Urvashi Butalia über Frauen und Frauenrechte in Indien

Foto: © Urvashi ButaliaFoto: © Urvashi ButaliaGeboren 1952 in Ambala, im nordindischen Bundesstaat Haryana,  studierte sie in Neu Delhi Literatur und in London Südasienwissenschaften. 1984 gründete Urvashi Butalia zusammen mit Ritu Menon das erste feministische Verlagshaus Indiens, Kali for Women. 2003 entstand daraus der Verlag Zubaan Books, der von Urvashi Butalia geleitet wird. In die Verlagstätigkeit miteingeflochten ist die Förderung von Frauen und Frauenrechten. Zum einen werden potentielle Autorinnen unterstützt, sowie Workshops in Verlagsarbeit und kreatives Schreiben für Frauengruppen und junge Frauen und Mädchen angeboten. Außerdem arbeitet der Verlag zusammen mit nationalen und internationalen Organisationen für die Anerkennung der Frauenrechte. Durch Publikationen in The New Internationalist, The Guardian und Lettre International, sowie bei der #Aufschrei-Veranstaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung im März 2013, informiert Urvashi Butalia das internationale Publikum über die Situation der Frauen und Frauenrechte in Indien.

Mitarbeiterinnen von TERRE DES FEMMES e.V. haben Urvashi Butalia im Juli 2013 interviewt.

Multiple Realitäten

Die Situation von Frauen in Indien ist facettenreich: „Dazu gibt es keine einfache Antwort“ – dies ist ein Satz, der in fast jeder Antwort Urvashi Butalias auftaucht. Tatsächlich lässt ihre Analyse die Vielschichtigkeit der Thematik erahnen. Auf dem rund 3,3 Millionen km² großen Subkontinent leben 1,2 Milliarden Menschen. Die Komplexität des Landes wird jedoch nicht nur von seiner Größe und seiner Bevölkerungszahl bestimmt: „Indien ist ein Land enormer Unterschiede in Hinblick auf Kultur, Geographie, Politik, Entwicklung und vielen weiteren Punkten“.

Die Entwicklung sowie die aktuelle Lage der Frauenrechte in Indien sind damit nur schwer erfassbar. Aufgrund der Vielfalt und Verschiedenheit des Landes ist es, laut Urvashi Butalia, schier unmöglich, eine allgemein gültige Generalisierung aufzustellen. Ihr zufolge werde gesellschaftlicher Wandel viel zu oft anhand von Statistiken festgestellt, oder aber, es werde nur ein linearer Fortschritt betrachtet. Dabei ist Indien ein Land „multipler Realitäten“. In den vergangenen dreißig Jahren wurden Gesetze erlassen, die maßgeblich zur Stärkung der Frauenrechte beigetragen haben. Dazu gehören das Gesetz gegen häusliche Gewalt, sexuelle Nötigung oder die Novellierung des Heirats- und Erbrechts. Außerdem wurde im Zuge der Gesetzesänderungen in Indien eine Frauenquote von 33% auf dörflicher- und kommunaler Ebene festgelegt. In manchen Teilen des Landes beträgt die Frauenquote sogar 50%. Dies hat dazu geführt, dass heute mehr als 1,2 Millionen Stellen in Indien per Quotenregelung von Frauen besetzt sind. Des Weiteren wurde eine Vielzahl an Regierungsprogrammen zur Förderung von Frauen eingerichtet. So etwa das „women‘s development program, das „shiksha karmi programme“, das „mahila samakhya programme“ und viele mehr. 

Auch wird oftmals übersehen, dass es in Indien seit Langem eine aktive Frauenbewegung gibt, die sich engagiert für Frauenrechte einsetzt und den politischen Diskurs mitgestaltet. Urvashi Butalia wird nicht müde, auf die komplexen politischen Diskussionen zu Frauenrechtsthemen hinzuweisen, die seit Jahrhunderten einen festen Platz in der Gesellschaft haben. Viele der soeben genannten Gesetzesänderungen entspringen dieser aktiven Diskussionskultur und Frauenbewegung. Dazu gehören beispielsweise spontane Proteste gegen Gewalt an Frauen sowie  landesweite Kampagnen.

