Neu in unserer Bibliothek

In regelmäßigen Abständen finden Sie an dieser Stelle eine Auswahl unserer Neuanschaffungen.

Viel Spaß beim Schmökern!

Neuanschaffungen 2016

 

Deborah Feldman
Unorthodox
Eine autobiografische ErzählungCover: Deborah Feldman: Unorthodox

Deborah Feldman, 1986 geboren, wuchs in einer ultraorthodoxen jüdischen Gemeinde in New York auf. Ihre Autobiografie erzählt die Geschichte ihrer schrittweisen Befreiung von diesem Umfeld.

Ihr Vater ist geistig beeinträchtigt, ihm wird die Erziehung Deborahs nicht zugemutet. Ihre Mutter verlässt ihre Familie und Gemeinde bereits sehr früh. Deborah wächst deshalb bei ihren Großeltern auf. In den Augen der ultraorthodoxen Gemeinde ist der plötzliche Weggang Deborahs Mutter ein Skandal. Deborah versteht nicht, warum ihre Mutter verschwand. Man erzählt ihr, dass ihre Mutter verrückt geworden sei.

Die Gemeinde ist extrem patriarchalisch. Es gehört zwar zu ihrer Kultur, dass alle einander beobachten und zurechtweisen, solche Verhaltenskontrollen betreffen aber ganz überwiegend Frauen und Mädchen. Eheschließungen werden von den Männern der Familien ausgehandelt. Von Frauen wird erwartet, Kinder zu gebären und sich um den Haushalt zu kümmern. Verhütung ist verboten.

Es gibt auch Verbote hinsichtlich Bildung – und es sind eben diese, die Deborah schon früh und regelmäßig bricht. Es darf nur Jiddisch gesprochen werden, obwohl die Gemeinde in New York ansässig ist. Englische Bücher sind verboten, Deborah liest sie dennoch. Auch Bibliotheken aufzusuchen, ist nicht erlaubt. Sie schleicht sich trotzdem heimlich dorthin. „Bücher“, von denen ihr Großvater behauptet, „sie seien heimtückische Schlangen, sind meine besten Freunde geworden“, sagt sie. Neugier, Belesenheit und Mut gehören zu ihren größten Stärken.

Deborah beginnt Autoritäten in Frage zu stellen. Sie wird aufmüpfig, rebellisch. Ihr ist bewusst, dass ihr Weg als Frau in sehr engen Bahnen verlaufen wird, sollte sie in der Gemeinde bleiben. Sie beginnt, ihren Ausbruch zu planen. Es ist allerdings selten eine offene, laute Rebellion. Man kann Deborah oft dabei beobachten, wie sie ihrem Umfeld bloß in Gedanken widerspricht. Ihre Fluchtpläne niemandem zu offenbaren, hält sie für äußerst wichtig.

Es sind Deborahs innere Kämpfe, die das Buch spannend machen. Bei all ihrer Wut und all ihrem Frust sind auch Respekt und Pflichtgefühl gegenüber der Gemeinde spürbar. Auch gibt es Momente, in denen sie in Denkmuster zurückfällt, die der Welt entsprechen, von der sie sich doch loszulösen versucht.

Deborah Feldmans Autobiografie bietet einen faszinierenden Einblick in eine extrem religiöse, in sich abgeschlossene Welt, in der Frauen systematisch unterdrückt werden. Dabei ist das Buch aber nicht in einer trockenen, rein beschreibenden Sprache verfasst. Im Gegenteil, es liest sich wie ein Roman. Beim Ausbruch aus der Unterdrückung wird Deborah auch auf die Wahrheit über ihre Mutter stoßen. Diesen Weg mitzuverfolgen, ist äußerst fesselnd.

Besprechung: Fabian Schmid

Secession Verlag für Literatur, Zürich 2016, zweite Auflage. 319 Seiten, 22,00 €

 

Evi Hartmann
Wie viele Sklaven halten Sie?
Über Globalisierung und MoralCover Harmann: Wie viele Sklaven halten Sie?

Wir kaufen Rosen im Dezember, tauschen regelmäßig unser noch funktionstüchtiges Smartphone gegen eine neue Version aus, füllen unsere Schränke mit modischer Kleidung oder gönnen uns Obst, das per Schiff oder Flugzeug zu uns gelangt ist. Dank Globalisierung. Dank Sklavenarbeit.

