dem unter anderem Mafiosi, Unternehmer_innen, Militärs, religiöse Führer, Polizeibeamte_innen, Richter_innen und Kleinkriminelle in internationalen Netzwerken zusammenarbeiten.

Cacho unterteilt das Buch in zwei thematische Abschnitte. Im ersten Abschnitt liefert sie detaillierte Innenansichten der lokalen Netzwerke und der unterschiedlichen Akteure in der Türkei, in Israel und Palästina, Japan, Kambodscha, Birma, Argentinien und Mexiko; sie führt die Bedingungen auf, die Menschenhandel und Sklaverei in den jeweiligen Ländern florieren lassen. Aus jedem Land stellt sie eine oder mehrere Personen vor, die auf unterschiedliche Weise in dem Gefüge von Menschenhandel und Zwangsprostitution involviert sind. Zum Beispiel erfährt man von Charm Tong aus Birma, die an der Aufdeckung von Vergewaltigungen und Ermordungen durch die Birmanische Armee arbeitet, und nachweist, dass Mädchen und Frauen ethnischer Minderheiten von der Armee wie Arbeits- und Sexsklaven gehalten werden.

Im zweiten Abschnitt des Buches befasst sie sich systematisch mit den Klienten. Für Cacho ist der stetig wachsende Markt sexueller Dienstleistungen eindeutig auf die zunehmende Nachfrage zurück zu führen. Cacho zeichnet nach, wie die Arme mafiöser Gruppierungen bis in die Justiz hineinreichen und z. B. in Japan Verurteilungen von Frauenhändler_innen fast unmöglich machen und dass oft Polizei und Armee im Menschenhandel verstrickt sind: „Untersuchungen zur Prostitution und dem Handel mit Frauen und Mädchen ergeben, dass es vor allem die vermeintlichen Ordnungshüter, also Angehörige der Polizei und der Armee sind, die Menschenhändler schützen und in den Bordellen mindestens ebenso gute Kunden sind wie Touristen.
“ Die Legalisierung von Prostitution kann nicht zur Lösung der Probleme führen, sie verhilft vielmehr illegalen Machenschaften sich hinter dem Deckmantel legaler Käuflichkeit zu verstecken.

„Gewalt ist nicht gut, denn sie tut weh, und ich muss weinen.“ Dieses Zitat einer 10-jährigen Überlebenden des Sklavenhandels stellt die Autorin ihrem Buch voran. Mit ihrem mutigen Buch zollt Cacho auch den Betroffenen Tribut.

S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main, 2010, 351 Seiten, 19,95 €

Veronika Herz
Trafficking
Die sozialen Folgen des Frauenhandels in Kambodscha
Ein Beitrag aus Sicht der Sozialen Arbeit.herz

Kambodscha gehört schon längst zu den beliebten Zielen des Prostitutionstourismus. Im Hinblick auf geschichtliche, politische, religiöse, wirtschaftliche, psychologische und soziale Aspekte verdeutlicht Veronika Herz die Entstehung der kriminellen Netzwerke und die Folgen dieser Geschäfte für das Land. Dabei geht sie auf die Verstrickung des Militärs und der Polizei in den Prostitutionstourismus ein und zeigt auf, dass Einheimische so wie Ausländer Freier sind. Sie beschreibt wie Frauen und Mädchen direkt ins Prostitutionsgewerbe verkauft werden, aber auch wie z. B. Hausangestellten, die in einem legalen Arbeitsverhältnis sind, sexuelle Gewalt angetan wird. Die Frage, wie Betroffenen geholfen werden kann, geht Herz so an, dass sie zuerst exemplarisch die vor Ort agierende NGO AFESIP (Agir pour les femmes en situations précaire) vorstellt um dann Empfehlungen zur Arbeit gegen die sexuelle Ausbeutung folgen zu lassen. Das Buch ist sehr verständlich geschrieben und bietet einen fundierten Über- und Einblick in die Problematik des Menschenhandels in Kambodscha.

Mit einem Vorwort von Lea Ackermann
Altius Verlag, Erkelenz, 2009, 172 Seiten,19,90 €


Veronika Jaschke
Junge Türkinnen und Zwangsheirat
Welche Rolle spielt ‚Häusliche Gewalt’?JUnge Türkinnen in Deutschland
Zwangsverheiratungen und Gewalt in türkischen Familien werden oft stereotyp und vorurteilsbehaftet, gar als Normalfall wahrgenommen. Der Autorin, die während eines Praxissemesters in einem Frauen- und Kinderschutzhaus die Hintergründe der Betroffenen erfahren konnte, ist es ein Anliegen, mit ihrer Diplomarbeit zu einer differenzierteren Sichtweise beizutragen.

Einem Abriss der Geschichte türkischer Migration in Deutschland folgen Kapitel, in denen sie auf die Situation der Mädchen eingeht: So zeigt sie die Auswirkungen des Kulturkonfliktes auf und beschäftigt sich mit den Folgen von Gewalterfahrung auf die Sozialisation der Jugendlichen. Nach einer Auseinandersetzung mit dem Phänomen „Zwangsverheiratung“ - wobei sie eine Unterscheidung von arrangierter Ehe und Zwangsehe vornimmt - fokussiert sie schließlich das Thema „häusliche Gewalt“ im Zusammenhang mit Zwangsverheiratungen.

Zum Schluss beschreibt sie Präventions- und Interventionsangebote, wobei sie auch auf Rechtsgrundlagen eingeht und eigene Ideen für Hilfsmaßnahmen entwickelt.

Verlag VDM Dr. Müller Aktiengesellschaft & Co. KG, Saarbrücken, 2009, 109 Seiten, 49;- €

Schuhgröße 37
Frauenfußball in Ägypten, der Türkei, Palästina und Berlin
Mit Fotos und Texten von Claudia Wiens und einem Vorwort von Susan Kamel
Schuhgröße 37

Der Bildband portraitiert Mädchen und Frauen aus Ägypten, Palästina, der Türkei und Deutschland beim Fußballspielen. Nicht nur die Bilder zeigen Frauen aus verschiedenen Ländern und Kulturen, auch alle Texte im Buch sind auf Deutsch, Englisch, Türkisch und Arabisch.

Eindrucksvoll zeigen die aus unkonventionellen Perspektiven aufgenommenen Bilder, dass die Faszination Fußball nicht nur Männer, sondern auch Frauen aus verschiedenen Kulturen packen kann. Die Fotojournalistin Claudia Wiens, zuständig für Fotos und Text, ist, ist davon überzeugt, dass „gerade der Fußball, kulturelle, soziale, religiöse und andere Geschlechterschranken sprengen und weltweit zur Integration und Emanzipation von Frauen beitragen kann.“ Spätestens nach dem Durchblättern des Bandes stimmen wir ihr zu.

Die Beiträge des Bandes können vom 15. Juni bis zum 27. August in einer Ausstellung im Kreuzberg-Museum Berlin betrachtet werden.

Dietz Verlag J. H. W. Nachf., Bonn, 2011, 132 Seiten, 22,- €


Rainer Hennies/Daniel Meuren
Frauenfußball. Der lange Weg zur Anerkennungfrauenfussball

Als „Standardwerk des Frauenfußballs“ wird es bereits bezeichnet, und in der Tat haben Rainer Hennies und Daniel Meuren auf fast 400 Seiten mit viel Liebe zum Detail eine Fülle von Informationen zum Thema Frauenfußball zusammengetragen.

