„Frauen erklimmen die höchsten Berge“

Vorstandsfrau Godula Kosack (2. von links) mit weiteren Teilnehmerinnen der Weltfrauenkonferenz der Basisfrauen 2016 in Nepal. Foto: © G. KosackVorstandsfrau Godula Kosack (2. von links) mit weiteren Teilnehmerinnen der Weltfrauenkonferenz der Basisfrauen 2016 in Nepal. Foto: © G. KosackVom 13.-18. März 2016 fand in Kathmandu die 2. Weltfrauenkonferenz der Basisfrauen unter dem Motto „Frauen erklimmen die höchsten Berge“ statt. Etwa 2.000 Frauen und einige Männer eröffneten die Konferenz mit einer eindrucksvollen Demonstration durch die Straßen der Hauptstadt Nepals, des zweitärmsten Landes Asiens. Über 1.300 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus 48 Ländern, darunter mehr als 200 nepalesische und internationale ehrenamtliche Helferinnen und Helfer, beteiligten sich an dieser Konferenz. Dabei war es lange offen geblieben, ob die Konferenz in dem erdbebenerschütterten Land, das zudem noch unter einer Wirtschaftsblockade Indiens zu leiden hatte, überhaupt abgehalten werden könnte. Aber die Organisatorinnen schafften es, mit der tatkräftigen Unterstützung der nepalesischen Frauengruppen, eine in allen Punkten – organisatorisch und inhaltlich – erfolgreiche Konferenz zu gestalten.

Nepal bot einen besonderen Reiz als Gastland, da erst kürzlich eine neue Verfassung in Kraft getreten war, die auf vorbildliche Weise den Frauen den ihnen gemäßen Platz in der Gesellschaft einräumt: Ist der Präsident ein Mann, dann muss die Stellvertreterin eine Frau sein. Umgekehrt gilt dasselbe. Dies wird in allen hohen öffentlichen Institutionen umgesetzt. Die Sprecherin des Nepalesischen Parlaments Onsari Gharti Magar würdigte die Errungenschaft der neuen Verfassung, indem sie sagte: „Wir Frauen in Nepal können uns jetzt über die Geburt eines Mädchens freuen, denn Mädchen haben nun eine Zukunft.“ Im Oktober 2015 ist erstmalig in diesem Land eine Frau zur Präsidentin gewählt worden. Sie unterstützte die Konferenz, indem sie die Länderdelegierten der Weltfrauenkonferenz in den Präsidentensitz einlud: 74 Delegierte aus 40 Ländern konnten auf diese Weise die Botschaft mit in ihre Herkunftsländer nehmen: Es ist möglich, dass Frauen die höchsten Gipfel erklimmen!

An zwei Tagen diskutierten 560 Teilnehmerinnen in zehn Workshops zentrale Themen der Frauenbewegung. Anwältinnen ohne Grenzen, vertreten durch die bosnische Juristin Jasmina Prpic, TERRE DES FEMMES, vertreten durch die Vorstandsfrau Prof. Godula Kosack, und die Frauenliga Courage vertreten durch die Psychotherapeutin Ulrike Held, gestalteten den Workshop 8 zum Thema: „Breaking the silence. Combatting sexual violence against women in war and on the run (15 years after UN-Resolution 1325)”. Jeweils 60 bis 80 Frauen aus Nepal, Deutschland, Türkei, Norwegen, Indien, Kongo, Belgien und Schweden nahmen daran teil.

Jasmina Prpic erklärte die Hintergründe des Bosnienkrieges, der in den Jahren 1992 bis 1995 mitten in Europa wütete. Sie klagte an, dass hier erstmalig Massenvergewaltigung gezielt und systematisch als Kriegswaffe eingesetzt wurde mit dem Ziel, den Gegner durch die Entehrung der Frauen zu demütigen und emotional zu besiegen. Dieser „Ehrverlust“ hatte dramatische Konsequenzen für die Frauen: Viele wurden von ihren Familien verstoßen. Es wurde der Film „das Schweigen brechen“ gezeigt, in dem Frauen öffentlich über ihre traumatischen Erlebnisse reden – ein erster Schritt, um eine Verarbeitung des Geschehenen in die Wege zu leiten.

Ulrike Held sprach über die „Folgen sexualisierter Gewalt in Kriegen“, von denen Frauen in allen Kriegen betroffen sind: die Täter sind oft Soldaten der kriegsführenden Gruppierungen, auch der UN. Fast alle Täter bleiben straffrei, während die Opfer lebenslänglich unter akuten körperlichen Verletzungen, und den psychischen und sozialen Folgen leiden. Dennoch gibt es Prozesse, die eine Linderung einleiten können, indem Frauen lernen, dass sie nicht alleine sind und, dass sie an ihrem Schicksal unschuldig sind. Am Beispiel der Arbeit mit yesidischen Frauen im Irak stellte Ulrike Held Methoden der möglichen Stabilisierung der Betroffenen vor.

Godula Kosack spannte den Bogen von der Gewalt gegen Frauen während der deutschen Flüchtlingstrecks nach dem 2. Weltkrieg bis hin zu den Frauen, die heute vor Kriegsgewalt nach Deutschland fliehen. Frauen auf der Flucht sind oft ungeschützt und erfahren auch hierzulande vielfältige Formen der Gewalt, gegen die mit allen verfügbaren Mitteln angegangen werden muss. Betont wurde aber auch, dass Frauen, die aus streng patriarchalen Gesellschaften kommen, hier eine Kultur der Gleichberechtigung erfahren könnten.

Alle Beiträge des Workshops waren darauf ausgerichtet, dass die UN Resolution 1325 eingefordert wird. Diese ächtet nicht nur Gewalt gegen Frauen als Kriegsmittel, sondern zielt auch darauf ab, dass Frauen in den Friedensprozess ihrer Länder eingebunden werden.

Aus dem Workshop ging die folgende Passage in der Abschlussresolution der Weltfrauenkonferenz hervor:

„Frauen werden nach wie vor als Ware angesehen; die Anzahl der von Frauen- und Kinderhandel Betroffenen hat sich in den letzten Jahren vervielfacht. Die Legalisierung der Prostitution in vielen europäischen Ländern, der Missbrauch von Frauenrechten hat zu mafiösen Strukturen beigetragen, die das Prostitutionsgesetz als Schutzschild für die Ausbeutung von Frauen nutzen. Das spiegelt sich auch im Verhalten der Truppen verschiedener UN-Friedensmissionen wider. In fast allen Kriegsgebieten werden Bordelle eingerichtet, wo junge Frauen gewaltsam oder „freiwillig“ zur Prostitution gezwungen werden.“

Doch nicht nur die sexuelle Ausbeutung der Frauen war Thema. Andere Workshops befassten sich mit den besonders diskriminierenden Arbeitsbedingungen von Frauen in den unterschiedlichsten Ländern, mit Landenteignungen oder den Schäden, die durch die Ausbeutung der Natur entstehen und unter denen Frauen in besonderer Weise zu leiden haben.

Die Konferenz setzt ein deutliches Signal: Frauen aller Kontinente und aller Berufssparten vernetzen sich, solidarisieren sich, verfolgen gemeinsame Ziele. Die Kraft, die von den aktiven Basisfrauen ausging, war überzeugend und überwältigend. Sie machte deutlich, dass die Frauenbewegung eine weltweite ist, und dass Frauen in Ländern, in denen sie für ihre Ziele verfolgt werden, großen Mut zeigen, denn auch sie verfolgen das große Ziel:

„Frauen erklimmen die höchsten Berge“

 

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