Ägypten

Vorkommen

Mumifizierte Körper aus Altägypten bezeugen, dass weibliche Genitalverstümmelung seit mindestens 500 vor unserer Zeitrechnung praktiziert wurde. Durch diese Funde gilt Ägypten als Ursprungsland der weiblichen Genitalverstümmelung. Mit der aktuellen Verbreitungsrate von über 90% wird Ägypten neben Somalia, Guinea, Djibuti und vier anderen Staaten als Land mit der höchsten sozialen Akzeptanz von FGM (= Female Genital Mutilation = weibliche Genitalverstümmelung) eingestuft. Die Verbreitung betrifft alle sozialen Schichten, sie wird in ländlichen sowie in städtischen Gebieten und unabhängig von der Religionszugehörigkeit praktiziert. Neben den muslimischen Familien praktizieren in Ägypten auch fast 75 % der christlichen Bevölkerung die weibliche Genitalverstümmelung.

Zahlen

Betroffene: 91% der Frauen
Befürworterinnen: 54%
Alter bei Verstümmelung: 5 - 9 Jahre bei ca. 40% der Mädchen. Weitere ca. 50% mit 10 - 14 Jahren.
77% der Genitalverstümmelungen werden von medizinischen Fachkräften durchgeführt.
In den Städten sind 85% der Frauen betroffen, auf dem Land 96%. Seit dem arabischen Frühling mehren sich die mobilen Ärzteteams, die FGM gerade in den armen ländlichen Regionen praktizieren.

Betroffen

FGM wird in Ägypten an Mädchen im vorpubertären Alter vorgenommen. In aller Regel findet die Beschneidung zwischen dem siebten und elften Lebensjahr statt. In Oberägypten besteht die Tendenz, Mädchen jünger zu „beschneiden“, während die Genitalverstümmelung in Niederägypten im höheren Alter stattfindet.

Traditionell wurde die Genitalverstümmelung von Geburtshelfern - sogenannten Dayas - und Beschneiderinnen, die auch die Knaben-Beschneidung vornehmen, durchgeführt. Der Eingriff fand meist unter unhygienischen Bedingungen, ohne Anästhesie, mit einer Rasiererklinge oder einem Messer statt. Inzwischen werden über 70 % der Verstümmelungen durch ausgebildete medizinische Fachkräfte und mit Betäubungsmitteln vorgenommen. Trotzdem finden 65% weiterhin bei der Betroffenen zu Hause (also mitunter weit weg von medizinischer Notfallversorgung) und 25% ohne Betäubungsmittel statt. Mitunter sparen die Ärzte auch trotz Einsatz von Narkosemitteln an fachkundigen Anästhesisten, so dass in den letzten Jahren wiederholt Mädchen durch die Betäubung zu Tode kamen.

Formen

In Ägypten werden die Typen I, II, III nach WHO-Klassifizierung praktiziert. Typ I oder Klitoridektomie bedeutet teilweise oder vollständige Entfernung der Klitoris und/oder der Klitorisvorhaut. Typ II (Exzision) heisst teilweise oder vollständige Entfernung

der Klitoris und der kleinen Schamlippen, mit oder ohne Entfernung der großen Schamlippen und Typ II entsprich der Infibulation, bei der alle Schamlippen sowie die Klitoris weggeschnitten und die Wunde zu einer Fläche mit einem Loch von 2-3 mm vernäht wird.

Die gefundenen Mumien weisen die schwersten Formen von Beschneidungen, die Infibulation auf, wodurch diese Form auch als „ägyptische“ oder „pharaonische Beschneidung“ bekannt sind. Dieser Praxis wurde zugeschrieben, dass sie die Jungfräulichkeit erhalten und dem Mann größeren sexuellen Genuss bescheren könne.

Unter Typ I der WHO-Klassifikation fällt auch die „Klitorisvorhautbeschneidung“ die oft durch eine zweifelhafte Interpretation des Korans als religiöse Pflicht empfunden wird. Mit der Knabenbeschneidung ist die weibliche Genitalverstümmelung jedoch auch in diesem Fall nicht zu vergleichen, da fast immer auch Nervengewebe und die Klitoris selbst geschädigt werden.

