Braut oder Bankerin? Wie Bildung Mafa-Mädchen aus Nordkamerun gegen Zwangsverheiratung schützt

„In der Berufsfachschule Makandai machen nun auch Mädchen ihre Ausbildung“. Foto: © Jürgen KunzeIn der Berufsfachschule Makandai machen nun auch Mädchen ihre Ausbildung. Foto: © Jürgen KunzeEinst wären sie längst verheiratet gewesen und von ihren Ehemännern abhängig. Sie hätten harte körperliche Arbeit geleistet – im Haus und auf dem Acker. Ohne Schulabschluss, ohne alternative Perspektiven. Heute machen sie ihren Grundschulabschluss, Abitur oder eine Ausbildung. Sie wollen einen Beruf erlernen, der zu ihnen passt. Sich eine Zukunft schaffen, die sie selbst bestimmen. TDF zieht Bilanz nach drei Jahren: welche Wirkung zeigt das Projekt „Mädchenbildung stärken“ in Nordkamerun? Die erste Generation Mädchen erzählt….

15 Jahre alt, jeden Tag Schule und ansonsten unbeschwerte Freizeit? Für viele Mafa-Mädchen aus dem Mandara-Gebirge in Nordkamerun eine Utopie. Oft werden sie in diesem Alter von ihren Vätern (zwangs-) verheiratet, auch mit Männern im Alter ihrer Väter. Haus- und Feldarbeit, bald auch Kindererziehung, bestimmen ihren Alltag. An weitere Schulbildung, vielleicht sogar einen Abschluss, ist nicht zu denken. An den Grundschulen sind daher nur ein Drittel der Kinder Mädchen, an den weiterführenden Schulen machen Mädchen kaum noch zehn Prozent aus.

Die Gesellschaft in Nordkamerun ist streng patriarchalisch strukturiert. Etwa die Hälfte der Mafa-Männer ist mit mehr als einer Frau verheiratet. Frauen haben keinen Anspruch auf Boden und daher keine Möglichkeit, ihr Leben unabhängig von einem Mann zu gestalten. Im Fall einer Scheidung bleiben die Kinder stets beim Vater. Ein Schulbesuch ist trotz Schulpflicht teuer, oft mit weiten Wegen verbunden und daher häufig nur den Söhnen vorbehalten. In einigen Dörfern sind bis zu 100% der weiblichen Bevölkerung Analphabetinnen.

Die Gymnasiastin Hawagai Marie. Foto: © Daniel PaoulaiDie Gymnasiastin Hawagai Marie. Foto: © Daniel PaoulaiDies könnte sich nun ändern. Seit 2012 unterstützt TERRE DES FEMMES den Verein „Association d’Appui aux Filles de M’lay, Huva et Ldama“ (AAFMHL), der sich für die Schul- und Ausbildung von Mädchen und jungen Frauen in drei Bergdörfern in Nordkamerun einsetzt. Die Projektregion ist abgelegen, infrastrukturelle und wirtschaftliche Entwicklungen finden nur sehr langsam statt. Dazu kommt, dass die in Nordnigeria operierende islamistische Bewegung Boko Haram ihre terroristischen Aktivitäten seit drei Jahren immer wieder nach Kamerun ausdehnt. Überfälle, Entführungen, Brandschatzug und Diebstahl schüren Angst und Verunsicherung in der Bevölkerung.

AAFMHL gehören LehrerInnen, Eltern und interessierten BewohnerInnen der Bergdörfer M’lay, Huva und Ldama an. Sie wählen nach den Kriterien der Bedürftigkeit und der schulischen Leistung Mädchen aus, deren Schulbesuch oder Ausbildung finanziert wird: neben den Schulgebühren kommt AAFMHL für die Lern- und Schreibutensilien, eine Schuluniform, Sportkleidung, notwendige Hygieneartikel und eine Lampe und Petroleum zur Erledigung von Hausaufgaben nach Einbruch der Dunkelheit auf.

In der ersten Projektphase hat TERRE DES FEMMES Grundschülerinnen unterstützt, bis sie auf eine weiterführende Schule gehen konnten. In der zweiten, laufenden Projektphase werden Schülerinnen an einer technischen Fachschule gefördert, die in drei Jahren eine Berufsausbildung zur Bürofachfrau oder Schneiderin machen. Mit Abschluss dieser Ausbildung sind sie berechtigt, die Oberstufe am Gymnasium zu besuchen und können sich so entweder für den direkten Berufseinstieg oder eine weitere Schulbildung entscheiden.

Daguidam Denise aus dem Dorf Ldama. Foto: © Daniel PaoulaiDaguidam Denise aus dem Dorf Ldama.
Foto: © Daniel Paoulai
TERRE DES FEMMES hat außerdem den Bau einer Mädchenschule in Mazi/Nordkamerun unterstützt, an der Mädchen ohne regulären Schulabschluss zu Kleinunternehmerinnen ausgebildet werden. Sie eignen sich Kenntnisse in Ackerbau, Nutztierzucht, Nähen oder Hauswirtschaft für Großküchen an und können so auch auf dem Land ein Einkommen erwirtschaften.