Kapitel zu verschiedenen Epochen des Frauenfußballs wechseln sich ab mit Interviews, zahlreichen Fotos sowie Spielerinnen- und Vereinsporträts. Auch das heikle Thema Homosexualität auf dem Fußballplatz erhält Raum, wird jedoch etwas flapsig behandelt.

Schwerpunkt der Darstellung ist die Entwicklung des deutschen Frauenfußballs. Ein (etwas kurz geratenes) Kapitel setzt sich mit den DDR-Kickerinnen auseinander, ebenso wird der internationale Frauenfußball in den Blick genommen. Kurioses und Anekdoten runden das größtenteils unterhaltsam-ironisch, selten mit dezent chauvinistischen Anklängen, geschriebene Werk ab.

Ein Werk, auf das die (Frauen-)Fußballwelt schon lange gewartet haben dürfte. Zum Studieren, Schmökern und Schmunzeln. (Besprechung Anne Novotny)

Verlag Die Werkstatt, Göttingen, 2009, 382 Seiten, 24,90 €

 

Lira Bajramaj
Mein Tor ins Leben – Vom Flüchtling zur Weltmeisterin

Mit fünf Jahren flüchtet die heutige Profi-Fußballspielerin mit ihrer Familie aus dem Kosovo nach Deutschland. Ohne alles beginnt ein neues Leben für sie in einer neuen Welt, in der sie später als Meisterin gefeiert werden soll. Dahin ist es jedoch ein langer Weg mit einigen Hindernissen.torleben

Lira Bajramaj beschreibt mitreißend ihre eigene Geschichte: die eines Mädchens, das lange für ihren Traum, Fußball spielen zu dürfen, kämpfen musste. Sie erfindet Ausreden und fälscht Unterschriften, um zu verheimlichen, dass sie im Verein trainiert. „Ich bitte Sie, Mädchen spielen keinen Fußball, und schon gar nicht meine Tochter“, antwortet Liras Vater der engagierten Lehrerin, die sich für sie einsetzt. Sie ist seine Prinzessin. Mit seinen traditionellen Vorstellungen kann er eine Lira, die Fußball spielt, nicht vereinbaren.

Eines Tages sieht er zufällig einem Wettkampf-Spiel zu, bei dem seine Tochter als Spielerin teilnimmt. Er erkennt erst nach einiger Zeit, dass „der gute Fußballspieler“ auf dem Feld ein Mädchen ist – sein Mädchen! Von da an unterstützt er Lira bei ihrer Leidenschaft fürs runde Leder. Sie spielt offiziell im Frauenfußballverein und startet eine rasante Karriere als professionelle Spielerin. Im Jahr 2007 wird sie mit der Frauen-Nationalmannschaft sogar Weltmeisterin.

Berührend erzählt Lira Bajramaj mit welchen Schwierigkeiten und Gefühlen sie zu kämpfen hat. Wie sie ihre Religion und die Liebe zu ihren Eltern mit dem männlich dominierten Leistungssport verbindet. Sie gewährt tiefe Einblicke in den Integrationsprozess als Migrantin, der nicht zuletzt durch den Fußball zustande kam. Und noch etwas betont sie immer wieder. Auch als Profi-Fußballerin kann frau auch „typische Frau“ sein. Sie liebt Glitzer und ihr Traum ist es, irgendwann einmal einen Kosmetiksalon aufzumachen. Da kann sich ihr Vater glücklich schätzen: Seine Tochter ist eine Fußball-Prinzessin! (Besprechnung: Anne Petersen)

Südwest Verlag, München, 2011, 157 Seiten, 9,95 €

 

Christa Kleindienst-Cachay
Mädchen und Frauen mit Migrationshintergrund im organisierten Sportmigrasport

Immer häufiger hören wir in den Medien von herausragenden Sportlerinnen mit Migrationshintergrund. Trotzdem verbinden wir Sport in der Regel nicht mit Migrantinnen. Schnell wird insbesondere über muslimische Frauen pauschal geurteilt und ihnen keine sportliche Aktivität zugetraut. Mit ihrer Studie zum organisierten Sport von Migrantinnen räumt Christa Kleindienst-Cachay mit einseitigen Stereotypen auf.
Die Studie macht auf die Vielfalt innerhalb der Gruppe aufmerksam und weist auf die für Mädchen ungewöhnlichen Präferenzen hin. Vor allem im Leistungssport bevorzugen Migrantinnen typisch männliche Sportarten wie Taekwondo, Karate, Boxen und Fußball.

Die wissenschaftliche Studie thematisiert vor allem die Bedeutung von Sport im Integrationsprozess.

Im ersten Teil werden Informationen über das Sportengagement von Migrantinnen gegeben. Ausgewertete Interviews gewähren darüber hinaus Einblick in den Zusammenhang von Sozialisation und Sport. Im zweiten Teil werden Sportförderprojekte von Sportvereinen und –verbänden zur Integration von Migrantinnen in den organisierten Sport vorgestellt. Die Ergebnisse der Auswertung führen zu Teil drei. Hier werden abschließend Empfehlungen an den organisierten Sport gegeben, die als praktische Maßnahmen zur Verbesserung der Integration beitragen können.

Zusammenfassend betont die Studie: Eine Berücksichtigung der heterogenen Gegebenheiten und Bedürfnisse ist notwendig sowie die daraus resultierende Schaffung individueller Bedingungen und Räume. Sport fördert die Integration und diese ist wiederum ein Gewinn für alle Beteiligten. (Besprechung: Anne Petersen)

Schneider Verlag Hohengehren, Baltmannsweiler, 2007, 148 Seiten, 16,00 €

 

Hoffmann, Eduard/Nendza, Jürgen
Verlacht, verboten und gefeiert. Zur Geschichte des Frauenfußballs in Deutschlandverlacht

2007 tourte die von der Volkshochschule Aachen in Auftrag gegebene Wanderausstellung „Verlacht, verboten und gefeiert“ durch ganz Deutschland – und traf wohl einen Nerv, der Erfolg überraschte selbst die Veranstalter.

Auch 2011 hat die Ausstellung nichts von ihrer Aktualität verloren. Grund genug, auf das  Begleitwerk zur Ausstellung aufmerksam zu machen. Ein „informatives, vielseitiges, zeittypisches und durchaus amüsantes Kaleidoskop“ des Frauenfußballs wollten Eduard Hoffmann und Jürgen Nendza zustammenstellen - das ist den Autoren gelungen. Mit prägnanten Texten, zahlreichen Originalfotos, Karikaturen, Abbildungen von Ausstellungsstücken und  Zeitungsartikeln zur Geschichte des Frauenfußballs gibt der schmale Band einen schnellen historischen Überblick und lädt darüber hinaus zum Blättern und Schmökern ein. (Besprechung: Anne Novotny)

Landpresse, Weilerswist 2006, 82 S., 10 €

Isabelle Müller
Phönixtochter
Die Hoffnung war mein WegPhöix Tochter

Mit ihrer Autobiographie „Phönixtochter“ beschreitet Isabelle Müller erneut den steinigen Weg aus der Enge ihrer Kindheit in zur erfolgreichen Unternehmerin in Deutschland.

