Haidama Esther aus Kamerun im Interview – über Schule, Heirat und die Liebe zum PC

Haidama Esther am PC. Photo: © AAFMHL Haidama Esther am PC. Photo: © AAFMHL Haidama Esther kommt aus Kamerun. Sie gehört zur Volksgruppe der Mafa. Mit Unterstützung von TERRE DES FEMMES hat sie als eines der ersten Mafa-Mädchen einen Schulabschluss gemacht (dem deutschen Realschulabschluss vergleichbar) und eine Ausbildung als PC-Fachkraft abgeschlossen (einer Ausbildung als Sekretärin in Deutschland vergleichbar). Im Interview erzählt Haidama von ihrem Leben und ihren Träumen...

Erzähle uns bitte von Dir: wie heißt Du, wie alt bist Du...?

Ich heiße Haidama Esther und bin 22 Jahre alt. Das Dorf in Nordkamerun, in dem ich zu Hause bin, heißt Huva.

Was hast Du in den letzten Jahren gemacht?

Ich bin vor allem zur Schule gegangen und habe dann meinen Abschluss gemacht. Mich macht stolz, dass ich eines der ersten Mafa-Mädchen bin, das diese Chance hatte und das geschafft hat. Später habe ich eine Ausbildung als PC-Fachkraft gemacht. Damit kann ich z.B. in einem Internetcafé oder als Sekretärin in einem Büro arbeiten.

Haidama Esther als stolze Schulabsolventin. Photo: © AAFMHL Haidama Esther als stolze Schulabsolventin. Photo: © AAFMHL Erzähle uns bitte von Deiner Familie: hast Du Geschwister, lebt Ihr Alle zusammen?

Ich habe einen Bruder und zwei Schwestern. Eine Schwester ist älter als ich, die andere jünger. Die ältere ist 30 Jahre alt und geht nicht mehr zur Schule, die jüngere ist 12 Jahre alt. Sie geht zur Schule und ist in der Stufe CM2 (entspricht der fünften Klasse in Deutschland). Meine Eltern arbeiten auf dem Feld. Sie sind Ackerbauern. Wir wohnen in einem Haus aus Strohballen und Lehm. Mit uns lebt dort auch mein Mann. Ich habe nach der Schule geheiratet. Bei uns heiraten Mädchen früh, oft noch als Schülerinnen. Nach ihrer Heirat gehen sie meist nicht weiter zur Schule.

Hast Du zu Hause bestimmte Aufgaben?

Ja, natürlich, die habe ich. Zum Beispiel muss ich das Haus fegen, Geschirr spülen und das Essen kochen.

Wie war das, als Du noch zur Schule gegangen bist: wie weit war die Schule entfernt, wie hat es Dir dort gefallen, welches Fach mochtest Du besonders?

Die nächstgelegene Schule war eine Stunde entfernt. Diesen Weg bin ich jeden Tag zu Fuß gelaufen, eine Stunde hin und nach der Schule eine Stunde zurück. Ich bin sehr gerne in die Schule gegangen, weil ich weiß, dass Bildung das Leben besser macht. Mein Lieblingsfach in der Schule war Informatik. Am wenigsten mochte ich den Englischunterricht – Englisch ist echt schwer!

Wie fanden es Deine Eltern, dass Du zur Schule gegangen bist und vor Deiner Heirat den Schulabschluss machen wolltest?

Meine Eltern fanden es gut, dass ich zur Schule gegangen bin, da ich dort gelernt habe, mit „Maschinen“ (PC-Rechnern) umzugehen und Französisch zu sprechen. Ich kann Briefe verfassen und so meiner Familie helfen, wenn sie selbst einen Brief schreiben müssen. Meine Mutter hatte sich zwar schon gewünscht, dass ich ihr mehr in der Küche und generell bei den Hausarbeiten helfe, aber Daniel Paoulai, der Leiter von AAFMHL, hat meine Mutter überzeugt, dass Schulbildung wichtig ist. Für Mädchen genauso wie für Jungen.

Was möchtest Du später beruflich machen?

Ich habe die richtige Ausbildung gemacht – Arbeiten am PC und Informatik machen mir Spaß! Ich möchte in Zukunft als PC-Fachkraft arbeiten. Im Moment habe ich leider keinen Job, aber ich hoffe, dass sich das noch ändert.

Was wünschst Du Dir neben einem Beruf für die Zukunft?

Ich möchte gerne Kinder haben und mit meinem Mann ein eigenes Haus bauen.

Wie sieht ein „typischer“ Wochentag in Deinem Leben aus?

Ich stehe auf, wasche mich, gehe Wasser holen, koche und bereite das Frühstück zu. Im Lauf des Tages erledige ich dann anfallende Aufgaben im Haus und auf dem Feld.

Und wie sieht ein „typischer“ Wochenendtag bei Dir aus?

Ehrlich gesagt nicht viel anders als ein „typischer“ Wochentag. Ich habe nur wenig Zeit, um mit meinen Freundinnen zu spielen oder andere Dinge einfach zum Vergnügen zu tun. Meist muss ich die gleichen Aufgaben wie unter der Woche erledigen.

Was macht Dich glücklich?

Glücklich machen mich Kontakte zu anderen Menschen und von ihnen gemocht zu werden, also beliebt zu sein. Könnte ich eine Sekretärin sein, wäre ich auch sehr glücklich.

Was macht Dich traurig?

Mich macht es traurig, dass ich nicht genug Geld zur Verfügung habe, um meiner Familie und später meinen Kindern eine bessere Zukunft zu ermöglichen.

Wenn Du in Deinem Dorf etwas ändern könntest, was wäre das?

Wenn ich genug Geld zur Verfügung hätte, würde ich in unserem Dorf eine Schule und ein Krankenhaus bauen.

 

Zum Hintergrund:

Die etwa 400.000 Mafa leben im Mandara-Gebirge in Nordkamerun. Schulbildung ist für Mafa-Mädchen auch heute noch keine Selbstverständlichkeit. Oft werden sie im Alter von 15 Jahren von ihren Vätern (zwangs-)verheiratet, auch mit Männern im Alter ihrer Väter. Nach einer Heirat setzen die wenigsten die Schule fort. Etwa die Hälfte der Mafa-Männer ist mit mehr als einer Frau verheiratet. Die Frauen haben keinen Anspruch auf Boden und daher keine Möglichkeit, ihr Leben unabhängig von einem Mann zu gestalten. Im Fall einer Scheidung bleiben die Kinder stets beim Vater.

Das TDF-Projekt „Selbstbestimmung durch Bildung“ will möglichst vielen Mädchen, die selbstbestimmt und wirtschaftlich unabhängig leben wollen, den Weg zu Schule, Schulabschluss und Berufsausbildung ebnen. So können letztlich auch Frühehen verhindert werden. Junge Frauen, die von ihren Vätern in die Ehe gezwungen wurden und einen neuen Lebensweg suchen, sollen die Möglichkeit zu einer (Berufs-)Ausbildung erhalten.

Der TDF-Projektpartner in Kamerun ist der Verein AAFMHL – er wurde von engagierten LehrerInnen und Eltern aus drei Mafa-Dörfern gegründet und setzt sich seit 2012 für Mädchenbildung und ein Ende von Früh- und Zwangsverheiratung ein.

Unterstützen Sie das Projekt, um noch mehr Mädchen wie Haidama Esther die Chance auf Bildung und ein selbstbestimmtes Leben zu geben!