Schwerpunkt Frühehen

TERRE DES FEMMES: STOP Frühehen! Foto: © evgenyatamanenko - Fotolia.comTERRE DES FEMMES: STOP Frühehen!
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Der Kampf gegen Frühehen/Zwangsverheiratung Minderjähriger ist seit Herbst 2014 ein TERRE DES FEMMES-Schwerpunkt im Bereich Gewalt im Namen der Ehre. Seit dem UNICEF Bericht „Marrying too young. End child marriage“ (PDF-Datei) des UN-Bevölkerungsfonds (United Nations Population Fund UNFPA) von 2012 hat UNICEF in seinem Bericht „Ending Child Marriage: Progress and prospects“ (PDF-Datei) 2014 neuere Zahlen veröffentlicht. Laut dem Bericht leben weltweit mehr als 700 Millionen Frauen, die bereits vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet wurden. 250 Millionen waren nicht einmal 15 Jahre alt bei ihrer Hochzeit. Nach Schätzungen von UNICEF werden jährlich 15 Millionen Mädchen minderjährig verheiratet. Das sind über 41.000 Mädchen täglich und 28 jede Minute, die dadurch in ihren Rechten beschnitten werden, wie sie in der UN-Kinderrechtskonvention festgehalten sind.

TERRE DES FEMMES macht mit einer spektakulären Aktion am Brandenburger Tor auf die weltweite Problematik von Frühehen aufmerksam.

Zur Bekämpfung von Frühehen in Deutschland hat TERRE DES FEMMES zum Internationalen Mädchentag am 11.10.15 eine Unterschriftenaktion gestartet, mit der sie die Bundesregierung auffordert, das Mindestheiratsalters auf 18 Jahre ohne Ausnahme festzulegen. Bis zum 02.05.16 haben 108.811 Menschen diese Petition unterschrieben.

Im Rahmen eines Fachgespräches hat TERRE DES FEMMES am 9. Mai 2016 dem Bundesjustizministerium die gesammelten Unterschriften übergeben. Die Möglichkeit einer Gesetzesänderung wird momentan geprüft.

Die Folgen für die jungen Frauen sind verheerend

Mädchen, die jünger als 15 Jahre sind, sterben fünf Mal häufiger bei der Geburt ihrer Kinder als Frauen in den Zwanzigern. Schwangerschaft ist für 15-19-jährige Frauen weltweit Todesursache Nummer eins. Minderjährige Ehefrauen sind zudem häufiger von häuslicher und/oder sexualisierter Gewalt betroffen als Frauen, die nach ihrem 18. Geburtstag heiraten. Sie dürfen meist die Schule nicht mehr besuchen und haben so keine Chance auf einen (höheren) Bildungsabschluss, der ihnen ökonomische Sicherheit garantieren könnte. Sie bleiben abhängig von ihrem Ehemann und „vererben“ so Armut und geringe Bildungsmöglichkeiten an ihre Kinder: Ein Teufelskreis, der nur schwer durchbrochen werden kann.

Die Gründe für die frühe Verheiratung von Mädchen sind vielfältig

Mädchen aus armen Regionen sind für ihre Familien eine finanzielle Last. Wenn die Töchter jung und jungfräulich verheiratet werden, bekommen die Familien in manchen Ländern einen hohen Brautpreis. Außerdem spielen Traditionen und patriarchalische Wertvorstellungen eine große Rolle. Mädchen müssen jungfräulich in die Ehe gehen, sonst schädigen sie das Ansehen der Familie. Um diese Gefahr so gering wie möglich zu halten, werden die Mädchen früh verheiratet, in vielen Ländern zusätzlich auch noch an ihren Genitalien verstümmelt. Außerdem besteht eine Wechselwirkung zwischen Bildung und Frühehen: Je geringer die Bildung, desto höher die Wahrscheinlichkeit, bis zum 18. Lebensjahr verheiratet zu sein.

TERRE DES FEMMES wird sich verstärkt dafür einsetzen, dass Frühehen weltweit geächtet und perspektivisch bis zum Jahr 2030 abgeschafft werden. Dafür begleiten wir intensiv den Prozess der Umsetzung der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung durch internationale Institutionen und durch das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ).