Gleichzeitig, so Urvashi Butalia, stehe außer Frage, dass Frauen in Indien den schlimmsten Formen von Unterdrückung ausgeliefert sind. Das Leben vieler Frauen hat sich auch durch Reformen nicht geändert. Viele werden weiterhin mit Gewalt konfrontiert.

Der soziale Wandel in Indien

Doch woraus resultiert die Gewalt gegen Frauen in Indien? Urvashi Butalia sieht hier eine ganze Reihe an Faktoren, die auch zur tödlichen Gruppenvergewaltigung am 16. Dezember 2012 beigetragen haben. Dazu zählt sie unter anderem den sozialen Wandel, der sich im wirtschaftlich stetig wachsenden Indien schnell vollzieht. Dieser bewirkt ein zunehmendes Gefälle zwischen Arm und Reich: „Aufgrund der Einkommenskluft (…), die die Reichen in den Städten reicher und die Armen ärmer macht, entstehen neue Angriffspunkte und Frauen werden verletzbarer gegenüber Gewalt“. Aber auch die Globalisierung trägt zum sozialen Wandel bei. Besonders in den Städten erschließen sich Frauen den öffentlichen Raum. Sie nehmen Arbeiten an, die ihnen vor einem Vierteljahrhundert noch unmöglich zugeteilt worden wären. Das indische Großstadtbild zeigt Frauen in der Informationstechnologie-Branche, als Barkeeperinnen oder Restaurantbesitzerinnen, als Taxifahrerinnen und Lokführerinnen. Während Frauen also vom gesellschaftlichen Wandel profitieren, neue Möglichkeiten und Chancen erlangen und den öffentlichen Raum erobern, schürt dies Unmut bei vielen Männern. Durch die zunehmende Präsenz von Frauen fürchten sie nicht nur um ihre Arbeitsstellen, sondern auch um ihren Platz in der traditionell männerdominierten Gesellschaft. Der soziale Wandel, und besonders die Geschwindigkeit, mit der er sich vollzieht, führen augenscheinlich zu gesellschaftlichen Spannungen, die neben weiteren Faktoren den Grund für das Übermaß an Gewalt gegen Frauen darstellen.

Wie aber soll gegen die gewalttätigen Ausschreitungen an Frauen vorgegangen werden? Im Zuge des 16. Dezembers wurden erste gesetzliche Änderungen durch die Justice Verma Commission eingeleitet, die Urvashi Butalia jedoch nicht für ausreichend hält: „Ich denke nicht, dass ein neues Gesetz allein große Veränderungen im Leben der indischen Frauen oder in der Arbeit indischer Frauenorganisationen bewirkt.“.

„Veränderungen sind schwer, aber letztendlich auch notwendig“

Benötigt es etwa eine kulturelle Revolution, wie sie die Inderin Kamla Bhasin fordert, um das bestehende Männerbild, das Gewalt gegen Frauen legitimiert, zu überwinden? Urvashi Butalia sieht eine grundlegendere Veränderung als notwendig und fordert: „Wir benötigen einen Wandel auf sämtlichen Ebenen, auf politischer, ökonomischer, kultureller, persönlicher, religiöser… Nach Jahrhunderten des Patriarchats ist dieser Wandel durchaus möglich. Aber er wird sich langsam vollziehen und wegen seiner Komplexität ist er nur schwerlich messbar“. In einigen Bereichen haben Veränderungen bereits begonnen, so etwa auf Bildungsebene. In anderen Bereichen muss der Wandel noch vollzogen werden. Er muss sämtliche gesellschaftlichen Ebenen durchdringen und auch die praktischen Bereiche des Lebens erreichen wie etwa die Infrastruktur, die in den Städten der Entwicklung noch immer hinterher hinkt. Hier existieren beispielsweise keine geeigneten Transportmöglichkeiten für Frauen, die als Arbeitnehmende oftmals auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen sind. Auch die Straßen sind nachts nicht ausreichend beleuchtet. Die Sicherheit im öffentlichen Raum müsste für Frauen dringend verbessert werden. Außerdem benötigt es „safe spaces“, weitere Gesetzesänderungen, sowie Diskussionen und öffentliche Dialoge in den Medien. Auch müssen sich die Lebensbedingungen der Menschen bessern, denn Armut und geschlechterspezifische Unterschiede stehen in enger Verbindung zueinander. Zuletzt, so Urvashi Butalia, muss nicht nur ein Umdenken in den Köpfen der indischen Männer stattfinden. Auch die Frauen müssen ihre Denkweise ändern. Denn nur mit ihrem Zutun konnte das Patriarchat so lange überleben.