„Blood Minerals“ werden die Edelmetalle genannt, die wesentliche Bestandteile unserer Handys sind. Denn die Minenarbeiter werden meistens mit roher Gewalt zum Abtragen der Metalle gezwungen. So zum Beispiel im Ost-Kongo, wo die Minen Rebellengruppen gehören. Diese überfallen die Dörfer, um die Bewohner zur Arbeit zu dingen, die Männer werden verstümmelt, die Frauen gruppenvergewaltigt. Vom Minenerlös kaufen die Rebellen ihre Waffen.
Dieses und andere Beispiele führt Evi Hartmann an, um uns den wahren Preis unserer Konsumwelt bewusst zu machen.

Sie meint den Titel ihres Buches nicht metaphorisch. Die BWL-Professorin rechnet uns vor, dass für unseren Lebensstil etwa 60 SklavInnen arbeiten müssen.
Hartmann nimmt in ihrem Buch das Räderwerk auseinander, das das System der Globalisierung am Laufen hält, zählt uns seine Spielregeln auf. Zeigt: Auch wir sind SklavInnen dieses Spiels.

Die Schlagzeilen über einstürzende oder brennende Textilfabriken in Bangladesch oder Indien, in denen unsere billig erworbene Bekleidung hergestellt wird, haben uns nicht unberührt gelassen.
Wer trägt die Schuld? Die Manager, die ihre Zulieferer unter Druck setzen, deren Preise oft bis zur Geschäftsaufgabe drücken?
Und wir, die Konsumierenden? Haben wir Konsequenzen gezogen? Unser Kaufverhalten geändert?
Im Zeitalter des Internets könnten wir uns über die Herkunft unserer Einkäufe informieren. Hartmann sieht uns in der Holschuld, wir haben eine Selbst-Informationspflicht.

Was bewegt uns dazu, den billigen Honig zu kaufen und nicht den fair gehandelten? Warum kaufen wir das smarte Handy und nicht das ohne Fron produzierte?

Wir beugen uns dem Konformitätsdruck unserer MitläuferInnen, im Statuswettkampf geben wir unsere freie Entscheidungsfähigkeit auf.
Wir entscheiden uns gegen die Moral: Bei jedem Einkauf haben wir „erneut die ultimative und unbegrenzte Freiheit der absolut autonomen Entscheidung.“ Im Gegensatz zum Minenarbeiter: „Das Perverse an der Globalisierung ist, dass derjenige, der im Kongo das Coltan für das Handy schürft, zumeist keine Wahl hat. Er wird mit vorgehaltener Waffe dazu gezwungen.“

Hartmann setzt sich nicht nur minutiös mit den Befindlichkeiten unserer Gesellschaft auseinander, sie erarbeitet auch Lösungsmöglichkeiten hin zu einer moralischeren Welt.
Sie führt vor, dass in unserem von Fremdbestimmung geprägten Alltag, eine bewusste Entscheidung für ein fair hergestelltes Produkt, uns auch die Möglichkeit eröffnet, „selbstbestimmt und nur uns selbst Rechenschaft schuldend“ handeln zu können. Moral lohnt sich.

Evi Hartmann ist Mitglied im Netzwerk Generation CEO für Frauen in Führungspositionen. Sie schreibt den Blog „Weltbewegend“.

Campus Verlag, Frankfurt am Main, 2016, 224 Seiten, 17,95 €

 

Beatrice Bourcier
Mein Sommer mit den Flüchtlingen
Der bewegende Bericht einer freiwilligen Flüchtlingshelferin2015 Bourcier Fluechtlinge

Sommer 2015: Die „Flüchtlingswelle“ ist auch in Deutschland angekommen. Turnhallen werden zu Flüchtlingsheimen umfunktioniert. Viele Deutsche möchten den in der Fremde Angekommenen beistehen. Helferkreise werden gebildet. So auch in einer kleinen Dorfgemeinde in Oberbayern.

Auch Beatrice Bourcier war sofort klar: ‚Ich möchte helfen!’. Mit großen Enthusiasmus und Neugierde meldete sie sich sofort beim Helferkreis in ihrer Gemeinde an. Probleme bei der Zuordnung ihrer Aufgaben und Unstimmigkeiten unter den Beteiligten bremsten ihren Elan zunächst aus. Dank ihrer Willenskraft und durch die Unterstützung ihrer Mutter und ihrer beiden Töchter gelang es ihr schließlich sich doch als Helferin in einer Erstaufnahmeeinrichtung einzubringen.