Zudem sind wir Teil des globalen Netzwerks „Girls not Brides“. Diese politische Lobbyarbeit ist wichtig, um die UN-Mitgliedstaaten und damit auch Deutschland, auf eine Abschaffung von Frühehen zu verpflichten.

Aber auch die direkte Hilfe für Betroffene ist wichtig. Daher unterstützt TERRE DES FEMMES verschiedene Projekte, u.a. die Frauenrechtsorganisation AFFMHL in Kamerun, die durch ihre Bildungsarbeit dazu beiträgt, dass Mädchen nicht zwangsverheiratet werden, sondern weiter zur Schule gehen können.

Weiterführende Informationen:




Situation weltweit: Braut mit 9, Mutter mit 13?

In vielen Ländern der Erde, vor allem in Afrika und Asien, ist es üblich, Mädchen schon sehr früh, oft noch als Kind, zumindest jedoch vor dem 18. Geburtstag zu verheiraten. Für dieses Phänomen haben sich international die Begriffe early bzw. child marriage (Früh-/Kinderehe) durchgesetzt. Diese Frühehen sind eine Form der Zwangsverheiratung, denn Kinder können sich noch nicht angemessen wehren, bzw. können die Folgen einer Verheiratung nicht abschätzen. Für junge Mädchen kann eine große Feier im schönen Kleid mit vielen Geschenken verlockend sein, so dass sie einer Heirat zustimmen. Was eine Ehe dann aber tatsächlich für sie bedeutet, die Arbeit im Haushalt, sexuelle Gewalt, frühe Schwangerschaft, das Ende der Kindheit, erahnen sie häufig nicht einmal ansatzweise. Daher spricht TERRE DES FEMMES im Folgenden stets von Frühehen/Zwangsverheiratung Minderjähriger.

Die 10 Länder mit den höchsten Raten an Frühehen

Weltweit leben aktuell mehr als 700 Millionen (700.000.000) Frauen, die vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet wurden. Davon waren ca. 250 Millionen noch nicht einmal 15 Jahre alt. Diese Zahlen veröffentlichte UNICEF (PDF-Datei) anlässlich eines „Mädchengipfels“ im Juli 2014, den das Kinderhilfswerk zusammen mit der britischen Regierung zum Thema Weibliche Genitalverstümmelung und Kinder-, Früh- und Zwangsehen veranstaltete.

In Südasien und in Subsahara-Afrika finden prozentual gesehen die meisten Frühehen statt.

Folgende Länder bilden die „Top 10“:


Quelle: UNICEF State of the World’s Children, 2015 Quelle: UNICEF State of the World’s Children, 2015

Einzelne Länder porträtieren wir im Hinblick auf die Situation zur Frühehe in unseren Länderprofilen.

Situation in Deutschland: Mein Leben – meine Entscheidung!

PlakatmotivPlakatmotiv. © TERRE DES FEMMESAuch wenn Frühehen/Zwangsverheiratung Minderjähriger vor allem in Ländern des Südens vorkommen, sind auch in Deutschland Mädchen und junge Frauen mit Migrationshintergrund von dieser Menschenrechtsverletzung betroffen. In Deutschland ist es mit Zustimmung des Familiengerichts möglich, bereits mit 16 Jahren standesamtlich zu heiraten. Frühehen resultieren häufig aus der Angst der Eltern vor vorehelichen sexuellen Erfahrungen ihrer Töchter und dem damit verbundenen „Ehrverlust“ der Familie. Die Studie „Zwangsverheiratung in Deutschland“ des Bundesfamilienministeriums aus dem Jahr 2011 belegt, dass allein im Jahr 2008 3.443 von Zwangsverheiratung bedrohte oder betroffene Personen in Beratungseinrichtungen Hilfe suchten. 93 % der Betroffenen waren weiblich, knapp ein Drittel der Betroffenen unter 18 Jahre.

