25.11.2005: Offener Brief von TDF an die Bundeskanzlerin Frau Dr. Merkel

Der folgende Offener Brief wurde am Samstag 26.11.2005 in der Frankfurter Rundschau veröffentlicht:

Sehr geehrte Frau Dr. Merkel,

am 22. November wurden Sie als erste Frau in Deutschland zur Bundeskanzlerin gewählt. Dazu gratuliere ich Ihnen im Namen von TERRE DES FEMMES ganz herzlich. Wir hoffen, dass Anliegen von Frauen unter Ihrer Regierung eine besondere Aufmerksamkeit erfahren.

Drei Tage nach Ihrer Wahl, am 25. November, fand der Internationale Tag "NEIN zu Gewalt an Frauen!" statt, der schwerwiegende frauenspezifische Menschenrechtsverletzungen wie Genitalverstümmelung, Vergewaltigung, Häusliche Gewalt, Frauenhandel und Ehrverbrechen anprangert. Millionen von Frauen und Mädchen in aller Welt gingen auf die Straße oder informierten sich auf Diskussionsveranstaltungen.

TERRE DES FEMMES hat diesen Tag in Deutschland bekannt gemacht, denn Misshandlungen durch Ehemänner, Freunde oder Lebenspartner gehören für viele Frauen und ihre Kinder auch hier zum Alltag. Rund 25 Prozent aller Frauen in Deutschland sind oder waren davon betroffen. Häusliche Gewalt ist die häufigste Ursache für Verletzungen von Frauen. Jährlich fliehen rund 45 000 Frauen mit ihren Kindern in Frauenhäuser.

Die aktuelle Kampagne zum 25. November trägt das Motto: "NEIN zu Verbrechen im Namen der Ehre". Damit berühren wir eines der großen Tabus unserer Gesellschaft. Die Grundlage von Ehrverbrechen bildet ein strenger Ehrenkodex, der häufig in Familien mit Migrationshintergrund anzutreffen ist. Den weiblichen Familienangehörigen werden dabei ganz enge Rollen zugewiesen. Verletzen Frauen und Mädchen diese Normen, wehren sie sich gegen eine arrangierte Ehe oder werden sie unehelich schwanger, droht ihnen der Ausschluss aus der Familie und nicht selten der Tod, denn die Familienehre ist verletzt.

Genaue Zahlen über das Ausmaß der Ehrverbrechen existieren nicht, doch unbestritten ist, dass gegen derartige Praktiken entschiedener als bisher vorgegangen werden muss.

Notwendig sind dabei der Ausbau von Zufluchtstellen, eine verbesserte Aufklärung von Multiplikatoren, ein effizienterer Opferschutz, der auch das Aufenthaltsrecht berührt, eine verstärkte empirische Forschung sowie Präventionsarbeit.

Wir hoffen, mit diesen Anliegen bei Ihnen auf offene Ohren zu stoßen und wünschen Ihnen für die vor Ihnen liegenden Aufgaben viel Erfolg.

Mit freundlichen Grüßen,

Christa Stolle
Geschäftsführerin von TERRE DES FEMMES

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