Irak

© UNICEF Data: Monitoring the situation of children and women. 2019. Country Profile Iraq© UNICEF Data: Monitoring the situation of children and women. 2019. Country Profile Iraq

Vorkommen

Wegen des mangelnden Wissens zu weiblicher Genitalverstümmelung auf Seiten der Regierung als auch auf Seiten der Gesellschaft, gibt es nur wenige Daten zur Prävalenz von FGM im Irak. Jedoch verdeutlichen mehrere kleinere Studien, dass FGM vor allem in der Region Nordirak und Kurdistan praktiziert wird. Laut UNICEF Angaben aus dem Jahr 2018 liegt allein in dieser Region des Landes die Prävalenzrate von FGM bei 38%; in allen übrigen Regionen dagegen bei unter 1%. Insgesamt schätzt UNICEF die Prävalenz im gesamten Land auf 7%. Somit sind es vor allem die kurdischen Mädchen und Frauen, welche oft unter den Folgen einer Genitalverstümmelung leiden.

Eine von der deutschen Hilfsorganisation WADI e.V. 2011 durchgeführte Studie zeigt allerdings, dass auch außerhalb der autonomen kurdischen Region im Norden Iraks FGM praktiziert wird: Durch eine breit angelegte, repräsentative Befragung der Bevölkerung in der Provinz Kirkuk, konnte die Organisation aufzeigen, dass nicht nur kurdische Mädchen und Frauen „beschnitten“ wurden bzw. werden, sondern ebenfalls Angehörige anderer Ethnien. In Kirkuk leben unterschiedliche ethnische Gruppen, darunter Kurden, Araber, Turkmenen, Armenier u.v.a. Die 2012 veröffentlichte Studie beweist, dass die Praktik sämtliche soziodemografische Grenzen durchbricht und ungeachtet von Ethnie, Religion oder geografischem Wohnsitz weit verbreitet ist. Nichtsdestotrotz wird weibliche Genitalverstümmelung am häufigsten in der kurdischen Community praktiziert, gefolgt von den Arabern und den Turkmenen. Darüber hinaus konnte die Studie auch Fälle von FGM in nicht-muslimischen Gemeinschaften identifizieren, vor allem in der sogenannten Yaresan Community.

Zahlen

Betroffene: 8% der Mädchen und Frauen (15-49 Jahre)
Befürworterinnen: 5% der Mädchen und Frauen (15-49 Jahre)
Beschneidungsalter: 27% der Verstümmelungen werden vor dem 4. Lebensjahr durchgeführt, 40% zwischen dem 5. und 9., 6% zwischen dem 10. und 14. und nochmals 1% nach dem 15. Lebensjahr

Meist wird der Eingriff an Kindern 5 und 9 Jahren vorgenommen (43%), dennoch wissen 19% der 15 bis 49-jährigen Mädchen und Frauen, die einer Genitalverstümmelung unterzogen wurden, nicht wie alt sie bei ihrer „Beschneidung“ waren.
Die Praktik wird zudem zu 29% von traditionellen Beschneiderinnen durchgeführt und zu 14% von ausgebildetem Gesundheitspersonal.

Formen

Die am häufigsten durchgeführte Form der Genitalverstümmelung ist der Typ I (Klitoridektomie). Bei diesem Eingriff werden Klitorisvorhaut und/oder Klitoris entfernt.

Dabei hat FGM schwerwiegende gesundheitliche Konsequenzen. Somit kann es beispielsweise bei der Entfernung der Klitoris zu schweren Blutungen (Hämorrhagie) kommen. Dieser kann wiederum zu starkem Blutverlust führen, der tödlich enden kann. Wird FGM insbesondere durch traditionelle Bescheniderinnen durchgeführt, so kann es während des Eingriffs und auch danach zu Infektionen im Genitalbereich kommen. Die Benutzung verunreinigter Instrumente (z.B. durch die Mehrfachverwendung ohne Zwischendesinfektion) und mangelhafte Wundversorgung begünstigen Infektionen, die tödlich verlaufen können.

Begründungsmuster

Als Begründung für die „Beschneidung“ von Mädchen und Frauen wird überwiegend die Religion genannt. Gerade in der sunnitischen und schiitischen Community im Irak gilt FGM als eine religiöse Pflicht. Diese Annahme ist auch der Hauptgrund weswegen die Praktik weiterhin von den Communities unterstützt und fortgeführt wird.

Gesetzliche Lage

Zwar existiert seit 2011 ein Gesetz, das weibliche Genitalverstümmelung als Form der häuslichen Gewalt in der autonomen Region Kurdistan unter Strafe stellt, jedoch zeigt die Studie von WADI e.V., dass die Praktik nicht nur in kurdischen Gebieten vorkommt und dieses Gesetz daher unzureichend ist. Jedoch fehlt es bislang an einem nationalen Verbot von FGM für ganz Irak, da die irakische Regierung und weite Teile der Bevölkerung sich immer noch weigern, die das Vorkommen der Praktik in ihrem Land anzuerkennen. 2013 wurde dem irakischen Parlament in Bagdad erstmals ein Anti-FGM-Gesetzentwurf vorgelegt, um Genitalverstümmelung auf nationaler Ebene zu verbieten. Allerdings wurden entsprechende Bestrebungen irakischer AktivistInnen von der dschihadistischen Gruppe IS unterdrückt und stattdessen bis 2017 die Fortführung von FGM an Mädchen und Frauen gefordert. UNICEF verzeichnet aber seit Jahren einen stetigen Rückgang der Unterstützung für die Praxis: 94% der 15 bis 49-jährigen betroffenen Mädchen und Frauen sind der Ansicht, dass FGM aufhören sollte (2016). 2011 waren das noch 88%.

Haltung und Tendenzen

88% der Mädchen und Frauen (15-49 Jahre) sind der Ansicht, FGM muss aufhören.

Die Nichtregierungsorganisation WADI e.V. macht seit Jahren Aufklärungs- und Lobbyarbeit auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene. Im Nordirak z. B. besuchten „WADI’s Mobile Teams“ die Dörfer und klären über weibliche Genitalverstümmelung auf, woraufhin die FGM-Rate dort stark gesunken ist. Auch in Erbil, der Region mit der höchsten Prävalenz von FGM, ging die Beschneidungsrate deutlich zurück.

 

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Stand 12/2019