95 - Eine Frage der Ehre?

Welche Gefühle verbindet ihr mit dem Begriff Ehre? Was verletzt eure Ehre?

Weltweit werden jährlich 5.000 Ehrenmorde begangen, meist in Südasien – in Indien und Pakistan allein 2.000 – und im Mittleren Osten (UNFPA 2000). Die Dunkelziffer gilt als weit höher. Ehre oder Familienehre wird in kulturellen Kontexten unterschiedlich definiert. In stark patriarchalen Gesellschaften ist die Familienehre abhängig vom richtigen (sexuellen) Verhalten der weiblichen Mitglieder. Werden Verstöße gegen die tradierten Normen bekannt, schädigt das die Ehre und das gesellschaftliche Ansehen der gesamten Familie. Eine Frau muss z.B. jungfräulich in die Ehe gehen und in der Ehe treu sein. Selbst der Verdacht oder ein Gerücht über den Umgang eines weiblichen Familienmitglieds mit einem fremden Mann oder Jungen kann bereits als Ehrverletzung gelten. Auch eine Vergewaltigung kann zum Verlust der Familienehre führen. Zudem kann eine Frau die Familienehre verletzen, wenn sie nicht den gewünschten Partner hat, sich von ihrem Partner trennt oder eine gleichgeschlechtliche Partnerschaft eingeht bzw. eingehen will. Auch ein westlicher Lebensstil kann als Ehrverletzung wahrgenommen werden.

Aufgabe der Männer ist es, das Verhalten der Frauen zu kontrollieren und die Ehre zu schützen. Ein Ehrenmord kann in diesem Kontext als notwendige Reaktion auf eine Ehrverletzung gelten. Es findet eine Form der Selbstjustiz statt. Gewalt im Namen der Ehre wird i.d.R. von der ganzen Familie ausgeübt. Als Tatpersonen kommen demnach mehrere Personen in Frage: Vater, Bruder, Onkel, Cousin etc. Auch der Kreis der potenziellen Betroffenen ist dementsprechend größer (Schwester, Tochter, Cousine etc.).

Eine verletzte Familienehre ist erst dann bereinigt, wenn die Beschuldigte umgebracht worden ist. Daher besteht auch viele Jahre, nachdem ein Mädchen oder eine Frau vor ihrer Familie geflohen ist, die Gefahr, von der Familie umgebracht zu werden. Die Frauen müssen sich oft ihr ganzes Leben lang verstecken.

Die Aufklärungsrate von Ehrverbrechen ist in stark patriarchalen Gesellschaften sehr niedrig: häufig wird der Ehrenmord von den Familien als Unfall oder Selbstmord dargestellt oder es wird eine Vermisstenmeldung aufgegeben, um die Behörden zu täuschen. Zudem ist die Bereinigung der Familienehre in stark patriarchalen Kontexten gesellschaftlich legitimiert. Die Polizei wird in vielen Fällen nicht aktiv, um bedrohte Mädchen und Frauen zu schützen. Im Gegenteil: bedrohte Frauen, die bei der Polizei Schutz suchen, werden oft wieder zu ihren Familien zurückgeschickt und kurz darauf ermordet aufgefunden.

In einigen Ländern wie Jordanien existieren spezielle Gesetze, die eine Strafmilderung oder Straffreiheit für Ehrverbrechen ermöglichen. Dann kann z.B. ein mildes Urteil ergehen, wenn ein Angeklagter durch provokantes oder unrechtes Verhalten der Betroffenen gereizt wurde. Die Tatpersonen erhalten oft nur geringe Gefängnisstrafen von ca. 6 Monaten. Häufig werden zudem minderjährige Brüder der Frau vorgeschoben, die Tat zu begehen, um von vornherein eine Strafmilderung oder Straffreiheit zu erwirken. In einigen Ländern, v.a. auf dem südasiatischen Kontinent, ist auch informelle Gerichtsbarkeit gängig und kann Frauen erheblich benachteiligen oder schlimmstenfalls zu ihrem Tod führen. Überall, wo die gesetzliche Strafverfolgung nicht stark genug ist oder arme Menschen sie sich nicht leisten können, wird auf Stammesgerichte oder kastenbasierte Dorfjustizsysteme (Panchayat) zurückgegriffen. Es kann durchaus vorkommen, dass diese im Fall eines Ehrverbrechens die Bestrafung oder den Tod einer Frau verlangen.