„Ich liebe diese Stadt! Und die Mädchen brauchen mich“ - Imelda Marrufo Nava, Trägerin des Anne-Klein-Frauenpreises besuchte TERRE DES FEMMES-Geschäftsstelle

Imelda Marrufo Nava, Vorsitzende des Frauennetzwerkes „Red Mesa de Mujeres Juárez“, denkt nicht daran wegzuzuiehen. Wegzuziehen aus einer Stadt, die im Jahr 2001 traurige Berühmtheit als die gefährlichste Stadt der Welt erlangte und in der Drogenkartelle und Korruption die Politik regieren.  Einer Stadt, die den Begriff des „Femizids“ massiv mitgeprägt hat, seit in entsetzlicher Kontinuität mehrere hundert Mädchen und Frauen pro Jahr grausam zugerichtet und ermordet werden. Doch Imelda Marrufo Nava kann Ciudad Juárez, im Bundesstaat Chihuahua in Mexiko, gar nicht verlassen, denn sie wird gebraucht. Als Beraterin, Unterstützerin und Kämpferin für die Rechte der Mädchen und Frauen, die in der mexikanischen Grenzstadt tagtäglich Opfer von Gewalt, Unterdrückung und Menschenhandel werden.

Für ihr bedeutsames, jahrelanges Engagement gegen geschlechterspezifische Gewalt an Frauen und Ächtung der Femizide in ihrer Heimatstadt Ciudad Juárez wurde Imelda Marrufo Nava nun am 07.03.2014 der Anne-Klein-Frauenpreis der Heinrich-Böll-Stiftung verliehen. Wir von TERRE DES FEMMES hatten die große Ehre, diese beeindruckende und starke Frau kennenzulernen, als sie am 06.03.2014 die Geschäftsstelle besuchte.

Ab der ersten Minute wird ihre scheinbar unbegrenzte Energie und ihr unsäglicher Wissensdrang deutlich, als sie Christa Stolle, Bundesgeschäftsführerin bei TERRE DES FEMMES, begeistert zuhört während diese die inneren Strukturen und die Themenfelder des Vereins vorstellt. Besonders hellhörig wird Imelda, als die Sprache auf den Bereich „Frauenhandel und Prostitution“ kommt und sie erzählt uns, dass das leider auch in Ciudad Juárez allgegenwärtig ist. Bevor Imelda schließlich beginnt, ihre Arbeit als Geschäftsführerin und Gründerin des Frauennetzwerkes „Red Mesa de Mujeres Juárez“ vorzustellen, geht Renate Staudenmeyer, Referentin für den Bereich der Entwicklungszusammenarbeit noch auf die Auslandskooperationen von TERRE DES FEMMES ein und beschreibt die Schwerpunkte der Projekte.

Anne-Klein-Frauenpreis

Zu Ehren Anne Kleins vergibt die Heinrich-Böll-Stiftung den Anne-Klein-Frauenpreis. Anne Klein hat als kämpferische Juristin und offen lesbisch lebende Politikerin feministische Pionierarbeit geleistet. Sie war die erste feministische Frauensenatorin in Berlin. Mit dem Preis fördert die Stiftung jährlich Frauen, die sich durch herausragendes Engagement für die Verwirklichung von Geschlechterdemokratie auszeichnen.
Der Preis ist mit 10.000 € dotiert.

Als Imelda schließlich zu erzählen beginnt, klingt ihre Geschichte vielmehr nach einem Kriminalroman, als nach dem Alltag einer, dem Anschein nach bodenständigen und ungemein optimistischen Frau, wie Imelda. Doch ihre Geschichte ist grausame Realität für viele Mädchen und Frauen in Ciudad Juárez.

Ciudad Juárez ist eine heiße Wüstenstadt, deren Nähe zu der US-Amerikanischen Grenze zugleich Segen und Fluch ist. Segen für die Einen, die sich den strategischen Standort zu Nutze gemacht haben, um in den „Maquiladoras“ billige Ware für den Millionenstaat auf der anderen Seite der Grenze anfertigen zu lassen. Fluch ist sie für die, die in der boomenden Metropole ihr Glück suchen und Arbeit finden wollten und die sich nun bei widrigsten Arbeitsbedingungen und ständiger Gewaltandrohung in den zuvor beschriebenen Fabriken ausbeuten lassen müssen. 70% von ihnen sind Frauen. Gibt es keine Arbeit in den Maquiladoras, ist Prostitution und Drogenhandel oft die einzige Möglichkeit für die Einwohnerinnen von Ciudad Juárez an Geld zu kommen.

