97 - Ende ohne Happy

Eine Frühehe bedeutet meist das abrupte Ende der Kindheit. Oft können Mädchen die Schule nicht beenden oder einen Beruf erlernen und haben so auch keine Möglichkeit, sich berufliche Zukunftsperspektiven und finanzielle Unabhängigkeit zu erschließen. Mit jedem Jahr, das ein Mädchen früher in die Ehe geht, sinkt die Wahrscheinlichkeit eines höheren Schulabschlusses um bis zu 10 % (Weltbank 2017). Sowohl bei den Alphabetisierungsraten als auch in der Grundbildung zeigte eine Überblicksstudie zu 31 Ländern in Afrika südlich der Sahara und fünf asiatischen Ländern ein starkes Ungleichgewicht zwischen jungen Frauen, die minder- oder aber volljährig in die Ehe gegangen waren: Mädchen, die vor ihrem 18. Geburtstag in die Ehe gegangen waren, hatten durchschnittlich nur 2,9 (Afrika) bzw. 3,9 (Asien) Jahre Schulbildung genossen, im Vergleich zu 5,3 bzw. 7,7 Jahren bei Mädchen, die nach ihrem 18. Geburtstag geheiratet hatten. Kinderehen münden gerade bei Mädchen oft in ein lebenslanges Abhängigkeitsverhältnis.

Auch wird von jungen Ehefrauen häufig erwartet, rasch ein Kind zu bekommen. Dem Weltbevölkerungsbericht 2020 von UNFPA zufolge erfolgen 90 % der Geburten durch 15- bis 19-Jährige im Globalen Süden in der Ehe (WHO 2008). In Afrika südlich der Sahara haben 96 % der Frauen zwischen 20 und 24 Jahren, die vor dem 18. Geburtstag verheiratet waren, schon mindestens ein Kind geboren. 56 % von ihnen haben im ersten Ehejahr entbunden und 28 % weniger als 24 Monate nach der ersten Geburt ein weiteres Kind zur Welt gebracht. In Lateinamerika und der Karibik hatten 86 % der minderjährig verheirateten Frauen bereits vor ihrem 20. Geburtstag ihr erstes Kind entbunden. Bei Schwangerschaft und Kindergeburt im Alter zwischen 15 und 19 Jahren treten sehr viel häufiger Komplikationen auf als in einem späteren Alter. Häufig ist der Körper einer Minderjährigen noch nicht ausreichend entwickelt, um eine Schwangerschaft auszutragen.

Eines der Hauptrisiken für Mädchen, die zu jung gebären, sind Scheidenfisteln - ein Hohlraum zwischen Scheide und Rektum, Blase und Rektum oder auch Beiden, was zu andauernder Inkontinenz führt. Oft wird eine Frau dafür von Ehemann oder Familie verstoßen und von der Versorgung ausgeschlossen. Mit 90 % ist ein stark verzögerter Geburtsverlauf die Hauptursache für Scheidenfisteln. Ist die Beckenöffnung noch zu klein und der Kopf des Babys bleibt im Geburtskanal hängen, wird das weiche Gewebe der Vagina eingeklemmt und der anhaltende Druck verursacht die Fistel.

Bei minderjährigen Müttern gibt es ein erhöhtes Risiko für Totgeburten, eine höhere Sterblichkeitsrate bei Neugeborenen, ein niedrigeres Geburtsgewicht sowie mehr Krankheits- und Todesfälle bei Säuglingen und Kindern. Die Wahrscheinlichkeit einer Totgeburt oder des Todes des Neugeborenen liegt bei Gebärenden unter 20 Jahren sogar um 50 % höher als bei jungen Frauen, die später gebären (WHO 2017). Zudem sind Komplikationen während der Schwangerschaft und bei der Geburt weltweit die häufigste Todesursache bei Mädchen zwischen 15 und 19 Jahren. Das Risiko der Müttersterblichkeit ist für Mädchen in diesem Alter rund 28 % höher als für Frauen zwischen 20 und 24 Jahren. Schon durch die Hinauszögerung der ersten Geburt bis zum 20. Geburtstag einer Frau kann das Risiko der Müttersterblichkeit also erheblich reduziert werden. Frühverheiratete Frauen, die jung Mutter werden, bekommen zudem im Durchschnitt mehr Kinder als Frauen, die später heiraten.

Auch werden minderjährige Ehefrauen oft von ihren Herkunftsfamilien, Freundinnen und dem weiteren sozialen Umfeld isoliert. Deshalb und aufgrund ihrer schwächeren Position, die sich oft allein aus dem Altersunterschied zum Ehemann ergibt, sind sie häufiger häuslicher Gewalt, sexuell übertragbaren Infektionen wie HIV, und ungewollten Schwangerschaften ausgesetzt. Häufig kennen junge Frauen auch ihre sexuellen und reproduktiven Rechte noch nicht oder können diese gegenüber dem meist älteren Ehemann nicht durchsetzen bzw. zumindest die Verwendung von Verhütungsmitteln verlangen. Kinderehen sind eng mit geschlechtsspezifischer Gewalt verbunden, weil sie durch Altersunterschiede, das Machtungleichgewicht zwischen den Eheleuten, eingeschränkte weibliche Autonomie und Selbstbestimmung, soziale Isolation und geschlechtsspezifische Normen gekennzeichnet sind, welche männliche Kontrolle und Gewalt rechtfertigen oder zumindest dulden.
Junge Ehefrauen tragen sehr früh schon Verantwortung für die Versorgung von Kindern und einen Haushalt, der oft noch weitere Angehörige des Ehemanns einschließt. Die Nachteile können sich auch in die nächste Generation fortsetzen, denn Kinder von jungen Müttern haben schlechtere Überlebens- und Bildungschancen.

Auch frühverheiratete Jungen werden in Rollenmodelle gezwungen, für die sie oft noch nicht bereit sind. So kann ihnen im jugendlichen Alter die Pflicht auferlegt werden, für eine ganze Familie materiell zu sorgen und alle wesentlichen Lebensentscheidungen für jedes einzelne Familienmitglied zu treffen. Ihre eigenen Bildungs- und Entwicklungschancen werden so ebenfalls stark eingeschränkt.

In 20 Ländern weltweit liegt das Mindestalter für eine Heirat ohne besondere elterliche oder gerichtliche Zustimmung für Mädchen und/oder Jungen bei 17 Jahren oder darunter. Gesetze sind ein wichtiger Schritt zur Verhinderung von Frühehen, aber bei weitem nicht der Einzige: Ehe und Familie gelten in etlichen Ländern als Schlüssel für das Überleben und Wohlergehen von Mädchen und Frauen. Gleichzeitig sind sie häufig ein Schauplatz von Diskriminierung und Gewalt, schädliche Praktiken eingeschlossen.

Wo Frauen und Mädchen aufgrund des sozialen und wirtschaftlichen Wandels und sich verändernder Geschlechternormen Alternativen zu einer Heirat und einen stärkeren Einfluss auf Familienplanung bzw. Entscheidungen über Zeitpunkt und Anzahl der Kindergeburten haben, findet fast automatisch ein Umdenken statt. Durch den öffentlichen Diskurs müsste dieses Umdenken aber noch gefördert werden. So sollte eine Frage z.B. lauten, inwieweit die Ehe eine Quelle von Ressourcen und Respekt sein kann, und eine andere, welche anderen Quellen einen gleichberechtigten Zugang zu Land, bezahlter Arbeit, Erbschaft und Bildung für Frauen und Mädchen gewährleisten.