TDF-Kinospot gegen Genitalverstümmelung

Kurzbeschreibung:

Der Spot führt die ZuschauerInnen in ein Mietshaus. Kinder spielen auf dem Gang. Plötzlich erscheint eine ältere Frau, die Beschneiderin. Sie erhält vom Ehemann der jungen Frau Geld für ihre bevorstehenden Dienste und bereitet ihre Instrumente für den Eingriff in der Küche der Familie vor. Die Mutter holt ihre kleine Tochter vom Spielen. Wieder vor der Tür ihrer Wohnung angekommen, denkt sie an den Schmerz ihrer eigenen Verstümmelung und schickt ihre Tochter daraufhin zum Spielen zurück. Am Ende des Spots steht ein Spendenaufruf für die Arbeit von TERRE DES FEMMES.

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Zur Vorgeschichte:

TERRE DES FEMMES bekam das Angebot von vier StudentInnen der Hochschule für Fernsehen und Film in München, einen Kinospot gegen Genitalverstümmelung zu drehen. Die Regisseurin Satu Siegemund berichtet, wie es dazu kam:

Satu Siegemund
Satu: Das gesamte Projekt wurde von uns vier Studenten der Hochschule für Fernsehen und Film im München auf die Beine gestellt. Wir alle haben im Wintersemester 1999 mit dem Studium begonnen. Während sich Florian Deyle, Martin Richter und Hendrik Feil auf "Produktion und Medienwirtschaft" konzentrieren, studiere ich im Bereich 'Film und Fernsehspiel'.

Am Ende des ersten Semesters auf der Hochschule für Fernsehen und Film München muss ein erster Kurzfilm gedreht werden. Vorgaben dabei sind: Er muss Schwarz/Weiß sein, und es dürfen keine Dialoge stattfinden. Der Film darf nur durch Bilder erzählen.

So beschloss ich, meinen ersten Kurzfilm als Spot, genauer als Social Spot zu konzipieren und kontaktierte kurz darauf TERRE DES FEMMES, ob sie an einem solchen Projekt interessiert wären.

TDF: Was hat dich auf die Idee gebracht, einen solchen Spot zu drehen?

Satu: Einen Social Spot wollte ich schon lange drehen, weil ich finde, dass die Massenmedien heutzutage viel mehr für gute Zwecke zum Einsatz kommen sollten. Es sollte aber ein Thema sein, für das es noch keine Spendenaufrufe in Fernsehen/Kino gab, und so erinnerte ich mich an das Thema "Weibliche Genitalverstümmelung", wovon mir bereits Anfang der 80er meine Mutter erzählt hatte. So konnte ich sozusagen zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Ich konnte einen Social Spot für ein noch nicht so öffentlich bekanntes Thema drehen und dabei andere Frauen in ihrer Arbeit unterstützen.

TDF: Wer soll mit dem Spot erreicht werden?

Satu: Menschen, die sich mit dem Thema "Weibliche Genitalverstümmelung" noch nicht auseinandergesetzt haben oder davon noch gar nichts wissen (so etwas gibt es!) möchten wir auf die Problematik aufmerksam machen. Sie sollen die Arbeit derer, die sich bereits informiert haben, nämlich TERRE DES FEMMES, finanziell unterstützen. Denn gerade die kleineren Vereine sind auf Spenden am meisten angewiesen.

Foto aus Kinospot

TDF: Wie ist der Spot aufgebaut?

Satu: In erster Linie geht es um den Umdenkprozess einer Mutter, während sie auf dem Weg ist, ihre Tochter vom Spielen abzuholen und sie zur Beschneiderin zu bringen. Dabei legte ich großen Wert darauf, zu verdeutlichen, dass Frauen auch in konservativen Familien durchaus in der Position sind, "Nein" zur Beschneidung zu sagen. Sie sind sich nur oft ihrer Macht nicht bewusst. Die Frau in dem Spot entscheidet sich erst Sekunden vor dem grausamen Ritual dagegen, da sie sich plötzlich genau bewusst macht, was geschehen soll. Das wird durch Zwischenschnitte auf die Vorbereitungen in der Küche gezeigt, die auch in gewisser Weise ihre eigenen Erinnerungen darstellen.

TDF: Welche Vorbereitungen waren notwendig?

Satu: Zum einen muss der finanzielle Teil organisiert, Spender und Sponsoren müssen gefunden werden. Parallel dazu habe ich ein sogenanntes Storyboard zeichnen lassen, das ist so etwas wie der gesamte Spot als "Comic", sprich, die einzelnen Einstellungen, die gedreht werden sollen, werden gezeichnet.

TDF: Wie habt ihr die Darsteller gefunden?

Satu: Um die richtigen Personen zu finden, durfte ich bei einigen Castingagenturen in München die Schauspielerkarteien durchforsten was eine große Ausnahme ist und wofür ich ihnen sehr dankbar bin.

