Guinea

Fallbeispiel

Mariame wollte eigentlich die High School beenden wie ihre Freundinnen. Aber wie viele junge Mädchen in Guinea, bekam sie Druck, zu heiraten. Nach lokaler Tradition heiratete sie einen älteren Mann, als sie 13 war. Mit ihm zog sie in die Hauptstadt von Sierra Leone, wo sie niemanden kannte. Ihre Eltern verpflichteten sie zwar dazu, einen Mann zu heiraten, der ihnen versprach, dass sie weiterhin die Schule besuchen dürfe. Nachdem sie zu ihm gezogen war, erklärte er allerdings, dass er sie nicht geheiratet habe, damit sie zur Schule gehen kann, sondern damit sie sich um den Haushalt kümmert und ihm Kinder gebärt.

Die fünf Jahre, in denen sie bei ihm lebte, waren von Gewalt geprägt. Nach dem sie keine Kinder bekam, warf er sie aus dem Haus, damit er eine andere Frau heiraten kann, die ihm Kinder gebärt. Mariame kehrte daraufhin zurück zu ihren Eltern nach Guinea. Die mittlerweile 18-Jährige wohnt dort bei ihrer Mutter und besucht wieder die Schule.[i]

Statistik

Bevölkerung: ca. 12,2 Millionen EinwohnerInnen (UNDP)

55,2% der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze von 1,25 US$ am Tag (UNDP)

65% der Menschen sind AnalphabetInnen (UNDP)

52% der Mädchen werden vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet (UNICEF)

Landesüberblick

Kurz nach der Unabhängigkeit kamen in Guinea bis 2008 zwei langjährige autoritäre Regime an die Macht: 1958 – 1984 die diktatorische Einparteienherrschaft unter Präsident Sekou Touré; 1984 – 2008 das trotz politischer Öffnung autokratische System unter Präsident Lansana Conté. Guinea ist seit der Verfassung von 1991 eine präsidiale Republik. Die Republik Guinea von heute ist geprägt von einem demokratischen Aufbruch.

Guinea gehört trotz großer natürlicher Ressourcen zu den ärmsten Ländern der Welt. Ursächlich dafür ist das unter dem damaligen Staatspräsidenten Sekou Touré durchgeführte Experiment einer sozialistisch orientierten Staats- und Planwirtschaft, das scheiterte und bestehende Wirtschaftsstrukturen ruinierte.

Seit 2010 zielt die Politik verstärkt auf eine Teilhabe am internationalen Wirtschaftssystem ab. Defizite des Rechtsstaats, schwache staatliche Strukturen und unzureichende Ausbildungssysteme verschlechtern zusätzlich die Investitionsbedingungen. Die Bildungspolitik gehört zu den größten Herausforderungen für den guineischen Staat. Die Ebola-Epidemie behinderte zudem einen breiten wirtschaftlichen Aufschwung: Der Ausbruch der Epidemie führte in den Jahren 2014 und 2015 zu einem empfindlichen Rückgang in der binnenmarktorientierten landwirtschaftlichen Produktion und zu ausbleibenden Investitionen. Schlechte Regierungsführung, Vetternwirtschaft und die nach wie vor hohe Korruption (Transparency International Corruption Perception Index 2015 Platz 139 von 167), hemmen nach wie vor den wirtschaftlichen Aufschwung.[ii]

Vorkommen

Etwa 52% der Mädchen in Guinea werden vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet. Die Zahl in ländlichen Gebieten ist dabei mehr als doppelt so hoch wie in Städten. [iii]

Nur etwa 23% der Mädchen erhalten eine weiterführende Schulbildung nach der Grundschule. Der Zusammenhang zwischen Bildung und Heiratsalter ist nur schwer zu ignorieren. 73% der Mädchen ohne Schulbildung werden vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet. Im Vergleich dazu liegt die Zahl der Frühehen bei Mädchen mit weiterführender Schulbildung bei nur 27%.

Die Zahl der Frühehen hat sich kaum merklich verringert in den letzten 15 Jahren. Nach wie vor sind Mädchen, aus Familien die unter der Armutsgrenze leben, am stärksten gefährdet und nur weniger als 1 von 10 Mädchen verwendet Verhütungsmittel.[iv]

Beweggründe

Wie auch in vielen anderen Ländern, ist Armut der größte Beweggrund für Eltern, ihre Töchter so früh wie möglich zu verheiraten. Oft zahlen die Ehemänner den Eltern einen Brautpreis für ihre Töchter und mit der Heirat gehen die finanziellen Verpflichtungen für das Mädchen von der Familie auf den Ehemann über.