Sie wächst in den 60er Jahren als fünftes Kinder einer Vietnamesin und eines Franzosen in einem kleinen Dorf in Frankreich auf. Ihre Mutter und ihre Geschwister stoßen bei der Nachbarschaft und der Familie des Vaters auf Vorbehalte, Verachtung. Sie werden ausgegrenzt. Harte Arbeit und Entbehrungen prägen Ihren Alltag. Zuflucht findet sie in der Natur und in der Schule. Der unbeherrschte Vater neigt zu Gewalt und verprügelt die Kinder regelmäßig, Isabelle missbraucht er jahrelang. Ihre Mutter, der es gelingt ein vietnamesisches Restaurant zu eröffnen, hingegen ist ihr großes Vorbild. Sie ist stark und hat einen unglaublichen Überlebenswillen, der ihr verhilft sich in allen schwierigen Lebenslagen durchzusetzen.

Isabelle Müller unternimmt zwei Selbstmordversuche, läuft mit 17 von zuhause weg und schafft es sich aus der schlimmen Situation zu befreien. Heute ist sie Übersetzerin, Dolmetscherin und Kunsthändlerin. Sie ist verheiratet und hat zwei Töchter.

Krüger Verlag, Frankfurt am Main, 2009, 281 Seiten, 17,95 €

Gaby Temme, Christine Künzel (Hrsg.)
Hat Strafrecht ein Geschlecht?

Zur Deutung und Bedeutung der Kategorie Geschlecht in strafrechtlichen Diskursen vom 18. Jahrhundert bis heutegeschlechtrecht

Insbesondere im juristischen Bereich spielt Objektivität und Neutralität in der Auslegung und Anwendung von (Rechts)Normen eine zentrale Rolle. Das Bewusstsein dafür, dass rechtliche Normen durchaus nicht geschlechtsneutral angewendet werden, hat sich, u. a. im Zuge der legal gender studies erst recht spät in der rechtswissenschaftlichen Theorie entwickelt.

Der vorliegende Band fasst den Bereich Strafrecht ins Auge und versucht mit interdisziplinärem Blick historische und aktuelle Entwicklungen und Tendenzen zu verfolgen und darzustellen. Dabei stehen neben aktuellen Erkenntnissen aus der kriminologischen Forschung etliche weitere, interessante Themenfelder mit strafrechtlichem Bezug, die aus historischem und juristischem wie auch aus soziologischem und kulturwissenschaftlichem Blickwinkel betrachtet werden.

Das klassisch weibliche Delikt des Kindsmordes, eng verknüpft mit der Abtreibung, wird anhand des literarischen Diskurses zur Zeit der Aufklärung wie auch als mediales Phänomen im Ostdeutschland der 1990er Jahre untersucht. Reformen innerhalb des Sexualstrafrechts und die bundesdeutsche Rechtsprechung hinsichtlich des heutigen Vergewaltigungstatbestands, Aspekte eines spezifisch weiblichen Strafvollzugs und die Urteilspraxis der NS-Gerichte zwischen 1933 und 1945 stellen weitere Themenbereiche dar.

Beiträge zur Intersektionalität, zu möglichen Lesarten amtlicher Kriminalstatistiken und zur gesellschaftlichen Relevanz strafrechtlicher Wirkweisen vor dem Hintergrund jugendlicher Prostitution zur Zeit der Weimarer Republik vervollständigen die komplexe Darstellung des Diskurses zur Relevanz des Geschlechts im Strafrecht.
(Besprechung: Kathrin Burbulla)

Transcript, Bielefeld, 2010, 275 Seiten, 27,80 €


ManuEla  Ritz
Die Farbe meiner Haut
Die Antirassismustrainerin erzähltritz

ManuEla Ritz beschreibt in ihrem Buch „Die Farbe meiner Haut“ ihre Erfahrungen mit Rassismus. Sie befasst sich mit der Struktur des Rassismus im Alltag und geht dabei auf verschiedene Arten und Auswüchse ein. Rassismus fängt schon im Kleinen an. Kinderbücher wie „Zehn kleine Negerlein“ und das Spiel „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?“ sind Beispiele dafür, wie schon von Kindheit an rassistische Vorstellungen an Menschen herangetragen werden. Diese sind für ManuEla Ritz ebenso schlimm, wenn auch nicht so offensichtlich, wie ihre Erfahrungen mit Neo-Nazis oder der Apartheid, die sie im Auslandsstudium in Südafrika erlebt.

Für Menschen, die die „kleinen“ Anzeichen von Rassismus nicht als solchen erkennen, hält ManuEla Ritz Anti-Rassismus-Workshops.

Doch ihr Buch ist mehr als nur eine Auflistung über verschiedene Formen des Rassismus. Es gibt einen Einblick in die Dualität mit der sich schwarze Menschen oft auseinandersetzen müssen. Sie sind Deutsche, denen von außen der Stempel des Andersseins aufgedrückt wird. Das Problem der eindeutigen Identifikation mit einem Land, dem Ursprungsland der Eltern oder dem Land in dem man selbst aufgewachsen ist, spielt dabei eine große Rolle. Diese Situation spiegelt sich auch in der Teilung von ManuElas Namen wieder, für die sie sich selbst entschieden hat.
Die Verknüpfung von privaten Erlebnissen mit allgemein gültigen Problemen macht „Die Farbe meiner Haut“ zu einem eindrucksvollem Bericht über die Lage Deutschlands im Umgang mit Rassismus.
(Besprechung: Vanessa Vogt)

Herder Verlag, Freiburg im  Breisgau, 2009, 177 Seiten, 14,95 €



Ziba Mir-Hosseini / Vanja Hazic
Control and Sexuality
The Revival of Zina Laws in Muslim Contexts

In islamischen Gesellschaften bestimmen „Zina“-Gesetze die Sanktionen für unerlaubten Geschlechtsverkehr außerhalb des Eheverbundes.controlsexuality

Für Frauen und Männer, die mit ihrem Verhalten gesellschaftlich vorgeschriebene sexuelle Normen „verletzt“ haben, sehen diese Gesetzte oft brutale Strafen vor. Zina kann aber auch als Vorwand für Eingriffe in andere gesellschaftliche Bereiche herhalten. So können sozio-ökonomische Missverhältnisse oder die Behandlung von Witwen und unverheirateten Frauen legitimiert werden. Oft sind sie verknüpft mit anderen Gesetzen und Bräuchen, die z.B. Heirat und Scheidung oder Vormundschaft betreffen.

Das Buch untersucht die Anwendung der Zina-Gesetze in Indonesien, Nigeria, Pakistan, Iran und in der Türkei. Meistens sind die Zina-Gesetze nicht in der Rechtsprechung des jeweiligen Landes enthalten, existieren aber oft parallel zu dieser und berufen sich auf geltende kulturelle Werte und schon lange währende Bräuche.

„Control and Sexuality“ ist nicht nur eine vergleichende Studie, sondern auch eine feministische Analyse, die dazu beitragen möchte, der durch „Kultur“ begründeten Gewalt an Frauen ein Ende zu setzen.