Aus dieser Spirale von  Chancenlosigkeit, Gewalt und undurchdringlichen patriarchalen Strukturen hat sich ein grausames Phänomen herauskristallisiert: Der Feminizid.

Schätzungen zufolge, so Imelda, sind schon über 900 Frauen von 1993 bis heute in Ciudad Juárez umgebracht und auf grausame Art und Weise misshandelt worden. Als Startpunkt der geschlechterspezifischen Morde wird oft das Jahr 1993 angeführt. Zeitgleich mit den ersten Morden an Frauen, die als geschlechtsspezifisch deklariert wurden, begannen sich die ersten Frauenrechtsorganisationen in Ciudad Juárez zu gründen. Durch vermehrte Öffentlichkeitsarbeit versuchten sie, auf die ausweglose und gefährliche Lage der Frauen ihrer Stadt aufmerksam zu machen und dokumentierten die einzelnen Fälle.

Die Behörden der Stadt allerdings blieben und bleiben in dem ganzen Szenario noch immer  nur stummer Beobachter, der um Ausreden nicht verlegen ist. Zuwenig Personal heißt es da, oder dass die Toten nur „Beiwerk“ des andauernden Drogenkampfes wären. Zwar ratifizierte der mexikanische Staat bereits am 23. März 1981 die UN Konvention zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau (CEDAW), doch die Umsetzung bleibt aus.

Imelda Marrufo Nava allerdings lässt sich nicht so schnell abwimmeln. Damals noch Studentin der Rechtswissenschaften arbeitet sie als juristische Unterstützung in verschiedenen Projekten zu Gender und Gewalt und gründet 2001 die Kampagne „Basta con la violencia-ni una mas“, „Schluss mit der Gewalt-keine weitere Tote“, welche internationale Aufmerksamkeit erlangt. Das Jahr 2001 geht als ein schwarzes Jahr in die Geschichte der Stadt Juárez ein und dramatisiert die Lage der Frauen noch, als die Knochen von 8 unterschiedlichen Frauen auf einer Brache, etwas außerhalb der Stadt gefunden werden.

Nun werden auch internationale Organisationen auf den Plan gerufen und so forschen Amnesty International und Abgeordnete von CEDAW direkt vor Ort und unterstützen die hiesigen Frauenrechtsorganisationen.

Allem internationalen Interesse zum Trotz geht das Morden weiter und so gründet sich 2004 das Netzwerk „Red Mesa de Mujeres-Ciudad Juárez“, dessen Vorsitzende Imelda ist. Das Netzwerk besteht aus 10 Organisationen, die Opfern und Angehörigen zum einen beratend und juristisch, zum anderen aber auch mit finanziellen Mitteln zur Seite stehen. Neben dem direkten Kontakt mit den Betroffenen betreibt das Netzwerk auch Aufklärungsarbeit an Schulen und in den Bezirken um ein notwendiges Umdenken der Gesellschaft zu erreichen.  Im Sommer 2012 werden erneut die Überreste zahlreicher Frauen gefunden. Ihre Körper weisen Spuren starker Misshandlungen auf, sind verstümmelt oder verbrannt worden und ihre Köpfe eingeschlagen.

Manche der Opfer werden direkt vor den Maquiladoras abgelegt. Als Zeichen, vielleicht als Warnung. Keiner weiß das hier so genau, doch eines wissen alle: Es ist die scheinbar absolute Straflosigkeit, die die Maschinerie aus Angst und Gewalt am Laufen hält.

Die Frage nach dem Warum hat Imelda Marruffo Nava hinten angestellt. Für sie gilt nur eines, nicht aufzugeben im Kampf gegen die Gewalt an Frauen. Und so stellt sie sich weiter mit den anderen Frauen des Netzwerkes mutig und entschlossen dem Feminizid von Ciudad Juárez entgegen.

v.l.n.r.: Leonie Hirschmüller, Christa Stolle, Imelda Marrufo Nava, Renate Staudenmeyer. Foto: © TERRE DES FEMMES.v.l.n.r.: Leonie Hirschmüller, Christa Stolle, Imelda Marrufo Nava, Renate Staudenmeyer. Foto: © TERRE DES FEMMES.

 

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