100 - Wertvolle Früchte

Die Präferenz männlicher Nachkommen ist ein globales Problem, das seit langem existiert und sich in mehreren Ländern bis heute nicht verändert hat. V. a. in Asien wünschen sich Eltern oft Söhne.

Dies hat in erster Linie mit patriarchalen Strukturen und Überzeugungen zu tun, die Frauen als Männern untergeordnet verorten und ihnen weniger gesellschaftlichen sowie wirtschaftlichen Wert zumessen. So kann Land und anderer Besitz meist nur über die männliche Linie vererbt werden. Zudem können einige religiöse und kulturelle Praktiken in Indien, wie z.B. Beerdigungsriten, nur von Söhnen durchgeführt werden, da Reinheitsgebote oder andere kulturspezifische Tabus Töchtern dies verunmöglichen. Auch wird der Familienname und damit das Fortbestehen des Stammbaums ausschließlich durch Männer gesichert. Eltern sind im Alter in Ermangelung funktionierender Sozial- und Rentensysteme auf die Versorgung und Pflege durch ihre Söhne angewiesen, da Töchter den Geschlechternormen und Rollenidealen zufolge in eine andere Familie einheiraten und ab dann als der Familie des Ehemanns zugehörig gelten. Viele Familien sehen Frauen als den Reichtum einer anderen Familie an: die produktiven Kapazitäten einer Frau kommen nicht oder nur für sehr begrenzte Zeit ihrer Herkunftsfamilie zugute, sondern primär ihrer Schwiegerfamilie, also der Familie, in die sie einheiratet. In Indien ist auch das Sprichwort gängig: In eine Tochter zu investieren ist so wie einen fremden Garten wässern.

Daher wird u.a. auf die (Aus-)Bildung der Söhne deutlich größerer Wert gelegt als auf die der Töchter. Außerdem ermöglicht die uneingeschränkte Teilhabe am Arbeitsleben Männern, zum Familieneinkommen beizutragen. Von Frauen wird dagegen i.d.R. erwartet, unentgeltlich den Haushalt zu führen, die Kinder zu versorgen und erziehen sowie alte oder kranke Angehörige der Schwiegerfamilie zu pflegen. Für die Heirat einer Frau muss in Indien außerdem trotz gesetzlichen Verbots immer noch häufig eine Mitgift entrichtet werden. Je nach Kontext können Mitgiftforderungen so hoch ausfallen, dass sie v.a. weniger wohlhabende Familien in den finanziellen Ruin stürzen. Häufig ist die Familie des Bräutigams mit der entrichteten Mitgift auch nicht zufrieden und verlangt sukzessive mehr. Dies kann in Bedrängung, Mobbing und schlimmstenfalls den Mitgiftmord der Braut münden. Bei Neuverheiratung eines Sohnes kann dann eine weitere Mitgift verlangt werden.

Auf dem individuellen und familiären Level bringt die Sohn-Präferenz für Frauen den enormen Druck mit sich, selbst Söhne gebären zu müssen. Erst mit der Geburt eines Sohnes können sie ihren eigenen sozialen Status aufwerten. Problematisch wird dies insbesondere dort, wo politische Maßgaben zur Reduzierung des Bevölkerungswachstums gelten, wie in China. Früher wurden meist so viele Kinder zur Welt gebracht, bis ein Sohn dabei war, wenn aber qua Ein-Kind-Politik nur ein Nachkomme pro Familie erlaubt ist, muss auf andere Weise sichergestellt werden, dass der Nachkomme tatsächlich männlich ist. In der Folge greifen manche Eltern zu drastischen Maßnahmen, wie z.B. Fötizid oder Infantizid von weiblichen Embryos bzw. Kindern. Neuere Technologien wie die Ultraschall-Untersuchung verschlimmern die Situation, da sie häufig zur pränatalen Geschlechtsbestimmung eingesetzt werden und es in der Folge zu geschlechtsselektiver Abtreibung kommt.