Die Autorinnen möchten Aktivist_innen, Entscheidungsträger_innen, und anderen Akteur_innen der Zivilgesellschaft vor Augen führen, wie Kultur und Religion herangezogen werden, um Gesetze zu rechtfertigen, welche die weibliche Sexualität kriminalisieren und sie grausamen, unmenschlichen und entwürdigenden Bestrafungsformen unterwerfen.

Herausgegeben wurde die Publikation von der Kampagne „Violence is Not Our Culture“ und dem Netzwerk „Women Living Under Muslim Laws“.

Bezugsquelle

Michèle Minelli
Adeline, grün und blauadeline

Adeline ist 18 Jahre alt als sie mit ihrem neuen Freund Dave ihre ungeliebte Familie in der Schweiz verlässt und auf Daves karibische Heimatinsel zieht. Ihre Hoffnung endlich liebevoll in eine Familie aufgenommen zu werden, zerbröckelt nach und nach: Daves Geschwister und seine Mutter behandeln die weiße Festländerin abschätzig und mit Distanz. Ihr Alltag in ihrem neuen Zuhause ist eintönig. Dave lässt sie viel alleine um sich mit Freunden zu treffen, zu trinken und zu spielen und Adeline schlägt sich die Zeit mit dem Putzen des Hauses um die Ohren. Irgendwann fangen Daves „Korrekturen“ an. Mit seiner rohen Gewalt will Dave das an Adeline „korrigieren“, was nicht seinen Vorstellungen entspricht. Mehr und mehr vereinsamt das Mädchen. Dave verbietet ihr jeglichen Kontakt mit der Außenwelt und die zusätzliche Sprachbarriere halten Adeline in einer Starre gefangen, aus der heraus sie sich keine Hilfe zu suchen vermag. Sie zieht sich in sich selbst zurück, weg von dem Mann deren Gewaltausbrüchen sie ausgeliefert ist. Erst viel später, als diese Gewaltausbrüche sich auf den kleinen Sohn der beiden auszuweiten drohen, zieht Adeline die Reißleine und flieht in ein Frauenhaus. Die Autorin beschreibt die Gewalt auf distanzierte Art. Das Buch ist in einer verständlichen Sprache geschrieben, doch der Inhalt ist schwer auszuhalten.

Edition Isele, Eggingen 2009, 211 Seiten, 16,- €

Neuanschaffungen 2013

Katrin Pittius / Kathleen Kollewe / Eva Fuchslocher / Anja Bargfrede (Hrsg.)
Die bewegte Frau.
Feministische Perspektiven auf historische und aktuelle GleichberechtigungsprozesseBewegteFrau

Ist die Frauenbewegung in Deutschland noch aktuell, oder aktueller denn je? Braucht sie, oder hat sie bereits ein neues Gesicht? Gehört die Frauenbewegung immer noch ausschließlich den Frauen? Wer sind eigentlich „die“ Frauen?
Der Band „Die bewegte Frau – Feministische Perspektiven auf historische und aktuelle Gleichberechtigungsprozesse“, entstanden zum 18jährigen Bestehen der WissenschaftlerinnenWerkstatt der Hans-Böckler-Stiftung, unternimmt eine Standortbestimmung der deutschen Frauenbewegung von verschiedenen Seiten und Disziplinen her.

Mit der Frage der gegenwärtigen Relevanz von Problemen der Gleichheit und Gleichberechtigung setzt sich etwa die Soziologin Dr. Ute Gerhard auseinander, indem sie insbesondere den Generationenkonflikt in den Blick nimmt. Generationenkonflikte beschäftigen auch Dr. Michaela Kuhnhenne, Sozialarbeiterin und Erziehungswissenschaftlerin, in ihrer Untersuchung der bürgerlichen Frauenbewegung seit der Weimarer Republik. Ob es einen „ostdeutschen“ Feminismus gibt und inwiefern sich dieser vom ehemaligen Westdeutschland unterscheidet, suchen die Sozialwissenschaftlerinnen Dr. Judith C. Enders und Mandy Schulze anhand von Interviews ostdeutscher Frauen herauszuarbeiten. Rechtsanwältin Dr. Esma Çakır-Ceylan beleuchtet Entstehung und aktuellen Stand der türkischen Frauenbewegung. Eva Fuchslocher, Kathleen Kollewe und Katrin Pittius stellen die Frage nach der (Notwendigkeit der) Exklusion von Männern aus der Frauenbewegung noch einmal neu, Politologin Kollewe erforscht zudem die Errungenschaften der Frauenbewegung für Politikerinnenkarrieren und kommt zu dem Schluss: Da geht noch was! Das findet auch Dr. Annette Anton in ihrem provokanten Beitrag „Mädchen für alles“ und stellt weiblicher Selbstausbeutung und scheinbar freiwilligem Karriereverzicht Handwerkszeug und Orientierungshilfen für mehr Selbstverantwortung gegenüber. Dieser und der letzte Beitrag der Künstlerin und Gestalttherapeutin Caroline Gempeler zur Erschließung der eigenen Geschichte mithilfe künstlerischer Ausdrucksmittel runden das ansonsten theoretische Werk mit zwei verschiedenartigen Praxisansätzen ab.

Zugänglich geschrieben, zeigen die Beiträge dieses Bandes, dass die Frage des Quo Vadis an die „bewegte Frau“ nicht nur eine vielschichtige ist, sondern auch unterhaltsam und nach wie vor sehr spannend sein kann. Fazit: Festlesen!

Münster: Westfälisches Dampfboot 2013; 178 S.; 19,90 €;

 

Gesellschaft für bedrohte Völker
Frauen 2014 - Stark und verletzlich?
BilderkalenderKalender2014

Leuchtkräftig und engagiert kommt der neue Kalender der „Gesellschaft für bedrohte Völker“ daher. Jeder Monat gibt Einblick in eine andere Kultur, Lebensalltag und Schwierigkeiten der Frau(en) innerhalb unterschiedlichster Strukturen und Geschlechterverhältnisse im Spannungsfeld zwischen Tradition und aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen.
Doch auch und gerade die Spuren und Veränderungen, die Frauen durch ihr Engagement, ihre Kreativität, ihren Mut bewirken, sollen hervorgehoben werden: „Diese Frauen erzählen Ihnen viele Geschichten, nicht nur von Opfern, sondern auch von Selbstermutigung und vom Einstehen für die eigene Kultur und Identität [...]“, so die einführenden Worte der Redaktion.

Als Sängerin, Aktivistin, Widerstandskämpferin, kulturelle Botschafterin, Schamanin, Designerin, aber auch stille Existenz an der Basis: Bei aller Heterogenität sind Frauen „Trägerinnen und Wahrerinnen der Kultur“, Konstante und gleichzeitig Triebkraft von Veränderung. Wie das Motto im Monat April besagt: „Frauen sind die Eckpfeiler des Lebens: Wenn sie wegfallen, bricht alles zusammen“ (Yezidisches Sprichwort).
Nicht zuletzt dank der ExpertInnen, aus deren Feder die Beiträge zu den jeweiligen Kulturen stammen, ist dieser Kalender auch inhaltlich informativ. So gelingt weitgehend der schwierige Spagat zwischen Ästhetik und exotischer Verklärung.
Als Wermutstropfen bleibt die Frage, weshalb dieser Kalender, der doch offenbar die Frau aus ihrer „Objektrolle“ heben möchte, im Internet doch nur wieder mit der Körperlichkeit der jungen Frau aus Nigeria wirbt.

