Interview mit Wencke Loesener zu ihrem Besuch bei MIRIAM in Nicaragua

Wencke Loesener ist die ehrenamtlichen Projektkoordinatorin von TERRE DES FEMMES, die das Projekt MIRIAM in Nicaragua im Dezember 2013 besucht hat.

Schulanfang 2014 Schule-MIRIAMSchulanfang 2014. Foto © MIRIAMGewalterfahrungen gehören zu dem Alltag von Frauen in Nicaragua und stellen eine Bedrohung für ihre physische und psychische Gesundheit dar. Die Frauenrechtsorganisation MIRIAM setzt sich deshalb bereits seit 1989 für ein selbstbestimmtes Leben der Frauen in Nicaragua ein. Der Zugang zu Bildung und das Recht auf ein Leben frei von jeglicher Art von Diskriminierung und Gewalt sind dabei wichtige Forderungen. Seit 2012 unterstützt TERRE DES FEMMES die Arbeit von MIRIAM als Partnerorganisation. Anlässlich des 25-jährigen Jubiläums von MIRIAM hat sich TERRE DES FEMMES mit der ehrenamtlichen Projektkoordinatorin Wencke Loesener getroffen, um sich ein Bild über die aktuelle Arbeit von MIRIAM sowie der derzeitigen Situation der Frauenrechte in Nicaragua zu machen.

Wencke kam 2007 das erste Mal mit MIRIAM in Kontakt, als sie eine Stelle als Koordinatorin in der Organisation in Nicaragua annahm. Von dem Engagement der Frauenrechtsorganisation begeistert, beschloss sie, MIRIAM auf der Mitfrauenversammlung von TERRE DES FEMMES vorzustellen. So wurde MIRIAM als Teil der internationalen Kooperationen von TERRE DES FEMMES als Partnerorganisation aufgenommen und Wencke die ehrenamtliche Projektkoordinatorin.

Obwohl Wencke nun zwar nicht mehr direkt bei MIRIAM arbeitet, liegt ihr die Organisation sehr am Herzen und sie setzt sich weiterhin tatkräftig für sie ein.

„Es ist mir sehr wichtig, mich weiterhin für MIRIAM zu engagieren.“

Für Wencke ist die Zusammenarbeit auf gleicher Augenhöhe mit Ansprechpartnerinnen vor Ort sehr wichtig und auch die Unterstützung durch das Referat Entwicklungszusammenarbeit von TERRE DES FEMMES erleichtert einiges. Als anerkannte Organisation kann TERRE DES FEMMES gezielte Projektanträge einreichen, Spenden sammeln und Spendenbescheinigungen ausstellen, sowie Öffentlichkeitsarbeit leisten. TERRE DES FEMMES ermöglicht es beispielsweise, durch Flyer und über die Webseite auf die Arbeit von MIRIAM aufmerksam zu machen, zu informieren und damit auch potentielle SpenderInnen anzusprechen. Die Kooperation mit TERRE DES FEMMES erweitert den Radius der Möglichkeiten, für MIRIAM aktiv zu sein und sich mit anderen engagierten Menschen auszutauschen.

Auf die Frage nach den Erfolgen der letzten 25 Jahre von MIRIAM antwortet Wencke, dass vor Allem die Entwicklung von MIRIAM sehr beeindruckend sei. Damals startete MIRIAM mit der Idee, Frauen durch die Vergabe von Stipendien ein Studium zu ermöglichen und mit der damit verbundenen beruflichen Perspektive den Ausstieg aus der häuslichen Gewalt zu erleichtern. Es waren eine Handvoll Frauen, die so unterstützt wurden. Einige der Frauen, die ihr Studium beendeten, initiierten neue Projekte, um weiteren Frauen zu helfen. So entstanden das Stipendienprogramm, eine Grundschule mit Alphabetisierungs- und berufsbildenden Kursen, psychologische und rechtliche Beratung für gewaltbetroffenen Mädchen und Frauen, sowie Kampagnen z.B. gegen Frauenhandel und sexuelle Ausbeutung von Kindern und Jugendlichen. Bis heute, 25 Jahre später, hat MIRIAM bereits 31.000 Frauen in Nicaragua unterstützt, davon haben 4.000 eine abgeschlossene Ausbildung.

Mir gefällt an der Arbeit, dass MIRIAM das Thema Gewalt gegen Frauen in die Öffentlichkeit trägt, um ein Umdenken in der Gesellschaft zu erreichen.“

Insbesondere die Selbstwahrnehmung und Reflexion der Frauen ist als Querschnittsthema in allen Projekten wiederzufinden.

Doch trotz der Erfolge hat MIRIAM momentan Schwierigkeiten, ihre Projekte aufrechtzuerhalten.