Gesetzliche Lage

Laut UNICEF-Bericht begann der Kampf gegen weibliche Genitalverstümmelung in Ägypten in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts. Die Bewegung beschränkte sich auf individuelle Initiativen mit geringer Unterstützung von zivilgesellschaftlichen Organisationen und Regierung. Es erschien eine Proklamation von der Gesellschaft der Ärzte über die negativen Auswirkungen von FGM. Die Proklamation erhielt die Unterstützung des Gesundheitsministeriums, der Presse und der religiösen Gelehrten. Ende der 50er Jahre erschien in einer populären Frauenzeitschrift die Empfehlung an Mütter, ihre Töchter nicht beschneiden zu lassen, wobei auch betont wurde, dass der Islam die weibliche Beschneidung nicht unterstützt. Darauf hin erließ das Gesundheitsministerium das Urteil Nr. 7, das die Genitalbeschneidung in staatlichen Krankenhäusern und medizinischen Praxen verbietet, was dazu geführt hat, dass die praktizierenden Familien Unterstützung bei den nichtstaatlichen Krankenhäusern suchten. 1981 ratifizierte Ägypten CEDAW und 1990 die Kinderrechtskonvention.

Seit 2008 stellt die weibliche Genitalverstümmelung in Ägypten eine Straftat dar. Das ägyptische Parlament nahm FGM ins Strafgesetzbuch auf und verhängte Gefängnisstrafen von bis zu zwei Jahren und 1,000$ Bußgeld bei der Ausführung von FGM.

2012 wurde versucht, dieses Gesetz gegen FGM rückgängig zu machen. Der Versuch ist an dem Engagement der NGOs, unter anderen auch der ägyptischen Gemeinschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, gescheitert.

Im Jahr 2014 fand in Agga der erste Prozess wegen eines Todesfalls während einer medikalisierten Genitalverstümmelung statt. Dr. Fadl und der Vater der Verstorbenen Sohair al-Bata'a wurden am 20.11.204 freigesprochen, obwohl sowohl belegt war, dass eine Genitalverstümmelung praktiziert worden war und das Mädchen daran starb. Eine Begründung gab der Richter nicht.

Begründungsmuster

Ungeachtet klarer Beweise, dass es die weibliche Genitalverstümmelung sehr lange vor Christentum und Islam gegeben hat und dass FGM von den religiösen Führern des Landes verurteilt wurde, geben die Befragten ihre religiöse Überzeugung als Hauptgrund für die Fortsetzung weiblicher Genitalverstümmelung.

Viele glauben, den Mädchen damit moralische und physische Reinheit sowie Enthaltsamkeit erst zu ermöglichen. Es wird auch als wichtiger Teil der Tradition und Kultur gesehen. Außerdem entspricht die „beschnittene“ Vulva dem Schönheitsideal.

Durch diese Gründe erhält die weibliche Genitalverstümmelung eine wirtschaftliche Komponente, da die Eltern davon ausgehen müssen, dass ihre Tochter durch FGM bessere Heiratschancen hat und dadurch ein abgesichertes, sozial geachtetes Leben leichter möglich wird.

Tendenz und Attitüde

Über die Hälfte der Gesamtbevölkerung erachtet die Aufrechterhaltung der Genitalverstümmelungspraxis als wichtig. Allerdings ist zwischen 1995 (82 %) und 2008 (62%) die Zahl der BefürworterInnen deutlich gesunken. Die Bereitschaft unter jüngeren Frauen (34 %), die Praxis zu unterstützen, fällt geringer aus als bei älteren Frauen (64 %). Die Männer sprechen sich zu mehr als 50% für die Fortsetzung von FGM aus, aber über 25% sind auch eindeutig dagegen. 38 % der Frauen wissen nicht, wie die Männer in ihrem Umfeld über die weibliche Genitalverstümmelung denken.

Links

Einzelfälle:

Allgemeine Infos:

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