Bollywood – Genderklischees am laufenden Band? Veranstaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung am 20.06.18

V.l.n.r.: Zarah Udwadia, Nishtha Madaan und Anne Wizorek bei der Gerechtigkeitswoche der Friedrich-Ebert-Stiftung. Foto: © TERRE DES FEMMESV.l.n.r.: Zarah Udwadia, Nishtha Madaan und Anne Wizorek bei der Gerechtigkeitswoche der Friedrich-Ebert-Stiftung. Foto: © TERRE DES FEMMESViel ist bereits über das stark zum Vorteil der Männer ausgerichtete Geschlechterverhältnis in Indien geschrieben und publiziert worden. Auch TERRE DES FEMMES unterstützt seit knapp 20 Jahren Projekte, welche die soziale, politische und wirtschaftliche Position indischer Frauen stärken. Jedoch geht die Entwicklung auf dem Subkontinent nur schleppend voran und macht in mancher Hinsicht sogar Rückschritte. Zur Erklärung werden neben der schieren Größe Indiens, welche die Ausbreitung emanzipatorischer und feministischer Bewegungen besonders auf dem Land erschwert, oft auch kulturelle und religiöse Gründe genannt. So zeigt sich die mangelnde Wertschätzung und Anerkennung, die Teile der indischen Gesellschaft Mädchen und Frauen immer noch entgegen bringen, nicht nur durch schlechtere Bildungs- und Berufschancen, sondern auch durch höhere Abtreibungsraten für weibliche Föten, eine höhere Kindersterblichkeitsrate für Mädchen unter fünf Jahren und die hohe Zahl an Fällen von sexualisierter und häuslicher Gewalt gegenüber Mädchen und Frauen.

Veraltete Gender-Stereotypen werden allerdings nicht nur durch ihre althergekommene Verankerung am Leben erhalten: Auch das größte Bollwerk indischer Popkultur, die gigantische Bollywood-Industrie, erhält die „traditionelle“ Rollenteilung zwischen Frau und Mann in einem Großteil der mehr als 350 jährlich produzierten Hindi-Filme aufrecht. In Forschung und Diskurs ist dieses Thema allerdings noch wenig präsent, weswegen die Friedrich-Ebert-Stiftung am 20.06. zur Veranstaltung „Bollywood – Genderklischees am laufenden Band?“ im Rahmen der Gerechtigkeitswoche einlud. Moderiert von der Autorin und Aktivistin Anne Wizorek diskutierten Nishtha Madaan (IBM Research India) und Zarah Udwadia (Point of View) über den Einfluss von Bollywood-Filmen auf die Wahrnehmung und Realität ihrer ZuschauerInnen, die steigende Zahl starker Hauptdarstellerinnen sowie die Herausforderungen und Chancen für die Gleichstellung indischer Frauen in der Filmindustrie und der Gesellschaft.

Nishtha Madaan, die zu Gender Stereotyping in Bollywood forscht, hob hervor, wie groß die Gender Gap auch 2018 noch sei: Gerade einmal 12 Prozent aller Hindi-Filme hätten eine weibliche Hauptrolle. Madaans Forschung bestätigt, dass auch in modernen Bollywood-Filmen die Charakterisierung oft auf etablierten Gender-Rollen basiert: So seien die häufigsten Attribute für männliche Charaktere „reich“ und „stark“, während weibliche Charaktere überwiegend als „schön“ oder „hübsch“ bezeichnet würden. Auch arbeiteten fast 60 Prozent der weiblichen Charaktere als Lehrerinnen oder Sekretärinnen, während männliche Rollen oft als Ärzte oder Manager tätig seien. Laut Madaan müssen die Medien, die Menschen konsumieren, unweigerlich ihre Wahrnehmung beeinflussen – und Bollywood-Filme trügen nicht dazu bei, dass Frauen in der indischen Gesellschaft als gleichwertig angesehen würden.

Die eindimensionale Charakterisierung verstärke Klischees über „typische“ Frauen zusätzlich, betonte auch Zarah Udwadia. Die „Klassifizierung“ sei binär und finde immer auf moralischer Basis statt – die moralisch gute, anständige Frau, die ihre Wünsche dem Familienwohl unterordnet, stehe im Kontrast zur (sexuell und/oder gesellschaftlich) provokativen und moralisch verdorbenen Verführerin. Weibliche sexuelle Selbstbestimmung und der Ausdruck der eigenen Sexualität würden so weiter gesellschaftliche tabuisiert. Zusätzlich seien die Filme für indische Jugendliche oft die einzige verfügbare „Sexualaufklärung“ und gäben ihnen ein verzerrtes Bild von romantischen Beziehungen – beispielsweise die Idealisierung eines „Werbeverhaltens“, bei dem ein Mann so lange aggressiv einer Frau nachsetze, bis sie irgendwann nachgebe.

Die Forscherinnen erläuterten, dass der Effekt der #MeToo-Debatte in Bollywood ebenfalls spürbar gewesen sei. Allerdings sei die Resonanz geringer als in Hollywood ausgefallen, erklärte Zarah Udwadia: Bollywood sei auf „Gatekeeping, Victim Blaming und dem Schutz berühmter männlicher Produzenten, Schauspieler und Regisseure“ erbaut, was es erschwere, Fälle sexueller Belästigung an die Öffentlichkeit zu bringen. Allerdings sei die Frauenrechtsbewegung Indiens seit Jahren stetig erstarkt und hätte Themen wie Häusliche Gewalt, „Eve teasing“ (sexuelle Belästigung durch Pfeifen, Grapschen o.ä. auf offener Straße) und Mitgiftmorde aufs nationale Parkett gebracht. Allerdings bemerkte Udwadia, dass die feministische Arbeit unter der Bharatiya Janata Party (BJP), welche Indien seit 2014 regiert und verstärkt hindunationalistischen und sozialkonservativen Strömungen folgt, deutlich erschwert worden sei.

Die Moderatorin Anne Wizorek schloss die Diskussion mit der Frage, ob und wie Veränderung in Bollywood und langfristig auch in der Gesellschaft möglich sei. Nishtha Madaan betonte, dass zuallererst ein Bewusstsein für das verzerrte Geschlechterverhältnis geschaffen sowie DrehbuchautorInnen, ProduzentInnen, etc. zur Verantwortung für bewusste Veränderung gezogen werden müssten. Zarah Udwadia fügte hinzu, dass nuancierter von der weiblichen Lebensrealität erzählt werden müsse – was nur durch die Förderung weiblicher Produzentinnen und Autorinnen erreicht werden könne. Aber beide Frauen sind der festen Überzeugung, dass ein positiver und gesamtgesellschaftlicher Wandel möglich ist.

Zusammen mit unserer indischen Partnerorganisation BHUMIKA setzt sich TERRE DES FEMMES für diesen Wandel ein. Helfen auch Sie!

Stand 07/2018