Denn die Projekte, die MIRIAM durchführt, richten sich an Menschen, die aus wirtschaftlich schwachen Verhältnissen kommen und selbst nicht dazu beitragen können, die Projekte zu finanzieren.“

Die Schule kann momentan nur deswegen aufrechterhalten werden, weil dort viele Frauen ehrenamtlich arbeiten. Das ist langfristig natürlich problematisch, da die Frauen auch für ihren eigenen Lebensunterhalt sorgen müssen. Auch die psychologische und rechtliche Betreuung von gewaltbetroffenen Frauen musste eingeschränkt werden. In der Hauptstadt Managua, einem der drei Standorte von MIRIAM, ist eine psychologische Betreuung gar nicht mehr möglich. MIRIAM befürchtet, dass aufgrund der fehlenden Finanzierung in Zukunft noch mehr Aktivitäten eingeschränkt werden müssen. Hier kommt zum Glück das Stipendienprogramm von MIRIAM zum Tragen. Denn einige der Stipendiatinnen haben Jura, Pädagogik oder Sozialarbeit studiert und engagieren sich ehrenamtlich für die Rechtsberatung oder die Schule von MIRIAM. Durch das Stipendienprogramm wird den Frauen nicht nur eine Ausbildung ermöglicht, sondern sie werden darin unterstützt, selbst Verantwortung zu übernehmen und erhaltene Förderung wieder an die Gesellschaft zurückzugeben. So kann Unterstützung multipliziert werden.

Als Antwort auf die Frage nach der aktuellen frauenrechtlichen Lage in Nicaragua, berichtet Wencke über die Debatte um das Gesetz 779, das Gesetz zum Schutz der Frauen.

Das Problem ist die große Diskrepanz zwischen den Gesetzen und der tatsächlichen Umsetzung.“

Die Einführung des Gesetzes im Jahre 2012 war ein enormer Erfolg für die Frauenbewegung, da es verschiedene Formen von Gewalt benennt, diese als Straftat anerkennt und sanktioniert. In seiner ursprünglichen Fassung verbot das Gesetz die Mediation zwischen der betroffenen Frau und dem gewalttätigen Mann. Für Organisationen wie MIRIAM war dies eine große Errungenschaft. Durch eine von der katholischen Kirche initiierte Reform wurde dieser Paragraph jedoch wieder entfernt und somit der gesellschaftliche und staatliche Rückhalt der Frau entzogen. Von den Behörden wird den Frauen nun weiterhin signalisiert, dass sie ihre Familien zerstören, wenn sie gegen gewalttätige Männer vorgehen.

„Doch die Frauen von MIRIAM wenden sich gegen eine solche Stigmatisierung und nach wie vor ist es ihr Ziel, etwas an den Gesellschaftsstrukturen in Nicaragua zu ändern, so dass eine Gleichberechtigung möglich ist.“

Die Gleichberechtigung bezieht sich aber nicht nur auf Mann und Frau, sondern auch auf die Gleichberechtigung zwischen den Generationen. Das Umfeld der Betroffenen soll immer stärker in die Arbeit von MIRIAM einbezogen und die Arbeit auf nationaler Ebene ausgebaut werden.

Wencke wünscht der Organisation, dass es ihr gelingt, selbst die Finanzierung der Projekte zu gewährleisten, also unabhängig von externen Geldgebern zu sein und dass die Frauen von MIRIAM ihren unglaublichen Optimismus und ihr Engagement auch angesichts neuer Herausforderungen beibehalten.

„Um dieses herausragende Engagment weiterhin gewährleisten zu können ist in der Umbruchphase von MIRIAM, eine der größten Hilfen tatsächlich die finanzielle Unterstützung. Damit können die Projekte weiter getragen werden, bis neue Wege zur finanziellen Unabhängigkeit gefunden wurden.“

Demo zum 25. November 2013. Foto © MIRIAMDemo zum 25. November 2013. Foto © MIRIAMIn der Zusammenarbeit mit TERRE DES FEMMES sind der Ideenaustausch und die Öffentlichkeitsarbeit sehr wichtig. Auch die konkrete Unterstützung wie die Weihnachtssaktion von TERRE DES FEMMES im Dezember letzten Jahres ist für MIRIAM sehr wertvoll. In dieser wurde über den Online-Shop von TERRE DES FEMMES Schmuck von MIRIAM angeboten. Der Verkauf von Produkten, die Frauen im Rahmen ihrer berufsbildenden Kurse bei MIRIAM herstellen, könnte eine Möglichkeit sein, damit sich Projekte von MIRIAM selbst tragen: Ein Teil des Erlöses dient dem Lebensunterhalt der Frauen, der andere Teil geht an die Organisation, damit MIRIAM weiterhin ihre Projekte durchführen kann.

Die Produkte von MIRIAM sind auch bald wieder im Onlineshop zu finden.

Verwendung von Cookies

Um unsere Webseite für Sie optimal zu gestalten und fortlaufend verbessern zu können, verwenden wir Cookies. Durch die weitere Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu.