Bilanz eines leidvollen Weges in ein selbstbestimmtes Leben: Fatoumata Diawara im Film MALI BLUES

Bei der Filmpremiere von MALI BLUES im Kantkino/Berlin im September 2016 trafen wir Fatoumata Diawara (v.l.n.r.: Susanne Meister TDF, Fatoumata Diawara, Renate Staudenmeyer TDF). Foto: © S. MeisterBei der Filmpremiere von MALI BLUES im Kantkino/Berlin im September 2016 trafen wir Fatoumata Diawara (v.l.n.r.: Susanne Meister TDF, Fatoumata Diawara, Renate Staudenmeyer TDF). Foto: © S. MeisterDerzeit läuft in deutschen Kinos der Film MALI BLUES. Das westafrikanische Land Mali gilt als Wiege des Blues, den verschleppte Sklaven auf die Baumwollfelder Amerikas brachten, traditionelle Musik hält schon seit Jahrhunderten seine Gesellschaft zusammen. Doch Malis Musik ist in Gefahr. Radikale Islamisten führen im Norden des Landes die Scharia ein, verbieten Tanz und weltliche Musik, zerstören Instrumente und bedrohen die Musiker, von denen viele um ihr Leben fürchten und aus der Region um Timbuktu und Kidal fliehen. Der Islamistische Terror hat sich mittlerweile auch auf andere Teile Malis ausgeweitet. Der UNO-Missionseinsatz MINUSMA wird verstärkt, mit im Einsatz ist auch die deutsche Bundeswehr.

Der Kinofilm MALI BLUES erzählt die Geschichten von vier MusikerInnen aus dem westafrikanischen Land, die Hass, Misstrauen und Gewalt in ihrem Land und eine radikale Auslegung des Islam nicht akzeptieren wollen. Mit ihrer Musik setzen sie sich ein für einen tolerant gelebten Islam, für ein Land in Frieden, für Freiheits- und Frauenrechte.

Eine der Protagonistinnen ist die Sängerin und Songschreiberin Fatoumata Diawara. Als junges Mädchen flüchtet sie aus Mali, um sich einer arrangierten (Zwangs-)Heirat zu entziehen. »Ich bin gegangen, um meine eigene Geschichte schreiben zu können,« sagt sie heute. »Obwohl ich wusste, dass es für mich als schwarze Frau, die ohne Zustimmung ihrer Eltern abgehauen ist, schwer werden würde. Der Kampf gegen diesen Schmerz hat mich und meine Musik stark geprägt.« Fatoumata Diawara schafft im Ausland als Sängerin den großen Durchbruch, in ihren Balladen erzählt sie vom Leben als afrikanische Frau und dem Leid der Mädchen durch überholte Traditionen. Als der Norden Malis von radikalen Islamisten heimgesucht wird, entscheidet sie sich, wieder für ihr Heimatland aktiv zu werden.

In ihrer Musik verarbeitet sie ihre z.T. traumatischen Erlebnisse. Die Themen drehen sich um Einsamkeit, Beschneidung und die Flucht vor einer Zwangsheirat. Für den Film »Mali Blues« kehrt sie zurück zu ihrer Familie nach Mali und spielt auf dem Festival am Niger ihr allererstes Konzert in ihrer alten Heimat.

Reiht man Fatoumata Diawaras Erinnerungen aneinander, die sie dem Zuschauer von MALI BLUES nach und nach anvertraut, dann wird einem ein eindrucksvolles Bild der Lebensumstände vermittelt, in die ein Mädchen in Mali hineingeboren wird. Sie zieht Bilanz: „Ich möchte mich aussöhnen mit meiner persönlichen Geschichte. Ich beschloss, mich mit meinem Gesang meinem eigenen Leben zu stellen", sagt sie in einem Interview im Film. Sie klagt nicht an, sondern erreicht es durch ihren offenen und authentischen Bericht, dass etwas von dem Leid spürbar wird, das sie ertragen musste.

TERRE DES FEMMES hat mit freundlicher Genehmigung von Fatoumata Diawara und Regisseur Lutz Gregor von der Gebrüder Beetz-Filmproduktion einen Filmausschnitt (Link) zur Verfügung gestellt bekommen, der einen kurzen Einblick in Fatoumata Diawaras Weg gibt.

Zur Verdeutlichung hier noch ein paar Zahlen zur Situation in Mali mit den spezifischen Problemen für Mädchen und Frauen: Mali ist eines der ärmsten Länder Afrikas, mehr als die Hälfte der Bevölkerung lebt unterhalb der Armutsgrenze, weswegen Kinder oft zu Verwandten weggegeben werden. 38% aller Frauen ab 15 Jahren erleiden häusliche, meist vom Partner ausgeübte psychische und physische Gewalt. 69% der Mädchen bis 14 Jahre und 91% der Frauen zwischen 15 und 49 Jahre sind von Weiblicher Genitalverstümmelung betroffen. 20% der Mädchen heiraten vor ihrem 15. Geburtstag, 50% vor dem 18. und 89% vor dem 25. Lebensjahr.

Gegen all diese Formen geschlechtsspezifischer Gewalt kämpft die Association pour le Progrès et la Défense des Droits des Femmes (APDF) in Mali, die von TERRE DES FEMMES dabei tatkräftig unterstützt wird. Im Jahr 2017 wollen wir gemeinsam den Aufbau eines neuen Gewaltschutzzentrums für Mädchen und Frauen in Gao/Nordmali auf den Weg bringen.

 

Stand: 04/2017