98 - Bevormundung

Eine Vormundschaft im heutigen Deutschland ist laut dem Gabler Wirtschaftslexikon eine gesetzlich geregelte und staatlich beaufsichtigte Fürsorge für die Person und das Vermögen einer Person, die ihre Angelegenheiten nicht selbst erledigen kann und daher schutzbedürftig ist. Der Rechtsbegriff der Geschlechtsvormundschaft hat in Deutschland keine Gültigkeit mehr, existiert aber noch in der Gesetzgebung anderer Länder. Geschlechtsvormundschaft heißt, dass Frauen in einigen Rechtsbereichen einen männlichen Vormund, z. B. ihren Vater oder Ehemann, brauchen.

Das bekannteste Beispiel für die Präsenz und Vielgestaltigkeit von Geschlechtsvormundschaft ist Saudi-Arabien. Erst im August 2019 wurden Reformen zur Abschwächung wirksam, die Geschlechtsvormundschaft hat aber nach wie vor Bestand. Als männlicher Vormund einer Frau tritt in Saudi-Arabien zunächst der eigene Vater und nach der Heirat der Ehemann auf. Sollte der Vater oder Ehemann sterben, kann auch der Bruder oder Sohn der Frau als Vormund fungieren. Bis zu den Reformen im August 2019 wurden Frauen in Saudi-Arabien gesetzlich wie Minderjährige behandelt. Sie durften nur mit Erlaubnis ihres männlichen Vormunds arbeiten gehen, Geburten und Todesfälle behördlich eintragen und beurkunden lassen, das Familienstammbuch einsehen sowie medizinische Entscheidungen über ihren Körper, ihre Schwangerschaften und Kindergeburten treffen.

Zudem war ihnen untersagt, ohne männliche Begleitung ins Ausland zu reisen oder sich dort aufzuhalten.

Dafür hatte die saudische Regierung sogar eine App mit dem Namen Absher geschaffen, die über Google oder Apple bezogen werden konnte und dem männlichen Vormund ermöglichte, seiner Frau, Schwester oder Tochter eine Genehmigung zum Reisen zu erteilen oder zu verweigern.

Nicht zuletzt durften Frauen keine Vormundschaft für ihre Kinder übernehmen. Trotz der Lockerungen ist eine vollständige Gleichberechtigung der Geschlechter auch heute noch weit entfernt, denn saudische Frauen brauchen nach wie vor die Genehmigung eines männlichen Vormunds, um heiraten oder sich scheiden lassen zu dürfen, aus dem Gefängnis entlassen zu werden oder aus einem Frauenhaus auszuziehen. Unverändert können sie ihre Staatsbürgerschaft nicht an die eigenen Kinder weitergeben und ein männlicher Vormund darf seine Frau weiterhin für Ungehorsam belangen, u.a. wenn sie nicht zu Hause anzutreffen ist. Saudi-Arabien hat zwar die UN-Konvention zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau (engl. CEDAW) unterzeichnet, jedoch nur unter dem Vorbehalt, dass CEDAW nicht eingehalten werden muss, wenn Bestimmungen den Vorgaben des islamischen Rechts, der Scharia, widersprechen.

In Europa gab es Geschlechtsvormundschaft schon in der Antike. Ehevormundschaft endete erst im 20. Jahrhundert. In Deutschland hatte ein Mann bis 1958 das alleinige Bestimmungsrecht über seine Ehefrau und die gemeinsamen Kinder. Eine Frau durfte nur mit Erlaubnis ihres Ehemannes arbeiten, und selbst wenn er dies erlaubte, stand die Verwaltung ihres Lohns ihm zu. Er konnte den Anstellungsvertrag seiner Frau zudem nach eigenem Ermessen und ohne ihre Zustimmung fristlos kündigen. Das änderte sich erst 1977! Ohne Zustimmung des Ehemanns durfte eine Frau bis 1962 kein eigenes Bankkonto eröffnen. Erst nach 1969 wurde eine verheiratete Frau als geschäftsfähig anerkannt. Lehrerinnen mussten bis 1950 zölibatär leben. Heirateten sie, mussten sie ihren Beruf aufgeben. Erst 1957 wurde deutschlandweit die Regel aufgehoben, dass Lehrerinnen nach ihrer Heirat nur dann berufstätig bleiben durften, wenn das Familieneinkommen für ihre Versorgung nicht ausreichte. Der Erwerb des Führerscheins war beiden Geschlechtern ab 1909 möglich. Frauen mussten dafür bis 1958 jedoch die Erlaubnis ihres männlichen Vormunds einholen und blieben daher eine absolute Ausnahme am Steuer.

Bis 1977 galt außerdem das Schuldprinzip: es war nicht möglich, sich scheiden zu lassen, ohne dass eine der Partnerinnen die Schuld für das Scheitern der Ehe auf sich nahm. Die Schuldige bekam i.d.R. keine Unterhaltszahlungen und nur selten das Sorgerecht für die gemeinsamen Kinder. Frauen wurden damit hochgradig diskriminiert, weil sie finanziell oft vollständig von ihren Ehepartnern abhingen und der Verzicht auf Unterhalt zwangsläufig in Existenznot gemündet hätte. Erst seit 1991 dürfen Frauen nach der Eheschließung ihren Nachnamen beibehalten.

Nicht nur in Saudi-Arabien, sondern auch in vielen anderen Staaten bestehen v.a. die eheliche Geschlechtsvormundschaft oder geschlechtsbasierte Diskriminierungen im Familienrecht mit ähnlicher Stoßrichtung und Wirkung fort. In 40 Ländern der Welt ist heute per Gesetz nur der Mann Haushaltsvorstand (OECD 2019), v.a. im westlichen und mittleren Afrika sowie im westlichen Asien. In 27 Ländern muss eine Ehefrau ihrem Ehemann qua Gesetz gehorchen. Rechtliche Folgen für Frauen, die dies nicht tun, sehen 16 Länder vor. Das Sorgerecht von Frauen für ihre Kinder schränken 34 Länder ein.