TERRE DES FEMMES-Delegation mit Arte Team in Bulgarien

Das Arte-Team beim Interviewen einer Lehrerin, neben ihr Christa Stolle (l.) und Christina Toteva-Vesselinova (r.). Foto: © TERRE DES FEMMESDas Arte-Team beim Interviewen einer Lehrerin, neben ihr Christa Stolle (l.) und Christina Toteva-Vesselinova (r.).
Foto: © TERRE DES FEMMES
TERRE DES FEMMES Botschafterin und Schauspielerin Sibel Kekilli besuchte vom 17. bis 19. Februar 2016 das Projekt FLORIKA in Burgas, Bulgarien, welches seit 2012 von TERRE DES FEMMES unterstützt wird. Dies war schon ihr zweiter Besuch innerhalb von einem Jahr, diesmal wurde sie von der Geschäftsführerin Christa Stolle begleitet. Mit dabei war auch ein Arte-Filmteam unter Regie von Sibel Kekilli, die für das Arte Format „Square“ eine halbstündige Dokumentation über die Arbeit von Christa Stolle und TERRE DES FEMMES drehte. Burgas war einer der Drehorte, hier dokumentierte sie Gespräche mit Mitarbeiterinnen von FLORIKA, mit Lehrerinnen einer naheliegenden Roma-Schule, der stellvertretenden Bürgermeisterin sowie einer alleinerziehenden Mutter von fünf Kindern im Romaviertel. Als Übersetzerin und Organisatorin vor Ort erwies sich Projektkoordinatorin Christina Toteva-Vesselinova als unentbehrliche und großartige Unterstützung.

Schulbesuch und Ausbildung

Spannende Einblicke erhielt die Delegation beim Besuch einer naheliegenden Roma-Schule, wo sie die stellvertretende Schulleiterin, die seit 25 Jahren an der Schule wirkt, durch einige Klassenzimmer führte und ihnen erlaubte Gespräche mit Lehrerinnen zu filmen. Die Schule wird nur von Roma Kindern besucht, von denen etwa 10 Prozent türkisch sprechen, sich selbst nicht als Roma bezeichnen und sich somit von den anderen, Romani sprechenden Kindern abgrenzen. Diese ethnische Segregation, die z.T. durch die Eltern zusätzlich gefördert wird, zieht sich leider durch das ganze Roma Viertel und beschäftigt auch die Mitarbeiterinnen von FLORIKA.

Die stellvertretende Schulleiterin, Mitko Dokov, Sibel Kekilli, Christina Toteva-Vesselinova und Christa Stolle im Büro des Schulleiters (v.l.n.r.). Foto: © TERRE DES FEMMES(v.l.n.r.) Die stellvertretende Schulleiterin, Mitko Dokov, Sibel Kekilli, Christina Toteva-Vesselinova und Christa Stolle im Büro des Schulleiters.
Foto: © TERRE DES FEMMES
Die Schule ist achtzügig und liegt inmitten eines von vier Romavierteln in Burgas, in dem rund 8000 Menschen wohnen. Da die Schule nicht ausreichend Kapazitäten für die Kinder hat, muss der Unterricht in einem Zwei-Schicht-Betrieb durchgeführt werden. Einige Klassen haben von 8 bis 12 Uhr Unterricht, andere können erst um 13 Uhr anfangen und müssen den Vormittag zuhause verbringen. Die Raumnot ist hier überall zu spüren.

Stolz berichtete die stellvertretende Schulleiterin, dass der prominente Besuch aus Deutschland im Juni 2015 Wirkung gezeigt hat: Eine Sporthalle und ein Kindergarten befinden sich gerade im Bau. Die Stadt hat also ihr damals gegebenes Versprechen eingelöst.

Oft kommt es vor, dass die Mädchen nach der 6. oder 7. Klasse nicht mehr in die Schule kommen, weil sie früh heiraten und/oder in die Fänge von Menschenhändlern geraten, die sie nach Westeuropa vermitteln, wo sie zur Prostitution gezwungen werden.

FLORIKA

Um dies zu verhindern und die Mädchen in ihrem Selbstbewusstsein zu stärken, bieten zwei fest angestellte pädagogische Mitarbeiterinnen und zwei Honorarkräfte bei FLORIKA schulischen Förderunterricht und ein breit gefächertes pädagogisches Programm an. Dazu gehören u.a. Tanzen, Malen, Kochen, Nähen und Fotografieren. Zum pädagogischen Standard gehören aber auch Kurse zur Aufklärung über Verhütung, Sexualität und Folgen von frühen Schwangerschaften, an denen manchmal auch Eltern teilnehmen.

Die zwei Sozialpädagoginnen investieren viel Zeit in die Gespräche mit Eltern, um ihnen die Notwendigkeit einer möglichst umfassenden Ausbildung ihrer Töchter bewusst zu machen.

Mädchen beim Aufwärmtraining zum Tanzen mit Tanzlehrer Goergi Dimitrov und Sozialpädagogin Gabriela Panayotova: Foto: © TERRE DES FEMMESMädchen beim Aufwärmtraining zum Tanzen mit Tanzlehrer Goergi Dimitrov und Sozialpädagogin Gabriela Panayotova.
Foto: © TERRE DES FEMMES
Im Vergleich zum Vorjahr ist das Alter der betreuten Mädchen gesunken. Die Mädchen, die regelmäßig ins Zentrum kommen, sind zwischen 10 und 12 Jahre alt. Es setzt sich die Überzeugung durch, dass die außerschulische Förderung möglichst früh ansetzen sollte. Voraussetzung der Teilnahme an den Aktivitäten von FLORIKA ist ein regelmäßiger Besuch der Schule.

