Nicaragua

Fallbeispiel

In der Literaturrecherche zum Länderbericht Nicaragua wurde deutlich, dass Frühehen eine weit verbreitete Tatsache in Nicaragua sind. Allerdings wurde kein konkretes Beispiel genannt.

 

Statistik

  • Bevölkerung: 6,5 Millionen EinwohnerInnen (Quelle Nr. 1)
  • UNDP Human Development Index des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (Wohlstandsindikator, der die Dimensionen Bildungsindex, Lebensstandard und –erwartung einbezieht): 132 von 187 (Quelle Nr. 2)
  • 42,5 % der Menschen leben in Armut (Quelle Nr. 3)
  • die Analphabetenrate liegt bei den über 15-Jährigen bei 23% (Quelle Nr. 3)
  • ca. 41 % der Mädchen heiraten vor ihrem 18. Geburtstag, 10% noch bevor sie 15 Jahre alt sind (Quelle Nr. 5)

 

Landesüberblick

Nicaragua als zweitärmstes Land Südamerikas ist trotz hohem Wirtschaftswachstums in den letzten Jahren äußerst abhängig von der weltwirtschaftlichen Entwicklung und zudem von einer verstärkten neoliberalen politischen Ausrichtung seit den 1990er Jahren vorbelastet. Die meisten finanziellen Einnahmen werden aus der Landwirtschaft, der Fischerei, Gold, der Textilindustrie und der Energiewirtschaft bezogen. Trotz alledem ist es von verschiedenen Ländern und ausländischen Organisationen (u.a. der Entwicklungshilfe) auf finanzielle Hilfe angewiesen. (Quelle Nr. 1 u. 12.)

In Nicaragua sind 42,5% der Menschen von großer Armut betroffen und leben von 2$ oder weniger am Tag. Im Jahr 2005 standen 45% der Menschen sogar weniger als 1$ am Tag zur Verfügung.

Mit der Privatisierung der öffentlichen Bildung unter der Regierung Violetta Barrios de Chamarro 1992 und den geforderten Strukturmaßnahmen des Internationalen Währungsfonds (IWF) mussten Schulen Schulgebühren erheben, was die Auswirkung hatte, dass viele Eltern ihre Kinder nicht in die Schule schickten, um das Geld zu sparen. Trotz der Wiedereinführung von kostenfreien Schulen hat Bildung auch 20 Jahre später auf der politischen Agenda eine marginale Bedeutung, was die finanziellen Investitionen von nur 4,7% des Bruttoinlandsprodukts (BPI) für Bildung verdeutlichen. Folglich sind die schulischen Kapazitäten, besonders in ländlichen Regionen, nicht ausreichend, und das allgemeine Bildungssystem weist aufgrund schlechter Ausstattung und mangels qualifizierten Lehrpersonals ein großes Defizit auf.

Auch wenn 91,5% der Kinder die Grundschule (in Nicaragua 6 Jahre) besuchen, so erreichen gerade mal 43% einen Abschluss und im Durchschnitt nur 18,8% das Abitur. Im Jahr 2006 waren 23% der über 15- Jährigen AnalphabetInnen. Auf diese Weise gehen Bildung und Armut Hand in Hand: wo finanzielle Mittel nicht zum Überleben reichen, ist für Schulmaterial, Gebühren und Uniform kein Geld vorhanden. (Quellen Nr. 1, 3, 9 u. 11)

Die Gewalt gegen Frauen ist ein großes Problem. In Nicaragua existiert eine große Anzahl an Gewalttaten gegen Frauen. 67% der Frauen haben in irgendeiner Art Gewalt erlebt. Diese reicht von psychischer über körperliche und sexuelle Gewalt bis hin zu Mord. (Quelle Nr. 9)

Diese Gewalt ist tief historisch, kulturell, ideologisch und religiös in der Gesellschaft verankert und äußert sich demzufolge auch in Form von struktureller und institutioneller Gewalt. Die Wurzel all dessen liegt im patriarchalen System des so genannten Machismo. Das ungleiche Machtgefüge erwartet, dass die Frau sich dem Mann unterordnet. In manchen Fällen verbieten Männer ihren Frauen den Kontakt zur eigenen Familie oder zu Freunden. Außerdem stehen Schwangerschaftsabbrüche ausnahmslos unter Strafe, auch wenn die Schwangerschaft gesundheitsschädlich für die Frau ist. (Quelle Nr. 9 u. 11)

Vor allem das Gesetz verdeutlicht dabei die Vormachtstellung des Mannes.

