„Schwangerschaftsabbruch: Weltweit legal oder verboten? Ein globaler Überblick“

Am 24. Juni 2022 beschloss der Deutsche Bundestag das Werbeverbot für Schwangerschaftsabbrüche aus dem Strafgesetzbuch (§ 219a StGB) zu streichen. Das Gesetz trat am 19. Juli 2022 in Kraft, seitdem dürfen ÄrztInnen nach fast 90 Jahren „Werbeverbot“ erstmals wieder öffentlich über die Methoden und Risiken eines Schwangerschaftsabbruchs informieren. Am gleichen Tag schaffte der Oberste Gerichtshof der USA das bisher bundesweit garantierte Recht auf Abtreibung ab. In unmittelbarer Folge wurden in etwa 60 Prozent der Bundesstaaten Abtreibungen inzwischen verboten, stehen kurz vor dem Verbot oder sind ernsthaft bedroht. [1] [2]

Während schwangere Frauen in Deutschland an Informationsfreiheit gewinnen, verlieren Frauen in den USA plötzlich ihr Recht auf einen Schwangerschaftsabbruch. Wie kann es sein, dass die Entwicklung in manchen Ländern in Richtung Liberalisierung geht, während es gleichzeitig in anderen Ländern zu heftigen Restriktionen kommt? Gibt es auf globaler Ebene erkennbare Trends in Sachen Abtreibungsrechten?

 1. Globale Liberalisierungstendenzen

Egal wo auf der Welt man sich befindet, ist der Schwangerschaftsabbruch und damit das Selbstbestimmungsrecht von Frauen über ihren eigenen Körper ein gesellschaftlich schwer umkämpftes Thema. Dennoch war weltweit in den letzten 50 Jahren ein eindeutiger Trend zu größerer Liberalisierung der bestehenden Abtreibungsgesetze zu erkennen. [3] Einige dieser Reformen erfolgten dabei nur schrittweise, wie zum Beispiel dort wo Frauen nur dann Zugang zu einem Schwangerschaftsabbruch bekommen, wenn ihr Leben bedroht ist oder die Schwangerschaft auf Vergewaltigung zurückzuführen ist. Weitreichendere Reformen haben Abtreibungsverbote gänzlich zugunsten der reproduktiven Autonomie von Frauen aufgehoben (wie z.B. in Kanada). [4]

Abb.1.0

Wie in Abbildung 1.0. zu sehen ist, unterscheiden sich die Rechte schwangerer Frauen heutzutage drastisch von einem Land zum nächsten. In manchen Ländern, wie seit neustem auch in den USA, gibt es keine landesweit einheitliche Regelung. Die gesetzlichen Bestimmungen dazu können sich so mitunter innerhalb eines Landes von Bundesstaat zu Bundestaat drastisch unterscheiden.

Wichtig zu wissen dabei ist: Je liberaler die gesetzlichen Regelungen, desto sicherer ist ein Schwangerschaftsabbruch. In Ländern mit liberalen Abtreibungsgesetzen gelten 90 Prozent der Abbrüche als sicher, aber nur 25 Prozent in Ländern, in denen sie verboten sind. [5] Abtreibungen finden weltweit trotz Restriktionen und Verbote statt, sind dann jedoch wesentlich risikoreicher, mitunter tödlich für die ungewollt schwangeren Frauen.

Obwohl eine qualitativ hochwertige Abtreibungsversorgung von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als universelles Recht auf Gesundheit anerkannt ist und weltweit eingefordert wird, [6] wird dieses Menschenrecht in den jeweiligen nationalen Gesetzgebungen nicht adäquat umgesetzt. Weltweit gibt es jedoch beobachtbare Trends, die im Folgenden anhand einiger Beispiele aufgezeigt werden sollen.

