Besonders schutzbedürftig: Frauen auf der Flucht

Mindestens die Hälfte der Menschen, die sich weltweit auf der Flucht befinden, sind Mädchen und Frauen. Viele von ihnen schaffen es lediglich über die Grenze ihrer Heimat ins Nachbarland.

Auf die beschwerliche Reise nach Europa begeben sich überwiegend Männer. Auch der Großteil der in Deutschland Ankommenden sind Männer. 2014 wurden laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge nur 33,4% der Asylanträge von Frauen und Mädchen gestellt.

Die Fluchtgründe

Die meisten der zurzeit hier ankommenden Männer stammen vor allem aus Kriegsgebieten und hätten als Rebellen oder Soldaten eingezogen werden können. Frauen müssen ihrer Heimat den Rücken kehren, weil sie aus politischen oder religiösen Gründen verfolgt werden, aber vor allem auch weil sie Schutz vor ihrer Familie oder ihrem Partner suchen. Ihnen drohen Zwangsverheiratungen, Gewalt im Namen der Ehre, Genitalverstümmelungen, häusliche Gewalt. Dass Frauen in Ländern mit kriegerischen Auseinandersetzungen systematisch vergewaltigt werden, ist spätestens seit den Konflikten im Kosovo an die Öffentlichkeit gedrungen.

Auf der Flucht

Auf der Flucht sind die Frauen meistens auf sich selbst gestellt. Werden sie von den Kriegswirren aus ihrer Heimat vertrieben, so müssen sie sich oft mit ihren minderjährigen Kindern und älteren Verwandten durchschlagen. Unter widrigsten Bedingungen kommen sie für ihr Wohl horrende Schmuggelkosten auf. Sie sind der Willkür von Schleusern, Beamten und andere Flüchtlingen ausgesetzt, die nicht selten ihre Schutzlosigkeit ausnutzen. SchmugglerInnen würden mit Menschenhändlern gemeinsame Sache machen, um Frauen und Mädchen in die Prostitution zu zwingen, berichtet die Europäische Frauenlobby (EWL).

Weibliche Flüchtlinge, die von Libyen geflohen seien, um mit dem Boot nach Italien zu gelangen, seien entweder selbst vergewaltigt worden oder Zeuginnen einer Vergewaltigung geworden, beklagt Lauren Wolfe, Geschäftsführerin von Women Under Siege. Für die ohnehin schwer belasteten Frauen kann der erzwungene sexuelle Akt die gesellschaftliche Isolation bedeuten: In manchen Kulturen gelten sie als Beschmutzte, die ihrer Familie Schande bringen.

Für viele Frauen gerät die Überquerung des Mittelmeers schon allein deshalb zum Albtraum, weil sie in ihrer Heimat nicht schwimmen lernen durften.

Im Gastland angekommen?

Erreichen die Frauen und Mädchen, traumatisiert von dem auf der Flucht Erlittenen endlich das angestrebte Ziel, werden sie im fremden Land mit Bedingungen konfrontiert, die ihrem Schutzbedürfnis nicht gerecht werden: Sie geraten in überfüllte Aufnahmelager, bar jeder Privatsphäre, die Zimmer sind oft nicht abschließbar, die sanitären Anlagen nicht nach Geschlechtern getrennt. Der nächtliche Weg zur Toilette kann über lange, unbeleuchtete Korridore führen und wird von vielen als schwer überwindbares Wagnis empfunden.

Auch hier sind sie vor sexuellen Übergriffen nicht sicher. Vor allem alleinstehende Frauen sind ohne den Schutz eines männlichen Angehörigen gefährdet. Heike Rabe vom Deutschen Institut für Menschenrechte zieht das Fazit: „Der Gewaltschutz in Flüchtlingsunterkünften weist derzeit erhebliche Defizite auf, die mit den zunehmenden Flüchtlingszahlen sichtbarer werden.“

In der fremden, unvertrauten Umgebung können manche Frauen und Mädchen selbst den Rückhalt durch ihre Familie, mit der sie die Flucht überstanden haben, verlieren. So wurde neulich der Fall eines Mädchens bekannt, das sich in einer Unterkunft in den „falschen“ Mann verliebt hatte. Die von der Familie unerwünschte Verbindung veranlasste diese zu Morddrohungen.

Geschlechtsspezifische Asylgründe müssen ernst genommen werden!

Es sind oft geschlechtsspezifische Gründe, die Frauen zur Flucht veranlassen. Ihre Reise verläuft oft physisch und psychisch anstrengend, die Bedingungen im Zielland tragen kaum zur Linderung bei. Sie werden in der Regel dafür kämpfen müssen, dass ihre Fluchtursachen als Asylgrund anerkannt werden. TERRE DES FEMMES fordert deshalb für Frauen einen besonderen Schutz während jeder Phase ihrer Flucht. Geschlechtsspezifische Asylgründe müssen ernst genommen werden!

Die Forderungen von TERRE DES FEMMES

 

Literatur:

Heike Rabe (2015): Effektiver Schutz vor geschlechtsspezifischer Gewalt – auch in Flüchtlingsunterkünften. Deutsches Institut für Menschenrechte. Policy Paper Nr. 32, August 2015. Berlin:

Agnes Andrae; Anne Maya (2013):  Flüchtlingsfrauen in Deutschland – Unterstützungsprojekte aus Bayern. Heinrich-Böll-Stiftung. Heimatkunde. Migrationsportal

Henriette Wrege: Anwältin der Flüchtlingsfrauen. Elisabeth Ngari und die »Women in Exile«. In: Frauenrat. Informationen für die Frau 2/2015 herausgegeben vom Deutschen Frauenrat. Lobby der Frauen - Bundesvereinigung von Frauenverbänden und Frauengruppen gemischter Verbände in Deutschland e.V., Berlin

 

Nützliche Links:

Priyali Sur: ‘We can’t go back. We have nothing left’: Syrian refugee women on the border

Heide Oestreich: „Dann schließ dich halt ein“ – Flüchtlingsfrauen in Deutschland (PDF-Datei)

UNO-Flüchtlingshilfe: https://www.uno-fluechtlingshilfe.de/fluechtlinge/fragen-antworten.html

Deutscher Frauenrat: Frauen auf der Flucht. Asyl ist nicht geschlechtsneutral

Alexander Sarovic: Sexuelle Gewalt in Flüchtlingsheimen: "Besonders gefährdet sind alleinstehende Mütter". Interview mit Johannes-Wilhelm Rörig, Unabhängiger Beauftragter der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs. In: Der Spiegel

Simone Schmollack: Gewalt gegen weibliche Geflüchtete. Flucht im Schatten. In: taz

„Angekommen – Flüchtlinge erzählen“. Ich bin keine schwache Frau. In: taz

Kristin Oeing: Nicht mehr zu haben. Zwangsehen in Flüchtlingslagern gehören zu den dramatischen Folgen des Syrienkonflikts. Über ein Mädchen, das sich wehrt. In: Fluter

 

Stand 10/2015

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