„ Civil Code“ = Bürgergesetzbuch

Artikel 151 ... „der Ehemann ist der Bevollmächtigte der Familie

Artikel 152... „Der Ehemann ist aufgefordert, mit seiner Frau zu leben, sowie die Frau mit ihrem Ehemann leben und ihm wohin auch immer er seinen Wohnsitz hin verlegt zu folgen hat.“ (Quelle Nr. 10)

 

Vorkommen

Im Jahr 2007 waren 41% der 20-24 jährigen Frauen in Nicaragua vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet worden. Die Region Atlantico Sur im Nordosten des Landes hat jedoch mit 60% das höchste Vorkommen, gefolgt von Atlantico Norte mit 59% und Rio San Juan mit 56%. Quelle Nr. (4)

Von den 15-19 jährigen Mädchen sind bereits 23% Mütter. (Quelle Nr. 10)

 

Beweggründe

Frühehen resultieren in Nicaragua aus dem Zusammenspiel von Armut, der patriarchalen Kultur des Machismo und aus mangelnder Bildung.

In Nicaragua sind Mädchen häufiger von Kinderheirat bzw. Frühehen betroffen, wenn sie eine schlechtere oder keine Ausbildung haben, aus ärmeren Verhältnissen kommen und/oder in ländlichen Gebieten wohnen. Im Jahr 2001 war die Wahrscheinlichkeit, dass eine 20-24-jährige Frau aus einer ländlichen Region vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet worden war, eineinhalb mal größer als diejenige, dass eine gleichaltrige Frau aus der Stadt bereits vor dem Alter von 18 Jahren verheiratet wurde.

Darüber hinaus wurden 69% der Frauen im Alter von 20-24 Jahren, die keine Schulbildung oder nur eine Grundausbildung hatten, vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet oder lebten in einer Beziehung. Bei Frauen mit einer fortgeschrittenen oder höheren Ausbildung waren es im Vergleich dazu nur 25%. (Quelle Nr. 4)

 

Gesetzliche Lage

Laut dem Familiengesetz sind Frauen und Männer gesetzlich berechtigt, die Ehe mit Vollendung des 18. Lebensjahres einzugehen.

Allerdings ist es mit Zustimmung der Eltern bzw. des gesetzlichen Vertreters möglich, schon mit 16 Jahren zu heiraten. (Quelle Nr. 6) Bis zum April 2014 galt diese Ausnahmeregelung für Mädchen schon ab 14 Jahre und für Jungen ab 15 Jahre. (Quelle Nr. 7)

 

Interventionsbeispiele

Im Abschnitt Landesüberblick wurde die tief greifende Gewalt gegen Frauen erwähnt. Diese steht derzeit im Fokus ziviler Frauenarbeit in Nicaragua.

So gibt es einige Organisationen, die sich mit Aufklärungsarbeit und Bildungsmaßnamen für die generelle Potenzialförderung von Frauen und Mädchen engagieren. Sie tragen somit dazu bei, dass Mädchen und Frauen selbstbestimmt über ihr Leben entscheiden können. Eine dieser Organisationen ist unser Förderprojekt MIRIAM, das unter anderem auch politische Lobbyarbeit und Öffentlichkeitsarbeit macht sowie psychologische Betreuung und rechtsanwaltliche Vertretung für Frauen mit Gewalterfahrungen anbietet.

Weitere Organisationen, die sich gegen Gewalt an Frauen und für die Gleichberechtigung einsetzen:

Movimiento Autónomo de Mujeres

El Movimiento Feminista de Nicaragua

Red de Mujeres contra la ViolenciaRed de Mujeres contra la Violencia

Colectivo de Mujeres de Matagalpa

 

Quellen

1) https://www.auswaertiges-amt.de/de/aussenpolitik/laender/nicaragua-node/-/223344  

2) hdr.undp.org/en/content/table-1-human-development-index-and-its-components

3) www.bpb.de/internationales/amerika/lateinamerika/44824/bildungspolitik

4) www.devinfo.info/mdg5b/profiles/files/profiles/4/Child_Marriage_Country_Profile_LACNIC_Nicaragua.pdf 

5) girlsnotbrides.org/child-marriage/nicaragua

6) http://legislacion.asamblea.gob.ni/Normaweb.nsf/xpNorma.xsp?documentId=0E2E8961BDFD480706257E4A006DDE63&action=openDocument <S.41 Titulu III Del Matrimonio, Capitulo I Art. 54

7) faolex.fao.org/docs/pdf/nic138841.pdf

8) www.equalitynow.org/sites/default/files/B+20_Report_EN.pdf

9) Solidarität heute und morgen, Perspektiven gegenseitiger Unterstützung, Informationsbüro Nicaragua e.V. 2012 S. 7-8 /8-13

10) www.nicaragua-forum.de/nica-aktuell/nica-aktuell_01-15-web.pdf

11) http://liportal.giz.de/nicaragua/geschichte-staat/

12) http://liportal.giz.de/nicaragua/wirtschaft-entwicklung/#c3650