„Wir alle sind durch’s Messer gegangen“ - Gespräch mit Rakieta Poyga, Gründerin und Leiterin der Association Bangr Nooma in Burkina Faso, und Irma Bergknecht, ehrenamtliche TDF-Projektkoordinatorin

Rakieta Poyga und Irma Bergknecht kämpfen gemeinsam gegen weibliche Genitalverstümmelung. Foto: © Lucia Engelbrecht/TERRE DES FEMMESRakieta Poyga und Irma Bergknecht kämpfen gemeinsam gegen weibliche Genitalverstümmelung. Foto: © Lucia Engelbrecht/TERRE DES FEMMESAn ihre eigene Beschneidung kann sich Rakieta Poyga, 56, nur noch dunkel erinnern. „Ich wurde mit drei oder vier Jahren beschnitten. Man sagte mir weder, wohin ich gebracht werde, noch, was geschehen wird. Meine Mutter war nicht dabei. Welche Mutter will schon das Weinen der eigenen Tochter hören?“ Während ihrer Pubertät und als junge Erwachsene verdrängte Rakieta Poyga das traumatische Erlebnis. Erst durch die Geburt ihrer Tochter holten sie die Schmerzen „mit voller Wucht ein“. Die schwere Geburt wurde zum Schlüsselerlebnis für ihr Engagement gegen Genitalverstümmelung. „Die Schmerzen der Entbindung sind unbeschreiblich. Die Scheide muss aufgeschnitten werden, damit das Kind geboren werden kann.“

In Burkina Faso, einem der ärmsten Länder der Welt, ist die weibliche Genitalverstümmelung flächendeckend verbreitet: Fast ausnahmslos jede Frau in Rakieta Poygas Generation musste sich dieser lebensgefährlichen Prozedur unterziehen. „Alle Frauen meines Alters, egal ob sie dem Islam, dem Christentum oder einer indigenen Religion angehören, sind beschnitten. Wir alle sind durch’s Messer gegangen.“

Rakieta Poyga hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, neue Generationen vor diesem Unrecht zu bewahren. „Für mich ist es schon verloren,“ sagt sie, „für meine Tochter aber noch längst nicht.“

So fing die Frauenrechtlerin zu kämpfen an. Was 1998 mit einer kleinen Gruppe von Frauen begann, ist heute eine erfolgreiche Organisation mit über 300 Aktiven. „Bangr Nooma“ bricht Tabus und schafft ein Bewusstsein für die negativen Folgen weiblicher Genitalverstümmelung.

Eine tödliche Tradition

Beschnittene Frauen leiden ein Leben lang. Viele verbluten bei der Beschneidung. Ohne Narkose und Hygiene wird ihnen die Klitoris entfernt, in vielen Fällen auch die inneren sowie äußeren Schamlippen. Die Folgen: Fistelbildung, Verwachsungen, Infektionen und die Traumata des Eingriffs verfolgen Frauen oftmals lebenslang. Für Irma Bergknecht, ehrenamtliche TDF-Projektkoordinatorin, ist die weibliche Genitalverstümmelung mit Abstand eine der schwersten Menschenrechtsverletzungen an Frauen. „Sie werden ihrer Weiblichkeit und ihrer Würde beraubt“ so Bergknecht.

Schon als Bangr Nooma noch in Kinderschuhen steckte, arbeitete die Organisation eng mit TERRE DES FEMMES zusammen. Erfolgreiche 18 Jahre sind seitdem vergangen. Bergknecht, seit 2016 Projektkoordinatorin in Burkina Faso, hält die Partnerschaft mit Bangr Nooma für eine „enorm fruchtende Kooperation“. Nur Kontakte vor Ort ermöglichen verlässliche Informationen aus erster Hand.

Auch wenn die weibliche Genitalverstümmelung seit 1996 in Burkina Faso gesetzlich verboten ist, gehört sie noch immer zum Alltag des westafrikanischen Landes. Vor allem in ländlichen Regionen zählt die gelebte Tradition mehr als eine juristische Vorschrift.

Drei Viertel der Bevölkerung Burkina Fasos können nicht lesen– was nützt da ein geschriebenes Gesetz? „Die Leute sind nicht böswillig. Ihnen muss nur vermittelt werden, wie schädigend sich die Verstümmelung auf Mädchen und Frauen auswirkt – TERRE DES FEMMES gibt uns die finanziellen Mittel hierfür“, sagt Rakieta Poyga.

Der Feldzug des Wissens

Also klärte Rakieta Poyga auf – Dorf für Dorf, Gemeinde um Gemeinde. Nun, nach zwei Jahrzehnten, ist sie ihrer Vision eines beschneidungsfreien Burkina Faso ein großes Stück näher gekommen: Über 33.000 Mädchen konnte Bangr Nooma nachweislich mit ihren Kampagnen vor Genitalverstümmelung schützen. Seit 2005 besteht ein Projektbüro in der Hauptstadt Ouagadougou. Es dient als Anlaufstelle für Mädchen und Frauen, die von Genitalverstümmelung betroffen oder bedroht sind.

Die Gesellschaft wandle sich stark, berichtet Rakieta Poyga. Sex sei kein Tabu mehr, sondern reges Gesprächsthema. In den Anfangsjahren sei die Arbeit zäh gewesen: Bangr Nooma musste aktiv den Kontakt zu den Frauen suchen. „Jetzt kommen sie von selbst zu uns. Das ist das Schönste und der wirklich größte Erfolg für Bangr Nooma.“ In einem ganzheitlichen Ansatz wird das gesamte Dorf in Sensibilisierungskampagnen eingebunden und bei großen öffentlichen Diskussionsrunden aufgeklärt. Animateure und Animatricen schulen zudem lokal einflussreiche Persönlichkeiten wie Dorfkönige, Religionsführer, LehrerInnen, Hebammen und Beschneiderinnen. Das sei dringend notwendig, meint Rakieta Poyga: Nicht einmal Lehrer kennen die weibliche Anatomie.

Bangr Nooma bindet bewusst auch Beschneiderinnen in ihre Kampagnen ein: Sie sind ausschlaggebend für den Erfolg, wissen sie doch genauestens über die Prozedur Bescheid und genießen hohes Ansehen in der Bevölkerung. 300 Beschneiderinnen legten bislang ihre Werkzeuge nieder und haben sich mit Hilfe von Kleinkrediten eine neue Existenz aufgebaut. 180 von ihnen sind gemeinsam mit Bangr Nooma aktiv und unterstützen die Überzeugungsarbeit der Organisation.

Wenn diese erfolgreich verläuft, wird ein Dorfkomitee mit dem Schutz der Mädchen in der Dorfgemeinschaft beauftragt. In über 820 Gemeinden Burkina Fasos wurden ebensolche Komitees etabliert. Im Rahmen einer offiziellen Zeremonie wird ein vehementes NEIN zu Genitalverstümmelung als neue soziale Norm deklariert. „Die größte Strahlkraft hat die abschließende Beerdigungszeremonie“, erklärt Rakieta Poyga. Hierbei begraben die wichtigen Traditions- und Religionshüter symbolisch die nun verächteten Beschneidungswerkzeuge und machen ein unverkennbares Statement: „In diesem Dorf wird Beschneidung nicht mehr toleriert“.

 

Text: Lucia Engelbrecht

Interview: Marion Brucker und Lucia Engelbrecht, Juli 2016

 

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