„Ein gesetzliches Verbot von Weiblicher Genitalverstümmelung steht außer Frage“, so Rakieta Poyga,

Rakieta Poyga, die Schirmherrin des Change Plus-Programms bei einer Tagung im Nov. 2017. Foto: © TERRE DES FEMMESRakieta Poyga, die Schirmherrin des Change Plus-Programms bei einer Tagung im Nov. 2017. Foto: © TERRE DES FEMMESAm 26. Februar 2018 wird die Klage der Ärztin Dr. Tatu Kaumau zur Aufhebung des gesetzlichen Verbots von weiblicher Genitalverstümmelung (FGM – Female Genital Mutilation) in Kenia gerichtlich verhandelt. TERRE DES FEMMES (TDF) stellt sich massiv gegen die Forderungen der kenianischen Ärztin, das gesetzliche Verbot von FGM zu revidieren. Denn das Fehlen eines solchen Verbots kann verhängnisvolle Folgen für Mädchen und Frauen haben. FGM ist eine extrem frauenfeindliche Praktik und darf nicht geduldet werden.

Die Meldung von Dr. Kamaus Antrag auf Aufhebung des Gesetzes zum Verbot von Weiblicher Genitalverstümmelung (Prohibition of Female Genital Mutilation Act, 2011) beherrschte über Wochen Kenias Medien.

Dr. Kamau begründet ihr Bestreben damit, dass ein Verbot gegen die Kulturen vieler afrikanischer Gemeinschaften gehen würde. FGM sei schon sehr lange eine integrale Praktik vieler Traditionen und würde sich daraus legitimieren. Ein Verbot würde diese Wurzeln verneinen. Doch sie geht noch weiter und bezeichnet das Verbot als Geschlechterungleichheit, wenn Jungen und Männern eine Beschneidung weiterhin erlaubt sei. Sie plädiert dafür, es (erwachsenen) Frauen selbst zu überlassen, sich für oder gegen den Vollzug des Eingriffs zu entscheiden.

Doch es bleibt die Frage: Wie viel Entscheidungsfreiheit haben Mädchen und Frauen tatsächlich? Wenn gesellschaftliche Ächtung und Stigmatisierung die Folgen bei einer Widersetzung der Praktik sind, haben sie dann wirklich eine Wahl?

Die Position der Ärztin entspricht weder TERRE DES FEMMES Ansichten noch ihren Erfahrungen. Das Argument, dass FGM kulturell verwurzelt ist, trifft zwar zu, jedoch sollte nicht aus den Augen verloren werden, dass die Praktik im engen Zusammenhang mit patriarchalen Herrschaftsstrukturen steht und mit einem System, das der Frau eine untergeordnete Rolle zuweist. Dr. Kaumaus Argumentation blendet nicht nur die Aspekte der Frauendiskriminierung aus, sondern auch die der körperlichen Gewalt und Verletzungen. Eine Gleichsetzung der weiblichen Genitalverstümmelung mit der männlichen Beschneidung ist eine unverantwortliche Verharmlosung, die über Tatsachen hinwegtäuscht.

FGM umfasst alle Verfahren, welche ohne einen medizinischen Nutzen die teilweise oder vollständige Entfernung der weiblichen Genitalien oder deren Verletzung zum Ziel haben. Sie stellt damit einen Verstoß gegen das Recht auf körperliche und psychische Unversehrtheit und die Kinderrechte dar.

Es ist bekannt, dass die verschiedenen Formen von FGM sowohl direkte als auch irreversible Langzeitfolgen haben können, die deutlich negative Auswirkungen insbesondere auf die physische und psychische Gesundheit der Mädchen und Frauen haben. Diese dürfen nicht verharmlost werden. Auch wenn der Eingriff im Krankenhaus stattfindet, bleiben die Risiken hoch.

Frauen bei der Aufklärungsarbeit über weibliche Genitalverstümmelung in Burkina Faso. Foto: © TERRE DES FEMMESFrauen bei der Aufklärungsarbeit über weibliche Genitalverstümmelung in Burkina Faso.
Foto: © TERRE DES FEMMES
Daher prangert TDF die Verstümmelung der weiblichen Genitalien als extreme Ausprägung eines frauenfeindlichen Systems, als extreme Frauenrechtsverletzung und damit als Menschenrechtsverletzung an. Keine Menschenrechtsverletzung darf mit dem Bezug auf kulturelle Traditionen und Praktiken gerechtfertigt werden.

Aus diesem Grund setzt sich TERRE DES FEMMES für die weltweite Abschaffung weiblicher Genitalverstümmelung ein. In diesem Zusammenhang unterstützen wir unter anderem unsere Partnerorganisationen in den Kooperationsländern Burkina Faso und Sierra Leone. Hierbei hat sich deutlich gezeigt, welchen Unterschied ein gesetzliches Verbot macht. Während es in Sierra Leone kein Verbot gibt und die Zahl der Betroffenen sehr hoch ist (88% der Mädchen und Frauen im Alter von 15-49 Jahren), hat das Verbot in Burkina Faso zu einer deutlichen Senkung dieser Zahlen (76%) geführt. Auch in Kenia lässt sich diese Tendenz erkennen (2008: 37%, 2014 nur noch 21%).

Bei einem gesetzlichen Verbot von FGM geht es nicht allein um die Bestrafung der TäterInnen. Ein Verbot bietet eben auch den Nichtregierungsorganisationen eine Grundlage und gesellschaftliche Legitimität für ihre Aufklärungsarbeit im Kampf gegen FGM. So konnte unsere Partnerorganisation Association Bangr Nooma (ABN) in Burkina Faso nachweislich über 33.000 Mädchen vor der Genitalverstümmelung bewahren. Die Gründerin Rakieta Poyga ist der Meinung: „Ein gesetzliches Verbot der weiblichen Genitalverstümmelung ist für uns in Burkina Faso zwingende Voraussetzung  im Kampf zur Überwindung von FGM.“ (Zitat Rakieta)

In diesem Kontext nimmt die Aufklärungs- und Sensibilisierungsarbeit auf Dorfebene einen besonderen Stellenwert ein. „Das Einbinden von Menschen aus der Gemeinschaft, insbesondere der Dorfchefs und auch der Beschneiderinnen selbst ist dabei ganz wesentlich“, so Renate Staudenmeyer, Referentin für Internationale Zusammenarbeit bei TERRE DES FEMMES.

Ein gesetzliches Verbot ist eine wichtige Grundlage, um den Wandel der Tradition FGM hervorzubringen und Mädchen und Frauen ein unversehrtes Leben zu ermöglichen. Wir hoffen inständig und machen uns dafür stark, dass die gerichtliche Klage von Dr. Kamau in Kenia nicht durchkommt, sondern eher dazu führt, dass sich noch mehr Menschen entschieden für ein NEIN zu FGM einsetzen.

 

Stand: 02/2018