Ägypten

© UNICEF Data: Monitoring the Situation of Children and Women. 2016. Country Profile: Ägypten.© UNICEF Data: Monitoring the Situation of Children and Women. 2016. Country Profile: Ägypten.Vorkommen

Mumifizierte Körper aus Altägypten bezeugen, dass weibliche Genitalverstümmelung (FGM/C - Female Genital Mutilation/Cutting) seit mindestens dem Jahr 500 vor unserer Zeitrechnung praktiziert wurde. Durch diese Funde gilt Ägypten als Ursprungsland der weiblichen Genitalverstümmelung. Mit der aktuellen Verbreitungsrate von über 87% wird Ägypten neben Somalia, Guinea, Djibuti und vier anderen Staaten als Land mit der höchsten sozialen Akzeptanz von FGM/C eingestuft. Die Verbreitung betrifft alle sozialen Schichten; sie wird in ländlichen sowie in städtischen Gebieten und unabhängig von der Religionszugehörigkeit praktiziert.

Traditionell wurde die Genitalverstümmelung von Geburtshelferinnen - sogenannten Dayas - und Beschneiderinnen, die auch die Jungenbeschneidung vornehmen, durchgeführt. Der Eingriff fand meist unter unhygienischen Bedingungen, ohne Anästhesie, mit einer Rasierklinge oder einem Messer statt. Inzwischen werden die meisten Genitalverstümmelungen durch ausgebildete medizinische Fachkräfte und unter Betäubung vorgenommen. Trotzdem finden 65% der Genitalverstümmelungen immer noch bei der Betroffenen zu Hause und 25% ohne den Gebrauch von Betäubungsmitteln statt. Mitunter sparen die ÄrztInnen auch trotz Einsatz von Narkosemitteln an fachkundigen AnästhesistInnen, so dass in den letzten Jahren wiederholt Mädchen durch die Betäubung zu Tode kamen.

Zahlen

Betroffene: 14% der Mädchen (1-14 Jahre) und 87% Mädchen und der Frauen (15-49 Jahre)
Befürworterinnen: 54% der Mädchen und Frauen (15-49 Jahre)
Beschneidungsalter: 10% der Beschneidungen fanden vor dem 4. Lebensjahr statt, 61% zwischen dem 5. und 10. und nochmal 29% zwischen dem 11. und 14.
78% der Genitalverstümmelungen werden von medizinischen Fachkräften durchgeführt

Formen

In Ägypten werden die Typen I, II, III nach WHO-Klassifizierung praktiziert. Typ I (Klitoridektomie) bedeutet, dass der äußerlich sichtbare Teil der Klitoris und/ oder die Klitorisvorhaut teilweise oder vollständig entfernt wird. Bei Typ II (Exzision) von FGM/C wird der äußerlich sichtbare Teil der Klitoris und der inneren Schamlippen mit oder ohne Beschneidung der äußeren Lippen teilweise oder vollständig entfernt. Infibulation (Typ III) heißt, das gesamte äußerlich sichtbare Genital wird herausgeschnitten und die offene Wunde bis auf ein kleines Loch zugenäht.

Begründungsmuster

Viele glauben, den Mädchen durch FGM/C moralische und physische Reinheit sowie Enthaltsamkeit erst zu ermöglichen. Es wird auch als wichtiger Teil der Tradition und Kultur angesehen. Außerdem entspricht die beschnittene Vulva dem Schönheitsideal. Durch diese Gründe erhält die weibliche Genitalverstümmelung eine wirtschaftliche Komponente, da die Eltern davon ausgehen müssen, dass ihre Tochter durch FGM/C bessere Heiratschancen hat und dadurch ein abgesichertes, sozial geachtetes Leben leichter möglich wird.

Zudem sind 46% der Mädchen und Frauen (15-49 Jahre) und 50% der Jungen und Männer (15-49 Jahre) davon überzeugt, dass FGM/C von ihrer Religion gefordert wird.

Gesetzliche Lage

Laut UNICEF-Bericht begann der Kampf gegen weibliche Genitalverstümmelung in Ägypten in den 1920er Jahren. Die Bewegung beschränkte sich auf individuelle Initiativen mit kaum Unterstützung von zivilgesellschaftlichen Organisationen oder der Regierung. Es erschien eine Proklamation von der Gesellschaft der Ärztinnen und Ärzte über die negativen Auswirkungen von FGM/C. Die Proklamation erhielt die Unterstützung des Gesundheitsministeriums, der Presse und der religiösen Gelehrten. Ende der 1950er Jahre erschien in einer populären Frauenzeitschrift die Empfehlung an Mütter, ihre Töchter nicht beschneiden zu lassen, wobei auch betont wurde, dass der Islam die weibliche Beschneidung nicht unterstützt. Darauf hin erließ das Gesundheitsministerium das Urteil Nr. 7, dass die Genitalbeschneidung in staatlichen Krankenhäusern und medizinischen Praxen verbietet, was dazu geführt hat, dass die praktizierenden Familien Unterstützung bei den nichtstaatlichen Krankenhäusern suchten. 1981 ratifizierte Ägypten CEDAW und 1990 die Kinderrechtskonvention.

Seit 2008 stellt die weibliche Genitalverstümmelung in Ägypten eine Straftat dar. Das ägyptische Parlament nahm FGM/C ins Strafgesetzbuch auf und verhängte Gefängnisstrafen von bis zu zwei Jahren und 1,000$ Bußgeld bei der Ausführung von FGM/C.

2012 wurde versucht, dieses Gesetz gegen FGM/C rückgängig zu machen. Der Versuch ist an dem Engagement der NGOs, unter anderem auch der ägyptischen Gemeinschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe gescheitert.

Im Jahr 2014 fand in Agga der erste Prozess wegen eines Todesfalls während einer medikalisierten Genitalverstümmelung statt. Dr. Fadl und der Vater der verstorbenen Sohair al-Bata'a wurden am 20.11.2014 freigesprochen, obwohl sowohl belegt war dass eine Genitalverstümmelung praktiziert worden war und das Mädchen daran starb. Eine Begründung gab der Richter nicht.

Haltung und Tendenzen

Über die Hälfte der Gesamtbevölkerung erachtet die Aufrechterhaltung der Praktik der weiblichen Genitalverstümmelung als wichtig. Allerdings ist zwischen 1995 (82 %) und 2015 (60%) die Zahl der BefürworterInnen deutlich gesunken. Jungen und Männer (15-49 Jahre) sprechen sich zu mehr als 54% für die Fortsetzung von FGM/C aus, aber 38% sind auch eindeutig dagegen.

Links

Einzelfälle:

 

Stand 09/2016

Logo Transparenzinitiative