„Aus einem Schleier machen wir einen Drachen“ - Der Vorsitzende der Vereinigung der FriseurInnen aus Van über die Aktion „STOP Frühehen!“

VVeysel Koç zeigt das Plakat zur Aktion "STOP Frühehen!". Foto: © YAKA-KOOPVeysel Koç zeigt das Plakat zur Aktion "STOP Frühehen!". Foto: © YAeysel Koç fährt sich zufrieden durch das kinnlange, schwarz-graue Haar. Er lehnt sich zurück und erklärt: „Vor der Kooperation mit YAKA-KOOP gab es jährlich 50 bis 100 sogenannte ‚Kinderhochzeiten‘ in Van. Jetzt sind es nur noch 5 bis 10 pro Jahr. Wir sind stolz, dazu einen Beitrag geleistet zu haben“. Der 47-jährige steht der Vereinigung der FriseurInnen im südosttürkischen Van vor, die 700 Mitglieder zählt. Seit 2014 beteiligen sich Veysel und seine KollegInnen an der Kampagne der TDF-Partnerorganisation YAKA-KOOP gegen Frühehen.

Zweifel hatte Veysel keine, als YAKA-KOOP auf ihn zukam und eine Kooperation anregte: „Frühehen sind nicht mehr zeitgemäß. Wir können auch als Dienstleister darauf hinwirken, dass die Gesellschaft ein Bewusstsein für die Bedürfnisse von Mädchen und Frauen entwickelt“. Die Vereinigung organisierte ein großes Seminar, auf dem YAKA-KOOP die Aktion „STOP Frühehen!“ vorstellte und mit den 150 TeilnehmerInnen ins Gespräch kam. Später beteiligten sich Mitglieder auch an Sensibilisierungsbesuchen bei Behörden und in Dörfern.

Plakate gegen Frühehen

Vor finanziellen Einbußen hatten die FriseurInnen aus Van keine Angst. Sie sind sich ihres Marktwerts wohl bewusst: „Van gilt in der Branche als das ‚Paris der Türkei‘. Wir haben auch ohne minderjährige Brautpaare ausreichend KundInnen“. Doch wie machen die FriseurInnen ihren Standpunkt öffentlich bekannt? Wissen KundInnen, dass minderjährige Brautpaare nicht mehr frisiert werden? „Wir werben mit Plakaten für die Aktion ‚STOP Frühehen!‘. Sie hängen in fast allen Friseursalons von Van“. Veysel hält ein Exemplar für uns hoch. Darauf ist in der Mitte ein weißer Brautschleier aus Tüll zu sehen. Links und rechts tanzen zwei Drachen in der Luft. Der Slogan darunter lautet: „Aus einem Schleier machen wir einen Drachen. Wir frisieren keine ‚Kinderbräute‘!“. „Unsere Mitglieder entscheiden selbst, ob sie mitmachen“, räumt Veysel ein. „Die große Mehrheit ist dabei. Nur ein kleiner Teil, vor allem die Älteren, verstehen nicht genau, warum wir die Aktion veranstalten. Sie haben Frühehen lange als gängige Tradition erlebt und sehen sie daher weniger kritisch“. Jüngere FriseurInnen fühlten sich der Aktion dagegen stark verbunden.

TDF und YAKA-KOOP zu Besuch bei der Vereinigung der FriseurInnen in Van. Foto: © YAKA-KOOPTDF und YAKA-KOOP zu Besuch bei der Vereinigung der FriseurInnen in Van. Foto: © YAKA-KOOPPositive Resonanz vor allem bei den Jüngeren und in Städten

Veysel ergänzt: „Wenn trotz der Plakate Eltern mit jung aussehenden Vermählten zu uns kommen, fragen wir gezielt nach dem Alter. Sind Braut oder Bräutigam noch minderjährig, schicken wir sie nach Hause“. Bei den anderen KundInnen kommt das in der Regel gut an, wenn das Verständnis in der Stadt auch größer sei als auf dem Land. „Manche Dorfbewohner fürchten, mundtot gemacht zu werden. Sie trauen sich nicht mehr, über eigentlich geplante Hochzeiten zu sprechen geschweige denn einen Dienstleister für deren Umsetzung zu suchen“. Wie bei den eigenen Mitgliedern, seufzt Veysel, sei es auch auf dem Land leichter, die Jüngeren für die Aktion zu gewinnen. Deshalb plant YAKA-KOOP, die gemeinsame Aufklärungsarbeit in den Dörfern auszuweiten.

Einsatz über die Grenzen von Van hinaus

Die Vereinigung der FriseurInnen aus Van wiederum lässt keine Gelegenheit aus, bei Lobbyterminen auf die Arbeit von YAKA-KOOP hinzuweisen. Aktuell versucht sie, den nationalen Dachverband der FriseurInnen und KosmetikerInnen in Ankara ins Boot zu holen. Wann immer Regional- oder StadtpolitikerInnen zu Besuch sind, regt Veysel an, den Einsatz gegen Frühehen zu unterstützen und weiter publik zu machen. Selbst iranischen FriseurInnen, die einmal für ein Fachseminar nach Van kamen, gab Veysel Plakate mit und ermutigte sie, auch in ihrem Land gegen Frühehen aufzustehen. Sichtbarkeit ist das A und O für ihn. Vielleicht hätte sich so auch verhindern lassen, was SozialpolitikerInnen in der Türkei jüngst in Aufruhr versetzte und die Regierung zwang, endlich auch ein Verbot rein religiöser Trauungen von unter 18-jährigen zu erlassen: Ein alarmierender Anstieg der Suizidrate unter jungen Bräuten.

 

Wenn Sie die Aktion „STOP Frühehen!“ von YAKA-KOOP unterstützen möchten, können Sie jetzt spenden!

Stand: 07/2018

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