Betroffene von Gewalt im Namen der Ehre leben in kulturellen Spannungswelten

Auch wenn die Elterngeneration nach außen gut integriert scheint und ein vergleichsweise liberales Leben führt, hält sie bei der Erziehung ihrer Kinder oft an überkommenen Ehrvorstellungen und tradierten Verhaltensmustern fest. Hinzu kommt der soziale Druck seitens des eigenen Umfelds. Eltern verbieten ihren Töchtern daher häufig den Umgang mit Menschen bzw. Männern außerhalb ihres Kulturkreises und/oder arrangieren die Ehe. Zugleich kennen diese Töchter die Lebensweisen ihrer gleichaltrigen MitschülerInnen, und diese fungieren vielfach als Vorbilder eines freieren Lebens.
Beide Faktoren führen dazu, dass sich immer mehr Jugendliche mit Migrationsgeschichte gegen die von den Eltern zugedachte Rolle auflehnen. Als „Disziplinierungsmaßnahme“ bzw. um einen möglichen Ehrverlust rechtzeitig vorzubeugen, sollen die Mädchen sehr früh (zwangs-)verheiratet werden, oft noch vor Erreichen der Volljährigkeit (Frühehen). Diese Ehen werden in der Regel nicht vor einem Standesamt, sondern vor einem Imam oder Priester geschlossen.


Hintergrund von Früh- bzw. Zwangsehen

PostkatenmotivPostkatenmotiv: © TERRE DES FEMMESZwangsverheiratung ist eine Form von Gewalt im Namen der Ehre, die von emotionaler Erpressung und psychischem Druck bis hin zu physischer und sexualisierter Gewalt, ja sogar bis zu sogenannten Ehrenmorden führen kann. Stets wird diese Gewalt angewandt, um die vermeintliche Familienehre zu erhalten bzw. wiederherzustellen. Sie betrifft mehrheitlich Mädchen und Frauen, vereinzelt aber auch Männer.

Die Ehre der Familie wird in vielen Kulturkreisen unterschiedlich definiert. Nach traditionellen Vorstellungen patriarchaler Gesellschaften hängt die Familienehre vom Verhalten der weiblichen Familienangehörigen ab, die quasi als Besitz des Mannes angesehen werden. Verstößt eine Frau gegen die engen Regeln weiblicher Sexualität, ist das gesellschaftliche Ansehen der gesamten Familie in Gefahr. Sexualität wird nur innerhalb der Ehe toleriert. Dabei reicht in manchen Fällen der Verdacht oder das Gerücht, ein Mädchen sei mit einem fremden Jungen oder Mann gesehen worden, um die Familienehre nachhaltig zu beschädigen. Den Männern kommt die Aufgabe zu, ihre Ehefrau, Tochter oder Schwester streng zu überwachen. Die Jungen werden schon früh auf ihre Rolle als Familienoberhaupt und „Beschützer“ der weiblichen Familienmitglieder vorbereitet. Auch die Männer sind gewissermaßen Opfer des patriarchalen Systems. In Gesellschaften, die Gewalt im Namen der Ehre ausüben, ist diese in einem hohen Maß akzeptiert. Die Ehre der Familie wiederherzustellen, wird als „Familiensache“ angesehen, in die sich kein Außenstehender einzumischen hat.

 

Die Menschenrechtsverletzung Frühehe: Was tut TERRE DES FEMMES dagegen?

Dieses Motiv entstand im Rahmen einen bundesweiten Kreativwettbewerbs für Jugendliche, den TDF im Jahr 2012 durchgeführt hat. © TERRE DES FEMMESMotiv eines bundesweiten Kreativwettbewerbs für Jugendliche, den TDF im Jahr 2012 durchgeführt hat. © TERRE DES FEMMESTERRE DES FEMMES setzt sich auf verschiedenen Ebenen für die Verhinderung von Frühehen/Zwangsverheiratung Minderjähriger ein: National, Europäisch und International.

 

 

 

 

 

 

  • In Deutschland

  • In Europa

  • Weltweit

Jede Eheschließung unter Zwang muss bestraft werden!