Sie unterrichtete SyrerInnen in deutscher Sprache und gewann nach und nach das Vertrauen ihrer SchülerInnen. Diese berichteten Bourcier von ihren riskanten und tragischen Odysseen, teilten ihre Geschichten mit ihr. Nicht selten baten sie darum, ihre Erlebnisse und ihre große Dankbarkeit gegenüber Deutschland weiter zu erzählen. Mit diesem Buch kommt die Autorin diesen Bitten nach.

Das Buch ist geprägt von Humor und Sympathie und getragen von der Achtung der Autorin gegenüber denjenigen, deren Berichte sie uns auf den Seiten unterbreitet. Wir werden ZeugInnen von einzelnen Schicksalen. Menschen werden sichtbar, die „Flüchtlingswelle“ verblasst.

Brandes & Apsel Verlag GmbH, Frankfurt a. M., 2015. 176 Seiten, 14,90 €

 

Isabelle Ihring
Weibliche Genitalbeschneidung im Kontext der Migration2015: Ihring: Weibliche Genitalbeschneidung

Afrikanische Aktivistinnen prägten in den 1980ern den Begriff „Female Genital Mutilation“ (FGM, weibliche Genitalverstümmelung), um auf die schwerwiegenden Folgen dieser Praktik aufmerksam zu machen. Er setzte sich auch im Sprachgebrauch des IAC und der UN durch. Westliche FrauenrechtlerInnen bedienen sich noch seiner. Isabelle Ihring hat sich für den Begriff Genitalbeschneidung entschieden: Betroffene Frauen identifizierten sich eher mit dem neutralen Begriff, als „Verstümmelte“ bezeichnet, fühlten sie sich stigmatisiert.

Im Gegensatz zu Ihring distanziert sich TERRE DES FEMMES vom Begriff „Beschneidung“ und spricht bewusst über „weibliche Genitalverstümmelung“. Damit soll der Aspekt der Menschenrechtsverletzung in den Vordergrund gestellt werden und einer Verwechslung mit der männlichen Beschneidung vorgebeugt werden. Lediglich für die Besprechung dieses Buches schließen wir uns der Begrifflichkeit der Autorin an.

Bereits in ihrer Diplomarbeit hatte sich die Autorin mit den bestehenden Beratungsangeboten für betroffene Frauen beschäftigt. Ihre Befragungen hatten ergeben, dass die bestehenden Angebote kaum den Bedürfnissen der Frauen entsprachen und so von ihnen kaum wahrgenommen wurden.

Wie also muss die Arbeit gegen weibliche Genitalbeschneidung gestaltet werden, damit bedrohte Mädchen nachhaltig geschützt und betroffene Frauen in ihren Bedürfnissen erreicht werden? Und: Welche Strategien entwickeln die Frauen, um mit den durch die Migration bedingten Veränderungen umgehen zu können?

Um diesen Fragestellungen gerecht zu werden, hat die Autorin für ihre Dissertation nicht nur die Sicht von Fachkräften von Beratungsstellen und anderen Einrichtungen einbezogen, sondern auch Interviews mit betroffenen Frauen und mit Männern aus ihren Communities geführt.

Dabei hat sich Ihring auf Frauen und Männer konzentriert, die aus Somalia nach Italien, Deutschland, Österreich und in die Schweiz migriert sind.

Aufgrund des Bürgerkrieges gehören die Somalis weltweit zu der größten Gruppe der Geflüchteten. Sie hängen dem gleichen Glauben an, sprechen die gleiche Sprache, nahezu alle Frauen sind nach der schwersten Form, der Infibulation, beschnitten.
Schließlich hat die Autorin selbst einen somalischen Hintergrund.

Dem empirischen Teil, in dessen Zentrum die Interviews stehen, stellt Ihring einen ausführlichen theoretischen Teil voran, in dem sie u.a. das Phänomen der weiblichen Beschneidung aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet, die Situation der Frauen in Somalia und die Migrationspolitik in Deutschland, Italien, Österreich und der Schweiz darstellt. Wesentlich für die Analyse ihrer Interviews ist ihr die Auseinandersetzung mit der kritischen Weißseinforschung, auf die sie ausführlich eingeht.

Knapp die Hälfte der Untersuchung gehört den Interviews mit den betroffenen somalischen Frauen und Männern und deren Analysen.