7. Ein weltweit geltendes Recht auf den Schwangerschaftsabbruch

Dass ein Schwangerschaftsabbruch ein Menschenrecht ist, wird durch die General Comments des Menschenrechtsausschusses der Vereinten Nationen auf das Recht auf Leben bekräftigt. Demnach sind alle Vertragsstaaten verpflichtet sichere, „legale und effektive Zugänge zu einer Abtreibung“ wenigstens in Bestimmten Fällen zu gewähren. Die Unterstützung durch medizinische Dienstleister sollte zudem, nicht kriminalisiert werden, um gefährliche Schwangerschaftsabbrüche zu vermeiden. [47]

Aktuell gibt es weltweit viel Bewegung bezogen auf das Thema Schwangerschaftsabbruch und körperliche Selbstbestimmung von Frauen. Obwohl in einer Handvoll Ländern noch ein vollständiges Verbot besteht, zeigen die aktuellen Trends – mit Ausnahme von den USA und Polen – eine Tendenz in Richtung Liberalisierung. In den meisten Ländern der Welt ist ein Schwangerschaftsabbruch inzwischen zumindest in bestimmten Fällen möglich. Um sichere Schwangerschaftsabbrüche für Frauen aller Lebenssituationen weltweit jedoch niedrigschwelliger zugänglich zu machen, muss weltweit noch viel getan werden. Entwicklungen wie in den USA und Polen zeigen auch: Einmal erkämpfte Rechte sind nicht sicher, sondern müssen immer wieder verteidigt werden.

Auch in Deutschland wird seit Jahren dafür gerungen, Schwangerschaftsabbrüche zu legalisieren. Es müssen endlich die Forderungen von UN, Europäischer Union sowie der WHO nach einem sicheren und legalen Schwangerschaftsabbruch umgesetzt werden. TERRE DES FEMMES fordert daher die Ampelkoalition auf den seit 1871 bestehenden Paragrafen 218 StGB ersatzlos zu streichen und Frauen endlich selbstbestimmt über ihren eigenen Körper entscheiden zu lassen – ein solcher Schritt ist längst überfällig.



[1] Vgl. Witherspoon, Andrew/Alvin Chang: Tracking where abortion laws stand in every state, in: the Guardian, 28.06.2022, https://www.theguardian.com/us-news/ng-interactive/2022/jun/28/tracking-where-abortion-laws-stand-in-every-state (abgerufen am 30.06.2022).

[2] Vgl. Center for Reproductive Rights: What If Roe Fell?, in: Center for Reproductive Rights, 30.06.2022, https://reproductiverights.org/maps/what-if-roe-fell/ (abgerufen am 06.07.2022).

[3] Vgl. Center for Reproductive Rights: The World’s Abortion Laws, in: Center for Reproductive Rights, 19.05.2022, https://reproductiverights.org/maps/worlds-abortion-laws/ (abgerufen am 13.06.2022).

[4] Vgl. NAF Canada: History of Abortion in Canada, in: National Abortion Federation Canada, o. D., https://nafcanada.org/history-abortion-canada/ (abgerufen am 07.07.2022).

[5] Vgl. Women and Foreign Policy Program: Abortion Law: Global Comparisons, in: Council on Foreign Relations, 25.06.2022, https://www.cfr.org/article/abortion-law-global-comparisons (abgerufen am 06.07.2022).

[6] Vgl. World Health Organization: Reproductive health, in: Reproductive Health, 18.07.2019, https://www.who.int/southeastasia/health-topics/reproductive-health (abgerufen am 07.07.2022).

[7] Vgl. Diehn, Sonya Angelica: Abtreibung in Europa: Von Liberalisierung bis Rückschlag, in: Deutsche Welle, 23.04.2022, https://www.dw.com/de/abtreibung-in-europa-von-liberalisierung-bis-r%C3%BCckschlag/a-61894013 (abgerufen am 07.07.2022).

[8] Vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Schwangerschaftsabbruch nach § 218 Strafgesetzbuch, in: bmfsfj, 01.07.2022, https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/themen/familie/schwangerschaft-und-kinderwunsch/schwangerschaftsabbruch/schwangerschaftsabbruch-nach-218-strafgesetzbuch-81020 (abgerufen am 19.07.2022).

[9] Vgl. Feministisches Frauen Gesundheits Zentrum e.V.: Schwangerschaftsabbruch international, in: FFGZ, 11.07.2022, https://www.ffgz.de/index.php?id=300 (abgerufen am 13.07.2022).

[10] Vgl. Women and Foreign Policy Program, 2022.

[11] Vgl. Der Spiegel: San Marino stimmt für Lockerung des Abtreibungsverbots, in: SPIEGEL Ausland, 27.09.2021, https://www.spiegel.de/ausland/referendum-san-marino-stimmt-fuer-lockerung-des-abtreibungsverbots-a-c1696485-3a28-481c-bae9-bc25d6ad88e6 (abgerufen am 07.07.2022).

[12] Vgl. Meiler, Oliver: San Marino stimmt für ein Ende des Abtreibungsverbots, in: Süddeutsche.de, 28.09.2021, https://www.sueddeutsche.de/politik/san-marino-abtreibung-1.5423268 (abgerufen am 07.07.2022).

[13] Vgl. Deutsches Ärzteblatt: Frist für Schwangerschaftsabbrüche in Frankreich verlängert, in: Deutsches Ärzteblatt, 24.02.2022, https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/132080/Frist-fuer-Schwangerschaftsabbrueche-in-Frankreich-verlaengert (abgerufen am 07.07.2022).

[14] Vgl. Diehl, Marie: Abortion in France, in: Global History Dialogues, 03.10.2020, https://globalhistorydialogues.org/projects/abortion-in-france/ (abgerufen am 26.07.2022).

[15] Vgl. Goldberg, Justin: Spain Halts Extreme Abortion Law, in: Center for Reproductive Rights, 26.01.2021, https://reproductiverights.org/spain-halts-extreme-abortion-law/ (abgerufen am 26.07.2022).

[16] Vgl. Feministisches Frauen Gesundheits Zentrum e.V.: Schwangerschaftsabbruch international, in: FFGZ, 11.07.2022, https://www.ffgz.de/index.php?id=300 (abgerufen am 13.07.2022).

[17] Vgl. Meyer, Manuel: Spanische Regierung lockert Abtreibungsgesetze, in: domradio, 18.05.2022, https://www.domradio.de/artikel/spanische-regierung-lockert-abtreibungsgesetze (abgerufen am 07.07.2022).

[18] Vgl. Center for Reproductive Rights, 2022a.

[19] Vgl. Diehn, 2022.

[20] Vgl. Poland: Regression on abortion access harms women: in: Amnesty International, 26.01.2022, https://www.amnesty.org/en/latest/news/2022/01/poland-regression-on-abortion-access-harms-women/ (abgerufen am 19.07.2022).

[21] Vgl. Agena, Gesine/Patricia Hecht/Dinah Riese: Legal, sicher, selbstbestimmt: Für das Recht auf Abtreibung, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, 03.2022, https://www.blaetter.de/ausgabe/2022/maerz/legal-sicher-selbstbestimmt-fuer-das-recht-auf-abtreibung (abgerufen am 18.07.2022).

[22] Vgl. ARCC: Abortion Rights Coalition of Canada - Statistics - Abortion in Canada
Updated March 28, 2022, https://www.arcc-cdac.ca/wp-content/uploads/2020/07/statistics-abortion-in-canada.pdf (abgerufen am 27.07.22).

[23] Vgl. MUVS: Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbrüche - Kanada zeigt es vor: Weniger Abbrüche, geringere Müttersterblichkeit, in: Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch, 2020, https://muvs.org/de/themen/abbruch/kanada-zeigt-es-vor-weniger-abbrueche-geringere-muettersterblichkeit/ (abgerufen am 27.07.2022).

[24] Vgl. Panny, Sebastian: Recht auf Abtreibung: Was ist „Roe v. Wade“?, in: Moment, 29.06.2022, https://www.moment.at/story/roe-v-wade (abgerufen am 26.07.2022).

[25] Vgl. McDonnell/Linthicum, 2021.

[26] Vgl. McDonnell, Patrick/Kate Linthicum: Across Latin America, abortion restrictions are being loosened, in: Los Angeles Times, 16.09.2021, https://www.latimes.com/world-nation/story/2021-09-12/across-latin-america-abortion-restrictions-are-being-loosened (abgerufen am 06.07.2022).

