Frauenrechtsverletzungen in Indien – ein Blick hinter die Kulissen

Kein sicheres Zuhause: Frauen in Indien. Foto: © Gina Rumsauer Kein sicheres Zuhause: Frauen in Indien. Foto: © Gina Rumsauer In den letzten Jahren ist Indien im Zusammenhang mit dem Thema Frauenrechte vermehrt auch in „westlichen“ Medien aufgetaucht – selten im positiven Kontext. Der nationale und internationale Aufschrei, welcher auf die Vergewaltigung und den gewaltsamen Tod einer indischen Studierenden im Dezember 2012 folgte, hatte nicht nur eine Verschärfung des indischen Sexualstrafrechts, sondern auch eine gesellschaftliche Debatte zur prekären Situation der Frauen in Indien zur Folge.

 

 

 

 

 

Laut Reuters ist Indien das gefährlichste Land für Frauen weltweit

Fast 30 Prozent der Frauen auf dem Land sind von häuslicher Gewalt betroffen. Foto: © Joana KellerFast 30 Prozent der Frauen auf dem Land sind von häuslicher Gewalt betroffen. Foto: © Joana KellerPolitikerInnen, FrauenrechtlerInnen, Bollywood-SchauspielerInnen und zivilgesellschaftliche Akteure äußerten sich zu dem allgegenwärtigen indischen Sexismusproblem – sowohl liberale als auch konservative Stimmen. Die Schauspielerin Priyanka Chopra brachte die Meinung vieler Protestierender auf den Punkt: „Die Verantwortung für die Vergewaltigung einer Frau trägt allein der Täter [und nicht die Frau durch ihre Kleidung oder ihr Verhalten]. Ich könnte nackt auf der Straße laufen, und [ein Mann] hätte immer noch nicht das Recht, mich zu vergewaltigen.” Eine lautstarke frauenrechtliche Bewegung regte sich in viele indischen Städten. „Wir wollen, dass auch die Polizei und andere staatliche Einrichtungen stärker in die Verantwortung gezogen werden. Außerdem brauchen wir dringend schärfere Gesetze und ein klares Protokoll zum Umgang mit sexualisierter Gewalt“ forderte die feministische Autorin Nivedita Menon 2013.

Die Reform des Gesetzes folgte noch im selben Jahr – an der Umsetzung hapert es allerdings großflächig. Nicht selten sind PolizistInnen, bei denen gewaltbetroffene Mädchen und Frauen Hilfe suchen, schlecht über die Gesetzeslage informiert und für den Umgang mit sexualisierter Gewalt ungenügend sensibilisiert. Daher werden Personen, die einen First Information Report (Anzeige eines Verbrechens bei der Polizei) aufgeben wollen, oft abgewiesen. Auch wenn die Zahl der Anzeigen nach Sexualstraftaten in den letzten Jahren stetig gestiegen ist, stellen die Gefahren der Stigmatisierung, sozialen Ausgrenzung und im schlimmsten Falle Ermordung im Namen der „Ehre“ immer noch große Hindernisse dar. Eine verbesserte gesetzliche Grundlage bekämpft laut der Journalistin Supriya Nair nur einen Teil des Problems: Die Furchtlosigkeit der Täter und die fehlende Rechenschaft seien viel zu tief im „alten und bösartigen Patriarchat“ verwurzelt. Dies zeigt auch eine Reuters-Studie, die Indien im Juni 2018 als das weltweit gefährlichste Land für Frauen einstufte – begründet u.a. durch das Risiko, das von kulturellen und traditionellen Praktiken herrührt.

Patriarchale Praktiken begünstigen Gewalt gegen Frauen

Nur in Beziehung existent: die Frau als Tochter, Mutter und Ehefrau. Foto: © Birgitta HahnNur in Beziehung existent: die Frau als Tochter, Mutter und Ehefrau. Foto: © Birgitta HahnDie Vorstellungen, auf denen diese Praktiken basieren, und die auch heute noch weite Teile der indischen Gesellschaft – besonders auf dem Land – prägen, können nicht nur als althergebracht und traditionell verortet werden, im Gegenteil: Auch im 21. Jahrhundert propagieren konservative PolitikerInnen und religiöse Oberhäupter die Einhaltung statisch-archaischer Geschlechterrollen. Mohan Bhagwat, der Vorsitzende der hindunationalistischen Rashtriya Swayamsevak Sangh (RSS), der Mutterorganisation der regierenden Bharatiya Janata Party (BJP), prangerte 2013 an, dass „solche Vorfälle“ wie sexuelle Belästigung oder Vergewaltigungen im „verwestlichten Indien“ geschähen, nicht aber in Bharat. Bharat ist die Hindi-Bezeichnung für den Staat Indien und steht in diesem Sinne für das ursprüngliche, ländlich geprägte Indien, in dem es laut Bhagwat keine sexualisierte Gewalt gibt. Die Zahlen sprechen jedoch eine andere Sprache: Fast ein Drittel aller verheirateten Frauen im ländlichen Indien haben Gewalt durch den eigenen Partner erfahren, während es in städtischen Gebieten knapp 24 Prozent sind. Zusätzliche Faktoren, die Gewalt gegen Frauen begünstigen, sind ein geringes Bildungsniveau, ein niedriger Lebensstandard, Arbeitslosigkeit und eigene (familiäre) Gewalterfahrung – Faktoren, die auch im 21. Jahrhundert noch auf weite Teile der Bevölkerung auf dem Land und in der Stadt gleichermaßen zutreffen.

