Indien

Fallbeispiel

Santadevi Meghwal 20 Jahre: Sie kommt aus Rajasthan. Die Eltern hatten ihre Heirat vorgenommen, da war sie gerade mal 11 Monate alt. Sie erzählt:“ Es ist ein Teil der Tradition in unserem Dorf, dass, wenn ein älterer Verwandter stirbt, ein Kind innerhalb von 13 Tagen verheiratet wird.“ Sobald das Mädchen in das Jugendalter kommt, wird die Hochzeit vollzogen. Mit 16 erfuhr Santadevi von ihrer Heirat und widersprach energisch, dass sie nicht das gleiche Schicksal erleiden wolle wie ihre Schwester, die in ihrer Ehe leide. Sie ging vor Gericht, um auf legalem Weg ihre Heirat zu beenden. Doch der Bräutigam und seine Familie lehnten ab. Nach vielen Auseinandersetzungen hat sie es dennoch geschafft. Mittlerweile hat Santadevi das zweite Jahr ihres Studiums absolviert. Sie möchte Lehrerin werden und Kindern in Lebensfragen zur Seite stehen. (Quelle Nr. 9)

 

Statistik

  • Bevölkerung: ca. 1.2 Milliarden (Stand 2011) (Quelle Nr. 2)
  • UNDP Human Development Index des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (Wohlstandsfaktor, der die Dimensionen Bildungsindex, Lebensstandard und – erwartung einbezieht): 135 von 187 Ländern (Quelle Nr. 1)
  • Alphabetisierungsrate: 78 % der Bevölkerung kann lesen und schreiben, 68% der Frauen und 86 % der Männer (Stand 2015) (Quelle Nr. 2)
  • laut erhobener Daten aus den Jahren 2007 bis 2008 waren 42,9% der indischen Frauen im Alter von 20-24 Jahren bereits vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet (Quelle Nr. 3)

 

Landesüberblick

In den nächsten 30 Jahren wird Indien das Land mit der größten Bevölkerung der Welt sein. Indien ist heute eine der prosperierenden Volkswirtschaften der Welt und wird mit seinem Bruttoinlandsprodukt nach China und der USA an dritter Stelle stehen. Jedoch hat es dabei mit großen Problemen der Armutsbekämpfung, der Erweiterung und Qualitätssicherung des Bildungssystem und der Infrastrukturentwicklung zu ringen. (Quelle Nr. 2)

Im Durchschnitt liegt das Einkommen im Jahr bei 1000€ pro Person (Stand 2015).

In Bezug auf die Armut können keine fundierten Aussagen getroffen werden, da Angaben von verschiedenen Quellen äußerst stark variieren. Die Bemessungsgrundlagen Indiens sind dabei sehr umstritten. So hat die Regierung von Indien angegeben, dass im Jahr 2013 22 % der Bevölkerung in Armut leben. Definiert man jedoch Armut nach der Bemessungsgrenze der Weltbank mit 1.25$ pro Kopf und Tag, kann davon ausgegangen werden, dass 32.7 % unterhalb dieser Grenze ihr Leben bestreiten müssen. (Quelle Nr. 6)

Etwa 78% der Bevölkerung kann lesen und schreiben (2). Im Jahr 2009 wurde das Gesetz „Right to Education Act“ erlassen, in welchem das Grundrecht auf Bildung für Kinder von 6 bis 14 Jahre festgeschrieben wurde. Allerdings ist aufgrund der unterschiedlichen Angebote staatlicher und privater Bildungseinrichtungen noch keine einheitliche und ausreichende Qualität der Wissensvermittlung gewährleistet. Auch fehlt es an qualifizierten Lehrkräften, was zur Folge hat, dass der Schulbesuch auf den weiterführenden Schulen rückläufig ist. (Quelle Nr. 7)

Insbesondere Mädchen sind davon betroffen. Laut dem Unicef Bericht von 2011 „The World´s children report“ besuchen 86% Mädchen die Grundschule. Jedoch fällt die Beteiligung bei den weiterführenden Schulen auf einen Anteil von 59%. In ihre Ausbildung wird aufgrund der vorherrschenden patriarchalen Strukturen oftmals weniger investiert. Aber auch der Mangel an weiterführenden Schulen in ländlichen Gebieten, unzureichende Schuleinrichtungen sowie fehlende sanitäre Einrichtungen für Mädchen in Schulen sind weitere Gründe für die Schulabbrüche. (Quelle Nr. 4)

In Indien ist eine Vielzahl von Religionen vertreten. So gibt es 80% Hindus, 13% Muslime, 2.3% Christen, 1.9% Sikhs, sowie Buddhisten, Jainas, Parsen und Bahai (Quelle Nr. 2.)

