Mexiko

Fallbeispiel

Marisela Antonio Cruz aus Mexikostadt wurde mit 16 Jahren zur Ehe gezwungen. Sie wuchs in einer armen Gegend auf und hatte bereits mit 13 Jahren die Schule verlassen, um gemeinsam mit ihrer Mutter als Haushälterin zu arbeiten und somit ihre Familie finanziell zu unterstützen. Als ihr Vater herausfand, dass Marisela einen Freund hatte, schlug er sie. In seinen Augen hatte sie die Familie durch ihre Beziehung bloßgestellt. Marisela wollte in ihrem Alter nicht heiraten. Doch ihr Vater ließ ihr keine andere Wahl und da Marisela Angst hatte, heiratete sie ihren Freund. So wie Marisela, ergeht es vielen Frauen in Mexiko, insbesondere in ärmeren Gegenden[1]

 

Statistik

  • Bevölkerung: 123 Millionen EinwohnerInnen[2]
  • BIP pro Kopf 2015: 10.891 USD[3]
  • UNDP Human Development Index des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (Wohlstandsindikator, der die Dimensionen Bildungsindex, Lebensstandard und –erwartung einbezieht): 74[4] von 187
  • Die Analphabetenrate liegt bei den über 15-Jährigen bei 5,5 Prozent (2015)[5]
  • 5 % der jungen Mädchen werden bis zu ihrem 15. Geburtstag verheiratet, 23 % bis zu ihrem 18. Geburtstag[6]

 

Landesüberblick

Bei Mexiko handelt es sich um einen Föderalstaat mit 31 Bundesstaaten und einem Bundesdistrikt. Ähnlich wie in den USA, verfügt jeder Teilstaat über eine eigene Verfassung und Gesetzgebung.[7] Mexiko ist eine Präsidialrepublik.[8]

Mexiko gilt als fortgeschrittenes Schwellenland. Es befindet sich an 15. Stelle der größten Volkswirtschaften weltweit. Das Land ist sowohl Mitglied der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) als auch der G20 (Gruppe der zwanzig wichtigsten Industrie- und Schwellenländer). Die Modernisierung der mexikanischen Volkswirtschaft wurde durch das im Jahr 1994 geschlossene Nordamerikanische Freihandelsabkommen (NAFTA) eingeleitet. Die USA ist – sowohl was den Export als auch den Import betrifft – der wichtigste Handelspartner Mexikos. Trotz allem stellt die Armut vieler Teile der Bevölkerung, die unter anderem auf die ausgeprägten Ungleichheiten bei der Einkommensverteilung zurückzuführen ist, ein großes Problem dar. Laut Daten aus dem Jahr 2014 sind 46,2 % der mexikanischen Bevölkerung arm. 9,5 % lebten demnach sogar in extremer Armut. Die ärmsten Bundesstaaten finden sich im Süden des Landes. Diese sind: Chiapas, Oaxaca, Guerrero und Veracruz.[9]

Im Norden Mexikos finden sich die sogenannten Maquilas. Dabei handelt es sich um Montagebetriebe, in denen importierte Einzelteile zu (halb-)fertigen Produkten zusammengesetzt und anschließend exportiert werden.[10] Mit den Maquilas sollte die Armut in ärmeren Gebieten bekämpft werden, jedoch werden die Beschäftigten (meist Frauen) dort zunehmend ausgebeutet und müssen unter katastrophalen Bedingungen arbeiten. [11] [12]

In puncto Sicherheit und Achtung der Menschenrechte weist Mexiko verschiedene Probleme bzw. Defizite auf. Diese ergeben sich unter anderem aus dem Konflikt zwischen Sicherheitskräften und Drogenkartellen, der sich nach dem von Präsident Felipe Calderon im Jahr 2006 initiierten Krieg gegen die Drogenkartelle verschärft hat. Tatsächlich sollen seit 2006 über 25 500 Menschen verschwunden sein. Zudem sei laut Human Rights Watch die Rate der extralegalen Hinrichtungen durch Sicherheitskräfte alarmierend hoch.[13]