Gesellschaft für bedrohte Völker, Göttingen, 2013. 19,50 €

 

Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe/ Hessisches Sozialministerium
Ärztliches Praxishandbuch GEWALTCover: Ärztliches Praxishandbuch Gewalt

Wie wichtig der erste Kontakt mit ÄrztInnen für Betroffene von Gewalt ist, betont Stefan Grüttner, hessischer Sozialminister und Herausgeber in seinem Vorwort des „Ärztlichen Praxishandbuches“.
Bei diesem ersten Zusammentreffen sollte herausgefunden werden, ob bestehende Verletzungen durch Unfälle geschahen, oder durch gewaltsam verursacht wurden. Alle körperlichen Schäden, der Befund und die Behandlung, müssen von den MedizinerInnen minutiös dokumentiert werden.
Nur durch die detaillierte Dokumentation kann bei einem eventuell folgenden Verfahren sichergestellt werden, dass die ärztlichen Beobachtungen vor Gericht verwertbar sind und zur Aufklärung eines Vorfalls beitragen können.

Das Praxishandbuch richtet sich daher an ein breites Spektrum ärztlicher Fachdisziplinen. Es hilft MedizinerInnen bei der Erkennung von Gewalterfahrungen und unterstützt sie beim Ergreifen von Maßnahmen zur Gewaltprävention.

Gewalt gibt es in vielen Formen. Gewalt kann selbstgerichtet sein, sie kann von einzelnen verursacht werden oder im Kollektiv. Gewalt kann physische, sexualisierte oder psychische Ausmaße annehmen.
Das Handbuch wird dieser Komplexität gerecht, indem es sich eingehend einer Vielzahl an Themen widmet; darunter so tiefgreifende wie häusliche Gewalt, sexualisierte Gewalt im Allgemeinen und gegen behinderte Mädchen und Frauen, Genitalverstümmelung und Gewalt gegen Ältere. MedizinerInnen finden im Buch konkrete Arbeitshilfen. So auch Handreichungen für ein - auch unter widrigen Bedingungen - gelingendes Gespräch. Durch eine sensible Umgangsweise sollen traumatisierte Betroffene bestmöglich versorgt werden.

Es befinden sich zudem eine Med-Doc-Card und eine Dent-Doc-Card, sowie umfangreiche Materialien zur Befunddokumentation im Anhang. Für eine Zusammenarbeit oder die Weiterleitung der PatientInnen an Jugendämter und andere Einrichtungen werden abschließend nützliche Adressen und Informationen zum Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ angegeben.

Verlag S. Kramarz, Berlin 2013. 283 Seiten, 29,90 €

 

Verena Brunschweiger
Fuck Porn!
Wider die Pornografisierung des Alltags

Mit Ihrem Buch „Fuck Porn!“ ruft Verena Brunschweiger dazu auf, unsere noch immer von frauenfeindlichem Verhalten durchflochtene Gesellschaft von Unwissenheit, Vorurteilen und Ignoranz zu befreien. Zu lange hat frau sich ihrer Meinung nach auf den Verdiensten der feministischen Streiterinnen der 1960er- und 1970er Jahre ausgeruht, zu lange wurde seither zur zunehmenden Pornografisierung des Alltags geschwiegen.
Ob sexistische Werbung, Strip-Clubs, Schönheitsoperationen oder Misswahlen – alles wird oft genug (stillschweigend) hingenommen, denn: „Kritik allgemein steht Frauen einfach nicht.“

So nimmt uns die Autorin mit auf eine Reise von den Anfängen der feministischen Erfolge und der Entstehung der Gender Studies als Wissenschaft, bis hin zur Gegenwart und der aktuellen Lage der Frauenbewegung. Sie beleuchtet die Gebiete der weiblichen Sexualität, des Arbeitsmarktes und der Kultur und macht auf gesellschaftliche Mechanismen aufmerksam, die jede Frau, ob nun bemerkt oder unbemerkt, benachteiligen und herabstufen. Schönheitsmythen, diktiert von den Medien, werden zum Schönheitsterror und etablieren schon im Kindesalter vieler Mädchen die Fixierung auf das eigene Aussehen. Diesem Trend soll entscheidend entgegengewirkt werden.

Das Buch schließt mit einem klaren Appell an die Frauen zu mehr Selbstbewusstsein und zu mehr Mut: Sie sollten lernen, gegen den Strom zu schwimmen und NEIN zu sagen! Nur so kann, gemeinsam mit Männern und nicht in Abgrenzung von ihnen, für eine Gesellschaft frei von Stereotypen und Ungleichheiten gekämpft werden.

Tectum Verlag, Marburg 2013. 173 Seiten, 16, 95 €

 

Anonyma
Ganz oben
Aus dem Leben einer weiblichen FührungskraftCover Anonyma: Ganz oben

Bereits 2001 gab es eine freiwillige Selbstverpflichtung deutscher Unternehmen, mehr Frauen in Führungspositionen zu bringen. Heute sind von 833 Vorstandsvorsitzenden der 200 größten deutschen Wirtschaftsunternehmen nur 21 von Frauen besetzt.

In mehreren Kurzkapiteln werden die persönlichen Erfahrungen einer Frau geschildert, die es bis in die Führungsetagen der deutschen Wirtschaftselite geschafft hat. Die Autorin, die nicht ohne Grund anonym bleiben möchte, ergänzt ihre Erfahrungen um Analysen, versucht sie zu deuten und einzuordnen. Sie bringt längst überwunden geglaubte Klischees und Sozialverhalten ans Licht. Diese bestimmten ihren Arbeitsalltag und machten ihr täglich deutlich, dass Frauen sich in einem von männlicher Alleinherrschaft geprägten Unternehmen ständig neu zu beweisen haben. Sie erzählt davon, warum es attraktive Frauen so selten bis ganz nach oben schaffen, wieso in einer weiblichen Kollegin noch oft genug das „Mädchen für alles“ gesehen wird und weshalb Nachwuchs fast immer das Karriereende einläutet.

Das Buch schockiert, amüsiert und macht schnell klar, wie belastend und hinderlich geschlechtsstereotypische Vorurteile für ein souveränes Auftreten auf der Führungsebene sind. Die Autorin will mit ihrem Buch auf die teilweise noch immer katastrophalen Zustände in Großunternehmen aufmerksam machen und fordert eindringlich zur Gleichstellung in der Führungsetage auf.