In Deutschland werden Mädchen und junge Frauen gegen ihren Willen verheiratet, davon haben fast alle, nämlich 98,5% einen Migrationshintergrund, wie die bereits erwähnte Studie ergab. Zwar ist Zwangsverheiratung seit Juli 2011 ein Straftatbestand, der mit bis zu fünf Jahren Haft belegt ist, jedoch werden bisher nur standesamtlich geschlossene Zwangsverheiratungen von dem Straftatbestand erfasst. Religiös oder sozial durchgeführte Eheschließungen werden rechtlich nicht anerkannt, sie gelten als sogenannte Nicht-Ehen.

Religiöse Ehen sind für Betroffene genauso bindend wie zivile Ehen

Für Betroffene spielt die Art der Eheschließung keine Rolle. In ihrer Lebenswelt sind auch religiös geschlossene Ehen absolut verbindlich und haben mitunter sogar ein größeres Gewicht als die vor einem Standesamt geschlossenen. Ihnen wird mit der Zwangsverheiratung nicht nur das Recht auf Selbstbestimmung und freie Partnerwahl verwehrt, sie sind oftmals auch von lebenslanger (sexualisierter) Gewalt betroffen. Laut Studie machen religiös oder sozial durchgeführte Eheschließungen rund ein Drittel der Zwangsverheiratungen aus und betreffen zudem mehrheitlich die unter 18-Jährigen.

Es besteht dringender Handlungsbedarf

Wir setzen uns dafür ein, dass ALLE Eheschließungen unter Zwang bestraft werden. Dafür muss der aktuelle Straftatbestand Zwangsheirat (§ 237 StGB) erweitert werden um den Begriff „eheähnliche Verbindungen“, so dass es heißen würde, bestraft wird, wer „einen Menschen rechtswidrig mit Gewalt oder Drohung mit einem empfindlichen Übel zur Eingehung der Ehe oder einer eheähnlichen Verbindung nötigt“. So fallen auch religiöse und soziale Ehen unter den Tatbestand.

Auf der Justizministerkonferenz 2015 wurden mögliche Strafbarkeitslücken bei der Verfolgung von Zwangsverheiratungen diskutiert. Der Beschluss der Konferenz 2015 sah vor, sich der Thematik anzunehmen und unter Einbeziehung der Strafverfolgungspraxis sowie von Opferverbänden zu ermitteln, inwieweit die derzeitige Rechtslage Korrekturen und Ergänzungen bedarf. Daraufhin hat der Strafrechtsausschusses unter Vorsitz der Justizbehörde Hamburg eine länderübergreifende Arbeitsgruppe zum Thema „Zwangsheirat und Heiratshandel“ eingerichtet. TERRE DES FEMMES hat dort ein Impulsreferat über die Problematik der Zwangsverheiratung in der Praxis gegeben.

Der Abschlussbericht der Länderarbeitsgruppe wurde auf der Justizministerkonferenz 2016 erörtert. Die Justizministerinnen und Justizminister kommen aber zu dem Befund, dass momentan kein gesetzgeberischer Handlungsbedarf besteht.

Wir bedauern den Beschluss sehr und fordern den Gesetzgeber weiterhin auf eine entsprechende Anpassung des § 237 StGB vorzunehmen!

Ehemündigkeitsalter in Deutschland: Mindestheiratsalter von 18 Jahren ohne Ausnahme

TERRE DES FEMMES hat die Unterschriftenaktion „Frühehen stoppen – Bildung statt Heirat!“ durchgeführt.

Kinder und Jugendliche sind noch nicht in der Lage, die Konsequenzen einer Entscheidung wie die einer Eheschließung voll abzusehen. Daher empfehlen sowohl das UN-Kinderrechts- als auch das UN-Frauenrechtskomitee sowie Organisationen wie UNICEF, Human Rights Watch und auch TERRE DES FEMMES ein Mindestheiratsalter von 18 Jahren ohne Ausnahme. Denn die Folgen einer frühen Verheiratung sind verheerend: Nicht nur wird den Mädchen ihre Kindheit geraubt, sie gebären in der Regel auch früher, was hohe Gesundheitsrisiken birgt. Schwangerschaft ist für 15 - 19-jährige Mädchen weltweit Todesursache Nummer eins. Sie sind häufiger von häuslicher und/oder sexualisierter Gewalt bedroht und haben oftmals keine Chance auf einen (höheren) Bildungsabschluss, der ihnen ökonomische Sicherheit garantieren könnte.