Offizielle Sprachen sind Hindi, Englisch und 20 weitere regionale Sprachen.

 

Vorkommen

In Anbetracht des Berichts „Protecting the girl child legal annex“ der Thomson Reuters Foundation waren gemäß erhobener Daten aus den Jahren 2007 bis 2008, 42,9% der indischen Frauen im Alter von 20-24 Jahren bereits vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet. Das sind gleichzeitig 40% der Frühehen weltweit, wodurch Indien den traurigen Spitzenplatz bei den absoluten Zahlen einnimmt. (3) Darüber hinaus sind 53,4 % der Mädchen in ländlichen Gebieten und 29,7 % der Mädchen in urbanen Gegenden vor dem 18. Geburtstag verheiratet. (8) Die Angaben zeigen, dass in ländlichen Regionen Frühehen vorherrschend sind. Die Mädchen werden oftmals mit älteren Männern verheiratet, da Männer den dominierenden Part in der Ehe übernehmen sollen. Mädchen bzw. Frauen müssen sich ihm sowie seiner Familie, insbesondere der Schwiegermutter unterordnen. Ihre Ausbildung bzw. Schule müssen sie oftmals abbrechen, was sie in eine existenzielle Abhängigkeit führt. Durch ihre niedrige soziale Stellung werden sie häufig Opfer von jeglicher Art von Missbrauch und häuslicher Gewalt. (5)

 

Beweggründe

In Bezug auf Indien ist es unzureichend, wenn von „Beweggründen“ gesprochen wird. Die wesentliche Ursache oder die Wurzel der frühen Verheiratung von Mädchen beruht auf der Grundeinstellung, dass Männer eine Vorrangstellung in Familie und Gesellschaft besitzen und Mädchen bzw. Frauen als „paraya dhan“ betrachtet werden, was bedeutet „jemandes Vermögen sein“.

Im Wesentlichen verdeutlicht diese Tatsache die Mitgift, die Ausdruck der patriarchalen Strukturen in Indien ist. In einigen Ethnien ist bei einer Eheschließung eine Mitgift zu zahlen. Sie kann als eine Art Aussteuer bezeichnet werden, die der Vater der Braut für die Eheschließung aufbringen muss. Bei einem älteren Mädchen wird oftmals eine höhere Mitgift, bei einem jüngeren Mädchen eine niedrigere Mitgift erwartet. Der Hintergrund ist die Auffassung, dass jüngere Mädchen leichter zu sozialisieren, besser zu kontrollieren und zu erziehen sind und sich weniger widersetzen.

Jedoch ist das Alter für eine Eheschließung auch von der Produktivität bzw. der Arbeitskraft eines Mädchens abhängig. Es ist daher kein Zufall, dass das Heiratsalter oftmals in der Pubertät liegt, da Mädchen ältere Menschen versorgen oder auf Kinder aufpassen können, während der Rest der Familie, z. B in ländlichen Gebieten, auf dem Feld tätig ist. Generell gelten Mädchen in der Herkunftsfamilie sowie in der Familie des Bräutigams als finanzielle Last. Diesbezüglich wird erwartet, eine gute, gehorsame Ehefrau zu sein, was verbunden ist mit bestimmten weiblichen Normen wie schön, anpassungsfähig, fügsam, fleißig und talentiert.

