Heutzutage wird in der deutschen Politik und in den Medien vorwiegend von Prostitution als Arbeit gesprochen, zum Teil sogar von einer Arbeit wie jede andere. Der Begriff der „Sexarbeit“ bzw. „SexarbeiterInnen“ ist normalisiert geworden und suggeriert die Profanität der Prostitution.[1] Mit dem Konzept von „Sexarbeit“ soll die Handlungsfähigkeit der Prostituierten sowie deren „Arbeitsrechte“ unterstrichen werden.[2] Dabei handelt es sich bei Prostitution keineswegs um eine Tätigkeit wie jede andere.

Der Alltag in der Prostitution ist selten selbstbestimmt.  Fast alle Prostituierte sind massivem Druck ausgesetzt und leiden unter verstärkten Ängsten: Angst vor Gewalt von Kunden, Zuhältern oder Bordellbetreibern, Angst davor schwanger oder krank zu werden, Angst vor der Ausweisung oder Abschiebung, Angst nicht genug Geld zu verdienen.[3] Und diese Ängste sind berechtigt. Ein Großteil der Prostituierten ist wiederholt psychischer und physischer Gewalt, Vergewaltigungen, und Erniedrigungen seitens der Zuhälter oder Sexkäufer ausgesetzt.[4]

Prostitution führt häufig zu zahlreichen, teils chronischen körperlichen Beschwerden und zu einem massivem Gebrauch von Alkohol, Drogen oder Psychopharmaka, um den Prostitutionsalltag ertragen zu können.[5] Dazu kommen psychische Probleme: Depressionen, Burnout und Traumata.[6] Bestehende Traumata aus der Vergangenheit – ein Großteil der Prostituierten hat schon als Kind oder Jugendliche Misshandlungen und sexuelle Gewalt erlebt[7] – werden bei der Prostitution wiederholt reinszeniert und verstärkt.[8] Der Alltag in der Prostitution ist für die meisten Frauen traumatisch. 68 % der Frauen in der Prostitution haben eine posttraumatische Belastungsstörung durch ihre Tätigkeit als Prostituierte, vergleichbar mit der Belastung von Kriegsveteranen oder Folteropfern.[9]

Bei Prostitution von einer „Arbeit wie jede andere“ oder überhaupt von „Arbeit“ zu sprechen ist angesichts der Realität in der Prostitution nicht angebracht. Arbeiterrechte oder Regulierung der Prostitution sind keine Lösung für die prekären Verhältnisse und Gewalt in der Prostitution. Das System der Prostitution ist von Gewalt an Frauen nicht zu trennen.

 

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[1] Honeyball: Bericht, 2014, S. 9.; Fondation Scelles: 4th Global Report, 2016, S. 34.
[2] Fondation Scelles: 4th Global Report,  2016, S. 35-40.
[3] Kraus: Prostitution, 2016, S. 3.
[4] Farley: Prostitution and the Invisibility of Harm, 2003, S. 6; Gugel: Das Spannungsverhältnis zwischen ProstG und Art. 3 II GG, 2010, S. 57f.
[5] Heide: Stellungnahme zur Regulierung des Prostitutionsgewerbes, 2016; Honeyball: Bericht, 2014, S. 10; Kraus: Prostitution, 2016, S. 4.
[6] Gugel: Das Spannungsverhältnis zwischen ProstG und Art. 3 II GG, 2010, S. 59.
[7] Farley: Prostitution and the Invisibility of Harm, 2003, S. 10; Gugel: Das Spannungsverhältnis zwischen ProstG und Art. 3 II GG, 2010, S. 11.
[8] Besser: Stellungnahme zum ProstituiertenschutzG,  2010; Wöller: Traumawiederholung und Reviktimisierung,  2005, S. 83-88.
[9] Farley: Prostitution and the Invisibility of Harm, 2003, S. 23.