Besonders besorgniserregend ist die Lage mexikanischer Frauen. In den letzten Jahren berichteten verschiedene Frauenrechtsorganisationen von einer steigenden Zahl an Femiziden. Die Opfer sind oft junge Frauen aus ärmeren Gegenden. So sind beispielsweise zwischen Januar und März 2015 80 Frauen im Bundesstaat Chihuahua verschwunden. Die Opfer solcher Verschleppungen tauchen meist nie wieder auf. [14] Laut dem Instituto Nacional de Estadística y Geografía (INEGI; Nationales Institut für Statistik und Geographie ) ist für Frauen zwischen 15 und 29 Jahren der Femizid die zweithäufigste Todesursache.[15] Zudem wird laut Human Rights Watch die Bestrafung von Männern, die Mädchen und Frauen sexualisierte Gewalt zufügen, von der „Keuschheit“ des Opfers abhängig gemacht.[16]

 

Vorkommen

Laut eines aktuellen Berichts von ONU Mujeres kommt es in Mexiko häufig zur Schließung von Frühehen. Besonders betroffen hiervon sind Mädchen. Mindestens jede 5. Frau ist bei ihrer Eheschließung unter 18. Laut der Organisation Girls not Brides werden 5 % der mexikanischen Mädchen bis zu ihrem 15. Geburtstag verheiratet. 23 % sind es vor ihrem 18. Geburtstag.[17] Besonders Mädchen aus der indigenen Bevölkerung sind von Frühehen betroffen. In Chiapas, Guerrero und Veracruz beträgt die Rate an Frühehen unter Indigenen über 40 %.[18] Die gemeinnützige Organisation México Funciona hat zahlreiche Fälle dokumentiert. Insgesamt sollen 2014 in ganz Mexiko 5234 Frühehen registriert worden sein. Dabei soll es sich sowohl um Ehen zwischen Minderjährigen als auch um Ehen zwischen Minderjährigen und Erwachsenen handeln. In 15 Fällen sollen 12-Jährige zur Ehe mit einem Erwachsenen gezwungen worden sein.[19] Allein im Bundesstaat Colima wurden über 150 Minderjährige zur Ehe gezwungen, darunter auch 15-jährige Mädchen, die mit Männern über 40 oder sogar 50 Jahren verheiratet wurden.[20] Zwischen 2007 und 2015 heirateten allein im Bundesstaat Mexiko 10.272 minderjährige Mädchen.[21]

 

Beweggründe

Laut ONU Mujeres werden Frühehen insbesondere in ländlichen Gegenden sowie innerhalb von indigenen Gemeinschaften geschlossen. Auch die soziale Schicht spielt in puncto Frühehen eine Rolle: Auf einer nationalen Skala gehörten 37,3 % der Frauen, die unter 18 waren, als sie geheiratet haben, einer unteren sozialen Schicht an, wohingegen nur 4,2 % der besser situierten Frauen unter 18 waren, als sie heirateten.[22] Tatsächlich spielen laut México Funciona oft ökonomische Gründe eine besonders wichtige Rolle. Besonders arme Familien verheiraten ihre Töchter im Tausch gegen eine Geldsumme.[23] Manchmal ist auch die Sorge um die Zukunft der Tochter der treibende Faktor: So hätten Eltern ihre minderjährigen Töchter zu einer Ehe mit finanziell besser situierten Erwachsenen bzw. älteren Männern gezwungen, weil sie sich dadurch eine Besserung ihrer Lebensumstände erhofften.[24] Doch wie im Falle Mariselas ersichtlich wird, spielen auch konservative Vorstellungen eine wichtige Rolle, wenn es zur Schließung von Frühehen kommt. Das ist vor allem dann der Fall, wenn das Mädchen schwanger ist. Durch eine Eheschließung möchte die Familie die eigene „Ehre“ wahren bzw. wiederherstellen.[25]