Dies bedeutet einen großen Umbruch auf sämtlichen gesellschaftlichen Ebenen. Doch Urvashi Butalia zeigt sich optimistisch, dass dieser Wandel machbar ist: „Die Menschen sagen oft, Veränderungen sind schwer zu bewirken. Aber das glaube ich nicht! Ich glaube, wenn Menschen sich verändern wollen, werden sie das tun. Die Herausforderung für uns besteht darin, sowohl Männern als auch Frauen diesen Umbruch interessant zu machen. Veränderungen sind immer schwer, aber letztendlich sind sie auch notwendig. Ich denke also, wir werden lernen, damit umzugehen“.

Appell an einen gemeinsamen Feminismus

Wie eingangs bereits angemerkt wurde, gab es eine weltweite Resonanz auf die brutalen Vergewaltigungsvorfälle Ende 2012, sowie 2013. Urvashi Butalia hat in der Vergangenheit nicht nur die Berichterstattung, sondern den weltweiten Diskurs im Zuge der Ereignisse kritisiert. TERRE DES FEMMES bat Urvashi Butalia, ihre Kritik zu erläutern und fragte, welche Art der Unterstützung sie sich für die indische Frauenbewegung von Seiten westlicher Feminist_innen wünscht. 

Urvashi Butalia kritisierte die einseitige Darstellung der internationalen Berichterstattung des Themas Gewalt an Frauen in Indien. Ihr zufolge sei es u.a. das Vorgehen westlicher Medien gewesen, Gewalt an Frauen als „indisches Phänomen“ darzustellen, anstatt es als weltweites, und damit auch westliches Problem zu betrachten. So werde Indien als weit entferntes, „anderes“ Land gezeigt, dessen Kultur und Menschen dem Eigenen fremd sind. Damit, so Urvashi Butalia, lasse sich leicht vergessen, dass Gewalt an Frauen auch die eigene Kultur betrifft. Ihre Kritik schließt auch den westlichen Feminismus mit ein. In den vergangenen Monaten schienen sich Solidaritätsbekundungen mit der Idee zu mischen, der westliche Feminismus müsse nach Indien getragen werden, um die Probleme indischer Frauen zu lösen. Dabei wurde völlig außer Acht gelassen, dass es in Indien bereits eine gut vernetzte und sehr aktive Frauenbewegung gibt. Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass das westliche Gefühl von Überlegenheit gegenüber anderen Ländern, wie beispielsweise Indien, nicht neu ist. Welche Möglichkeiten bestehen also von Seiten der westlichen Feminist_innen, Solidarität und Unterstützung zu zeigen, ohne dabei den Fehler zu begehen, koloniale Strukturen zu wiederholen? Urvashi Butalia zufolge müsse von Feminist_innen weltweit erkannt werden, dass sie gemeinsam an einem Strang ziehen. Seit jeher ist es eine Stärke der globalen Frauenbewegung, Koalitionen aufzubauen und Solidarität zu schaffen. Dabei sei es wichtig, dass keinerlei Überlegenheitsgefühl regiere und stattdessen kulturelle Unterschiede akzeptiert und als Bereicherung angenommen werden. Nur durch einen gemeinsamen Feminismus, der über Landes- und Kulturgrenzen hinweg wirken kann sieht Urvashi Butalia die Möglichkeit, voran zu kommen.

 

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