Foto: © andlostluggage - photocase.deFoto: © andlostluggage - photocase.deDas öffentliche Bild der Frauen in der Prostitution wird maßgeblich durch die Medien geprägt, da Prostitution meist sehr isoliert vom Rest der Gesellschaft stattfindet.[1] Da liegt es nahe, dass viele Menschen eher an eine selbstbewusste, deutsche Domina denken, die sich ihre „Kunden“ selbst aussucht, die von niemandem abhängig ist, und die Prostitution als tolle Arbeit ansieht. Dabei handelt es sich hier um eine extreme Minderheit unter den Prostituierten, die jedoch in den Medien sehr präsent sind. Unsichtbar bleiben dagegen die vielen Prostituierten aus dem Ausland, die wegen ihrer finanziellen Notlage keine andere Möglichkeit sehen, als in der Prostitution tätig zu sein.

Viele Prostituierte waren beim Einstieg in die Prostitution noch nicht volljährig.[2] Als jetzt erwachsene Frauen wird ihnen jedoch eine freiwillige Tätigkeit in der Prostitution unterstellt. Bekannt ist ebenso, dass Missbrauch und Gewalterfahrung in der Kindheit, Obdachlosigkeit oder Drogen- und Alkoholmissbrauch das Risiko erhöhen, dass Frauen in die Prostitution geraten.[3]

Vor allem Migrantinnen aus ärmeren osteuropäischen Ländern (z.B. Bulgarien, Rumänien und Moldawien), oft aus benachteiligten Minderheiten (wie z.B. Roma oder türkische Minderheiten in Bulgarien) werden teilweise sogar von Familienmitgliedern dazu gebracht sich zu prostituieren oder sie selber sehen dies als einzige Möglichkeit, der Armut zu entkommen und die eigene Familie finanziell zu unterstützen.[4]

Die Bundesregierung räumt ein, dass es „eine soziale Realität [ist], dass viele Prostituierte sich in einer sozialen und psychischen Situation befinden, in der es fraglich ist, ob sie sich wirklich frei und autonom für oder gegen diese Tätigkeit entscheiden können.“[5] Trotzdem betrachtet das Prostitutionsgesetz, Prostituierte, die aus solchen Gründen in die Prostitution geraten, als freiwillige Prostituierte.[6] TERRE DES FEMMES sieht dies anders. Armutsprostitution ist keinesfalls „freiwillig.“

Die meisten Frauen in der Prostitution wollen, wenn überhaupt, nur eine gewisse Zeit in der Prostitution bleiben und die überwiegende Mehrheit würde gerne aussteigen.[7] Der Ausstieg aus der Prostitution gestaltet sich jedoch meist sehr schwierig: (Emotionale) Abhängigkeit zum Zuhälter/Bordellbetreiber, Drogen- oder Alkoholabhängigkeit, Traumatisierung, fehlende Perspektive außerhalb der Prostitution, oder ein mangelndes Selbstwertgefühl, sind einige der Gründe, die einen Ausstieg erschweren.[8] Dazu kommt ihre prekäre Situation in Deutschland: sie haben teilweise keine Aufenthalts- oder Arbeitserlaubnis, sprechen kein oder kaum deutsch, haben meist ein sehr niedriges Bildungsniveau, kennen das Land und ihre Rechte nicht. Von Freiwilligkeit kann hier nicht die Rede. Im System der Prostitution geht es um die sexuelle Ausbeutung von Frauen.

 

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[1] Fondation Scelles: 4th Global Report,  2016, S. 34.
[2] Farley: Prostitution and the Invisibility of Harm, 2003, S.10f.; Jeffreys: Die industrialisierte Vagina, 2014, S. 39.; Schulze: Sexuelle Ausbeutung und Prostitution, 2014, S. 40. 
[3] Gugel: Das Spannungsverhältnis zwischen ProstG und Art. 3 II GG, 2010, S. 11; Wöller: Traumawiederholung und Reviktimisierung, 2005, S. 84.
[4] Honeyball: Bericht, S. 18.; Gugel: Das Spannungsverhältnis zwischen Prostitutionsgesetz und Art. 3 II GG, 2010, S. 10f.
[5] BMFSFJ: Bericht Auswirkungen ProstG, 2007, S. 10.
[6] Gugel: Das Spannungsverhältnis zwischen ProstG und Art. 3 II GG, 2010, S. 13.
[7] Farley: Prostitution and Trafficking in 9 Countries, 2003, S. 34; Honeyball: Bericht über sexuelle Ausbeutung und Prostitution, 2014, S. 14.
[8] BMFSFJ: Bericht Auswirkungen ProstG, 2007, S. 32f.; Honeyball: Bericht, 2014, S. 14.