92 - Abtrainiert

Nur manche Männer, die Gewalt ausüben, werden gerichtlich zu Anti-Aggressionstrainings verpflichtet. In den Trainings werden sie mit ihrem Verhalten konfrontiert. Viele sehen sich als Opfer der Umstände und nicht für ihre Taten verantwortlich. Im Rahmen der Trainings lernen sie, innere Warnlampen zu erkennen und Konflikte gewaltfrei zu lösen. Therapeutinnen zufolge üben Männer häufig Gewalt aus, um Gefühle zu kompensieren und damit Konflikte aus ihrer Sicht zu beenden.

Die Folgen häuslicher Gewalt sind sowohl akut als auch langfristig. Sie sind körperlicher, psychischer, finanzieller und sozialer Natur.

Körperliche Folgeschäden häuslicher Gewalt können z.B. Knochenbrüche, die Schädigung innerer Organe, Hirnschädigungen aufgrund von Schlägen auf den Kopf, schlecht verheilte Narben am ganzen Körper, Entstellungen im Gesicht, verminderte Seh- und Hörfähigkeit, Unterleibsverletzungen durch Tritte und Schläge oder erzwungene Abtreibungen sein. Vergewaltigungen bewirken anale und vaginale Verletzungen und Blutungen, Blasenentzündungen, Geschlechtskrankheiten, Unfruchtbarkeit und Fehlgeburten. Schlimmstenfalls kommt die Betroffene durch die Gewalt zu Tode. Außerdem kommt es häufiger zu Krankheiten mit psychosomatischen Aspekten: Magengeschwüre, Thrombosen, Herzschmerzen, ständige Kopfschmerzen, Kreislaufstörungen etc.

Psychische Folgeschäden häuslicher Gewalt schließen Angstzustände, Schlafstörungen, Misstrauen, Depression, Scham- und Schuldgefühle, Gefühle der Beschmutzung und Stigmatisierung, ein niedriges Selbstwertgefühl, Todeswünsche, Verzweiflung, selbstverletzendes Verhalten, Essstörungen, Abhängigkeit von Drogen und Medikamenten und Suizid(-versuche) ein. Dauert die Misshandlung über einen längeren Zeitraum an und fehlt gleichzeitig soziale Unterstützung, verliert die Betroffene den Glauben in die eigene Sicherheit und Unverletzlichkeit. Die Folge: Rückzugstendenzen, Veränderungen des Wertesystems, Wahrnehmungsstörungen bis hin zu schweren psychischen Störungen und Erkrankungen wie Borderline und dissoziativen Identitätsstörungen. Auch geringes oder völlig fehlendes Selbstvertrauen, Passivität und Ambivalenz bei Entscheidungen sind schwerwiegende Folgen von häuslicher Gewalt, die sich stark auf das Leben der Betroffenen auswirken. Gerade diese Folgen werden im öffentlichen Bewusstsein meist mit den Ursachen verwechselt. So wird immer wieder angenommen, dass Betroffene nichts zur Veränderung ihrer Situation beitragen wollen, oder dass Betroffene misshandelt werden, weil sie ambivalent oder passiv sind.

Das Verhalten von Betroffenen kann aber auch denselben psychischen Mechanismen folgen, die auch bei Geiselopfern zu finden sind, das heißt: sie passen sich der Tatperson an, um zu überleben (Stockholm-Syndrom). Dadurch wird die Bindung an die Tatperson so stark, dass deren Perspektive häufig vom Opfer übernommen wird.

Es sind auch meist die Betroffenen, die die sozialen und finanziellen Konsequenzen von häuslicher Gewalt tragen. Sie leiden nicht nur unter sozialer Isolation, sondern müssen ihre Wohnung und die gewohnte Umgebung verlassen, wenn sie in ein Frauenhaus fliehen. Sie verzichten auf gemeinsames oder sogar ihr persönliches Eigentum, um in Ruhe gelassen zu werden. Tatpersonen zerstören Gegenstände, die der Partnerin gehören, und ersetzen sie nicht. Viele Betroffene verzichten aus Angst vor weiteren Angriffen auf Unterhalts-, Vermögensausgleichs- oder Schadensersatzzahlungen.
In der Regel besteht kein tragfähiges soziales Netz zur Unterstützung der Betroffenen; ihre Kontakte werden unterbunden oder unterliegen der Kontrolle durch die Tatperson. Von häuslicher Gewalt Betroffene fehlen zudem häufiger am Arbeitsplatz, lassen in der Arbeitsleistung nach, sind weniger belastbar und verlieren deshalb manchmal sogar ihre Stelle. Die Auswirkungen körperlicher oder seelischer Verletzungen können so gravierend sein, dass die Betroffenen nur noch eingeschränkt oder überhaupt nicht mehr erwerbsfähig sind.

Eine der fatalsten Konsequenzen häuslicher Gewalt ist die Tatsache, dass sie an die nachfolgende Generation weitergegeben wird. Kinder aus gewalttätigen Beziehungen sind immer auch Betroffene von häuslicher Gewalt. Kinder werden durch diese Erfahrungen schwersttraumatisiert, darüber hinaus erlernen sie destruktive und negative Verhaltens- und Geschlechterrollenmuster. Oft fühlen sie sich mit verantwortlich, schuldig, hilflos, allein gelassen, ausgeliefert, in vielen Fällen versuchen sie einzugreifen und werden dabei selbst verletzt. Je nach Alter zeigen Kinder verschiedene unspezifische Symptome, sie können sehr unterschiedlich auf die Traumatisierung reagieren. Einige der verbreiteten Folgen sind:

Angstzustände und Depressionen, Schlafstörungen, Flashbacks und Albträume, psychosomatische Beschwerden, Schwierigkeiten in der Schule, Stimmungsschwankungen, Aggressivität, niedriges Selbstwertgefühl, Alkohol- und Drogenkonsum, selbstverletzendes Verhalten, Essstörungen etc.