Verlag C.H. Beck, München 2013, 160 Seiten, 14,95 €

 

Gabriele Berkenbusch, Katharina von Helmholt, Vasco da Silva (Hg.)
Migration und Mobilität aus der Perspektive von Frauen
Migration und Mobilität über nationale Grenzen hinweg und sind als Resultate unserer globalisierten Welt zu betrachten.Cover Migration und Mobilität

Die AutorInnen unterscheiden zwischen Mobilität, als dem Credo des beruflichen und persönlichen Fortschritts – und der damit einhergehenden Migration, die oftmals als die Kehrseite der gewünschten Mobilität empfunden wird. Migration, die im 21. Jahrhundert eine neue Qualität erreicht hat, hat sowohl auf die Herkunftsländer der MigrantInnen, als auch auf die Zielländer, wirtschaftlichen und sozialen Einfluss. Migrationsbewegungen führen zu einer zunehmenden kulturellen Heterogenität von Nationalstaaten und wirken sich zudem auf individueller Ebene auf die kulturelle Identität der einzelnen MigrantInnen aus. Ein wesentlicher Aspekt für die AutorInnen ist zudem die Frage nach den verschiedenen Migrationsmotiven der Frauen.

Obwohl Frauen schon immer einen hohen Anteil in der Migration ausmachen, wurden sie in der Forschungsliteratur lange Zeit vernachlässigt; erst in den 1970er Jahren entstand die Frauen-Migrationsforschung.

Ziel dieses Buches ist es, Migration und Mobilität aus der spezifischen Perspektive von Frauen ins Zentrum der Betrachtungen zu rücken.

Nach einer allgemeinen Einführung zum Thema Mobilität und Migration folgen Beiträge verschiedener AutorInnen aus unterschiedlichen Fachdisziplinen. Der Fokus liegt dabei nicht etwa auf quantifizierbaren Fakten des Migrationsgeschehens, sondern auf den subjektiven Sichtweisen und Wahrnehmungen der betroffenen Frauen, die in narrativ-biographischen Interviews und Aufzeichnungen zum Ausdruck kommen. Sujata Sharma berichtet beispielsweise von den Problemen und Herausforderungen einer Japanerin, die einen deutschen Mann heiratete und nach Deutschland emigrierte. In einem weiteren Beitrag stellt Gwendolin Lauterbach zwei Kirgisinnen vor, die trotz ähnlicher kultureller, zeitlicher und lokaler Hintergründe zwei völlig unterschiedliche Geschichten erzählen. Hier werden die Bedeutung des individuellen Migrationsgrundes und die Gestaltung der eigenen Situation im Zielland besonders deutlich.

Neben einem spanischen und einem englischen Beitrag sind alle Berichte in Deutsch verfasst.

Kultur – Kommunikation – Kooperation herausgegeben von Gabriele Berkenbusch, Katharina von Helmholt. Band 8
Ibidem-Verlag, Stuttgart 2012, 279 Seiten, 29,90 €

Birger Thureson
Die Hoffnung kehrt zurück
Der Arzt Denis Mukwege und sein Kampf gegen sexuelle Gewalt.Cover Die Hoffnung kehrt zurück

„Ihr könnt nicht nur etwas tun, Ihr müsst etwas tun!“, fordert Denis Mukwege seit Jahrzehnten für die zahlreichen Frauen die während der Konflikte im Kongo vergewaltigt wurden. Mukwege lässt seinen Worten Taten folgen - für seine Arbeit erhielt er 2008 den Menschenrechtspreis der Vereinten Nationen.

Birger Thureson erzählt die Geschichte des engagierten Arztes, der im Oktober 2012 nur knapp einem Attentat entkam und trotzdem unverdrossen weiter im zerrissenen Kongo arbeitet. Als Gründer und Leiter des Panzi-Krankenhauses in Bukavu hat der Gynäkologe bereits Tausende von Frauen betreut und begleitet.

Thureson sprach mit vielen dieser Patientinnen. Ihre Geschichten zeugen von Trauer, Schmerz und Angst - aber auch immer wieder von Hoffnung. Mukwege will diesen Frauen wieder eine Stimme geben und tut dies mit Hilfe des Begleitprojekts Dorkas. Die Frauen werden dort nicht nur medizinisch betreut, sondern auch bei der Vorbereitung auf Ihre Rückkehr in die Gesellschaft unterstützt. Alphabetisierungskurse und Kleindarlehen bedeuten für die Frauen einen ersten Schritt in Richtung Unabhängigkeit.

Finanziert durch die Hilfsgelder der EU und der schwedischen Zentralbehörde für internationale Entwicklungszusammenarbeit wurde das Krankenhaus zu einer Anlaufstelle, die bis weit über die kongolesische Landesgrenze bekannt ist.

Thureson fügt am Ende seines Buches eine Zusammenfassung über die Hintergründe der Kongo-Kriege ein und ordnet so die vorhergehenden Berichte der Patientinnen in ihren geschichtlichen Zusammenhang ein.

„Die Hoffnung kehrt zurück“ berichtet über das Schicksal von Frauen in Not und den langen Kampf um die Stärkung ihrer Rechte.

Brandes & Apsel, Frankfurt a. M. 2013, 160 S., 14,90

Carina Agel
(Ehren-)Mord in Deutschland
Eine empirische Untersuchung zu Phänomenologie und Ursachen von “Ehrenmorden” sowie deren Erledigung durch die Justiz.Cover Carina Agel:

In ihrer Studie wertet die Rechtswissenschaftlerin Strafakten (versuchter) Tötungsdelikte bzw. einer versuchten Anstiftung zu einem solchen Delikt und einen vermeintlichen »Blutrache«-Fall aus. Dabei beschränkt sie sich auf Taten, die scheinbar im Kontext einer verletzten Ehre standen und sich in Hessen im Zeitraum von 1982 bis 2010 ereigneten.

Anhand der Aktenanalyse werden Einblicke in Täter-Opfer-Strukturen, Hintergründe der Taten und Tatdynamiken gewährt. Ein Hauptaugenmerk gilt der Rolle der einzelnen Familienmitglieder, insbesondere die der Mütter, in Hinblick auf das Hervorrufen des Tatentschlusses, die Tatplanung und die Tatbegehung. Dabei zeigt sich, dass nicht alle untersuchten Tötungsdelikte als »Ehrenmorde« zu klassifizieren sind.

Agel beleuchtet zugleich die justizielle Behandlung dieser Delikte vom Ermittlungs- bis zum Hauptverfahren. Sie nimmt dabei auch Stellung zur tatbestandlichen Einordnung dieser Taten und überprüft die Bewertung des kulturellen Hintergrundes im Rahmen der niedrigen Beweggründe sowie bei der Strafzumessung.

Pabst Science Publishers, Lengerich 2013, 372 Seiten, 35,00 €

Seyran Ates
Wahlheimat
Warum ich Deutschland lieben möchteCover: Seyran Ates - Wahlheimat

"Ich lebe in einem Land, das mich schützt, wenn ich wegen meiner Meinung bedroht werde. In Deutschland kann man als Freigeist vom Staat geschützt werden, in der Türkei kann man als kritischer Publizist im Gefängnis landen."
Erst, wenn wir die Freiheit verlieren, erkennen wir, dass sie durch nichts zu ersetzen ist. Seyran Ates hat um die Freiheit gekämpft – um ihre eigene und die der Frauen, deren Rechte sie verteidigt. Als in Istanbul gebürtige Deutschtürkin ist für sie das Recht auf freie Meinungsäußerung und Selbstentfaltung nichts Selbstverständliches, sondern ein Privileg, das es zu schützen gilt. Seyran Ates schreibt ein engagiertes Plädoyer für die Freiheit, die Menschenwürde und unsere Verfassung. Sie fordert auf, diese Errungenschaften gegen Angriffe von Rechtsradikalen und Fundamentalisten beherzt zu verteidigen und unsere politische Kultur aktiv mitzugestalten.

