Was Mädchen wollen – Das war der Themenabend von TERRE DES FEMMES und dem Deutschen Kinderschutzbund

Foto: © TERRE DES FEMMESFoto: © TERRE DES FEMMESTERRE DES FEMMES und der Deutsche Kinderschutzbund (DKSB) haben am 24. Mai zu einem gemeinsamen öffentlichen Abend zum Thema Mädchenschutz eingeladen.

Mehr als 200 Gäste kommen an diesem Abend in die Botschaft für Kinder (Hotel Rossi), um gemeinsam mit den Podiumsgästen und den eingeladenen SchülerInnen zum Thema des Abends „Mädchen im 21. Jahrhundert in Deutschland - verstehen, schützen, stärken“ zu diskutieren.

Frau Prof. Dr. Godula Kosack, Vorstandsfrau von TERRE DES FEMMES eröffnet mit einleitenden Worten die Veranstaltung und kündigt den von TERRE DES FEMMES eigens produzierten Film „Was Mädchen wollen – Mädchen sprechen über Quote, Ängste, Vorbilder und ihre Zukunft“ an.

Der Film lässt fünf Mädchen zwischen 15 und 17 Jahren aus verschiedenen Orten Deutschlands zu Wort kommen. Die Kamera begleitet sie in ihrem Alltag und hört ihnen zu: wie sehen sie unsere Gesellschaft in Bezug auf weibliche Rollenbilder, Frauenrechte und Gleichberechtigung? Die fünf Mädchen erzählen mit einem sehr aufgeklärten Blick, wie sie aufwachsen, was sie sich wünschen und welche Rolle sie als Mädchen und später als Frau in der deutschen Gesellschaft spielen wollen.

Mädchen fordern klare und gerechte Regeln

Filmszene. Foto:© TERRED ES FEMMESFilmszene. Foto:© TERRED ES FEMMESNach lautem Beifall werden zwei der Protagonistinnen von Shelly Kupferberg, die als Moderatorin durch den Abend führt, interviewt. Auf die Frage, wer den Film sehen sollte, antworten Amelie (17 Jahre) und Delia (16 Jahre) einstimmig: Vor allem Männer und Jungen, sollten diesen Film sehen. „Damit sie wissen, wie Mädchen sich fühlen“, so Delia.

Amelie und Delia wünschen sich eine Gesellschaft mit klaren und gerechten Regeln – vor allem, damit Diskriminierungen in zehn Jahren der Vergangenheit angehören. Sie fordern höhere Strafen für Vergewaltiger und sehr konkrete und schnelle Maßnahmen, um die Gehaltsunterschiede zwischen Frauen und Männern zu beenden. Amelie fügt hinzu, dass noch viel zu oft Mädchen ihren eigenen Wert daran messen, wie schlank oder gestylt sie sind. „Dabei sollte das doch gar nicht wichtig sein“.

Auf dem Podium schenken Christa Stolle, Bundesgeschäftsführerin von TERRE DES FEMMES,  Ekin Deligöz, Bundestagsabgeordnete der Grünen und Vorstandsfrau für den Deutschen Kinderschutzbund, Julia Wöllenstein, Lehrerin und Buchautorin, sowie die Kinderärztin Dr. med. Nida Afsar den taffen Mädchen Applaus. Alle Podiumsgäste bewundern, wie eloquent, aufgeklärt und selbstbewusst die Filmprotagonistinnen sind. „Ich wünschte, manche Kollegen im Bundestag wären genauso clever wie ihr!“, so Ekin Deligöz mit einem großen Lächeln.

