93 - Anreize

Trotz eines vielerorts gesetzlich festgelegten Mindestheiratsalters von 18 Jahren finden sogenannte Kinderheiraten nach dem Weltbevölkerungsbericht 2020 von UNFPA weltweit jeden Tag 33.000-mal statt. Eine Kinderheirat liegt dann vor, wenn mindestens eine der Ehepartnerinnen das 18. Lebensjahr noch nicht vollendet hat. Insgesamt sind 765 Mio. Menschen als Kinder verheiratet worden, 650 Mio. davon weiblich (UNICEF 2019). Kinderheirat ist unter den heute noch existenten schädlichen traditionellen Praktiken gegen Frauen und Mädchen, wie weiblicher Genitalverstümmelung, Brustbügeln, Ernährungstabus, Brautpreis oder weiblichen Fötiziden, am weitesten verbreitet. Kinderheiraten kommen weltweit, in allen ethnischen, sozialen und religiösen Kontexten vor, besonders stark sind sie aber in stark hierarchisierten Gesellschaften verbreitet, in denen Männer über Frauen und Ältere über Jüngere Macht haben und Mädchen nicht bei den ihr eigenes Leben betreffenden Entscheidungen mitreden dürfen. Kinderheiraten gehen mit hohen wirtschaftlichen Folgekosten einher. Die Weltbank schätzt den Verlust an Humankapital allein in den 12 Ländern, in denen Frühverheiratungen am weitesten verbreitet sind, von 2017 bis 2030 auf 63 Milliarden US-Dollar - ein Vielfaches dessen, was diese Länder an Entwicklungshilfe beziehen.

Armut, Unsicherheit und fehlende Bildungs- bzw. Berufschancen lassen eine Kinderehe im Kontext von Geschlechterungleichheit oft als die beste Wahl für Mädchen erscheinen. Von den Mädchen, die z.B. in Indien minderjährig verheiratet wurden, gehörten 46 % der untersten Einkommensschicht an. Trotz der Einführung kostenfreier Grundbildung in vielen Ländern stellen die Kosten für Transport, Bücher und Schuluniformen für arme Familien oft Hürden dar. Für die weiterführende Schule fallen in der Regel Gebühren an. In kinderreichen Familien wird häufig Söhnen der Vorzug gegeben, wenn das Geld nicht reicht, um Alle zur Schule zu schicken. Gerade im Globalen Süden haben Mädchen daher kaum Chancen auf berufliche Perspektiven und ein eigenes Einkommen. Von einer Frühverheiratung versprechen sich Eltern dann die Absicherung der Tochter.

Manche Familien möchten durch Kinderehen auch Bündnisse schließen oder festigen, Schulden begleichen oder Streitigkeiten beilegen. Einige hoffen, dass ihre Kinder genug eigene Kinder bekommen, damit sie im Alter versorgt sind. Oder sie müssen für eine jüngere Braut weniger Mitgift zahlen bzw. erhalten einen höheren Brautpreis. Oft soll die Ehe vor sexualisierter Gewalt oder Ehrverlust durch vorehelichen Sex schützen.

Humanitäre Krisen befördern Kinderehen. Die Zahl der Mädchen, die vor ihrem 18. Geburtstag, im Jemen heiraten, stieg von 50 % vor dem Ausbruch des Bürgerkrieges auf über 65 % heute. Vor dem Syrien-Krieg 2011 wurden 13 % der Mädchen dort frühverheiratet, 2018 waren es in Jordanien 36 % und im Libanon 41 % der aus Syrien geflüchteten Mädchen (IBEI 2018).

Wenn Mädchen selbst die Wahl haben, entscheiden sie sich fast immer dafür, später zu heiraten. Daher ist Bildung ein Schlüssel zur Verhinderung von Frühehen: je besser Mädchen befähigt werden, ihre Rechte zu kennen, eigene Entscheidungen zu treffen und ihre Zukunft zu planen, desto seltener werden sie frühverheiratet. Mädchen ohne Schulbildung werden dreimal und Mädchen mit Grundschulabschluss doppelt so häufig frühverheiratet wie Mädchen mit einer Sekundarschul- oder weiterführenden Bildung. In Indien wurden z.B. 51 % der Mädchen ohne Schulbildung im Vergleich zu 29 % der jungen Frauen mit Sekundarschulbildung und lediglich 4 % der jungen Frauen mit weiterführender Bildung vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet. In Niger schließen nur 17 % der Mädchen die Sekundarstufe I ab und 76 % der Mädchen – weltweit die meisten – werden minderjährig verheiratet.