Zwischen 1976 und 1977 wurden an einem städtischen Krankenhaus in Indien 96 % der Föten, deren Geschlecht pränatal als weiblich bestimmt worden war, abgetrieben. Dagegen kamen alle 250 Föten, deren Geschlecht als männlich bestimmt worden war, auf die Welt – sogar dann, wenn eine angeborene Fehlbildung diagnostiziert worden war. In einer Mumbaier Klinik waren alle der 15.914 abgetriebenen Föten nach der pränatalen Geschlechtsbestimmung im Jahr 1984/85 weiblich. Der Einsatz der Ultraschall-Technologie zur Geschlechtsbestimmung wurde 1994 in Indien verboten und doch greifen Eltern auch heute noch auf diese Methode zurück (Ritchie und Roser 2019). Geschlechtsselektion findet aber nicht nur pränatal statt, manchmal bringen Eltern neugeborene Mädchen auch postnatal um oder das Kind stirbt im Verlauf der ersten Lebensjahre an schlechter Behandlung oder Vernachlässigung. Jedes 9. Mädchen in Indien stirbt so noch vor dem 5. Geburtstag. Das übliche Geschlechterverhältnis bei Geburt liegt bei 105 Jungen zu 100 Mädchen, in Indien aber bei 111 und in China bei 118 zu 100. Von weltweit 142,6 Mio. fehlenden Frauen kommen 45,8 Mio. auf Indien und 72,3 Mio. auf China (UNFPA 2020).

Der Männerüberschuss führt zu mehr Zwangsheirat und Frauenhandel. 27 % der Frauen in Indien gehen als Kinder in die Ehe. In absoluten Zahlen leben in Indien die meisten frühverheirateten Mädchen weltweit: fast 15,65 Millionen. Am höchsten sind die Frühverheiratungsraten in Zentral- und Westindien. Allein in den Bundesstaaten Rajasthan und Bihar liegt die Kinderehenrate bei 47 % bzw. 51 % (Girls not Brides 2021). Frauen ohne Bildung werden in Indien sechsmal häufiger minderjährig verheiratet als Frauen, die 10 Jahre oder länger zur Schule gegangen sind.

Auch die Rate von sexualisierter Gewalt ist in Indien sehr hoch. 2019 wurden nach Angaben der indischen Kriminalstatistikbehörde NCRB täglich 88 Vergewaltigungen gemeldet. Am höchsten lag die Vergewaltigungsrate im Bundesstaat Rajasthan mit 6.000 Fällen, gefolgt von Uttar Pradesh mit 3.065 Fällen im Jahr 2019. Arme Frauen, Frauen indigener Herkunft und Frauen, die einer sogenannten niederen Kaste angehören, wie z.B. den Dalits, die auch als Unberührbare bezeichnet werden, sind am stärksten betroffen. Wie in einem Artikel von Sudha Ramachandran in The Diplomat vom 5.10.2020 dargestellt, waren die Betroffenen in 11 % der 2019 gemeldeten 32.033 Vergewaltigungsfälle in Indien Dalit-Frauen.

Die Populärkultur in Indien setzt Männlichkeit häufig mit Aggressivität gleich. Männer und Jungen werden dazu angehalten, Frauen und Mädchen sexuell nachzustellen und sie, wenn nötig, gefügig zu machen bzw. ihnen eine Lektion zu erteilen. Die Vergewaltigung einer Dalit-Frau beruht aber nicht nur auf Misogynie und einem schädlichen Verständnis von Männlichkeit. Nicht nur die Betroffene selbst soll bestraft und erniedrigt werden, sondern auch ihre Familie und Gemeinschaft. Die Vergewaltigung soll die Machtlosigkeit der niederen Kaste und v.a. deren männlicher Angehöriger, ihre Frauen zu beschützen, unterstreichen sowie die Omnipotenz und Straflosigkeit der Aggressoren.

Trotz einer Strafrechtsreform 2013 ist die Vergewaltigungsrate in Indien zwischen 2009 und 2019 um 31 % gestiegen. Was diesen alarmierenden Trend eventuell umkehren könnte, wären verlässliche und konsequente Bestrafungen der Taten. 2019 endeten jedoch nur 27 % der Vergewaltigungsprozesse in Indien mit einer Verurteilung.