So unterschiedlich die Persönlichkeiten und Biographien der GesprächspartnerInnen, so vielfältig sind deren Aussagen. Dennoch wird klar: Nachwievor sind Hebammen und GynäkologInnen zu wenig über weibliche Genitalbeschneidung informiert und verhalten sich Betroffenen gegenüber all zu oft unangemessen, ja herablassend. Aber eine maßgebende Voraussetzung für die Akzeptanz von Aufklärungsbemühungen ist ein offener, wertschätzender Kontakt auf Augenhöhe.

Budrich UniPress, Opladen, Berlin, Toronto, 2015. 189 Seiten, 26,90€

Von der gleichen Autorin erschienen:
Weibliche Genitalbeschneidung.
Unrast transparent , Münster, 2015. geschlechterdschungel Bd. 6, 84 Seiten, 7,80 €

 

Shirin mit Alexandra Cavelius und Jan Kizilhan
Ich bleibe eine Tochter des Lichts
Meine Flucht aus den Fängen der IS-Terroristen2016 Tochter des Lichtes

Shirin war 16 Jahre alt und wollte gerade ihr Abitur abschließen als die IS-Miliz nachts ihr Dorf im Sindschar-Gebirge, im Norden Iraks überfielen und in Schutt und Asche legten.
Die IS-Terroristen hatten es auf die jesidische Bevölkerung abgesehen. Junge, unverheiratete Mädchen und Frauen wurden verschleppt und zur Ehe mit IS-Kämpfern gezwungen. Shirin war eines dieser Mädchen.
Sie wurde mehrfach zwangsverheiratet, wurde von ihren eigenen „Ehemännern“ misshandelt. Der Willkür dieser fremden Männer ausgesetzt versuchte sie sich in ihrer Ausweglosigkeit selbst zu strangulieren. Sie wurde „gerettet“ und in die Bewusstlosigkeit geprügelt. In ihrem Glauben und in der Liebe zu ihrer Mutter fand sie den Rückhalt, den Zumutungen der Gefangenschaft zu trotzen und weiter zu leben. Von ihrem fünften „Mann“ wurde sie schwanger. Mit einem Stein führte sie heimlich und allein unter unerträglichen Schmerzen eine Abtreibung durch.

Schließlich konnte sie mithilfe ihres neunten und letzten Mannes, einem Sunniten, entkommen und sich in ein Flüchtlingslager retten. Dort traf sie zum ersten Mal auf den Psychologen Jan Kizilhan, der sie nach Deutschland brachte. Hier erzählte sie der Autorin Alexandra Cavelius ihre Geschichte. Nach einem mehrtägigen Interview bringt diese in Zusammenarbeit mit Kizilhan die Erlebnisse der jungen Jesidin zu Papier.
Cavelius lässt Shirin aus der „Ich“-Perspektive erzählen und lässt uns so unmittelbar an deren Odyssee teilhaben.

Jan Kizilhan ergänzt Shirins Geschichte um Erlebnisse von weiteren Überlebenden, die er aus der Sicht des Traumatologen und Psychologen spiegelt. Mit zusätzlichen Kommentaren zum IS-Terror aber auch zur Religionsgemeinschaft der Jesiden bietet er den sachlichen Hintergrund zu Shirins emotionalen Erzählung.
Der international anerkannte Experte koordinierte von Februar 2015 bis Januar 2016 ein Programm, in dessen Rahmen etwa 1100 jesidische Frauen und Kinder, die dem Grauen des IS entkommen konnten, eine Zuflucht in Baden-Württemberg gewährt wird.

Auch Shirin lebt heute an einem Ort im Süden Deutschlands. Mit ihren traumatischen Erlebnissen hat sie noch immer zu kämpfen.

Europa Verlag, Berlin, München, 2016. 368 Seiten, 18,99€

 

Nizaqete Bislimi mit Beate Rygiert
Durch die Wand
Von der Asylbewerberin zur RechtsanwältinBislimi Cover

Als der Kosovo-Krieg und die zunehmende Diskriminierung von Minderheiten die Menschen zur Flucht zwingt, entschließt sich 1993 auch die Familie Bislimi ihre Heimat zu verlassen. Da der Vater als Reservist dem Militärdienst verpflichtet ist, müssen die 14-jährige Nizaqete, ihre Geschwister und ihre Mutter zunächst ohne ihn die Reise ins Ungewisse aufnehmen.

Bislimis Mutter ist Romni, der Vater Hashkali, Volksgruppen, die unter der herabwürdigenden Fremdbezeichnung „Zigeuner“ bekannt sind. Aus Angst vor Repressalien verschweigen sie auf ihrer Flucht ihre Herkunft. Nizaqete wird noch lange mit ihren Wurzeln hadern. Erst 1999 wird ihr bewusst, wie stolz sie auf diese sein kann und beginnt sich mit ihrer eigenen Identität auseinanderzusetzen.