Da Männer ihre Macht in der Vaterschaft in Verbindung mit der Abstammungslinie von Namen, Vermögen, Status und Religion begründet sehen, ist der einzige Weg, diese aufrechtzuerhalten, die Kontrolle der weiblichen Sexualität. Der Beweis für die Macht ist die Jungfräulichkeit und damit verbunden das keusche Verhalten des Mädchens oder der Frau. Die Kaste (gesellschaftliche Klasse) bzw. die Ansicht, dass nur durch die Reinheit des Blutes der Fortbestand der Gesellschaft bzw. Gruppe erhalten bleiben kann, bestimmt, dass ein Mädchen, sobald sie in der Pubertät ist, heiraten muss, um die Jungfräulichkeit sicherzustellen. Damit gilt als gewährleistet, dass das anwachsende Vermögen und die Privilegien der Familie geschützt werden.

Aus diesem Grund gilt in manchen Gegenden, umso jünger das Mädchen, umso respektvoller und heiliger ist es, sie wegzugeben. Laut Aussagen, aus einem Interview mit Männern aus Jharkhand, welche im Report 2015 veröffentlicht wurde 2015 sei die Frage nach der Mitgift in der Vergangenheit nur noch eine symbolische Geste gewesen. Doch steigende Lebensstandards, wachsendes Vermögen und damit einhergehende wachsende Ungleichheit führen bei der Frage der Mitgift zu hochmütigem Verhalten. Auch kann ein Mann mit höherer Ausbildung eine höhere Mitgift verlangen, da er seiner Frau ein besseres Leben bieten kann. Ähnliche Normen bestimmen, dass eine geringere Mitgift akzeptabel für „gute“ und schöne Mädchen ist.

So zeigen diese Beispiele, dass Faktoren wie Vermögensverhältnisse, soziale Normen, internationale wirtschaftliche Dynamiken, Bildung, Ungleichheit im Kastensystem und die Erhaltung sozialer Bande das System der Mitgift beeinflussen und verändern, die Grundhaltungen der patriarchalischen Strukturen nicht beseitigt wird. (Quelle Nr. 8)

 

Gesetzliche Lage

Das gesetzliche Heiratsalter beträgt in Indien 18 Jahre für Mädchen und 21 Jahre für Jungen.

Diese Altersgrenzen existierten schon im Gesetz zur Einschränkung von Frühehen von 1929, („The Child Marriage Restraint Act“) und sind in der Aktualisierung des Gesetzes, dem Verbot im Jahr 2006 („The Prohibition of Child Marriage Act“) beibehalten worden. Es gibt keine legalen Ausnahmen bezüglich des Mindestalters für Eheschließungen, weder unter dem Gesetz zum Verbot von Frühehen, noch in Anbetracht des Gewohnheitsrechts. Das Gesetz gilt für ganz Indien (außer den Provinzen Jammu und Kashmir) und für alle InderInnen, gleich welcher Ethnie oder Religion sie/er angehören.

Dennoch weist das Gesetz Schwachstellen auf. So werden Frühehen unter dem Verbot des „Child Marriage Acts“ unter Punkt 3 nicht als allgemein illegal, sondern als anfechtbar betrachtet. Opfer von Kinderehen haben die Möglichkeit, die Hochzeit zwei Jahre nach ihrer Volljährigkeit anzufechten. In einigen begrenzten Fällen, in denen Kinder entführt, gehandelt, mit Gewalt gezwungen oder hinterlistig getäuscht werden, sind Kinderheiraten vor der Volljährigkeit nichtig und ungültig. Jedoch war die erhebliche Mehrheit der Fälle, die bis jetzt vor Gericht gebracht wurden, nicht in eine Entführung oder Kinderhandel verwickelt. Aus welchem Grund die Ehen auch oftmals nicht aufgehoben wurden. (3) Darüber hinaus sind auch die Mitgift sowie deren Annahme gesetzlich im „Dowry Prohibition Act“ seit 1961 verboten und laut Absatz 5 nichtig. Der Verstoß dagegen wird mit mindestens 5 Jahren Gefängnis und einer Geldstrafe geahndet. Trotz der strengen Formulierung des Gesetzes ist die Praxis weit verbreitet. Die Daten des „National Crime Records Bureau“ zeigen, dass es einen Anstieg von Todesfällen aufgrund der Nichterfüllung von Mitgiften in den letzten Jahren gibt. In erster Linie wurden die Bräute von der Familie des Bräutigams wegen der Nichteinhaltung des Brautpreises getötet.