Auch in Deutschland ist es möglich, bereits mit 16 Jahren zu heiraten, vorausgesetzt, der künftige Ehegatte ist volljährig und das Familiengericht erteilt eine Befreiung vom Volljährigkeitserfordernis. Auch wenn die Zahlen der minderjährigen Eheschließungen in Deutschland (noch) rückläufig sind, ist jede Zwangsheirat eine zu viel! Unter den vielen Menschen, die in den letzten Jahren nach Deutschland geflüchtet sind und weiterhin flüchten, befinden sich auch minderjährige Ehefrauen deren Ehe in Deutschland unter Umständen anerkennungsfähig ist. Die Familiengerichte werden sich in Zukunft darauf einstellen müssen, dass wieder vermehrt Anträge eingehen werden.

Daher hat TERRE DES FEMMES zum Internationalen Mädchentag am 11.10.15 eine Unterschriftenaktion gestartet, mit der sie die Bundesregierung auffordert, das Mindestheiratsalters auf 18 Jahre ohne Ausnahme festzulegen. Bis zum 02.05.16 haben 108.811 Menschen diese Petition unterschrieben. Die gesammelten Unterschriften wurden dann im Rahmen eines Fachgespräches am 9. Mai 2016 dem Bundesjustizministerium übergeben. In einem offenen und sehr interessierten Gespräch konnten wir deutlich machen, warum wir eine Festlegung des Mindestheiratsalters auf 18 Jahre ohne Ausnahme für so wichtig erachten. Zudem haben wir verschiedene Justizminister der Länder zu dem Thema angeschrieben und die Minister von Bayern und NRW haben sich der Forderung angeschlossen. Diese wurde auch auf der Justizministerkonferenz 2016 diskutiert. Die Möglichkeit einer Gesetzesänderung wird geprüft.

Zum Thema Frühehen hat TERRE DES FEMMES im April 2016 einen Input im Familienausschuss gehalten um über die Thematik aufzuklären.

Verantwortung der Religionsgemeinschaften in Deutschland

Es gibt jedoch nicht nur von staatlicher Seite ein Ehemündigkeitsalter. Laut katholischem Kirchenrecht können Mädchen bereits mit Vollendung des 14. Lebensjahres heiraten. Zwar komme dies in der Praxis nicht zur Anwendung, da sich die Kirche in Deutschland nach den staatlichen Vorgaben richte. Jedoch wäre es ein wichtiges Signal, wenn die Deutsche Bischofskonferenz das kirchliche Mindestalter auf 18 Jahre heraufsetzte. Dazu sind wir in Kontakt mit Kardinal Reinhard Marx, dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz.

EU-weite Studie zu Frühehen/Zwangsheirat

In Großbritannien, Österreich, Frankreich und der Schweiz gibt es bereits etablierte Organisationen, die Betroffene beraten, die Öffentlichkeit aufklären und mit Schätzungen von Fallzahlen an die jeweiligen Regierungen herantreten, um Verbesserungen für Betroffene einzufordern. Was bisher fehlte war, ist jedoch eine EU-weite Erhebung über Anzahl und Ausmaß von Frühehen und Zwangsheirat in Europa. Eine solche Studie in Auftrag gegeben wird um könnte den Regierungen den Handlungsbedarf aufzuzeigen und eine länderübergreifende Kooperation bei der Bekämpfung dieses Unrechts zu unterstützen. Wir haben uns dafür eingesetzt, dass eine solche Studie ausgeschrieben wird und haben dafür schon verschiedene Institutionen auf EU-Ebene angeschrieben (European Women’s Lobby EWL, Europäisches Parlament, European Institute for Gender Equality).