Im fremden Deutschland werden die Bislimis über 14 Jahre als "Geduldete" ausharren. Nizaqete wird dennoch 1999 als eine der drei Jahrgangsbesten das Abitur absolvieren und allen Widrigkeiten zum Trotz Jura studieren.

Sie wird an der Ruhr Universität Bochum angenommen, da hier ihr Aufenthaltsstatus als Geduldete zweitrangig ist.
Da ihr aber eine Unterstützung durch das BaföG verwehrt bleibt, hält sie sich mit drei Nebenjobs über Wasser. Für ihre Stelle als Kellnerin in einem italienischen Café lernt sie eigens italienisch. Täglich muss sie zwischen dem Aufenthaltsort der Familie und der Uni pendeln, denn ihr Status als „Geduldete“ gebietet ihr Residenzpflicht.

Nizaqete hält aber durch. Der Wille das Recht, des Staates zu studieren, der sich gegen die Aufnahme ihrer Familie so sehr sperrt, beflügelt sie.

Endlich, nach ihrem ersten Staatsexamen, wird ihr eine Aufenthaltsgenehmigung aus humanitären Gründen bewilligt.

Heute ist Nizaqete Bislimi deutsche Staatsbürgerin. Sie ist Anwältin in der Essener Rechtsanwaltskanzlei, die einst ihre Familie vertreten hatte und ist Erste Vorsitzende des „Bundes Roma Verbands e.V.“.

Als Vorbild möchte die nicht gesehen werden. Jedoch möchte sie mit ihrem Beispiel die Unsicherheit, die Unsichtbarkeit und das fehlende Selbstbewusstsein ihrer Volksgruppe abbauen. Roma und Sinti sollen sich nicht durch Diskriminierungen in Opferrollen drängen lassen.

Mit ihrer Biographie gelingt es der Autorin das vorurteilsbehaftete Bild der Roma und Sinti in der Bevölkerung zurecht zu rücken.

Bislimi, Nizaqete mit Rygiert, Beate. Dumont-Buchverlag, Köln, 2015, 256 S., 19,99€

 

Patu; Antje Schrupp
Kleine Geschichte des Feminismus im euro-amerikanischen KontextCover Kleine Geschichte des Feminismus

Für ihren Streifzug durch den Feminismus hat das Autorinnen-Duo eine eher ungewöhnliche, aber anschauliche und pointierte Darstellungsform ausgesucht: die Graphic Novel.

Mit Eva und Adam steigen sie ein, setzen mit der Antike fort, um am Ende ihrer Reise schließlich beim „Third Wave Feminism“ in der Gegenwart anzukommen. Dabei porträtieren sie mehr oder weniger bekannte Frauen, Protagonistinnen, die unbeirrt ihre Sache verfochten haben.

Ob Philosophin, Künstlerin, Wissenschaftlerin, Ordensfrau oder Aktivistin: Sie alle hatten gegen eine männlich dominierte Gedanken- und Wertewelt anzukämpfen, manche bezahlten für das Einstehen für ihre Vorstellungen mit ihrem Leben: So wurde im 4. Jahrhundert die Mathematikerin Hypathia von christlichen Fanatikern in Alexandria ermordet. Die französische Frauenrechtlerin Marie Gouze, uns bekannter unter dem Künstlernamen Olympe de Gouges, starb für ihre Ideen unter der Guillotine.

Mit der Lehrerin und Philosophin Mary Wollstonecraft treffen wir auf die erste Feministin, die herausstellte, dass die Unterschiede zwischen Frauen und Männern von der Gesellschaft hervorgebracht werden und nicht auf „natürliche“ Ursachen zurückführbar sind.
Und natürlich dürfen wir Simone de Beauvoir zuhören, während sie über das „andere“ Geschlecht nachdenkt, oder Angela Davis, der Verfasserin von "Women, Race and Class".

Schön ist, dass auch weniger prominente Persönlichkeiten wie die Wanderpredigerin und ehemalige Sklavin Sojourner Truth (1798-1883) zu Wort kommen. In ihren Reden thematisierte sie die positive Diskriminierung von Frauen und den Rassismus in bürgerlichen Geschlechterrollen.