Seyran Ates lebt seit 1969 in Deutschland. 2006 zwangen sie Morddrohungen ihre Arbeit als Rechtsanwältin aufzugeben. Die Autorin erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter das Bundesverdienstkreuz. 2013 hat Ates erneut eine eigene Kanzlei im Berliner Stadtteil Wedding eröffnet. Zuletzt sind von ihr erschienen: Der Multikulti-Irrtum (2007) und Der Islam braucht eine sexuelle Revolution (2009).

Ullstein Verlag, Berlin 2013, 176 Seiten, 16,99 €


Uta Klein
Geschlechterverhältnisse, Geschlechterpolitik und Gleichstellungspolitik in der Europäischen Union.
Akteure – Themen – Ergebnisse
LehrbuchKlein Geschlechterverhältnisse EU

Die Gleichstellungspolitik der Europäischen Union wird in der deutschen Öffentlichkeit kaum beachtet. An diesem Befund hat sich auch 2013, sieben Jahre nach der ersten Ausgabe des Lehrbuches, kaum etwas geändert. Dabei, so die Autorin, habe gerade die deutsche Gesellschaft in Hinblick auf Gleichstellung von europäischen Initiativen profitiert. Eines der von Klein angeführten Beispiele ist die Elternzeit, der paritätisch aufgeteilte Elternurlaub, der den „Mutterschaftsurlaub“ ersetzt hat.

Schon der Buchtitel weist auf die Vielschichtigkeit und die Bandbreite des Inhalts hin, mit der die Autorin diesen Wissenslücken beikommen möchte.

So werden wir mit den Institutionen, Organen und Konzepten der EU-Gleichstellungspolitik vertraut gemacht. Errungenschaften und Fortschritte, aber auch Beschränkungen und Blockaden einer auf veränderte Geschlechterverhältnisse zielenden Politik, werden uns dargelegt. Aber auch die Gleichstellungsfrage innerhalb dieser Institutionen wird behandelt. Ernüchternd wirkt die Auflistung des Frauenanteils in den einzelnen Gremien.

Ein eigenes Kapitel behandelt die entscheidenden Etappen europäischer Sozialpolitik und widmet sich der Entwicklung der Gleichstellungspolitik. Der Amsterdamer Vertrag 1999 markiert einen Wendepunkt in der Gleichstellungspolitik. In dem Vertrag wird Gleichstellung als eine Querschnittsaufgabe der Gemeinschaft begriffen und Gender Mainstreaming eingeführt.

Die empirische Bestandesaufnahmen der Geschlechterverhältnisse decken das nach wie vor vorherrschende Ungleichgewicht im Erwerbs- und Familienleben und an der politischen Partizipation auf. Gewalt gegen Frauen bleibt, allen Anstrengungen der EU zum Trotz, ein prävalentes Problem.

So überrascht es nicht, dass die Autorin Anlass zur Sorgen sieht: Die Einstellungsmuster gegenüber Gleichstellungsfragen zeigen eine Art „Backlash“ zu traditionellen Geschlechterbildern.

In zahlreichen Kästen bietet Klein Statistiken an, greift Definitionen heraus, veranschaulicht. So wird z.B. mit einer Chronologie der Ablauf der Entstehung einer Richtlinie nachvollziebar. Ein umfangreicher Informations- und Adressenteil lässt das Lehrbuch zum Handbuch werden.

Uta Kleins Lehrbuch sei hiermit jeder und jedem an den Mechanismen der Gleichstellung in der EU Interessierten empfohlen.

Springer VS Wiesbaden, 2. aktualisierte Auflage, 2013, 312 Seiten, 39,95 € (eBook 29.99 €)

 

Peggy Piesche (Hrsg.)
Euer Schweigen schützt Euch nicht
Audre Lorde und die Schwarze Frauenbewegung in DeutschlandCover Audre Lorde

Für den Band wurden neben Texten von Audre Lorde eine Auswahl von Beiträgen verschiedener Schwarzer Autorinnen zusammengetragen, die sich um die Anfänge der Schwarzen Frauen- und Lesbenwegung in Deutschland drehen oder sich mit derem Erbe auseinander setzen.

Audre Lorde initiierte die Bewegung Anfang der 1980er und 1990er Jahre. Die in den USA geborene, Schwarze Feministin, Autorin und Dichterin verstand Sprache als machtvollstes Mittel gegen gesellschaftliche Zurückweisungen. Sie forderte die rigorose Benennung und Selbstzuschreibung des Schwarz-Seins, Lesbin-Seins und Frau-Seins, um das Schweigen der Gesellschaft zu durchbrechen. Sich selbst bezeichnete sie stets als „black lesbian feminist mother poet warrior“. Auch 20 Jahre nach ihrem Tod gilt Lorde als eine der einflussreichsten Kämpferinnen für die Rechte Schwarzer Frauen.

Ihre Mitkämpferinnen schildern in aufgezeichneten Gesprächen, Aufsätzen und Gedichten ihre Erfahrungen im Deutschland der 1980er und 1990er Jahre, die geprägt waren von der Euphorie der Widervereinigung Ost- und Westdeutschlands und dem noch immer verbreiteten Gendankengut Nazideutschlands. Die Autorinnen berichten über alltäglichen Rassismus, Sexismus und Homophobie.
Wie etwa die Gedichte Ana Herrero Villamors. Diese spiegeln die Wurzellosigkeit und Rastlosigkeit der jungen Frau, geben aber auch der verzweifelten Wut gegen ein Land Audruck, das sie nicht haben will, sie ausspuckt.
Gleichzeitig lassen die Beiträge erahnen, wie sich mit den Anfängen der Schwarzen Frauen- und Lesebenbeweung ein Gefühl der Zugehörigkeit entwickelte.

Das Buch, herausgegeben zum 20. Todestag Aurde Lordes, thematisiert auf anschauliche Weise den Schwarzen Feminismus in Deutschland – ein Thema das bislang wenig Beachtung gefunden hat in der breiten Öffentlichkeit Deutschlands.

Orlanda Frauenverlag Berlin, 2012, 240 Seiten, 19,50 €

 

Annette Huland
Frauenhandel in Deutschland
Im Spannungsfeld von Abschiebepolitik und ProstitutionCover: Frauenhandel in Deutschland

Frauenhandel gilt heute als Menschenrechtsverletzung, die zu bekämpfen ist. Trotz zahlreicher Bemühungen auf nationaler und internationaler Ebene grassiert der Handel in die sexuelle Ausbeutung weiter.
Die Autorin fragt in ihrer Dissertation nach den Ursachen dieses Missstandes. Hierzu zeichnet sie die Entstehung und Entwicklung des Frauenhandelsdiskurses in Deutschland nach und geht auf den europäischen und internationalen Kontext vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis heute ein.