AAFMHL leistet begleitend Aufklärungsarbeit in den Bergdörfern: soll ein Mädchen aus der Schule genommen und (zwangs-) verheiratet werden, spricht AAFMHL mit den Eltern und zeigt ihnen Alternativen auf. AAFMHL bestärkt die Mädchen auf ihrem Weg zu mehr Eigenständigkeit. Traditionelle Erwartungen aus dem Elternhaus und gesellschaftlicher Druck wiegen oft schwer.

„In meinem Dorf Ldama gab es bislang kein einziges Mädchen, das die Grundschule abgeschlossen hätte. Dank AAFMHL und den Spenden aus Deutschland können wir unseren Eltern jetzt zeigen, dass wir auch wichtig sind“, erklärt Daguidam Denise aus der dritten Klasse der technischen Fachschule. Hawagai Marie, eine Gymnasiastin aus M’lay, fügt hinzu: „Wir sind die erste Generation Mädchen, die ein so hohes Bildungsniveau erreichen. Wir werden auch die erste Generation Mädchen sein, die Wissen zurück in unsere Dörfer tragen. Ich möchte später einen Beruf ausüben und all jenen helfen, die Hilfe genauso brauchen wie ich damals“.

Hadje Catherine, Schülerin der technischen Fachschule. Foto: © Daniel PaoulaiHadje Catherine, Schülerin der technischen Fachschule.
Foto: © Daniel Paoulai

Viele Mädchen hätten ihre Schullaufbahn ohne die Unterstützung von TERRE DES FEMMES nicht fortsetzen können. Entweder wären sie früh (zwangs-)verheiratet worden oder es hätte an Geld gefehlt, um den weiteren Schulbesuch zu finanzieren. Etliche Mädchen sind Halb- oder Vollwaise, wie Hadje Catherine, die ihren Vater im Alter von zwei Jahren verloren hat. Er hinterließ neben ihr 12 weitere Kinder von zwei Frauen. Alle Geschwister von Hadje mussten die Grundschule nach der zweiten Klasse abbrechen. Dieses Schicksal hätte auch Hadje ereilt. Mittlerweile besucht sie die zweite Klasse der technischen Fachschule. In einem Jahr wird sie ihre Ausbildung zur Bürofachfrau beenden. Als Erste aus ihrer Familie.

Yaoudam Helenne aus Huva hat es schon geschafft: sie hat ihr Abitur in der Tasche. Was bis vor kurzem unvorstellbar gewesen wäre, ist Realität geworden. „Alle sind stolz auf mich und ich bin es am meisten“, freut sich Yaoudam. Sie will nun studieren und AAFMHL in den Semesterferien dabei unterstützen, die Mädchen, die eine Klasse nicht bestanden haben, auf die Nachprüfungen oder das Wiederholungsjahr vorzubereiten. „So kann ich auch einen kleinen Beitrag leisten. Ohne die Unterstützung aus Deutschland hätte ich Nichts erreicht“.

 

Yaoudam Helenne freut sich über das bestandene Abitur. Foto: © Daniel PaoulaiYaoudam Helenne freut sich über das bestandene Abitur.
Foto: © Daniel Paoulai
Seit 2012 hat TERRE DES FEMMES insgesamt 50 Schülerinnen und Auszubildende unterstützt: 20 Grundschülerinnen, 12 Gymnasiastinnen, 16 technische Fachschülerinnen und 2 Auszubildende zu Kleinunternehmerinnen. Die Erfolge können sich sehen lassen!

TERRE DES FEMMES ist weiterhin auf Spendenmittel angewiesen, um mehr Mädchen und jungen Frauen in prekären Lebenssituationen eine (Aus-)bildung zu ermöglichen. Die Eltern sehen erst langsam die Vorteile der Eigenständigkeit von jungen Frauen. Es wird noch ein weiter Weg sein, bis dies zu einer Selbstverständlichkeit wird. Aufklärungsarbeit soll dabei helfen.

Die Mädchen aus M’lay, Huva und Ldama träumen nun davon, Lehrerin, Informatikerin, Bankerin oder Sozialarbeiterin zu werden. Sie wollen sich selbständig versorgen können und ihre Töchter und Söhne zur Schule schicken. Sie sind stolz darauf, ein Vorbild für andere Mädchen und junge Frauen aus ihren Dörfern zu sein. Selbst zum Einkommen ihrer Familien und zur Entwicklung ihrer Heimat beitragen zu können und so etwas von dem zurückzugeben, was sie bekommen haben, ist ihr großer Wunsch. Jetzt haben sie die Chance, ihn sich zu erfüllen.