Mit den vorgestellten Frauen kommt auch die Vielfalt ihrer – sich oft auch widersprechenden - Sichtweisen, ihrer Forderungen zutage, werden die Umrisse wichtiger feministischer Debatten sichtbar, eingebettet im jeweiligen historischen Kontext.
So stritten die deutschen Frauenrechtlerinnen um 1900 über die Stellung der Frau und die Einführung des Frauenwahlrechts.

Dennoch können diese gezielt gesetzten Schlaglichter auf 88 Seiten nicht alle Verästelungen der frauenbewegten Geschichte einfangen. Aber in einer zweiten – vorgesehenen - Auflage sollen diese Leerstellen behoben werden.

Diese Graphic Novel weiß nicht nur durch die Wahl der Porträtierten zu überzeugen, sondern kann, ergänzt durch die klugen, konzentrierten Kommentare, als „Herstory“ für Eilige empfohlen werden.

Antje Schrupp, Patu, Kleine Geschichte des Feminismus im euro-amerikanischen Kontext, Unrast Verlag Münster 2015, 88 S., 9,80 €.

 

Franziska Antonia Steffen
Strafrecht in einer multikulturellen Gesellschaft
Eine Erörterung anhand von Fallgestaltungensteffen strafrecht multkulturelle gesellschaft

Mit den sogenannten Mohammed-Karikaturen, den Fällen von Ehren-"Mord“ ,Zwangsheirat oder weiblicher Genitalverstümmelung werden immer wieder Sachverhalte vor Gericht verhandelt, denen eine eindeutige kulturelle und religiöse Dimension anhaftet. Diese Dimension kann sich aber durchaus auf juristische Urteile auswirken. Prinzipiell können Glaubens- und Gewissensgründe im Strafrecht Berücksichtigung finden und unter Umständen strafmildernd wirken: Religions- und Gewissensfreiheit stehen durch das Grundgesetz unter besonderem Schutz. Werden hierdurch aber nicht andere zentrale Prinzipien wie die Neutralitätspflicht des Rechtsstaates außer Kraft gesetzt? Und gibt es weiteren gesetzlichen Handlungsbedarf?

Die vorliegende Dissertation beleuchtet diesen Konflikt ausführlich anhand von Fallkonstellationen und diskutiert das Thema im Hinblick auf bisherige Urteile sowie strafrechtsdogmatische und rechtspolitische Gesichtspunkte.

Im Eingangskapitel werden zunächst zentrale Begriffe wie Kultur und Religion geklärt.
Neben den anfangs genannten Fällen, handelt Steffen in je eigenen Kapiteln auch Themen ab, wie die „Totalverweigerung“ von Wehr- und Zivildienst oder die Ablehnung von lebensnotwendigen Bluttransfusionen aus Glaubens- und Gewissensgründen.
Die einzelnen Kapitel beginnt die Autorin mit generellen Überlegungen zur juristischen Praxis und den abzuwägenden Rechtsgütern, woraufhin sie sich den konkreten Fallgestaltungen widmet.

Abschließend beschäftigt sich die Autorin mit prozessualen Besonderheiten. Sie macht deutlich, wie die Berücksichtigung besonderer kultureller und religiöser Hintergründe dem ungehinderten Ablauf des Verfahrens dienlich sein kann.
Bei "Ehren“-Morden z.B. würde das gesamte Verfahren häufig an den Zeugenaussagen hängen. Diese würden sich aber aufgrund einer ausgeprägten Ehrkultur eher mit dem Täter solidarisieren und sogar eine Falschaussage in Kauf nehmen. In solchen Fällen kann der Verzicht auf eine öffentliche Befragung der Zeugen bei der Wahrheitsfindung ausschlaggebend sein.

Steffen analysiert die diffizilen Sachverhalte differenziert und gleichzeitig nachvollziehbar. Sie verzichtet dabei aber nicht darauf, sie gegeneinander abzuwägen und zu einem eignen Standpunkt zu gelangen. Sie macht unmissverständlich deutlich, dass es Mindeststandards für friedliches Zusammenleben geben muss, und dass eine Berücksichtigung religiöser und kultureller Anschauungen die Ausnahme bleiben sollte. Das macht dieses Buch zu einem besonderen Wegweiser für die Arbeit im Bereich der Menschenrechte.
Steffens Dissertation ist gerade im Hinblick auf die Themen Zwangsheirat, „Ehren-“Mord und Genitalverstümmelung ein unerlässliches Fachbuch im Engagement für Frauenrechte.
Rezension: Sermin Güven

Nomos Universitätsschriften – Recht (867), Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2015. 449 S., 119 €.

 

 

 

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