96 - Verquere Familienehre

Manche mögen Stolz und Zugehörigkeit damit verbinden, andere Pflichten und Druck. In stark patriarchalen Kontexten kann der Erhalt der Familienehre Grund für eine (frühe) Zwangsverheiratung sein. Dabei wird mind. eine der Beteiligten durch Gewalt oder Drohungen zum Eingehen einer Ehe gezwungen. Bei einer Zwangsverheiratung im Namen der vermeintlichen Familienehre wollen Eltern oft sicherstellen, dass ihre Tochter als Jungfrau verheiratet wird.

Eine rechtzeitige Verheiratung soll vor einem als schädlich, ggf. auch als zu westlich erlebtem Lebensstil schützen und folglich die Ehre der Familie sichern. Auch wenn Eltern homosexuelle Neigungen bei Tochter oder Sohn vermuten oder sich das eigene Kind geoutet hat, versuchen Eltern dieser oft als nicht akzeptabel oder sündhaft empfundenen sexuellen Orientierung mit einer Zwangsverheiratung entgegenzuwirken. Weitere Motive wie der Erhalt von Geld oder einem Aufenthaltstitel für die Eheschließung können eine Rolle spielen. Meist wird ein Ehemann ausgesucht, der aus dem Familienumfeld oder engen Freundeskreis kommt. Die Vermutung dahinter: so jemand stiehlt sich nicht einfach aus der Verantwortung, sondern wird die Tochter und deren Kinder lebenslang versorgen. 93 % der Betroffenen von Zwangsverheiratung in Deutschland sind weiblich (BMFSFJ 2011). Oft werden sie in den Ferien im Herkunftsland der Eltern gegen ihren Willen verlobt oder verheiratet. Aber: Freie Partnerinnenwahl ist ein Menschenrecht!

In fast allen Ländern der Welt ist eine Zwangsverheiratung gesetzeswidrig. In Deutschland wird Zwangsverheiratung nach § 237 StGB mit bis zu 5 Jahren Haft geahndet. Auch Heiratsverschleppung ins Ausland wird bestraft. Allein der Versuch ist strafbar. Zwangsverheiratungen, die im Ausland vollzogen wurden, sind ebenfalls strafbar, da der Straftatbestand in den Katalog der Auslandstaten aufgenommen wurde. Dementsprechend können Tatpersonen, unabhängig von der jeweiligen Gesetzeslage vor Ort, in Deutschland verurteilt werden, vorausgesetzt, die Betroffenen haben ihren Wohnsitz oder regelmäßigen Aufenthalt in Deutschland.

Die vom BMFSFJ in Auftrag gegebene und von der Hamburger Lawaetz-Stiftung durchgeführte Studie Zwangsverheiratung in Deutschland – Anzahl und Analyse von Beratungsfällen von 2011 untersuchte die Problematik der Zwangsehe erstmals bundesweit. Datengrundlage waren die Angaben von 830 Beratungseinrichtungen aus dem Jahr 2008. Darüber hinaus wurden Untersuchungen u. a. in Schulen und Einrichtungen der Jugendhilfe durchgeführt. 2008 wurden insgesamt 3.443 Personen in den Beratungsstellen registriert. In 40 % der Fälle war bereits eine Zwangsheirat vollzogen worden, 60 % waren von einer Zwangsehe bedroht. Die Dunkelziffer muss schon deshalb als höher angesehen werden, da sich von 1.445 Beratungsstellen nur 830 Einrichtungen zurückgemeldet hatten. Zudem hatten 25 % der Befragten über weitere betroffene Familienmitglieder berichtet. Etwas mehr als die Hälfte der dokumentierten Zwangsverheiratungen (52 %) wurden im Ausland durchgeführt oder dort geplant. 36,2 % der von Zwangsverheiratung Bedrohten befürchteten, dauerhaft gegen ihren Willen im Ausland verbleiben zu müssen.
Zwangsverheiratete oder davon Bedrohte sind fast zur Hälfte (44 %) deutsche Staatsbürgerinnen, die Mehrheit der Beratenen hatte jedoch einen Migrationshintergrund. Die meisten wurden in Deutschland geboren (32 %), gefolgt von der Türkei (23 %), Serbien, Kosovo oder Montenegro (8 %) und dem Irak (6 %). Die Eltern der Betroffenen waren zu 83 % Muslime. Bei ihnen war die Türkei mit 44 % das häufigste Herkunftsland. Knapp zwei Drittel der Betroffenen von Zwangsehen (59,4 %) stammten aus stark religiösen Familien.

Die Studie legte auch den Zusammenhang zwischen Zwangsheirat und familiärer Gewalt offen: zwei Drittel der Betroffenen (67 %) erlebten psychische oder körperliche Gewalt, 27 % erzählten von Bedrohungen mit Waffen und/oder Morddrohungen, 11 % berichteten, sexualisierte Gewalt erlitten zu haben.