 

Gesetzliche Lage

Laut Código Civil Federal (mexikanisches Zivilgesetzbuch) sah der mexikanische Staat für Jungen ein Mindestheiratsalter von 16 Jahren, für Mädchen von 14 Jahren, vor. Im Dezember 2014 wurde die Ley General de los Derechos de las Niñas, Niños y Adolescentes (General Law on the Rights of Children and Adolescents [26]) erlassen, die mit dem Artikel 45 eine Anhebung des Mindestheiratsalters auf 18 Jahre festgelegt hat. Wie bereits erwähnt, verfügt in Mexiko jeder Teil- bzw. Bundesstaat über eine eigene Verfassung und Gesetzgebung. Somit muss jeder Bundesstaat die eigene Gesetzgebung mit dem neuen Gesetz in Einklang zu bringen.

Geschlechtsverkehr mit einer/einem Minderjährigen unter 12 oder bis 15 Jahren – je nach Bundesstaat – wird in Mexiko als Vergewaltigung geahndet. Dabei ist es irrelevant, ob der/die Minderjährige zugestimmt hat oder nicht. Wer unter Anwendung einer Täuschung oder List eine 16 bis 18-jährige Person zum Geschlechtsverkehr „überredet“, wird gerichtlich verfolgt, wenn der/die Minderjährige, dessen/deren Eltern oder Vormund Anzeige erstattet.[27] In einigen Bundesstaaten – darunter Campeche und Baja California – kann eine volljährige Person, die Geschlechtsverkehr mit einer minderjährigen Person hatte, einer Haftstrafe jedoch entgehen, wenn sie jene heiratet.[28] Dadurch werden Kinderehen im Grunde legitimiert. Bis Ende November 2016 war das auch in Sonora möglich. Durch eine Änderung des Strafgesetzbuches kann der Täter jetzt nicht mehr durch eine Eheschließung mit dem Opfer einer Haftstrafe von zwei bis vier Jahren entgehen.[29]

 

Interventionsbeispiel

ONU Mujeres arbeitet gemeinsam mit Institutionen auf lokaler sowie nationaler Ebene, um Kinder- und Frühehen zu verhindern. Die Organisation hat im Rahmen der Kampagne „Únete para poner fin a la violencia contra las mujeres y niñas“ („UNiTE to End Violence against Women“ [30]) eine Kampagne zur Bekämpfung von Frühehen zwischen dem 25. November und dem 10. Dezember 2015 gestartet. Diese zielt darauf ab, in allen Teilstaaten Mexikos Frühehen abzuschaffen und das Mindestheiratsalter ausnahmslos auf 18 Jahre anzuheben. [31] [32]

Die Organisation México Funciona versucht mit ihrer Dokumentierung von über 5234 Fällen von Frühehen die jeweiligen Teilstaaten dazu zu bewegen, etwas gegen diese Praxis zu unternehmen. Abel Palomera Meza, Vorsitzender von México Funciona, kündigte an, dass die Organisation sich dafür einsetzen wird, Kinderehen zu beseitigen. Dazu bemüht sich die Organisation, die Gesetzgebungen der jeweiligen Teilstaaten dahingehend zu beeinflussen, dass das Mindestheiratsalter ausnahmslos auf 18 festgesetzt wird. Ein erster Erfolg ist bereits zu verzeichnen: Colima verbietet nun Ehen von unter 18-Jährigen.[33] Außerdem müssen laut Palomera Meza Standesbeamte für das Problem Kinderehen sensibilisiert werden, da es für viele schlichtweg „normal“ sei, solche Ehen vorzunehmen. Das Vorhaben der Organisation schließt u.a. Programme zur sexuellen Aufklärung von Kindern und Jugendlichen ein. Sie sollen zudem über die Themen Früh- und Zwangsehen informiert werden.[34]



