Zwangsheirat – eine Menschenrechtsverletzung in DeutschlandMädchen und junge Frauen, die von Zwangsheirat betroffen sind, muss man nicht auf Reisen in ferne Länder suchen: Es gibt sie hier, in unserer Nachbarschaft. Denn Zwangsheirat ist längst ein europäisches Problem. Eine Zwangsheirat liegt dann vor, wenn mindestens eine/r der Eheleute die Ehe gegen den eigenen Willen eingeht. Zwangsehen müssen von den arrangierten Ehen unterschieden werden, bei denen die Eheleute zwar die Wahl nicht selbst treffen, aber ihre Zustimmung geben. Zwangsehen dagegen werden unfreiwillig, oft unter massivem Druck geschlossen. Die Mittel, die dabei zum Einsatz kommen, sind so verschieden wie die Familien, in denen Zwangsheirat praktiziert wird. Sie reichen von psychischem Druck und emotionaler Erpressung bis hin zu physischer Gewalt und expliziten Morddrohungen. Widersetzt sich die Tochter den Heiratsplänen, wird das häufig als eine Verletzung der Familienehre interpretiert. Dann muss sie mit dem Schlimmsten rechnen.
Formen von Zwangsheirat Zwangsehen in Deutschland treten in unterschiedlichen Konstellationen auf. Normalerweise unterscheidet man vier typische Formen: 1. Zwangsehen in Deutschland zwischen Deutschen mit Migrationshintergrund oder MigrantInnen 2. Heiratsverschleppung ins Ausland, z.B. beim Sommerurlaub. In Deutschland aufgewachsene Mädchen und junge Frauen müssen in diesem Fall einen Mann im Herkunftsland der Familie heiraten und fortan dort leben. 3. Verheiratung für ein "Einwanderungsticket". Ein Mann aus dem Ausland erhält dabei über eine Eheschließung eine Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland. 4. "Importehen", hierbei werden meist sehr junge Frauen aus dem Ausland nach Deutschland geholt und mit einem hier lebenden Mann verheiratet.
Die vierte Form der Zwangsheirat wurde jüngst von Ahmet Toprak ("Das schwache Geschlecht - die türkischen Männer") untersucht, der sich intensiv mit der Lebenssituation männlicher Migranten beschäftigt. 15 junge türkische Männer, alle in Deutschland aufgewachsen und später per "Importehe" verheiratet, interviewte er zu ihrem Eheleben. Seine Studie ist Anfang 2006 erschienen. Seinen Ergebnissen zufolge scheint Gewalt in den Ehen an der Tagesordnung zu sein. Dass Vergewaltigung in der Ehe strafbar ist, dass es überhaupt auch in Ehen Vergewaltigung gibt, war für die jungen Männer nur ein Beispiel deutscher Skurrilität.
Imamehe Einige Zwangsheiraten werden per Imamehe geschlossen. Solche Ehen sind zwar nicht rechtskräftig, sozial sind sie dennoch absolut verbindlich. Das berichtet jedenfalls Shirin (Name geändert). Shirin stammt aus einer binationalen Familie, ist in Deutschland geboren und aufgewachsen. Als sie gerade 14 war, vereinbarte ihre Mutter einen Termin mit dem Imam in der nächsten Kleinstadt und verheiratete sie. "Ich wusste damals gar nicht, dass ich verheiratet werden sollte. Ich sollte nachsprechen, was der Imam sagte. Weil es Hocharabisch war, verstand ich nicht, um was es überhaupt ging" berichtet sie. Nach der Eheschließung zog ihr Ehemann bei ihrer zuhause ein. Und als er merkte, dass Shirin nicht bereit war, die Rolle einer gefügigen Ehefrau zu spielen, wurde er gewalttätig. Shirin ist heute 17 Jahre alt. Die Ehe ist für sie Vergangenheit, die Ehepapiere des Imam hat sie einfach zerrissen. Formal wäre die Auflösung der Ehe zwar nur mit der Zustimmung der damals anwesenden Zeugen möglich. Doch die sind gar nicht mehr alle in Deutschland. Shirin ist sich sicher: "Ich heirate nur noch einen Mann, den ich mir selbst aussuche." Die Bücher von Serap Cileli, Fatma Bläser, Sabatina und Seyran Ates hat sie allesamt gelesen. Vielleicht möchte sie sich auch einmal gegen Zwangsehen engagieren. Zahlen zu Zwangsheirat in Deutschland In Deutschland sind vor allem Mädchen und Frauen mit Migrationshintergrund von Zwangsheirat betroffen. Wie viele Fälle es hierzulande tatsächlich gibt, ist ungeklärt. Im Jahr 2002 wurde fälschlicherweise in der Presse behauptet, nach Aussagen von TERRE DES FEMMES, würden jedes Jahr 30.000 Mädchen und Frauen in Deutschland zwangsverheiratet. Dabei handelt es sich um eine Falschmeldung. Bisher gibt es keine repräsentativen Studien zu der Anzahl von Betroffenen in Deutschland. Allerdings hat die Bundesregierung im Juni 2007 beschlossen eine repräsentative Studie zu Zwangsverheiratungen durchzuführen. Im Moment können nur verschiedene Umfragen Anhaltspunkte über die Anzahl von Betroffenen bieten:
- Nach einer Umfrage in etwa 200 Einrichtungen aus dem Jugendhilfe- und Migrationsbereich in Berlin gab es im Jahr 2004 allein 300 Fälle, in denen ein Mädchen oder eine junge Frau Beratung wegen einer drohenden oder bereits vollzogenen Zwangsheirat gesucht hat. Weitere 30 Fälle drehten sich um drohende oder erfolgte Zwangsverlobung. In 130 Fällen lagen Angaben zum Alter der Betroffenen vor: 40 % sind zwischen 16 bis 18, 32 % zwischen19 bis 21, knapp 18 % zwischen 22 und 25 und immer noch 10 % zwischen 13 und 15 Jahren alt. In 10 Fällen waren die Betroffenen männlich. Darüber hinaus ergab die Umfrage, dass Zwangsverlobungen und -verheiratungen überwiegend im Ausland stattfinden und Braut und Bräutigam nicht selten miteinander verwandt sind.
