Vergewaltigung – immer noch ein Kavaliersdelikt in Indien?

An den Folgen von Gewalt leiden Frauen oft ein Leben lang. Foto: © TERRE DES FEMMESAn den Folgen von Gewalt leiden Frauen oft ein Leben lang.
Foto: © TERRE DES FEMMES
2012 wird die 23-jährige Jyoti Singh in einem Bus in der nordindischen Stadt Delhi brutal vergewaltigt und stirbt kurz darauf. Dies löst weltweit Empörung aus. Wie sicher können sich Frauen in Indien heute fühlen?

Meldungen zu brutalen Vergewaltigungen schüren auch nach 2012 weiter Angst: 2014 werden zwei Cousinen von mehreren Männern vergewaltigt und an einem Baum erhängt. 2016 wird eine Studentin drei Jahre nach einer Gruppenvergewaltigung von den gleichen Männern erneut missbraucht. Als Drohung, damit sie die Anzeige gegen sie fallen lässt. Im Oktober berichtet Aljazeera vom Verkauf nicht inszenierter Vergewaltigungsvideos im Bundesstaat Uttar Pradesh. Ab 20 Rupien (ca. 27 Cent) gehen (Handy)-Videos von tatsächlich erfolgten Vergewaltigungen über die Ladentheke.

Hat Indien denn gar keine Konsequenzen gezogen? Doch, hat es. Nach landesweiten Massenprotesten wird 2013 das Sexualstrafrecht verschärft. Auch ein Gesetz zum Schutz gegen sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz gibt es neuerdings. Das feministische Netzwerk Sangat, das die Frauenrechtslage in ganz Südasien beobachtet, begrüßt die Gesetzesänderungen. „Gesetze allein bringen keinen Wandel“, warnt jedoch Kamla Bhasin, Beraterin für Indien. „Die Gesellschaft muss ihre patriarchale Haltung gegenüber Frauen ändern“. Das Internationale Frauenforschungszentrum (ICRW) bestätigt, dass die indische Gesellschaft das Verhalten von Jungen und Mädchen mit zweierlei Maß messe. Jeder Akt, der Jungen Privilegien und Macht über Mädchen verleiht, nähre eine Mentalität, die eine Ungleichbehandlung der Geschlechter rechtfertigt. Dies fängt bei der Abtreibung weiblicher Föten an und hört beim Erbrecht nicht auf. „Als Frau fühlst du ständig Scham über deine sexuelle Präsenz“, so eine junge Professorin in einem Deutschlandfunk-Beitrag über Indien. Das, was das Land über alle Klassen, Kasten und Religionen hinweg verbinde, sei die Angst vor der weiblichen Sexualität. „Gewalt gegen Frauen wird von vielen als normal empfunden, und das schließt eine Vergewaltigung ein. Nur wenn (..) Jungen zu Hause erleben, dass die Eltern ihre Schwestern gleich behandeln, wird es Wandel geben“.

Einer repräsentativen Umfrage des ICRW von 2014 zufolge haben 75 Prozent der in Delhi befragten Frauen bereits sexuelle Gewalt erlebt. 50 Prozent der befragten Männer räumten ein, eine Frau bereits sexuell belästigt zu haben oder ihr gegenüber gewalttätig geworden zu sein. 40 Prozent der Männer stimmten der Aussage zu, dass Frauen, die nachts auf der Straße unterwegs seien, es verdient hätten, sexuell belästigt zu werden. Laut einer Studie der Jugendinitiative für Bürgerbewusstsein (CMCA) unter 10.000 indischen High School- und College-StudentInnen von 2015 glaubt über die Hälfte, dass Frauen durch „provokatives Aussehen und Verhalten“ Gewalt bei Männern hervorrufen.

Auch die Polizeistatistik beweist, dass schärfere Gesetze nur der erste Schritt sind. Verhaltensänderungen greifen viel später und nicht automatisch. Bislang ist die Bilanz ernüchternd: zwischen 2012 und 2015 hat sich die Zahl der Vergewaltigungen in Delhi verdreifacht - im Durchschnitt wurden vier Frauen pro Tag vergewaltigt. Von 706 Vergewaltigungsfällen, die 2012 in Delhi zur Anzeige gebracht wurden, ist es nur in dem von Jyoti Singh zu einer Verurteilung gekommen. Einer der sechs Täter kam nach drei Jahren Jugendarrest frei und lebt heute unter neuer Identität. Ein weiterer Täter erhängte sich im Gefängnis. Die vier zum Tode verurteilten Täter haben Berufung eingelegt. Die Strafe wird weiter ausgesetzt.

2015 bezeichnete Indiens Amt für Nationale Verbrechensstatistik (NCRB) Delhi als „Vergewaltigungshauptstadt“ (Rape Capital) – im landesweiten Städtevergleich wurden dort die meisten Vergewaltigungen begangen. Im gleichen Jahr zählte das NCRB in ganz Indien 34.651 Vergewaltigungsfälle. Verurteilt wurden nicht einmal 30 Prozent der Täter. Umgerechnet heißt das: alle 15 Minuten eine Tat, oft ohne Folgen – und die Dunkelziffer liegt weit höher.

Vergewaltigungen oder die Tendenz, sie zu spät, zu milde oder nie zu bestrafen, sind nicht allein ein „indisches Problem“. Und doch ist die Situation von Mädchen und Frauen dort weiter alarmierend. Setzen Sie mit Ihrer Spende ein Zeichen gegen sexuelle Gewalt!

 

Stand: 11/2016