Malawi

Fallbeispiel

Elina V. 19, heiratete einen 24-jährigen Mann als sie 15 war. Er war Fischer und hat ihr gelegentlich Geld gegeben. Sie besuchte die Schule, bis sie von ihm schwanger wurde und von ihrer Mutter gezwungen wurde, ihn zu heiraten.

Ihre Ehe war von Gewalt geprägt und sie musste neben dem Haushalt auch bei der Feldarbeit helfen. Sowohl von ihrem Mann, als auch von ihrer Schwiegermutter wurde sie körperlich und verbal misshandelt. Als ihre Schwiegermutter ihrem Sohn verbot Elina Geld zu geben, jagte er sie fort. Seitdem hat sie keine Unterstützung mehr für sich und ihr Kind und lebt übergangsweise bei ihrer Schwester. [i]

Ein weiteres Fallbeispiel findet sich im Bericht “I’ve Never Experienced Happiness” - Child Marriage in Malawi von Human Rights Watch auf Seite 33. 

Statistik

Bevölkerung: ca. 15.9 Millionen EinwohnerInnen (UNDP)

Platz 170 von 187 im Human Development Index der Vereinten Nationen (Wohlstandsindikator, der die Dimensionen Bildungsindex, Lebensstandard und –erwartung einbezieht) (UNDP)

50,7% der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze von 1,25 US$ am Tag (UNDP)

84% der Jugendlichen sind AnalphabetInnen (UNDP)

50% der Mädchen werden vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet (unicef)

Landesüberblick

Malawi liegt am drittgrößten Binnengewässer Afrikas, dem Lake Malawi. In Ermangelung größerer mineralischer Rohstoffreserven ist Malawi fast gänzlich auf landwirtschaftliche Produkte fokussiert. Zu den Hauptexportgütern gehören Tabak, Tee und Zucker. Ca. 90% der Bevölkerung leben von der Landwirtschaft, im Wesentlichen als Klein- und Subsistenzbauern. Über die Hälfte der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze von 1,25 US$ am Tag und damit in extrem prekären Lebensverhältnissen. Mit einem Pro-Kopf-Einkommen von 320 US$ gehört Malawi zu einem der ärmsten Länder der Welt.[ii]

Malawi ist eine junge präsidentielle Demokratie. Erst 1994 fanden nach jahrzehntelanger Einparteien-Herrschaft und Diktatur die ersten freien Wahlen statt, bei denen mehrere Parteien zugelassen waren. Der Präsident ist gleichzeitig Regierungschef. Er besitzt aufgrund seiner direkten Wahl durch das Volk eine starke Stellung.

Die Verfassung legt die Gleichberechtigung der Frau fest. Gesetze, die noch überkommene frauenfeindliche Regeln enthalten, sind verfassungswidrig und werden unter Mitwirkung der "Law Commission" aufgehoben.In der Realität ist Malawi von der Chancengleichheit der Geschlechter noch weit entfernt. Mädchen werden schon früh an ihre der Tradition gemäße Rolle als Hausfrau und Mutter herangeführt. Indiz dafür ist, dass bereits in der sekundären Bildung der Anteil von Mädchen und jungen Frauen rapide abnimmt. [iii]

Die etwa 14 Millionen EinwohnerInnen gehören verschiedenen Bantuvölkern an, doch die Zahl der Volksgruppen ist in Malawi anders als in vielen Staaten der Region vergleichsweise klein: Es werden insgesamt 13 verschiedene Kultur- und Sprachgruppen unterschieden. Die größte ethnische Gruppe in Malawi bilden die Chewa, die knapp 40% der Bevölkerung stellen und hauptsächlich in der Zentralregion angesiedelt sind. Es folgen die Lomwe mit 17,6% und die Yao mit 13,5%. Amtssprachen sind Englisch und Chichewa.
In Malawi ist es bisher nicht zu gewaltsam ausgetragenen ethnischen Konflikten gekommen. Ein regionales Identitätsbewusstsein herrscht jedoch vor. Diese regionalen Identitätslinien spielen bis heute eine wichtige Rolle, vor allem bei Korruption und Nepotismus.[iv]

Vorkommen

Im Durchschnitt wird eins von zwei Mädchen vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet. Eine Studie der Vereinten Nationen 2010 ergab, dass 50% der 20 bis 24-jährigen Frauen vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet wurden. Bei den Männern lag der Wert hingegen bei nur 6,4%.

12% dieser Frauen wurde bereits vor ihrem 15. Geburtstag verheiratet. Bei Männern lag der Wert bei 1,2%.[v]

Die Malawische Human Rights Commission stellte in einer Studie von 2005 zu kulturellen Praktiken fest, dass einige Mädchen bereits im Alter von 9 Jahren, unmittelbar nach Erreichen der Pubertät, zur Heirat gezwungen werden, falls sie eine körperlich Reife haben. Jungen hingegen werden meist erst mit 17 verheiratet.[vi]