Trotzdem haben auch Jahrtausende alte Texte bzw. darin beschriebene Rollenideale nach wie vor Bedeutung in Indien: Der Manusmrti, ein zweitausend Jahre alter hinduistischer Gesetzestext, der auch als Grundlage für das unter britischer Kolonialherrschaft eingeführte Gesetz für die indische Bevölkerung benutzt wurde, schrieb vor:

  • Ein Mädchen soll dem Vater gehorchen, eine Ehefrau ihrem Ehemann, und eine Witwe ihrem Sohn.
  • Schwiegertöchter werden erst Teil der Familie des Mannes, wenn sie einen Sohn geboren haben; nur Söhne haben das Recht, die Familie weiterzuführen.
  • Als Mutter eines Sohnes ist eine Frau das glückversprechendste Mitglied einer Gesellschaft; sobald ihr Mann stirbt, verliert sie jegliche gesellschaftliche Position.

Auch wenn die Authentizität des Originaltextes heute von einigen Seiten angezweifelt wird, ist nicht zu leugnen, dass sein Verständnis von Familienbeziehungen und -abhängigkeiten die indische Gesellschaft nachhaltig geprägt hat und auch die aktuellen Verhältnisse widerspiegelt. Die Bevorzugung von Söhnen und Benachteiligung von Töchtern sei noch immer die stärkste Ausprägung des Geschlechterungleichverhältnisses in Indien, prangerte das International Center for Research on Women 2014 an. Und der Nährboden, auf dem Formen der geschlechtsspezifischen Diskriminierung wie die Vorliebe für Söhne und Rechtfertigung von Gewalt gegen (Ehe-)Frauen wüchsen und gediehen, seien patriarchalische Strukturen. Wenn der Vorsitzende des Sozialistischen Partei in einer Wahlkampfansprache mit der Aussage „Jungen sind halt Jungen und können Fehler machen“ und der Aufweichung des Sexualstrafgesetzes um WählerInnenstimmen wirbt, deutet dies darauf hin, dass die Strukturen zumindest von einem Teil der Bevölkerung mitgetragen werden.

Genderstereotypen entstammen nicht nur der mythischen Vergangenheit

BHUMIKA bei einer Demonstration gegen Sexismus und Gewalt an Frauen. Foto: © Gina RumsauerBHUMIKA bei einer Demonstration gegen Sexismus und Gewalt an Frauen. Foto: © Gina RumsauerSexistische Stereotypen werden auch durch die Bollywood-Industrie, welche sich einer ungebrochen hohen Popularität erfreut, verbreitet. Der Mann als starker und (erfolg)reicher Manager, Anwalt und Arzt. Die Frau als demütige, gutherzige Lehrerin, Sekretärin oder aufopfernde Mutter und Hausfrau – das sind die Bilder, die indischen Bollywood-Fans in den jährlich mehr als 350 produzierten Filmen aufgetischt werden. In nur 12 Prozent der Filme übernimmt eine Frau die Hauptrolle, ansonsten glänzt sie vor allem als „love interest“ eines männlichen Charakters. Eine Reihe indischer Schauspielerinnen prangerte im Rahmen der #MeToo-Bewegung zudem an, dass die Industrie noch immer Täter – Schauspieler, Produzenten, Regisseure – schütze, anstatt die Anschuldigungen der Opfer von Sexualstraftaten ernst zu nehmen und strafrechtliche Ermittlungen einzuleiten. „Manche Menschen [in Bollywood] werden wie Götter verehrt. Sie sind so mächtig, dass viele denken, dass es das Ende [ihrer eigenen] Karriere bedeuten würde, gegen sie auszusagen“, klagte die Schauspielerin Radhika Apte im April 2018.

In Kulturen, die auf strikt patriarchalischen Strukturen aufbauen, würden Frauen ihre gesellschaftliche Unterdrückung internalisieren und ihr Selbstverständnis basierend auf vorherrschenden Dogmen entwickeln, stellte die feministische Philosophin Diana Tietjens Meyers bereits 2002 fest. In Indien ist eines dieser Dogmen die untergeordnete Position der indischen Frau in Familie, Gesellschaft, Politik und Arbeitsleben. Laut Meyers schränken patriarchalische Kulturen so direkt die Handlungsfähigkeit und das Selbstverständnis der Frauen als aktive Mitglieder der Gesellschaft ein. Aber wie könnten eine größere Teilnahme und Teilhabe indischer Frauen am gesellschaftlichen Leben erreicht werden? Laut Suprita Nair vor allem durch Zugang zu Bildung und Arbeit sowie politische Repräsentanz – Instrumente, die zwangsweise gesellschaftlichen Fortschritt mit sich bringen müssen. Wie steht es darum im Indien des 21. Jahrhunderts?

Die Benachteiligung von Frauen beginnt schon vor der Geburt

In Indien werden Töchter häufig als Last angesehen – sie können weder erben noch den Familiennamen weiter tragen, und für Töchter im heiratsfähigen Alter müssen Familien nicht immer, aber immer noch zu oft eine Mitgift aufbringen; auch, wenn diese Praxis bereits seit 1961 gesetzlich verboten ist. Obwohl es ÄrztInnen seit 1994 untersagt ist, werdenden Eltern das Geschlecht ihres Kindes mitzuteilen, werden noch immer laut Schätzungen 700.000 weibliche Föten pro Jahr abgetrieben. Auch nach der Geburt sind indische Mädchen nicht sicher: Jährlich sterben knapp 240.000 Mädchen vor ihrem fünften Lebensjahr, weil sie nicht adäquat versorgt werden. Die Konsequenzen zeigten sich besonders deutlich in der letzten Volkszählung 2011: Indienweit kommen auf 1.000 Männer nur 943 Frauen – in der Hauptstadt Neu-Delhi sind es sogar nur 868 Frauen. Dies hat zur Folge, dass es momentan ca. 37 Millionen mehr Männer als Frauen gibt – Tendenz steigend. Das ist außergewöhnlich: Genetisch bedingt gibt es in den meisten Ländern einen leichten Frauenüberschuss. Da jedoch in den beiden bevölkerungsreichsten Ländern der Welt, China und Indien, männliche Nachkommen bevorzugt werden, verzerrt dies das weltweite Geschlechterverhältnis, so dass es insgesamt mehr Männer gibt. In Deutschland leben 97 Männer pro 100 Frauen – in Indien 108. Mit dem Überschuss an jungen, unverheirateten Männern steigt auch die Zahl der Sexualstraftaten sowie die Wahrscheinlichkeit, dass Mädchen minderjährig verheiratet und/oder vergewaltigt werden - dies bestätigen mehrere Studien. Das Problem ist der indischen Regierung natürlich bekannt, aber ein Zitat des Premierministers Modi aus dem Jahr 2014 zeigt deutlich, wer als tatsächliches „Opfer“ des Problems betrachtet wird: „Wenn 1.000 Jungen geboren werden und nur 800 Mädchen, müssen 200 Jungen unverheiratet bleiben“.

Die mangelnde Wertschätzung, die Mädchen entgegengebracht wird, zeigt sich auch in vorenthaltenen Bildungsmöglichkeiten. Da Mädchen und Frauen mit der Hochzeit zur Familie ihres Mannes ziehen, besteht in den Augen vieler Familien kein Grund, in ihre Bildung zu investieren – womit die Chancen auf ein eigenes Einkommen und damit Unabhängigkeit und Selbstbestimmung gen Null sinken. Unabhängig davon, ob eine Frau vor ihrer Hochzeit arbeitet oder nicht, stellt die Eheschließung zudem einen besonderen Wendepunkt für sie dar: Erstens, da sie in ihrer traditionellen Rolle als Fürsorgerin der Familie signifikant mehr Zeit für diese Aufgabe sowie unbezahlte Arbeit aufwenden muss. Zweitens, da das Stigma, einer bezahlten Beschäftigung nachzugehen, für verheiratete Frauen deutlich größer ist als für unverheiratete. Weibliche Unabhängigkeit sei vielerorts immer noch als „böser Zwilling“ der sexuellen Freizügigkeit gebrandmarkt, erläutert der US-Journalist Robert MacMillan: Nach diesem Denken führe Unabhängigkeit automatisch zu Sex, was wiederum zu Vergewaltigung führe, was wiederum die Familienehre beschmutze.

