Frauenrechte in Indien: wenn Unterdrückung als Tugend verkauft wird

Eine Mitarbeiterin des BHUMIKA Women's Collective berät ein Ehepaar. Foto: © Gina Rumsauer.Eine Mitarbeiterin des BHUMIKA Women's Collective berät ein Ehepaar. Foto: © Gina Rumsauer.Nach der jüngsten Gruppenvergewaltigung einer Achtjährigen in einem Tempel steht Indien erneut Kopf: in vielen Städten gehen empörte BürgerInnen auf die Straße. Premierminister Modi hat ein landesweites Programm zum Schutz von Mädchen gestartet. Ein Blick auf die nationale Gewaltstatistik zeigt, dass das auch bitter nötig ist: die Vergewaltigungen minderjähriger Frauen sind 2017 um 82% gegenüber dem Vorjahr gestiegen. In den meisten Fällen wurden die Taten von Familienmitgliedern oder Verwandten verübt.

Eine indische Sozialwissenschaftlerin über die Hintergründe

Die indische Sozialwissenschaftlerin Dr. Deepa Narayan führt die alarmierende Lage in der britischen Zeitung The Guardian auf eine „kulturell gebilligte Degradierung von Frauen“ zurück. Diese sei bereits in der Erziehung angelegt: Mädchen würden angehalten, im Haus zu bleiben, sich still und angepasst zu verhalten, keine eigene Meinung zu haben und Konflikte zu vermeiden. Die Folgen? Schweigsame Frauen, so Narayan, würden unsichtbar. Es sei leicht, sie zu ignorieren, über ihren Kopf hinweg zu entscheiden und ihnen ohne Angst vor Konsequenzen Schaden zuzufügen. Auch würde Mädchen in Indien früh beigebracht, vor ihrem Körper und insbesondere ihrer Sexualität Angst zu haben. Gesellschaftlich würde geleugnet, dass Mädchen einen Körper mit eigenem Empfinden hätten und selbst über diesen bestimmen könnten. Sexuelle Belästigung sei unter diesen Voraussetzungen, so die Logik, gar nicht möglich. Und wenn es sie doch gäbe, würde sie geleugnet. Und wenn sie nicht geleugnet werden könne, würde dem Mädchen selbst die Schuld gegeben.

Frauen, deren Selbstbewusstsein klein gehalten werde, würden von Männern abhängig, meint Narayan. Abhängigkeit münde nicht selten in Gewalt. Das Perfide daran: Abhängigkeit bei Frauen in Indien gelte als positiv, Unabhängigkeit als negativ. Abhängige Frauen hätten ausschließlich über ihre Rollen als Ehefrau, Mutter und Tochter eine Existenzberechtigung. Genau diese Rollen machten aus einer Frau nach gesellschaftlicher Auffassung eine „gute Frau“ - Unterdrückung würde als Tugend verkauft.

Narayan fordert, dass die indische Gesellschaft aufwacht, und sich neu darauf besinnt, was eine „gute Frau“ und einen „guten Mann“ wirklich ausmachen.

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TERRE DES FEMMES e.V. arbeitet eng mit der indischen Frauenrechtsorganisation BHUMIKA Women’s Collective zusammen, die sich für gewaltbetroffene Mädchen und Frauen einsetzt.

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