Bei der Gesetzgebung im Jahre 2006 wurden so genannte „Child Marriage Prohibition Officers“ für jeden Staat ernannt, jedoch drücken diese gegen Bezahlung einer Geldsumme oft ein Auge bei Frühehen zu. (Quelle Nr. 3)

 

Interventionsbeispiele

  • Kriti Bharti ist eine Kinderrechtsaktivistin und Psychologin, die die NGO Saarthi Trust in Jodhpur Rajasthan gegründet hat und leitet. Saarthi Trust setzt sich für Interventionen auf Grass-Root Ebene ein. Speziell ist sie tätig für Anliegen von Frauen und Kindern im Sinne einer gleichen und gesunden Gesellschaft.
    Kriti hat mehr als 28 Eheannullierungen vor dem Familiengericht erreicht und gewann nationale und internationale Auszeichnungen für ihre Arbeit. (Quelle Nr. 9)
    http://saarthitrust.com/
  • Der „Integrated Child Development Services“ hat mit Unterstützung der globalen NGO Landesa, die sich hauptsächlich für Landrechte einsetzt, ein Projekt ins Leben gerufen. Dabei treffen sich Mädchen im Alter von 11 bis 18 Jahren in einer Gesprächsgruppe. Es werden Themen wie Frühehen, Mutterschaft und Rechte angesprochen. Diese Versammlungen werden durch Fachleute aus dem Dorf und eines Gesundheitsbeauftragten anhand eines Lehrplans des „Integrated Child Development Services“ geführt und unterstützt.
    Ein weiterer Teil dieses Programms ist, gärtnerische Fähigkeiten zu lernen und Gemüse anzubauen. Dieses kann der Ernährung der Familie dienen oder auf dem Markt verkauft werden, um die Finanzierung für die Schulgebühren aufzubringen.
    Derzeit nehmen mehr als 40.000 Mädchen an diesem Programm teil. Innerhalb von drei Jahren sollen daran eine Million Mädchen über West Bengal hinaus daran teilnehmen. (Quelle Nr. 10)
    http://www.landesa.org/ Projekt Watch: After my garden grows
  • Das „Institute of Health Management Pachod“ (IHMP) hat herausgefunden, dass Mädchen mit niedrigem Selbstwertgefühl gefährdeter sind, früh zu heiraten. Aus diesem Grund ist es tätig geworden, um neue und kreative Wege zur Identifizierung und Unterstützung der gefährdeten Kinder zu entwickeln. IHMP arbeitet mir unverheirateten heranwachsenden Mädchen und konzentriert sich auf Life Skills und Empowerment-Programme, die zu einem messbaren Anstieg in Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen führen sollen. IHMP hat verschiede Empowerment-Programme für Mädchen in ländlichen Gebieten entwickelt, in denen sie Life Skills Trainings, Aufklärung über Rechte und Beratung durchführen. Auch wurde mit Hilfe der Mc Arthur Foundation ein Programm eingeführt, das mit Mädchen arbeitet, die schon verheiratet sind und auch die Ehepartner mit einbezieht. Es gibt mittlerweile auch ein Programm für Eltern. (Quelle Nr. 11)
    http://www.ihmp.org/research.html

 

Quellen:

1.) United Nations Development Programme HumanDevelopment Reports

2.) www.auswaertiges-amt.de/DE/Aussenpolitik/Laender/Laenderinfos/01-Nodes_Uebersichtsseiten/Indien_node.html

3.) Thomson Reuters Foundation January 2014

4.) www.unicef.org/sowc2011/

5.) www.tdh.de/was-wir-tun/themen-a-z/kinderheirat.html

6.) www.boell.de/de/2013/10/07/indien-erfolgreicher-riese-der-armutsbekaempfung

7.) www.bpb.de/internationales/asien/indien/44534/indiens-bildungssystem

8.) www.nirantar.net/public/site/files/EM_Report_30-4-15.pdf

9.) gulfnews.com/news/asia/india/i-got-married-when-i-was-only-11-months-old-1.1552136

10.) www.girlsnotbrides.org/simple-solution-major-problem-information-helps-girls-say-child-marriage/

11.) www.girlsnotbrides.org/findings-from-india-low-self-esteem-leaves-girls-vulnerable-to-child-marriage/