Ehemalige Teilnehmerinnen der FLORIKA-Programme sind weiterhin willkommen und die Mitarbeiterinnen haben immer ein offenes Ohr für die Probleme dieser jungen Frauen. Zum Teil bringen sie sich auch wieder als Multiplikatorinnen ein und helfen bei der Betreuung.

Insgesamt erfreut sich das Zentrum großer Beliebtheit und es gibt sogar Wartelisten für Mädchen.

Der Erfolg gibt dem Projekt Recht: in den vergangenen Jahren hat keine Teilnehmerin die Schule abgebrochen, wurde zwangsverheiratet oder in die Prostitution nach Westeuropa gehandelt. Einige Mädchen haben es in die weiterführende Schule geschafft.

Standort und bauliche Substanz des Hauses

Mieter des von der Stadt zur Verfügung gestellten Hauses mit vier Räumen ist die Roma Union, die auch Träger des Projektes FLORIKA ist. Ihr Vorsitzender Mitko Dokov kümmert sich um die Finanzen und Mietangelegenheiten. Ende 2014 kam es in dem Haus zu großen Wasserschäden durch Überschwemmung und Starkregen. Die Schäden wurden notdürftig behoben, aber einer der Räume ist noch immer nicht nutzbar, weil die Wände sehr nass sind und sich an einigen Stellen Schimmel bildet. Die Nähkurse, die hier sonst stattfinden, müssen daher zurzeit ausfallen.

Beim Gespräch mit der stellvertretenden Bürgermeisterin von Burgas, Yordanka Angelova Benova-Ananieva, am 18.Februar war die bauliche Substanz ein großes Thema. Geschäftsführerin Christa Stolle wies immer wieder darauf hin, dass die Nässe und der Schimmel unzumutbar für die Mädchen und MitarbeiterInnen sind. Wir haben darauf gedrungen, dass die Stadt ihrer Verantwortung gerecht wird und schnellstmöglich Abhilfe schafft. Vor laufender Kamera hat die Bürgermeisterin daraufhin einen Sachverständigen gerufen, der mit uns zum Haus gefahren ist um die Schäden zu begutachten. Das war, nach einem Jahr Untätigkeit der Stadt, ein großer Erfolg. Wir werden bei diesem Thema hartnäckig bleiben und weiterhin Druck auf die Stadt ausüben, sodass die Roma Union und damit das Projekt FLORIKA trockene Räume mit langfristigen Mietverträgen im Viertel bekommt.

Gespräch mit einer alleinerziehenden Mutter aus der Roma Community

Einen authentischen Einblick in das Leben einer Roma Familie erhielt die Delegation aus Deutschland beim Besuch einer 12-köpfigen Familie, die sich drei Räume auf nur 40 qm teilen. Für das baufällige, einstöckige Haus zahlt die Familie 40 Euro Miete, oft vom sehr knappen und anderweitig benötigten Kindergeld.

Alleinerziehende Mutter Frau M. mit ihrer Familie, Christa Stolle (1.v.r.) und Sibel Kekilli (2.v.l. hinten): Foto: © TERRE DES FEMMESAlleinerziehende Mutter Frau M. mit ihrer Familie, Christa Stolle (1.v.r.) und Sibel Kekilli (2.v.l. hinten).
Foto: © TERRE DES FEMMES
Die fünf Kinder im Alter von 9 bis 20 Jahren stammen von zwei Vätern, die keinen Unterhalt für sie zahlen. Die Mutter, Frau M., hat sogar ihren ersten Mann wieder bei sich aufgenommen als er obdachlos wurde. Frau M. selbst ist 37 Jahre alt und war nie standesamtlich mit den Vätern ihrer Kinder verheiratet. Sie trägt nicht nur die Verantwortung für ihre eigenen Kinder sondern auch für die Eltern, die immer wieder nach Geld fragen. Bis vor vier Monaten hat sie noch Wohnungen geputzt und von dem kargen Gehalt die Ausgaben für alle bestritten. Der älteste Sohn ist 20 und arbeitet in Deutschland als Fensterputzer. Manchmal überweist er 50 oder 100 Euro im Monat. Seine Frau lebt auch in dem kleinen Häuschen von Frau M., die gerne mit ihren Kindern nach Deutschland übersiedeln würde. Hierzu braucht sie jedoch die Zustimmung der Väter und diese verweigern sie.

Die Ausbildung ihrer Kinder ist Frau M. sehr wichtig, deshalb unterstützt sie den Besuch einer weiterführenden Berufsschule durch ihren zweitältesten Sohn (16). Er macht eine Ausbildung zum Automechaniker. Die jüngeren Töchter besuchen regelmäßig die Schule und die pädagogischen Angebote von FLORIKA.

 

 

Verwendung von Cookies

Um unsere Webseite für Sie optimal zu gestalten und fortlaufend verbessern zu können, verwenden wir Cookies. Durch die weitere Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu.