94 - Kind bleiben dürfen

Für TERRE DES FEMMES ist Frühverheiratung eine Form der Zwangsverheiratung. Selbst bei Zustimmung können Kinder die Folgen einer Frühehe oft nicht einschätzen. Das Recht auf Selbstbestimmung und freie Partnerinnenwahl bleibt ihnen so verwehrt. Um Frühehen zu verhindern, muss das Mindestheiratsalter weltweit – so wie in Deutschland 2017 – auf ausnahmslos 18 Jahre angehoben werden. Außerdem muss Bildung allen Mädchen und Frauen zugänglich sein: in Schulen können Mädchen über ihre Rechte aufgeklärt und Alternativen zu einer Frühverheiratung aufgezeigt werden.

Schätzungsweise 650 Millionen heute lebende Mädchen und Frauen sowie 115 Millionen Jungen und Männer weltweit wurden vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet. Jährlich werden 12 Millionen Mädchen frühverheiratet (UNICEF 2018).

In Deutschland wurde das Mindestheiratsalter bzw. das Alter der Ehemündigkeit am 22. Juli 2017 auf ausnahmslos 18 Jahre festgelegt. Eheschließungen sind nur noch möglich, wenn beide Eheleute volljährig sind. Bis dahin war eine Heirat zwischen einer Person, die das 16. Lebensjahr vollendet hatte, und einer volljährigen Person erlaubt, wenn das Familiengericht dem zustimmte. Diese Ausnahme gilt nun nicht mehr. Ehen, die unter Verstoß gegen die neue Ehemündigkeitsbestimmung im Alter zwischen 16 und 18 Jahren geschlossen wurden, werden zukünftig durch richterliche Entscheidung aufgehoben. Wenn eine der verheirateten Personen zum Zeitpunkt der Heirat das 16. Lebensjahr noch nicht vollendet hatte, ist die Ehe automatisch und ohne ein gerichtliches Verfahren ungültig. Diese Regelungen greifen auch, wenn eine Frühehe nach ausländischem Recht geschlossen wurde. Bei Aufhebungen von Ehen ist allerdings zu prüfen, ob Kinder nicht zusätzlichen Risiken ausgesetzt werden bzw. das Wohl des Kindes muss Grundlage für jede juristische Entscheidung sein. So kann es etwa sein, dass betroffene Mädchen bei Annullierung der Ehe Unterhalts- und Erbrechtsansprüche verlieren oder gemeinsame Kinder als nichteheliche Kinder angesehen werden. Daher ist immer der Einzelfall zu prüfen.

2016, also vor der Gesetzesänderung, lebten 1.475 minderjährig Verheiratete in Deutschland, 78 % davon weiblich (Statista 2016). Am häufigsten von einer Frühehe in Deutschland betroffen waren Minderjährige aus Syrien (664 bzw. 45 %), Afghanistan (157 bzw. 11 %), dem Irak (100 bzw. 7 %), Bulgarien (65 bzw. 4 %), Polen (41 bzw. 3 %), Rumänien (33 bzw. 2 %) und Griechenland (32 bzw. 2 %). 994 der Jugendlichen (67 %) waren 16 bis unter 18 Jahre alt, 361 (24 %) jünger als 14 Jahre. Von 2017 bis 2019 wurden 813 Kinderehen gemeldet (TDF 2019), jedoch nur 10 davon aufgehoben. Das Problem besteht u.a. im Fehlen einer bundesweit einheitlichen Regelung, welche Behörde für das Thema Frühehen verantwortlich ist. Viele Bundesländer führen auch keine Statistiken über Kinderheirat. Vor diesem Hintergrund werden viele Fälle gar nicht erst gemeldet. Manchmal fällt erst auf, dass ein Mädchen minderjährig ist, wenn die Geburt des ersten Kindes im Standesamt registriert wird.

Die Corona-Krise verschärft das Problem noch weiter. Viele Schulen, Sport- und Freizeiteinrichtungen für Jugendliche und weitere Orte, an denen Frühehen häufig bemerkt werden, Betroffene Unterstützung finden können und Präventionsprojekte durchgeführt werden, wurden geschlossen. Auch die nach rein religiösem oder sozialem Ritus geschlossene Frühehe ist ein Problem. Sie ist genauso bindend, steht aber bisher nicht unter Strafe. Daher bräuchte es den Zusatz eheähnliche Verbindungen im Gesetz.