Hulands These: Die – vorgebliche – Komplexität des Themas Menschenhandel und die verwirrende und zum Teil falsche Verwendung der Menschenhandels-Begriffe und –Daten erfüllen verdeckt politische Funktionen und verhindern so sogar die Bekämpfung des Frauenhandels. Sie geht den dahinter stehenden Interessenkonflikten nach, insbesondere in den Bereichen der Prostitutionsregulierung und der Ausländer- und Abschiebungspolitik.

Annette Hulands Arbeit sei allen empfohlen, die sich wissenschaftlich differenziert mit dem Themenbereich Frauenhandel auseinandersetzen wollen und ernsthaft an einer Eindämmung des Problems interessiert sind.

Tectum Verlag Marburg, 2012, 408 Seiten, 34,90

 

Silvia Heinemann
Frauenfragen sind Menschheitsfragen
Die Frauenpolitik der Freien Demokratinnen von 1949 bis 1963Cover: Frauenfragen sind Menschheitsfragen

In ihrer Dissertation „Frauenfragen sind Menschheitsfragen“ beleuchtet Silvia Heinemann die Geschichte der Freien Demokratinnen im Nachkriegsdeutschland. Ihre Hauptfrage ist, wie sich die FDPlerinnen in der Auseinandersetzung um eine neue Rechtsstellung der Frau in Staat und Gesellschaft positionierten und inwiefern sie die Meinungsbildungsprozesse und Gesetzgebung von 1949 bis 1963 beeinflussen konnten.

In biografischer Einzelstudien, wie beispielsweise die von Dr. Ella Barowsky oder Dr. Hildegard Hamm-Brücher, geht sie der Motivation der einzelnen Frauen nach, sich für liberale Politik einzusetzen.
Einen weiteren Fokus richtet Heinemann auf die Analyse der Positionen, die die FDP zu verschiedenen frauenpolitischen Themen einnahm.

Ausführlich beschreibt die Autorin, wie die FDP-Politikerinnen die Aufgaben von Frauen in der Politik definieren und wie sie die politische Gleichberechtigung begründen. Sie analysiert die Konzepte und Strategien der Freien Demokratinnen im Kampf um die Anerkennung von Frauen als gleichberechtigte Partnerinnen im Partei und Parlament.
Die Freien Demokratinnen, bilanziert sie, versuchten, die Diskrepanz zwischen Verfassungsnorm und sozialer Wirklichkeit in der BRD zu schließen.

Mit ihrer Arbeit leistet Silvia Heinemann einen wichtigen Beitrag zur Geschichtsschreibung weiblicher Partizipation an der Politik im Deutschland der „Ära-Adenauer“.

Ulrike Helmer Verlag Sulzbach/Taunus, 2012, 496 Seiten, 49,95 €

 

Hayriye Yerlikaya
Zwangsehen
Eine kriminologisch-strafrechtliche UntersuchungYerlikaya: Zwangsehen

Mit ihrer Dissertation geht die Autorin dem Phänomen „Zwangsheirat“ aus der Sicht der betroffenen Frauen nach, eine bisher kaum untersuchte Perspektive. Anhand von 15 Fallstudien wird herausgearbeitet, wie junge Frauen – in Deutschland oder in der Türkei mit späterem Nachzug nach Deutschland – in eine Zwangsehe gedrängt werden können und welchen Einflussfaktoren und Druckmitteln sie ausgesetzt sind. Wie haben sie diese Ehen erlebt? Welche Bedeutung nehmen sie im Lebenslauf der Frauen ein? Welche Gegenwehr konnten sie leisten? Welche Ursachen und Faktoren waren für ihre Zwangsheirat bestimmend? Wie hätten sie möglicherweise verhindert werden können?

Die Autorin nutzt die hieraus gewonnenen Erkenntnisse, einen Präventions- und Opferschutzmaßnahmekatalog zu entwickeln, der den Bedürfnissen der betroffenen Frauen angepasst ist.

Die Rechtswissenschaftlerin setzt sich schließlich mit dem 2011 in Kraft getretenen „Zwangsverheiratungsbekämpfungsgesetz“ auseinander, um ihm und dem § 237 StGB, mit dem „Zwangsheirat“ zum Straftatbestand wurde, Defizite zu attestieren. Eine sinnvolle Alternative sieht Yerlikaya in der Aufklärung der sozial schwachen und ungebildeten Initiatoren und der Stärkung der möglichen Opfer von Zwangsverheiratungen.

Hayrye Yerlikayas Arbeit wurde mit dem Dissertationspreis der Juristischen Gesellschaft Ostwestfalen-Lippe

Nomos Universitätsschriften, Recht Band 777, Baden-Baden 2012, 258 Seiten, 68,00 €

 

Rola El-Halabi mit Felicia Engelmann
Stehauf Mädchen.
Wie ich mich nach dem Attentat meines Tiefvaters zur Boxweltmeisterschaft zurückkämpfte.El-Halabi Stehaufmaedchen

2009 erlangte Rola El-Halabi den WM-Titel im Boxen. Unmittelbar vor ihrer Titelverteidigung im Jahr 2011 durchschoss ihr Stiefvater mit vier Kugeln ihre Hände und Knie. Grund dafür war, dass sich Rola El-Halabi verliebt hatte.

In der nun erschienen Autobiographie erzählt El-Halabi ihre Geschichte. Sie berichtet von ihrer Jugend in Ulm, in das es ihre Familie nach der Flucht aus dem kriegszerrütteten Libanon verschlug. Sie berichtet über die Entdeckung ihrer Leidenschaft zum Boxen und dem Stiefvater, der sie zu der selbstbewussten starken Rola machte, die das Publikum im Boxring so oft bewundert. Sie berichtet aber auch von Ausbrüchen häuslicher Gewalt, die sie seit ihrer frühsten Kindheit begleiten.

Im Verlauf des Buches wird die ambivalente Beziehung zwischen Rola El-Halabi zu ihrem Stiefvater deutlich. Als Manager seiner Tochter, gestaltete er ihr Leben bis ins kleinste Detail, bestimmte sogar die Farbe ihres Rockes, den sie bei Wettkämpfen trug. Mit der Liebe zu einem Mann öffnete sie jedoch die Tür zu einem Lebensbereich der sich nicht mehr kontrollieren ließ. Als die 25-jährige ihrem Stiefvater eröffnet, dass sie sich in einen Mann verliebt hat, der kein Moslem ist und in Scheidung lebt, reagiert er mit kühler Gleichgültigkeit. Diese Gleichgültigkeit wandelt sich in irre Wut, die in Morddrohungen umschlägt und in einer Schießerei am 1. April gipfelt.

Die verletzte Ehre, die der Vater in seinem Feldzug gegen Rola El-Halabi anführt, führt diese in ihrer Autobiographie ad absurdum. Sie berichtet von der gelebten Doppelmoral ihres Stiefvaters und den fadenscheinigen Argumentationen, die er gegen sie aber auch den Rest ihrer Familie vorbringt.

Das Buch „Stehauf Mädchen“ thematisiert Gewalt im Namen der Ehre aus der Betroffenen-Perspektive und zeigt den Weg einer jungen Frau, die sich mutig in ein selbstbestimmtes Leben kämpft.  

mvg Verlag, München, 208 Seiten, 17,99 €