Kriegsverbrechen gegen Mädchen und Frauen in Nordmali bleiben ungestraft

Gewaltschutzzentrum von APDF in Bamako, Dort fanden zahlreiche Mädchen und Frauen auf der Flucht vor dem dschihadistischen Terror in Nordmali Schutz und Unterkunft. Foto: © TERRE DES FEMMESGewaltschutzzentrum von APDF in Bamako, Dort fanden zahlreiche Mädchen und Frauen auf der Flucht vor dem dschihadistischen Terror in Nordmali Schutz und Unterkunft.
Foto: © TERRE DES FEMMES
Für Außenstehende ist es oft unvorstellbar, welchen Gräueltaten vor allem Mädchen und Frauen in Kriegs- und Krisengebieten ausgesetzt sind. Unvorstellbar auch deshalb, weil diese Verbrechen einem Tabu unterliegen und häufig straflos bleiben. Morde, Vergewaltigungen, Verstümmelungen, Zwangsverheiratungen - in Zeiten der Willkür und des Terrors werden Mädchen und Frauen zu schutzlosen Objekten des Machtmissbrauchs und zu erniedrigten Beweisen der Allmacht derer, welche die Herrschaft an sich gerissen haben.

Am 22. August 2016 wird vor dem internationalen Strafgerichtshof das Verfahren gegen Ahmad Al-Mahdi wieder aufgenommen. Die Anklage richtet sich ausschließlich gegen seine Beteiligung an der Zerstörung der historischen Mausoleen in Timbuktu. Für all` die unzähligen Frauen, die während der zehn Monate andauernden dschihadistischen Besatzung der Stadt unter den furchtbaren Gewaltverbrechen zu leiden hatten, ist das völlig unverständlich. Warum werden nicht auch die Morde, Vergewaltigungen und Zwangsverheiratungen vor Gericht gebracht? Mme Fatoumata Siré Diakité, die Präsidentin unserer Partnerorganisation in Mali, schreibt uns in einer Nachricht, in der sie den Behörden von Mali wegen ihrer Passivität eine Mitschuld, ja sogar Komplizenschaft zuspricht an den brutalen und massiven Menschenrechtsverletzungen gegen Mädchen und Frauen: "Ich kann euch gar nicht sagen, wie groß meine Wut ist!"

In einem Artikel im französischsprachigen Wochenmagazin Jeune Afrique beklagt Rémi Carayol, Sonderberichterstatter der Zeitschrift in Mali, "die lange Liste der ungesühnten Verbrechen". Er berichtet, dass Al-Mahdi in Timbuktu eine Zeitlang das Kommissariat leitete, wo Männer und Frauen überprüft und festgehalten wurden, die gegen das Gesetz der Scharia verstoßen hatten, sei es, dass sie Musik gehört, sei es, dass sie "gottlose Kleidungsstücke" getragen hatten. Frauen, die Arme oder Kopf nicht verhüllt hatten, wurden in einem winzigen, völlig überhitzten Raum eingepfercht. Immer wieder wurden welche weggebracht, vergewaltigt oder zwangsverheiratet - aber darüber spricht keiner, es wird auch in dem Prozess in Den Haag gegen Al-Mahdi nicht erörtert werden, er wird dafür nicht zur Rechenschaft gezogen.Zweimal wurde bereits über Sammelklagen versucht, den Opfern zu ihrem Recht zu verhelfen, aber es fehlt am politischen Willen zur Strafverfolgung. Mali lebt unter der Herrschaft der Straflosigkeit. Eine Klage stammt von 80 Frauen, die in Gao und Timbuktu Opfer sexueller Gewalt geworden waren. Doch sie sind nicht in der Lage, ihre Peiniger zu identifizieren, weil diese einen Turban trugen. So wird die Klage gegen X erhoben, die Untersuchungen treten auf der Stelle.

Die andere Klage von 33 Opfern richtet sich gegen 15 bekannte, teils hochrangige Männer, die namentlich genannt werden und denen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, wie Vergewaltigungen, Folterungen, Freiheitsberaubung, zur Last gelegt werden. Opfer und Angeklagte wurden von der Justiz vernommen, aber außer Al-Mahdi sind alle weiterhin frei. Auch wenn sie zum Teil kurzfristig inhaftiert waren, die Behörden haben sie allesamt wieder freigelassen - ihr Einfluss reicht immer noch weit. So bleibt in Mali ein Prozess wegen der 2012 im Norden begangenen Verbrechen bis heute illusorisch.

Diese zweite Klage gründet sich auf eine Vor-Ort-Untersuchung der Internationalen Föderation der Menschenrechte in Mali, die all das Grauen benennt, das die Frauen erleiden mussten. Sie bezeugt, was im Land verschwiegen bleibt: dutzende von Frauen wurden während der Besatzung durch die dschihadistischen Gruppen mitunter im Namen der Scharia vergewaltigt und zwangsverheiratet. In der Anklageschrift werden konkrete Fälle aufgeführt. Es ist grauenvoll, was diese Frauen erlitten haben. Viele der Peiniger können nicht klar identifiziert werden, aber ihre Anführer sind bekannt. Bekannt ist auch, dass es etliche Häuser in Timbuktu gab, in denen Frauen gefangen gehalten und vielfach vergewaltigt wurden.

Die Internationale Föderation der Menschenrechte in Mali fordert seit langem, dass die Anklagepunkte gegen Al-Mahdi ausgeweitet werden und dass auch andere Akteure des dschihadistischen Terrors zur Rechenschaft gezogen werden. Doch die malischen Behörden haben 220 Personen, die in Verbindung mit dem Konflikt im Norden festgenommen worden waren, wieder frei gelassen, darunter mindestens 46 mutmaßliche Täter von Verbrechen gegen die Menschlichkeit, von Kriegsverbrechen und von anderen schweren Verletzungen der Menschenrechte.
Mali missachtet die Gewaltverbrechen und die Existenz all der Opfer. Es wird nichts getan, um sie zu begleiten. Die Botschaft lautet: die Zerstörung von Gebäuden ist ein Verbrechen und wird bestraft, die Zerstörung von Frauenseelen bleibt ungesühnt und wird nicht beachtet.

Damit werden die betroffenen Mädchen und Frauen ein weiteres Mal zum Opfer. Zur Verarbeitung ihrer traumatischen Erlebnisse wäre es notwendig, dass sie nicht allein gelassen werden, dass sie gesehen, gehört und ernst genommen werden, was auch heißt, dass ihre Peiniger sich verantworten und bestraft werden müssen.

Ein Schritt heraus aus der Verschwiegenheit und Straflosigkeit kann sein, wenn wir hier in Deutschland unsere Empörung und unsere Solidarität mit den Mädchen und Frauen in Mali zum Ausdruck bringen und das uns Mögliche tun, damit die malischen Behörden endlich tätig werden. Auch Mme Diakité fordert uns auf, dass wir "nur mit einem öffentlichen Aufschrei und geschlossener Solidarität die Straflosigkeit in Mali besiegen, die einen massiven und schwerwiegenden Verstoß darstellt gegen die Rechte von Mädchen und Frauen."

Susanne Meister, 23. Juli 2016, nach dem Artikel "Nord du Mali: La longue liste des crimes impunis" im französischsprachigen Wochenmagazin "Jeune Afrique" vom 21. Juli 2016 von Rémi Carayol, Sonderberichterstatter in Mali