Fehlender Zugang zu Bildung, Arbeit und politischer Partizipation erschwert den Weg zur Unabhängigkeit

Dieses Stigma begründet einen besorgniserregenden Trend: Laut einem Bericht der World Bank von 2017 schieden zwischen 1993 und 2012 fast 20 Millionen mehr indische Frauen aus dem Arbeitsmarkt aus, als eintraten – was den Anteil der arbeitenden indischen Frauen von 42,6 auf 31,2 Prozent sinken ließ. Ein kompletter Gegensatz zur weltweiten Tendenz, bei der ein Anstieg des Lebens- bzw. Entwicklungsstandards eines Landes mit einer stärkeren weiblichen Beteiligung am Arbeitsmarkt einhergeht. Dieser Trend ist nicht nur makroökonomisch als Hindernis für das indische Wirtschaftswachstum bedeutsam, sondern auch gesellschaftlich: Studien zeigen, dass die Möglichkeit für Frauen, „zu arbeiten und das dadurch bedingte Vermögen zu kontrollieren, die Häufigkeit häuslicher Gewalt senkt und Frauen zu Entscheidungsträgerinnen im Haushalt macht“. Aber auch, wenn Frauen im Haushalt „die Oberhand hätten“, sei es noch immer nicht selbstverständlich, dass Frauen ihre Führungsfähigkeiten auch in Domänen außerhalb der Hauses – wie beispielsweise dem Arbeitsplatz – beweisen könnten, prangert Sairee Chahal, Gründerin der digitalen Plattform Sheroes, an. Wie hoch sich eine Frau auf der Karriereleiter befinden muss, damit ihre Fähigkeiten nicht mehr angezweifelt werden, zeigt der Fall von Sheikh Hasina Wajed, der Premierministerin des Landes Bangladesh, die 2015 von Narendra Modi dafür „gelobt“ wurde, dass sie sich stark gegen Terrorismus einsetze – „obwohl sie eine Frau [sei]“. Das sexistische Zitat begründete den Hashtag #despitebeingawoman, unter dem indische Twitter-BenutzerInnen gegen die antiquierte Vorstellung der „begrenzten Fähigkeiten“ von Frauen kämpften.

Und auch, wenn Frauen als Stütze der Familie und inoffizielles Haushaltsoberhaupt angesehen werden sollten, schützt diese augenscheinlich „privilegierte“ Position sie nicht vor Gewalt – im Gegenteil: Ein Drittel der indischen Mädchen und Frauen mit Gewalterfahrung haben diese durch den Ehemann oder seine Familie erfahren. 2016 fielen laut dem indischen Innenministerium 7.628 Frauen sogenannten Mitgiftmorden zum Opfer – durchschnittlich 21 Frauen pro Tag. Zusätzlich wurden mehr als 59.000 Mädchen und Frauen entführt, um sie zu einer Hochzeit zu zwingen. Und es besteht wenig Aussicht auf Besserung: Die Diskriminierung von Mädchen und Frauen ist gesellschaftlich tief verankert. Wo Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern gesellschaftlich anerkannt sind, wird Gewalt gegen Frauen auch weitreichender akzeptiert als dort, wo Gleichberechtigung einen Wert darstellt und tendenziell vorherrscht. Im Dezember 2017 veröffentlichte das International Institute of Population Science seinen vierten Bericht zum indischen Familienleben, mit einem besorgniserregenden Fazit: 42 Prozent aller Männer halten Gewalt gegen die eigene Ehefrau für gerechtfertigt – und fast 52 Prozent aller Frauen ebenso.

Eine weitere Domäne, in der indische Frauen weitaus weniger repräsentiert sind als ihnen zustünde, ist die Politik. Nur fünf der 33 GouverneurInnen und zwei der 30 MinisterpräsidentInnen der indischen Bundesstaaten und Territorien sind Frauen. In der Lok Sabha (Unterhaus) sind 66 der 545 Mitglieder weiblich (12 Prozent); in der Rajya Sabha (Oberhaus) sind es 28 von 244 (11 Prozent). Zum Vergleich: Im aktuellen Bundestag sind 31 Prozent der Abgeordneten Frauen.