In Teilen Malawis werden zur Vorbereitung auf die Ehe sogenannte „sexuelle Initiationsriten” durchgeführt: Kusasa fumbi, übersetzt etwa Reinigung. Unter anderem in speziellen Camps werden junge Mädchen, manche gerade erst 7 Jahre alt, gezwungen zu lernen, wie sie Männer sexuell befriedigen sollen. Teilweise werden sie dabei entjungfert, oftmals ohne schützende Kondome. Dadurch erhöht sich für sie das Risiko, schwanger zu werden oder an einer sexuell übertragbaren Krankheit wie HIV zu erkranken. In manchen Fällen soll es dabei auch zu FGM (Female Genital Mutilation) kommen. Genaue Zahlen über die Häufigkeit lassen sich dazu jedoch nicht finden.[vii]

Beweggründe

Die Hauptgründe für eine so große Verbreitung von Frühehen in Malawi sind vor allem die große Armut, Teenager-Schwangerschaften, Tradition, eine Kultur die Gewalt gegen Frauen und Mädchen toleriert, sowie ein Mangel an angemessenen Bildungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten. Alle diese Faktoren sind mit einem Mangel an starken rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen verbunden.

Vor allem die hohe Armut in Malawi ist ein bedeutender Faktor bei Frühehen. Viele arme Familien sehen junge Mädchen als finanzielle Belastung, was dazu führt, dass sie so früh wie möglich versuchen ihre Töchter zu verheiraten. Sowohl die Familien, als auch die Mädchen selbst versuchen die Heirat als einen Weg aus der Armut zu nutzen. Viele Familien glauben, dass ihre Töchter dadurch die Chance auf ein besseres Leben erhalten.

In der nördlichen Region wird eine Ehe auch als Form der Rückzahlung von Schulden geschlossen. Die Eltern geben dabei ihre Tochter einem Gläubiger zur Frau, um damit eine Schuld zu begleichen.

Ebenfalls auf Grund von Armut, lassen sich viele junge Mädchen auf sexuelle Handlungen im Tausch gegen Geld oder Essen ein. Manche werden auch von ihren Eltern dazu gezwungen, da dies in Malawi eine allgemein akzeptierte Praxis ist.

Auf Grund der schlechten Kenntnissen der jungen Mädchen über Sexualität und Verhütung

oder weil sie Verhütung gegenüber dem Mann oft nicht durchsetzten können, werden viele Mädchen schwanger und sind dann gezwungen zu heiraten.

Unverheiratete, schwangere Mädchen werden nach wie vor als Schande angesehen und die Ehe gilt dann als bestes Mittel, um die Familienehre zu bewahren.[viii]

Gesetzliche Lage

Die malawische Regierung hat 2015 einen Schritt zur Abschaffung von Frühehen getan und das Gesetzt „Marriage, Divorce and Family Relations“ verabschiedet. Darin wird erstmals das Mindestheiratsalter auf 18 Jahre festgesetzt und ein Verstoß kann mit bis zu 10 Jahren Gefängnis bestraft werden.[ix]

Allerdings kann das neue Gesetzt nicht die Verfassung überschreiben, welche weiterhin eine Heirat ab 15 Jahren mit Zustimmung der Eltern erlaubt. Auch verbietet die Verfassung nicht konkret die Ehe von Kindern unter 15 Jahren, die Regierung wird lediglich dazu angehalten diese zu „entmutigen“.[x]

Die widersprüchliche Gesetzgebung und die nach wie vor hohe Armut sind daher ein großes Problem für die Bekämpfung von Frühehen in Malawi.

Interventionsbeispiele

Theresa Kachindamoto, Senior Chief im Dedza Distrikt, hat seit 2014 850 Kinderehen aufgelöst. Sie überzeugte ihre 50 Sub-Chiefs, eine Vereinbarung zu unterzeichnen, Kinderehen nicht zuzulassen bzw. zu annullieren. Sie setzt sich zudem vehement für ein Ende der sogenannten „sexuellen Initiationsriten” ein. Die Kinder wurden zurück in die Schulen geschickt, notfalls mit Stipendien.

Vier Chiefs, die entgegen der Vereinbarung Kinderehen zugelassen hatten, wurden entlassen und erst wieder eingestellt, nachdem sie die Ehen aufgelöst hatten.[xi]

 

Quellen:

[i] https://www.hrw.org/report/2014/03/06/ive-never-experienced-happiness/child-marriage-malawi

[ii] http://www.mw.undp.org/content/malawi/en/home/countryinfo/

[iii] https://www.auswaertiges-amt.de/de/aussenpolitik/laender/malawi-node/-/208524

[iv] https://www.liportal.de/malawi/gesellschaft/

[v] https://dhsprogram.com/pubs/pdf/FR247/FR247.pdf

[vi] https://www.hrw.org/news/2014/03/06/malawi-end-widespread-child-marriage

[vii] https://www.one.org/de/blog/2016/04/14/chief-kachindamoto-mutige-kaempferin-gegen-kinderehen/

[viii] https://www.hrw.org/report/2014/03/06/ive-never-experienced-happiness/child-marriage-malawi

[ix] http://www.girlsnotbrides.org/child-marriage/malawi/

[x] https://www.hrw.org/news/2015/02/25/dispatches-preventing-child-marriage-malawi

[xi] http://www.aljazeera.com/indepth/features/2016/03/malawi-fearsome-chief-terminator-child-marriages-160316081809603.html