Gedenken an Hatun Sürücü anlässlich des 15. Todestages am 07.02.2020

Aktivistinnen mit Gedenkschildern weiterer Opfer sog. „Ehren“-Morde. Foto: © TERRE DES FEMMES

Am Freitag, den 07. Februar 2020 jährte sich der Todestag von Hatun Sürücü, die am 07. Februar 2005 von ihrem jüngeren Bruder erschossen worden war, zum 15. Mal. In Gedenken an die junge Frau lud die Bürgermeisterin des Bezirks Tempelhof-Schöneberg, Angelika Schöttler, zu einer Kranzniederlegung am Gedenkstein in Berlin-Tempelhof ein.

Gegen 14 Uhr fanden sich über 60 TeilnehmerInnen an der Bushaltestelle Oberlandgarten ein, dem Tatort des Mordes vor 15 Jahren. Neben VertreterInnen aus Politik, wie dem Neuköllner Bezirksbürgermeister Martin Hikel, aus Presse und InteressentInnen der Öffentlichkeit erinnerten auch AktivistInnen und ProjektarbeiterInnen an das Leben der Frau, die für den Wunsch, ein eigenständiges, selbstbestimmtes Leben zu führen, sterben musste.

Breites Bündnis gedenkt gemeinsam

Aktivistinnen von TERRE DES FEMMES sowie die Vorstandsfrau Dr. Necla Kelek machten mithilfe von Gedenkschildern auf weitere Opfer von „Ehren“-Morden und „Ehren“-Mordversuchen aufmerksam, für die Hatun Sürücü symbolisch steht. Genau wie sie wurden in den letzten Jahren Frauen und Männer Opfer der patriarchalen Strukturen ihrer Gesellschaft und mussten aufgrund einer angeblichen „Ehr“verletzung der Frau sterben. Auch VertreterInnen des Projektes HEROES und des Berliner Arbeitskreises gegen Zwangsverheiratung waren vor Ort und gedachten Hatun Sürücü.

In einer kurzen Ansprache erinnerte Angelika Schöttler an das Leben der jungen Frau. Doch sie machte auch auf die heutigen Zustände aufmerksam. Laut einer Studie des BKA wird jeden dritten Tag eine Frau im Familienkontext ermordet. Mit einem Zitat von Simone de Beauvoir warnte die Bezirksbürgermeisterin: „Niemand ist der Frau gegenüber aggressiver oder herablassender als ein Mann, der seiner Männlichkeit nicht ganz sicher ist“. Die patriarchalen Strukturen und die schädlichen Bilder von Männlichkeit müssten beseitigt werden.

Nach einer Schweigeminute legten die TeilnehmerInnen Blumen und Lichter vor den Gedenkstein Hatun Sürücüs.

Gedenkveranstaltung im Rathaus Schöneberg

Die Erinnerung an Hatun Sürücü wurde am Abend im Rathaus Schöneberg fortgeführt. Unter dem Motto „Ein Zeichen setzen für Frauen*- und Mädchen*rechte und ein selbstbestimmtes Leben“ hatten der Berliner Arbeitskreis gegen Zwangsverheiratung und die Frauen- und Gleichstellungsbeauftrage des Bezirksamtes Tempelhof-Schöneberg zu einer Gedenkveranstaltung anlässlich des Todestages Hatun Sürücüs eingeladen.

Um 18 Uhr wurden die Gäste von Dorothea Zimmermann von Wildwasser e. V. begrüßt. Auch die Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler ergriff erneut das Wort und mahnte in Ihrem Grußwort: „Um in der Bekämpfung von Gewalt an Frauen voranzukommen, müssen wir die Rechte von Frauen und Mädchen durchsetzen, wir müssen die patriarchalen Strukturen und die schädlichen Vorstellung von Männlichkeit beseitigen.“

Sie betonte erneut, dass jeder Mensch das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben fernab von überkommenen und schädlichen Geschlechtervorstellungen hat.

Als nächstes trat die Staatsekretärin für Gleichstellung, Frau Barbara König, ans Rednerpult. Im Fall Hatun Sürücü gehe es nicht nur um die Feigheit der Täter, um Gewalt und Bevormundung. „Es geht auch um Mut, Selbstbestimmung, Aufbruch und Bildung“, sagte Frau König. So habe Sürücüs Tod viel bewirkt, u. a. viele Projekte, Beratungen und Organisationen auf das Thema „Ehren“-Mord aufmerksam gemacht. Daher solle ihr Mut auch in Zukunft in Erinnerung bleiben und uns mutig machen.

Das Projekt „HEROES-Unterdrückung im Namen der Ehre“ trug mit der Vorstellung ihres Projekts und mehreren kurzen Rollenspielen zum Programm bei. Das Projekt setzt sich dafür ein, bei jungen Männern mit ehrkulturellem Hintergrund ein Hinterfragen ihrer tradierten patriarchalen Werte anzustoßen. Weiterhin gab es Beiträge vom kurdischen Frauenrat Dest Dan und anonymen Kriseneinrichtung papatya.

Auch das Centre Talma, ein Mädchen- und Jungensportzentrum, in dem Sport und geschlechtsbewusste Kinder- und Jugendsozialarbeit verbunden werden, lieferte an diesem Abend einen kulturellen Beitrag. Mit 3 verschiedenen Tänzen machten die Mädchen und Jungen auf frauenrechtliche Themen, u.a. das Wahlrecht und die Gleichberechtigung der Geschlechter, aufmerksam.

Den krönenden Abschluss bildete Haszcara, eine deutsche Rapperin, die kurzfristig für die wegen Krankheit fernbleibende Sookee eingesprungen war. Die teils gesellschaftskritischen und teils sehr persönlichen Texte der Rapperin, gepaart mit Wortwitz und Empowerment heizten den Louise-Schröder-Saal zum Ende der Veranstaltung richtig ein und rundeten den Abend sehr passend ab.

Kein Einzelfall - aktuelle Zahlen zu „Ehren“- Morde

TERRE DES FEMMES ist alarmiert über die vollendeten und versuchten „Ehren“- Morde, die sich 2019 in Deutschland zugetragen haben. Aufgrund aufwendiger und kritischer Internetrecherche haben wir 12 sogenannte Ehrenmorde (PDF-Datei) gezählt. Noch immer leiden vor allem Mädchen und Frauen unter den rigiden Vorstellungen ihres sozialen Umfelds hinsichtlich des vermeintlich „richtigen“ Verhaltens einer Frau.

 

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Stand: 02/20