 Es war insgesamt sehr schwierig, hier DarstellerInnen zu finden, die afrikanischer Abstammung sind aber nicht zu europäisch-modern aussehen. Viele von den Erwachsenen sind dann gleich auch Models. Das größte Problem mit den DarstellerInnen war, überhaupt eine Frau afrikanische Abstammung zu finden. Schwierig war es auch bei den Kindern.

Foto aus Kinospot

Nach drei Monaten hatte ich dann alle Rollen besetzt, wobei nur die Rolle der Mutter (Sheri Hagen) von einer Schauspielerin dargestellt wird. Sie beschäftigt sich selbst schon seit einiger Zeit mit dem Thema 'Genitalverstümmelung'.

Die Beschneiderin (Rosa Kunzmann) hatte als Kleindarstellerin schon erste Erfahrungen mit Dreharbeiten gemacht.

Den Mann habe ich dann sozusagen 'von der Straße' gecastet. Er kommt aus Eritrea und wusste über dieses Thema Bescheid, ist allerdings als Christ nicht direkt betroffen. Markos Gebreselassie brachte kaum Erfahrungen aus dem Medium Film mit.

TDF: Hatte jemand der Beteiligten Schwierigkeiten mit dem Thema?


Foto aus Kinospot

Satu: Schwierigkeiten mit dem Thema hatte eigentlich niemand, allerdings erzählte mir eine Mutter von einem der Mädchen, die mitmachten, dass sie früher mit ihrem Mann versucht habe, über dieses Thema zu reden, da er aus einem betroffenen Land stammt. Doch von seiner Seite aus wurde das Gespräch mit 'Das ist inzwischen verboten, das gibt es nicht mehr!' abgeblockt. Auch sollte er nicht wissen, dass seine Tochter an einem solchen Spot mitwirkt.

TDF: Wie seid ihr vorgegangen beim Dreh?

Satu: Da ich sowohl Regie als auch Kamera geführt habe, war ich darauf angewiesen, meine 'Hausaufgaben' so gut als möglich zu machen und musste bestvorbereitet zur Arbeit kommen. Das heißt: Ich muss wissen, was ich will, damit keine langen Wartezeiten durch ewige Denkpausen entstehen. Ich musste mich gleichzeitig um Lichtgestaltung, Kamera und die Schauspieler kümmern und kann von Glück reden, dass ich ein so gutes, nettes und vor allem engagiertes Team dabei hatte, das mich nicht nur voll unterstützte, sondern zum Teil fast hellseherische Kräfte besaß. Ich musste nie viel erklären, was ich wollte.

Alle Darsteller haben großartige Leistungen erbracht. Das gilt natürlich auch für die Kinder. Auch sie waren größtenteils drehunerfahren. Durch ihre unkomplizierte Art und Offenheit waren die Dreharbeiten jedoch ein großes Abenteuer für die Kleinen, und sie waren mit viel Spaß bei der Sache.

Selbst die strengen Gesetze, die es zu erfüllen gilt, wenn man mit Kindern in diesem Alter dreht (höchstens zwei Stunden reine Drehzeit am Set, dazwischen eine Stunde Pause) waren mit diesen Kindern kein Problem.

 Die Produktion kümmerte sich darum, dass der organisatorische Ablauf ohne Zwischenfälle vonstatten ging: Wann kommt welcher Schauspieler, wann fangen wir an, welcher Schauspieler kann / muss wann gehen, sind alle Requisiten, Kostüme usw. da, gibt es Aufenthaltsräume für die Schauspieler, wann und was gibt es zum Mittagessen usw.)

TDF: Was war beim Dreh schwierig?

 Foto aus KinospotSatu: Es fehlt immer Zeit beim Drehen, egal, wieviel man einplant: Eigentlich reicht es nie: Mal hat ein Schauspieler einen wichtigen Termin und muss zu einer bestimmten Uhrzeit gehen. Die Kinder dürfen nur so und so lange drehen, die Sonne verändert dauernd ihre Position und verschwindet am Ende des Tages völlig, das Wetter verändert sich. (Gerade, wenn man häufig in Richtung Fenster dreht, kann das zu einem großen Problem werden).

TDF: Wie ist nun der aktuelle Stand?

Satu: Momentan ist der Film geschnitten, aber er wird noch einmal umgeschnitten. Anschließend erfolgt die Tonmischung. Schließlich wollen wir den Spot noch auf Video- und Filmformat bannen, das heißt, er muss kopiert werden.

TDF: Wie gefällt euch das Ergebnis?

Satu: Wir sind alle mit dem Ergebnis sehr zufrieden und haben von vielen Seiten (sowohl Filmschaffende, als auch Laien) großes Lob geerntet. Ich hoffe, dass dieses Projekt für TERRE DES FEMMES ein großer Erfolg wird.

Artikel aus: TERRE DES FEMMES - Zeitschrift 4/2000

Das Interview mit der Regisseurin Satu Siegemund führte Gritt Richter.

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