Die Annahme, dass Männer einen anderen bzw. stärkeren Sexualtrieb als Frauen haben, ist wissenschaftlich widerlegt.[1] Diese trotzdem weit verbreitete Annahme des starken männlichen Sexualtriebs geht einher mit einer stereotypisierenden und zutiefst sexistischen Vorstellung von Sexualität, bei der Frauen ihre Sexualität nicht auszuleben brauchen, gleichzeitig aber sexuell verfügbar sein sollen.[2] Aus dem angeblich vorhandenen, starken männlichen Sexualtrieb ein Recht auf Prostituierte abzuleiten, bedeutet, dass sich bestimmte Frauen zu opfern haben – u.a. ihre eigene Sexualität unterdrücken müssen – damit Männer ihre Lust ausleben können.

Das Argument der angeblichen Prävention von Vergewaltigungen basiert auf der Annahme, dass ein besonders verletzlicher Teil der Gesellschaft – Frauen in der Prostitution – dafür herhalten muss, damit andere Frauen nicht vergewaltigt werden. Der Mythos, dass Prostitution Vergewaltigungen vorbeugt, suggeriert zudem, dass Prostituierte nicht vergewaltigt werden können. Dabei sind gerade Prostituierte einer extrem hohen Gefahr ausgesetzt vergewaltigt zu werden – von Zuhältern und Sexkäufern gleichermaßen. Studien in mehreren Ländern kommen zu dem Ergebnis, dass ca. 60-75 % der befragten Prostituierten einmal oder mehrmals vergewaltigt worden sind.[3]

Der Mythos, dass Prostitution Vergewaltigungen verhindert, basiert auf mehreren widerlegten, sexistischen und zutiefst problematischen Annahmen. Wir haben alle ein Recht auf unsere Sexualität, aber davon leitet sich kein Recht auf Sex mit anderen ab. Kein noch so hoher Sexualtrieb kann ein Argument sein, um ein ausbeuterisches System zu dulden, dass in der Realität die sexuelle Selbstbestimmung von Frauen unterwandert. Der Sexkäufer kauft Sex, aber es geht genauso um Macht über Frauen. Dies spiegelt sich im frauenverachtenden Frauenbild der Sexkäufer wieder, wie sogenannte „Freierforen“ zeigen.

 

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[1] Conley: Women, Men, and the Bedroom, 2011, S. 296-300.
[2] Kraus: Prostitution, 2016, S. 7f.
[3] Farley: Bad for the Body, Bad for the Heart, 2004, S. 1094f.