Quellen:

[1] http://english.cctv.com/2016/07/22/VIDE7YfYLAZZysQux7cGnEiS160722.shtml

[2] http://hdr.undp.org/en/countries/profiles/MEX

[3] http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Aussenpolitik/Laender/Laenderinfos/01-Nodes_Uebersichtsseiten/Mexiko_node.html

[4] http://hdr.undp.org/en/countries/profiles/MEX

[5] http://cuentame.inegi.org.mx/poblacion/analfabeta.aspx?tema=P

[6] http://www.girlsnotbrides.org/child-marriage/mexico/

[7] https://www.bwlh.de/Recht_International/Mexiko/mexiko.html

[8] http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Aussenpolitik/Laender/Laenderinfos/01-Nodes_Uebersichtsseiten/Mexiko_node.html

[9] https://www.auswaertiges-amt.de/de/aussenpolitik/laender/mexiko-node/-/213650

[10] http://www.lateinamerika-studien.at/content/lehrgang/lg_mader/lg_mader-349.html

[11] https://de.wikipedia.org/wiki/Maquila

[12] http://www.lateinamerika-studien.at/content/lehrgang/lg_mader/lg_mader-352.html

[13] https://www.hrw.org/world-report/2016/country-chapters/mexico

[14] https://amerika21.de/2015/03/114308/frauen-verschwunden-chihuahua

[15] http://www.criteriohidalgo.com/noticias/hidalgo-ujul/muestra-inegi-cifras-negras-contra-mujer

[16] https://www.hrw.org/world-report/2016/country-chapters/mexico    

[17] http://www.girlsnotbrides.org/child-marriage/mexico/

[18]http://www2.unwomen.org/~/media/field%20office%20mexico/documentos/publicaciones/2016/matrimonio%20infantil_.pdf?v=1&d=20161007T001122

[19] http://expansion.mx/economia/2016/01/28/en-mexico-5234-casos-de-matrimonio-infantil

[20] https://www.elnoticieroenlinea.com/?p=37157

[21] http://www.eluniversal.com.mx/articulo/metropoli/cdmx/2016/07/13/promulgan-ley-para-evitar-matrimonio-de-menores-de-18-anos

[22]http://www2.unwomen.org/~/media/field%20office%20mexico/documentos/publicaciones/2016/matrimonio%20infantil_.pdf?v=1&d=20161007T001122

[23] http://preventforcedmarriage.org/forced-marriage-overseas-mexico/

[24] http://colimanoticias.com/159-ninos-fueron-obligados-a-contraer-matrimonio-con-personas-mayores/

[25] https://rotativo.com.mx/mujer/555534-mexico-ninas-se-casan-restablecer-orden-familiar/

[26] http://www.leyderechosinfancia.mx/wp-content/uploads/2015/02/EN-LeyGeneralDeLosDerechosDeNi%C3%B1asNi%C3%B1osAdolescentes.pdf (Englisch)

[27] https://es.wikipedia.org/wiki/Edad_de_consentimiento_sexual#M.C3.A9xico

[28] http://internacional.elpais.com/internacional/2016/05/06/mexico/1462565899_296452.html

[29] http://sonoranews.tv/2016/11/30/aumentan-penas-por-delito-de-estupro/

[30] http://endviolence.un.org/about.shtml (Englisch)

[31] http://mexico.unwomen.org/es/noticias-y-eventos/articulos/2015/10/llamado-no-matrimonio-infantil

[32] http://fusion.net/story/238202/the-united-nations-urges-mexico-to-crack-down-on-child-marriages/

[33] http://www.eluniversal.com.mx/articulo/estados/2016/09/9/congreso-de-colima-prohibe-matrimonio-infantil

[34] http://colimanoticias.com/159-ninos-fueron-obligados-a-contraer-matrimonio-con-personas-mayores/

 

Stand: 01/2017