Die Forschung zeigt, dass Quoten in solchen Fällen helfen können – nicht nur vor einer Wahl, sondern auch danach, da sie die Erwartungen und Ambitionen von Eltern für ihre Töchter permanent anheben. Ohne Geschlechtsgenossinnen in der Politik repräsentiert zu sehen, haben viele Mädchen und Frauen Studienergebnissen zufolge außerdem weniger Bestreben, selbst politische Berufe zu ergreifen. Zusätzlich resultiert eine höhere Anzahl von Politikerinnen in einer Verbesserung der Situation für alle Frauen, da mehr Gelder in öffentliche Infrastruktur und Dienstleistungen, von denen Frauen profitieren, investiert werden.

Frauenrechtliche Organisationen setzen dort an, wo die Politik versagt

BHUMIKA schult 'SHE Teams', die Stalker auf belebten Plätzen aus dem Verkehr ziehen. Foto: © Gina RumsauerBHUMIKA schult 'SHE Teams', die Stalker auf belebten Plätzen aus dem Verkehr ziehen. Foto: © Gina RumsauerUnter der aktuellen Regierung der hindunationalistischen BJP, welche einen sozialkonservativen Kurs verfolgt, ist der Kampf gegen die bestehenden Ungleichheiten nicht von höchster Priorität. Allerdings wurden in den letzten Jahren zivilgesellschaftliche Start-Ups und Initiativen mit dem Ziel gegründet, diese Lücke zu füllen. Die Plattform SheSays, gegründet als Forum zum Austausch für Betroffene von sexualisierter Gewalt, hat es sich zum Ziel gesetzt, indische Mädchen und Frauen über ihre Rechte aufzuklären, und bietet auf ihrer Website eine Fülle verständlich aufbereiteter Informationen zum Thema Sexualstraftaten. Gründerin Trisha Shetty prangert an, dass in der indischen Gesellschaft ein Diskurs zum Thema sexualisierte Gewalt fehle, und hat neben SheSays‘ digitaler Präsenz deshalb Veranstaltungen in diversen Metropolen Indiens organisiert, durch die mehr als 160.000 Menschen erreicht wurden. ElsaMarie D’Silva, Gründerin der Plattform SafeCity, nutzt ebenfalls die Möglichkeiten der Digitalisierung, um Indien für Mädchen und Frauen sicherer zu machen. In der SafeCity-App können Betroffene von sexueller Belästigung den Ort des Vorfalls auf einer Karte markieren, um so gefährliche „Hotspots“ ausfindig zu machen und sie in Kooperation mit der lokalen Polizei zu reformieren. Seit der Gründung im Dezember 2012 wurden bereits mehr als 10.000 Fälle über die App gemeldet. SheSays und SafeCity nutzen den Trend, dass die Zahl indischer Frauen mit Internetzugang stetig steigt. Diese Zahl ist in Städten höher als auf dem Land, aber die Entwicklung ist seit Jahren positiv, so dass zu erwarten ist, dass in Zukunft noch mehr Frauen durch das Internet Hilfs-, Austauschs- und Weiterbildungsmöglichkeiten in Anspruch nehmen können – auch wenn immer noch einige Männer wie der Politiker Rajpal Saini der Meinung sind, dass besonders „Hausfrauen und Schulmädchen“ keine Handys haben sollten, da es sie ermutige, „unnützen Smalltalk zu machen und Kontakt zu Personen außerhalb der Haushalt aufzunehmen“.

Was für den einen „unnützer Smalltalk“ ist, kann für die andere eine Möglichkeit bieten, Armut, Abhängigkeit und/oder Gewalt hinter sich zu lassen. Den immer noch fest verankerten kulturellen und gesellschaftlichen Rollenidealen und -normen steht eine steigende Anzahl progressiver, innovativer und furchtloser Frauenrechtsinitiativen entgegen, die bereit sind, sich für die Zukunft indischer Mädchen und Frauen einzusetzen. Dafür stehen auch TERRE DES FEMMES und ihre Partnerorganisation BHUMIKA Women’s Collective. BHUMIKA unterstützt gewaltbetroffene Mädchen und Frauen in Zentralindien, einer der am stärksten von geschlechtsspezifischer Gewalt betroffenen Regionen – beispielsweise durch rechtliche und psychologische Beratung in Polizeistationen und per Telefon, die Durchführung von Seminaren für PolizistInnen, RichterInnen und AnwältInnen, Aufklärungs- und Präventionsarbeit in Gemeinden und an Schulen sowie politische Lobbyarbeit. Helfen auch Sie, BHUMIKA und TERRE DES FEMMES bei dieser wichtigen Aufgabe zu unterstützen – für eine gleichberechtigte, selbstbestimmte und freie Zukunft indischer Mädchen und Frauen!

Autorin: Charlotte Unnerstall

 

Stand: 08/2018