Die feministische Revolution im Iran - Interview mit Monireh Kazemi

In den 1960er Jahren im Iran geboren, musste Monireh Kazemi Mitte der 1980er Jahren nach Deutschland fliehen. Auf Grund ihrer Haltung zum iranischen Regime drohte ihr damals Gefahr und sie fand in Deutschland eine neue Heimat. Hier setzt sie sich weiterhin für Frauenrechte und Selbstbestimmung ein und hält Verbindung zu AktivistInnen im Iran. Sie ist  Städtegruppen-Koordinatorin „Rhein-Main“ bei TERRE DES FEMMES. Monireh Kazemi (c) privatMonireh Kazemi (c) privat

Können Sie uns näher berichten, warum diese Revolution als feministische Revolution bezeichnet wird? Warum ist diese Revolution so von Mädchen und Frauen getragen und warum spielen sie eine so zentrale Rolle?

Seitdem die Islamisten im Februar 1979 im Iran an die Macht kamen, wurde alles, was die Frauen bislang an Rechten erreicht haben, zunichte gemacht. Sei es in Bezug auf Scheidungs- und Sorgerechte oder freie Berufswahl. Zynischerweise hat der Religionsführer Chomeini bereits am 8. März, dem internationalen Frauentag, über Fernsehen und Radio die Einführung der Scharia, beispielsweise auch der Polygamie und der Zwangsverhüllung inklusive Hijab proklamiert. Die Regierung führt seitdem einen Kampf gegen die Frauen, diskriminiert die Hälfte der Bevölkerung. Die ständige und weitreichende Diskriminierung der Frauen nährt seit 43 Jahren auch den Widerstand der Frauen, sie möchten sich selbst entscheiden, was sie tragen möchten. Frauen sind der Teil der Bevölkerung, der am meisten diskriminiert wird.

Der Tod von Jina Mahsa Amini, einer kurdischen Frau, die mit ihrem Bruder in Teheran war, um Verwandtschaft zu besuchen, lösten die aktuelle Proteste aus. Fremd in der Stadt, wurde sie von der Sittenpolizei verhaftet, weil sie angeblich ihr Kopftuch nicht konform trug und zu viel Haar zu sehen sei. Ihr Bruder versuchte noch die Sittenpolizei abzuhalten, Jina Mahsa mitzunehmen und meinte auch er brauche eine Adresse der Polizei, um seine Schwester wiederzufinden. Dies zeigt die Willkür der Polizei. Die Familie brauchte einige Zeit, um Ihre Tochter wiederzufinden, die dann bereits im Koma im Krankenhaus lag und auch dort verstarb. Auch zuvor starben Frauen durch Prügel der Revolutionsgarden oder starben an Folter in den Gefängnissen. Der Tod von Jina Mahsa Amini, einer kurdischen Frau, die mit ihrem Bruder in Teheran war, um Verwandtschaft zu besuchen, löste die aktuelle Proteste aus. Die Proteste begannen in den kurdischen Landesteilen und breiteten sich daraufhin in anderen Landesteilen weiter aus. 

Der Slogan der Demonstrierenden „Frauen, Leben, Freiheit“ stellt die Macht der iranischen Regierung in Frage. Frauen werden mutmaßlich vom iranischem Regime getötet, weil ein Kopftuch nicht richtig sitzt. Frauen werden seit 43 Jahren diskriminiert, unterdrückt und getötet und deswegen ist es auch kein Zufall, dass „Frau“ als erstes Schlagwort auftaucht. „Frau“ an sich ist eine immense Provokation, da das iranische Regime und die Scharia frauenfeindlich sind. 

Welche Auswirkungen könnte die iranische Revolution auf Frauen- und Minderheitenrechte im Land haben?

Frauen- und Menschenrechte sind universell. Politische und soziale Rechte sollten sich immer an diesen universellen Werten ausrichten. Durch die Ausrichtung von religiös-autoritären Regimen werden nicht nur Frauenrechte eingeschränkt, sondern auch religiöse und sexuelle Minderheiten diskriminiert und unterdrückt. Beispielsweise die Bahai. Nur eine Verfassung, die auf universellen Frauen- und Menschenrechten beruht, ermöglicht allen, unabhängig von Religionszugehörigkeit, Geschlecht oder sexuellen Orientierung, politische und gesellschaftliche Teilhabe. In modernen, demokratischen Staaten werden daher Frauen- und Minderheitenrechte eingehalten und die Teilhabe aller gewährleistet. Mit der jetzigen Regierung ist dies nicht möglich. Es ist eine religiöse Ideologie, in der Geistliche den angeblichen Willen Gottes umsetzen. Eine Ideologie ist nicht reformierbar, sondern kann nur abgeschafft werden. Die IranerInnen haben jahrzehntelang versucht mit Reformen das System zu transformieren. Jetzt fordern sie keine Reform, sondern die Revolution. Mit der Regierung gibt es keine Reformen. Sie gehen auf die Straße, um die islamische Regierung abzuschaffen.