Im Sommer 2015 entschied das Europäische Parlament eine Untersuchung zum Thema Zwangs- und Frühehen in Auftrag zu geben. TERRE DES FEMMES steuerte hierzu den Teil für Deutschland bei und führte Zahlenerhebungen durch. In der im Februar 2016 erschienen Untersuchung unter dem Titel „Forced marriage from a gender perspective“ (PDF) werden die rechtlichen Gegebenheiten zu Zwangsverheiratung in den Mitgliedsstaaten der EU dargestellt und deren Tragweite analysiert. Die Studie betrachtet neben erzwungenen standesamtlichen Eheschließungen auch informelle, religiöse oder rituelle "eheähnliche" Bindungen als Zwangsheirat. Auch bestätigt die Studie eine Verbindung zwischen Zwangsverheiratungen und Frühehen. Die Fähigkeit zur Einwilligung – und darin stimmen wir überein – ist erst ab einer bestimmten Reife vorhanden, und das Einvernehmlichkeitskriterium beim Eingehen einer Ehe sonst nicht gegeben!

 

Keine Eheschließung unter 18 Jahren

Genauso wie viele andere ExpertInnen weltweit (UN-Kinder- und -Frauenrechtskomitee, Human Rights Watch, UNICEF etc.) sehen wir eine dringend notwendige Maßnahme im Kampf gegen Frühehen in der Festsetzung eines Mindestheiratsalters von 18 Jahren, ohne Ausnahmen.

Die Abschaffung von Kinder- und Frühehen als eigenständiges Ziel in der Agenda 2030

Sogenannte Früh- bzw. Kinderehen (early/child marriages) sind weltweit ein großes Problem. Nach Schätzungen von UNICEF werden jährlich 15 Millionen Mädchen minderjährig verheiratet. Mittlerweile gibt es internationale Bestrebungen, diese Menschenrechtsverletzung wirksam zu bekämpfen: Durch Aufnahme als eigenständiges Ziel in der Agenda 2030.

Die Agenda 2030 ist das Nachfolgeprojekt der Millenniumentwicklungsziele (MDG), die 2001 definiert wurden und bis zum Jahr 2015 erreicht werden sollten. Neben der Bekämpfung von Armut und HIV/Aids, der Senkung der Kindersterblichkeit und Primarschulbildung für alle ist auch die Gleichstellung der Geschlechter/Stärkung der Rolle der Frauen als ein Ziel genannt worden. Allerdings wurde die Abschaffung von Früh- und Kinderehen nicht explizit erwähnt. Im September 2015 haben auf dem UN-Gipfel in New York zahlreiche Staats- und Regierungschefs die „Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung“ mit 17 nachhaltigen Entwicklungszielen (SDG) verabschiedet. In der Agenda 2030 gibt es unter Ziel 5 „Geschlechtergerechtigkeit und Selbstbestimmung für alle Frauen und Mädchen“ jetzt den Unterpunkt „Beseitigung aller schädlichen traditionellen Praktiken, wie Kinder-, Früh- und Zwangsheirat und weibliche Genitalverstümmelung“.

Negative Entwicklung

Das Unterziel ist auch ein Erfolg des großen gemeinsamen Einsatzes von 146 Organisationen aus mehr als 44 Ländern (darunter TERRE DES FEMMES), die im globalen Netzwerk „Girls Not Brides“ zusammengeschlossen sind und die einen offenen Brief (PDF-Datei) an die beiden Vorsitzenden der Offenen Arbeitsgruppe für Nachhaltige Entwicklung geschrieben haben, und sich seit Beginn des Entstehungsprozesses der Agenda 2030 für die Aufnahme eines eigenständigen Ziels zur Beseitigung von Frühehen eingesetzt haben. Auch wenn wir froh sind, dass Kinder-, Früh- und Zwangsehen Einzug in die Agenda 2030 erhalten haben, hat es doch eine Schwächung in der Formulierung gegeben. Von der ursprünglichen Version „by 2030 end child, early and forced marriage“ über „eliminate all harmful practices, including child, early and forced marriage and FGM“ zu der nun gefundenen Formulierung „eliminate all harmful practices, such as child, early and forced marriage and female genital mutilations“. Dadurch wird der Fokus auf Frühehen geschwächt, denn sie sind „nur“ noch ein Beispiel für schädliche Praktiken und werden nicht mehr als Hauptziel erwähnt.

Diese Entwicklung zeigt, wie schwer es ist, Mädchenrechten weltweit Geltung zu verschaffen. Daher ist es nun wichtig, die Umsetzung der Ziele der Agenda 2030 einzufordern!

 


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