Mädchenschutz: Status Quo, Rollbacks und falsche Toleranz

Shelly Kupferberg leitet zur Podiumsdiskussion über. Ekin Deligöz und Christa Stolle weisen auf die positiven Entwicklungen der letzten Jahren in Sachen Kinderschutz hin und auf die wichtige Arbeit die TERRE DES FEMMES und der Deutsche Kinderschutzbund (DKSB) insbesondere für Mädchenschutz leisten. Die Verankerung des Rechts von Kindern auf gewaltfreie Erziehung im Jahr 2000 sei ein Meilenstein in Sachen Kinderschutz gewesen, so Ekin Deligöz. Auch die zwei Petitionen von TERRE DES FEMMES, zum Verbot des Kinderkopftuchs an Schulen und die Forderung nach bundesweiten ärztlichen Vorsorgeuntersuchungen (U-Untersuchungen) für Kinder und Jugendliche geben der Politik Impulse, endlich die Gleichstellungsdebatte auch aus Sicht von Mädchen zu führen, so Christa Stolle.

„Haben Sie denn das Gefühl, dass sich die Zeit in Sachen Mädchen- und Frauenrechte gerade zurückdreht“, möchte Frau Kupferberg von ihren Gästen wissen.

Julia Wöllenstein, Autorin des Buches „Von Kartoffeln und Kanaken – warum Integration im Klassenzimmer scheitert“ (Buchbesprechung) und Lehrerin an einer „Brennpunktschule“ berichtet aus ihrem Arbeitsalltag. Sie werde in der Schule sehr oft damit konfrontiert, dass Mädchen unter Druck gesetzt werden. Das beste Beispiel sei für sie der Druck, dem muslimische Mädchen ausgesetzt werden, ein Kopftuch zu tragen. Sie werden zum Beispiel mit dem Vorwurf konfrontiert, keine gute Muslimin zu sein, wenn sie keines tragen. Diese Mädchen müsse man schützen, so Wöllenstein. Dr. med. Nidar Afsar stellt aus rein ärztlicher Sicht keine alarmierende Situation fest. Mädchen seien sogar bei ärztlichen Untersuchungen oft in einer besseren Ausgangslage als Jungen. Sie seien oft aufgeklärter, fitter und psychisch stabiler als Jungen. Wie kommt dann die Diskrepanz zustande, zwischen den Berichten der Filmprotagonistinnen, über ihre Sorgen vor Gewalt und die Angst als Frau zwischen Kindern und Karriere wählen zu müssen?

Alle Podiumsgäste sind sich jedoch einig, dass es auch in der deutschen Gesellschaft Rollbacks gibt. Julia Wöllenstein und Christa Stolle unterstreichen die Tendenz zu „falscher Toleranz“, die dazu führt, dass patriarchale Strukturen sich ohne Gegenwind schleichend wieder ausbreiten. Ekin Deligöz berichtet aus eigener Erfahrung über sexistische Äußerungen und vorgefestigte Frauenbilder im Kopf radikaler Parteien wie die AfD, die massiv im aktuellen Bundestag zum Vorschein kommen.

Gleichberechtigung fängt mit Mädchenschutz an.

Alle Podiumsgäste stellen gesellschaftliche Spaltungen fest, die eine Gefahr für die Gleichberechtigung in unserer Gesellschaft darstellten. „In unserer Gesellschaft ist Armut weiblich und jung“, so Ekin Deligöz. Auch sie spricht sich für klare Regeln aus, die dazu beitragen, gewisse Teufelskreise zu durchbrechen. Julia Wöllenstein sieht ebenfalls eine Kluft zwischen der Lebensrealität von gutausgebildeten und „weniger gut“-ausgebildeten Kindern, die meist aus ärmeren Familienverhältnissen stammen: „An Gymnasien sehe ich ganz viel Hoffnung für eine gleichberechtigte Gesellschaft – an Brennpunktschulen weniger“.

Am Ende der Podiumsdiskussion werden die Gäste mit großem Applaus verabschiedet. Prof. Dr. Godula Kosack bedankt sich bei allen Gästen.

Der öffentliche Abend von TERRE DES FEMMES und dem Deutschen Kinderschutzbund war ein Ruf nach klaren Regeln und nach einem breiten gesellschaftlichen Engagement für Gleichberechtigung. „Denn Mädchen wird man auch nicht stärken, indem man Jungen völlig aus dem Blick lässt“ – auch da waren sich alle einig.

 

 

Fotos: © TERRE DES FEMMES

Stand: 05/2019

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