Wie schätzen Sie die Strahlkraft der feministischen Revolution im Iran auf die Region ein?

Iran ist schuld am Islamismus in der Region. Er ist dort geboren, aufgewachsen und hat Hände und Füße bekommen. Er hat lange Arme bekommen. Wie die Kriege in Bosnien oder die Hisbollah im Libanon zeigen. Wenn wir diesen Fehler korrigieren, dann kann diese Region Frieden finden. Später auch weltweit.

Warum ist es so wichtig die Stimmen der Demonstrierenden in Deutschland zu verstärken?

Die deutsche Politik und Wirtschaft ist leider immer noch ein Partner der iranischen Regierung. Wenn man genau hinhört, wollen sie immer noch Gespräche führen und Handel betreiben. Sie tun so als, ob es eine normale Regierung sei. Es ist aber keine normale Regierung. Frauen- und Menschenrechtsorganisationen können ihre Stimme erheben und von der Politik einfordern, die ungeschönte Wahrheit zu sehen. Mit dieser Regierung kann man nichts erreichen. Das iranische System war noch nie zuverlässig, ich erinnere nur an die Geiselnahme in der amerikanischen Botschaft im November 1979, die über 400 Tage andauerte

Können Sie uns von der Angst der Exil-IranerInnen und Geflüchteter, sowie von iranischen Geheimdienstaktivitäten in Deutschland berichten?

Bei einem Vorfall Ende Oktober vor der iranischen Botschaft in Berlin, wurden Demonstrierende des Protestcamps mit Messern angegriffen und verletzt, wobei die TäterInnen bislang nicht festgenommen und ermittelt werden konnte. Es zeigt, dass auch hier in Deutschland Demonstrierende angegriffen und bedroht werden. Leider hat dies auch eine lange Tradition. Ich erinnere beispielsweise an das Attentat im Restaurant Mykonos 1992 in Berlin, wobei vier iranisch-kurdische Exil-Politiker im Auftrag der Regierung ermordet wurden. 

Hier lebende IranerInnen berichten von Zwang für den Iran spionieren und zusammenarbeiten zu müssen, wenn Sie für einen Familienbesuch in den Iran gereist sind.  Es wurden Akten vorgelegt, die einschüchtern sollen, da das iranische Regime genau wusste was man wo macht. Im Iran gibt es Drohungen die Ausreise zu verhindern. Ich erinnere auch an die politischen Gefangenen im Iran mit doppelter Staatsbürgerschaft, die als Geisel gehalten werden. Die iranische Regierung ist eine Gefahr für die Region, auch für Deutschland und für Israel. Ich kann die deutsche Politik überhaupt nicht begreifen. Wie kann man das alles normalisieren?

Sie und beispielsweise die iranischeFriedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi betonen die Wichtigkeit und den Zusammenhang von Säkularismus und Demokratie. Können Sie bitte diesen Zusammenhang für uns ausführen?

Jede Religion hat eine Neigung zum Totalitären. Religion darf nie die Gesetzgebung beeinflussen. Nur in einer säkularen Demokratie sind universelle Frauen- und Menschenrechte realisierbar. Ansonsten gibt es immer im Namen eines Gottes/ einer Gottheit Einschränkungen und Verbote. Eine Demokratie braucht eine säkulare Grundlage, dies dient zum Schutz der Frauen- und Minderheitenrechte. 

Welche Wünsche haben Sie an die Revolution?

Dass die Menschen nicht müde werden, nicht wieder enttäuscht werden und weitermachen. Dass Sie nicht aufhören „Frauen, Leben, Freiheit“ einzufordern. Ich wünsche mir, dass die PolitikerInnen im Westen aufhören, die Regierung zu stützen oder auch einfach der Regierung nicht helfen. Sie müssen den Demonstrierenden nicht mal aktiv helfen, es reicht bereits das iranische Regime nicht zu unterstützen. Die PolitikerInnen sollen die iranische Revolution akzeptieren, das ist bereits ein großer Schritt. Ich wünsche mir, dass weniger Blut fließt und Demonstrierende nicht mehr ermordet werden.