- Eine im Sommer 2004 durchgeführte Umfrage des BMFSFJ unter 250 türkischen Frauen, von denen 150 Angaben zu dem Thema machten, ergab, dass bei etwa der Hälfte der Frauen der Partner von Verwandten ausgewählt worden war. 75% von diesen Frauen waren mit der Wahl einverstanden, etwa ein Viertel der Frauen waren nicht nach ihrer Meinung zum zukünftigen Partner gefragt worden und 17% der Frauen gaben an, dass sie sich zur Ehe gezwungen fühlten. (Download des Sammelbandes als PDF-Datei)
- In Baden-Württemberg hat das Justizministerium eine Fachkommission einberufen, die bis zum Herbst 2005 einen umfassenden Handlungsplan gegen Zwangsheirat entwickelt hat. Innerhalb der Fachkommission wurde eine Befragung verschiedener Einrichtungen in Baden-Württemberg durchgeführt, die folgende Ergebnisse lieferte: Von Januar bis Oktober 2005 suchten 213 Frauen und zwei Männer Hilfe wegen drohender oder erfolgter Zwangsverheiratung. 105 der Betroffenen waren bereits zwangsverheiratet worden, 110 Betroffene waren von Zwangsheirat bedroht. 40 % der Betroffenen waren bei der Zwangsheirat minderjährig. (Download des Berichts als PDF-Datei)
- Im Februar 2007 hat die Stadt Hamburg die Ergebnisse einer Umfrage, der von der Stadt Hamburg beauftragten Lawaetz- Stiftung, bekannt geben. Die Umfrage erfolgte von Juli bis September 2006. Es wurden insgesamt 61 Hamburger Einrichtungen sowie die Jugend- und Sozialdezernenten der Bezirksämter angeschrieben. In den befragten Einrichtungen lagen im Jahr 2005 insgesamt 210 Beratungsfälle zu einer erfolgten oder angedrohten Zwangsheirat vor.
Am häufigsten genannt wurde eine Zwangsheirat zwischen in Deutschland lebenden Familienmitgliedern (53 Nennungen), gefolgt von der Heirat mit so genannten "Importbräuten" aus dem Heimatland (45 Nennungen), der Heirat im Rahmen einer so genannten "Ferienverheiratung" (42 Nennungen) und der "Verheiratung für ein Einwanderungsticket" (39 Nennungen). Die meisten Betroffenen waren zwischen 18 und 21 Jahre alt. (Download des Berichts als PDF-Datei)
Beispielhafte Präventionspolitik in anderen europäischen Ländern Wie viel in Deutschland noch geschehen muss, zeigt auch der Blick in andere europäische Länder. Dort wird erfolgreich auf Prävention gesetzt. In Großbritannien gibt es mittlerweile einheitliche Guidelines für Polizei und SozialarbeiterInnen, wie im Falle drohender Zwangsheirat vorgegangen werden soll. Bei einer zentralen Anlaufstelle können sich Opfer von Zwangsheirat oder davon Bedrohte melden. Die Anlaufstelle bemüht sich auch verschleppte Frauen aus dem Ausland wieder zurück nach England zu bringen. Im Mai 2007 wurde zusätzlich, in Zusammenarbeit mit der britischen Nichtregierungsorganisation Karma Nirvana, ein Netzwerk für Betroffene von Zwangsheirat ("Survivor's Network") gegründet. Außerdem wurde eine 24-Stunden-Hotline für Betroffene eingerichtet. Zusätzlich wurde ein Hilfsleitfaden für Opfer veröffentlicht ("Survivor Handbook") ( Download als PDF-Datei). Der Hilfsleitfaden wurde mit Betroffenen von Zwangsverheiratungen ausgearbeitet und enthält eine Zusammenstellung von praktischen Tipps, die Betroffenen helfen sollen, ihre Erfahrungen zu verarbeiten. In Schweden werden alle staatlichen Schulen mit pädagogischem Material gegen Gewalt im Namen der Ehre und Zwangsheirat versorgt. In Deutschland dagegen hängt es noch immer von der Initiative einzelner engagierter LehrerInnen ab, die Schülerinnen und Schüler zu informieren.
In Österreich hat das Bundesministerium für Gesundheit und Frauen (BMGF) im Jahr 2006 eine Meldedatenbank über Fälle u.a. von Zwangsheirat erstellt. ÄrztInnen, PadagogInnen, SozialarbeiterInnen, PolizistInnen, StaatsanwältInnen und weitere MultiplikatorInnen sind angehalten, ihnen bekannte Fälle von Zwangsverheiratung an das BMGF zu melden. Das anonymisierte Datenmaterial soll zum besseren Verständnis der Problematik dienen um Aufklärungs- und Bekämpfungsstrategien zu entwickeln. Des weiteren hat das österreichische Bundesministerium für auswärtige Angelegenheiten eine Sensibilisierung der österreichischen Vertretungsbehörden im Ausland zum Thema traditionsbedingte Gewalt geplant.
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