Armut und der mangelnde Zugang zu Bildungseinrichtungen sind die größten Auslöser für Frühehen in Guinea. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze und über ein Drittel der Kinder werden zwei Jahre später eingeschult als eigentlich vorgesehen. 65% der Menschen können nicht lesen und schreiben.

Eine Heirat wird als Verbindung zweier Familien angesehen und nicht als die Wahl von zwei individuellen Menschen. Männer, die mehrere junge Bräute haben, werden hoch angesehen. Das durchschnittliche Heiratsalter bei Mädchen liegt bei 14 Jahren und mehr als 25% der 15 bis 19-Jährigen leben in einer Polygamen Verbindung. [v]

In Guinea gibt es außerdem eine Tradition, die als Soroya System bekannt ist: Wenn die Ehefrau stirbt, bieten ihre Eltern dem Ehemann an, ihre jüngere Schwester zu heiraten, damit eine gute Beziehung mit dem Ehemann und gegebenenfalls auch Unterhaltszahlungen aufrechterhalten werden können.

Stirbt ein Ehemann, kann dann andersherum dessen Bruder seine Witwe zur Ehefrau nehmen.

Es kommt auch vor, dass eine Ehe als „Kompensation“ oder „Einigung“ zwischen Familien von sexuell missbrauchten Mädchen und ihren Peinigern geschlossen wird.[vi]

Gesetzliche Lage

Gegenwärtig regelt in Guinea der Child Code 2011 das Mindestheiratsalter. Darin wird dieses auf 18 Jahre für Mädchen und Jungen festgeschrieben, mit oder ohne Zustimmung der Eltern.

In der Praxis wird ein Verstoß dagegen jedoch nicht konsequent geahndet. Auch finden viele Eheschließungen in sozialen oder religiösen Zeremonien statt, welche nicht unter das Gesetz fallen, aber für die Mädchen genauso bindend sind.

Zwar wurde 2009 eine Sensibilisierungskampagne zur Aufklärung gegen
Kinderheirat von den Behörden Guineas, Journalisten und NGOs durchgeführt. Trotz dieser breit angelegten Kampagne ist die Zahl der Frühehen kaum zurückgegangen.[vii]

Interventionsbeispiel:

Diaryatou kommt aus einer Familie mit vier Ehefrauen und mehr als 20 Kindern. Schon ihre Mutter wurde mit 13 verheiratet. Schon in ihrer Kindheit erlebte sie Gewalt, als sie mit 8 Jahren Opfer einer weiblichen Genitalverstümmelung wurden. Mit 14 Jahren wurde sie mit einem 30 Jahre älteren Mann in Frankreich verheiratet. Die Ehe ist von körperlicher und seelischer Misshandlung geprägt. [viii]

Sie blieb 7 Jahre lang bei ihm, bis sie ihn schließlich mit 21 Jahren verlässt. Hilfe bekam sie dabei von einer französischen Sozialarbeiterin, welche ihr lesen und schreiben beibrachte. Diaryatou schrieb ein Buch („Ich kämpfte für ein neues Leben“) über ihr Leben und gründete 2006 eine NGO. Mit „Espoirs et combats de femmes“ hilft sie Migrantinnen in Frankreich, aber auch Frauen in ihrem Heimatland, die Opfer von sexualisierter Gewalt und weiblicher Genitalverstümmelung wurden.[ix]

 

Quellen

[i] https://www.childfund.org/Content/StoryDetail/2147492072/

[ii] https://www.auswaertiges-amt.de/de/aussenpolitik/laender/guinea-node/-/206132

[iii] http://www.unicef.org/wcaro/english/UNICEF-Child-Marriage-Brochure-low-Single(1).pdf

[iv] CARE: Vows of poverty, 2016

[v] http://www.girlsnotbrides.org/child-marriage/guinea/

[vi] https://www.childfund.org/Content/StoryDetail/2147492072/

[vii] https://www.unicef.nl/media/4464270/unc_rapport_child_notice_guinee_en_final_web.pdf.

[viii] http://www.unicef.org/infobycountry/guinea_46390.html

[ix] http://www.excisionparlonsen.org/diaryatou-bah-du-traumatisme-a-lengagement/