[27] Vgl. Otis, John: Colombia legalized abortions for the first 24 weeks of pregnancy. A backlash ensued, in: NPR, 10.05.2022, https://choice.npr.org/index.html?origin=https://www.npr.org/sections/goatsandsoda/2022/05/10/1097570784/colombia-legalized-abortions-for-the-first-24-weeks-of-pregnancy-a-backlash-ensu?t=1657029503831 (abgerufen am 05.07.2022).

[28] Vgl. Otis, 2022.

[29] Otis, 2022

[30] Vgl. Otis, John: Colombia legalized abortions for the first 24 weeks of pregnancy. A backlash ensued, in: NPR, 10.05.2022, https://choice.npr.org/index.html?origin=https://www.npr.org/sections/goatsandsoda/2022/05/10/1097570784/colombia-legalized-abortions-for-the-first-24-weeks-of-pregnancy-a-backlash-ensu?t=1657029503831 (abgerufen am 05.07.2022).

[31] Vgl. Otis, 2022.

[32] Vgl. Cariboni, 2022.

[33] Vgl. Women and Foreign Policy Program, 2022.

[34] Vgl. Damayanti, Ismi/Kiran Scharma/Arisa Kamei: Abortion in Asia: The limits of choice, in: Nikkei Asia, 14.06.2022, https://asia.nikkei.com/Spotlight/The-Big-Story/Abortion-in-Asia-The-limits-of-choice (abgerufen am 06.07.2022).

[35] Vgl. Fuxian, Yi: China’s Abortion Problem Can’t Be Regulated Away, in: Project Syndicate, 14.04.2022, https://www.project-syndicate.org/commentary/china-abortion-restrictions-demographic-crisis-by-yi-fuxian-2022-04?barrier=accesspaylog (abgerufen am 13.07.2022).

[36] Vgl. Fuxian, Yi, 2022.

[37] Vgl. Damayanti, Ismi/Kiran Scharma/Arisa Kamei, 2022.

[38] Vgl. Damayanti, Ismi/Kiran Scharma/Arisa Kamei, 2022.

[39] Vgl. World Health Organization: India’s amended law makes abortion safer and more accessible, in: World Health Organization, 13.04.2021, https://www.who.int/india/news/detail/13-04-2021-india-s-amended-law-makes-abortion-safer-and-more-accessible (abgerufen am 13.07.2022).

[40] Vgl. Gänsler, Katrin: Frauenrechte in Westafrika: Wenn ein Tabu zerbricht, in: TAZ Verlags- und Vertriebs GmbH, 14.01.2022b, https://taz.de/Frauenrechte-in-Westafrika/!5823656/ (abgerufen am 13.07.2022).

[41] Vgl. Matsilele, Amukelani: Africa: Roe v Wade - Why Africans Should CARE, in: allAfrica.com, 27.05.2022, https://allafrica.com/stories/202205270042.html (abgerufen am 06.07.2022).

[42] Vlg. Center for Reproductive Rights.

[43] Vgl. Gänsler, Katrin: Benin liberalisiert Abtreibungsrecht, in: Deutsche Welle, 09.11.2022, https://www.dw.com/de/benin-liberalisiert-abtreibungsrecht/a-59770312 (abgerufen am 13.07.2022).

[44] Vgl. AfricaNews: Avant le Bénin, ces pays africains qui ont légalisé l'avortement, in: Africanews, 21.10.2021, https://fr.africanews.com/2021/10/21/le-benin-legalise-l-avortement-quelle-est-la-situation-dans-le-reste-de-l-afrique/ (abgerufen am 13.07.2022).

[45] Vgl. Gänsler, Katrin, 2022.

[46] Vgl. Guttmacher Institute: Abortion in Nigeria, in: Guttmacher Institute, 17.03.2017, https://www.guttmacher.org/fact-sheet/abortion-nigeria (abgerufen am 26.07.2022).

[47] Vgl. OHCHR: General comment No. 36 (2018) on article 6 of the
International Covenant on Civil and Political Rights, on the
right to life, 2018, https://www.ohchr.org/sites/default/files/Documents/HRBodies/CCPR/CCPR_C_GC_36.pdf